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Gefängnis  

Mit Mama im Knast: Wenn Kinder mit ihren Müttern die Strafe absitzen

21.03.2011, 10:53 Uhr | Simone Blaß, t-online.de

Mit Mama im Gefängnis. Kann ein Gefängnis das richtige Umfeld sein, um ein Kid großzuziehen? (Foto: imago)

Kann ein Gefängnis das richtige Umfeld sein, um ein Kid großzuziehen? (Foto: imago)

Weil es auch Schwangere und Mütter gibt, die das Gesetz brechen, muss so manches Kind hinter Gitter. Die Meinungen darüber sind allerdings geteilt . Die einen sprechen von einem enormen Vorteil für Mutter und Kind, die anderen bezweifeln, dass ein Gefängnis - und sei es noch so bunt gehalten - das richtige Umfeld für ein kleines Kind ist.

Der Frauenanteil in den Gefängnissen ist gestiegen

Der Anteil an Frauen ist in Gefängnissen nach wie vor verhältnismäßig gering. Lange Zeit lag er bei etwa vier Prozent, ist nun aber um weitere zwei bis drei Prozentpunkte gestiegen. Schwere Verbrechen werden von Frauen allerdings eher selten begangen, häufig handelt es sich um Betrugsdelikte. Tobias Pretsch, der sowohl einen Teil der Männerabteilung als auch die seit 2009 bestehende Frauenabteilung der JVA Stadelheim leitet, spricht allerdings von einem auffälligen Trend und schließt nicht aus, dass sich der Frauenanteil an Inhaftierten schon bald auf zehn Prozent erhöhen könnte. Das allerdings birgt Handlungsbedarf, denn ein Frauengefängnis braucht ganz andere Voraussetzungen. Vor allem, wenn es möglich sein soll, dass Mütter ihre Kinder mitbringen beziehungsweise in der Haft gebären. Hierzu allerdings gibt es bundesweit bisher nur rund 100 Orte, die das ermöglichen. Manche Bundesländer verzichten sogar ganz auf Mutter-Kind-Abteilungen.

Mutter-Kind-Einrichtungen sollen frühkindliche Entwicklungsstörungen vermeiden

Oft endet die Haftzeit einer schwangeren Frau noch bevor das Kind da ist. "In vielen Fällen könne aufgrund einer guten Prognose für die Mutter für den Zeitraum nach der Geburt die Haftzeit verkürzt oder unterbrochen werden“, heißt es auf der Seite des Justizministeriums Nordrhein-Westfalens. Wenn das nicht möglich ist, wird, so weit es geht, auf die Mutter-Kind-Einrichtungen zurückgegriffen. Das Ziel dieser Einrichtungen ist es, die Trennung des Kindes von seiner Mutter während der Haft zu vermeiden, um so frühkindlichen Entwicklungsstörungen vorzubeugen. Die Mutter-Kind-Bindung soll gefestigt, die Erziehungsfähigkeit gestärkt und positiv beeinflusst werden. Voraussetzung ist, dass die Frauen fähig sind, sich in die Gemeinschaft einzubringen und dort auch anzupassen. Was oft schon allein aufgrund der Enge und Nähe, aber auch aufgrund der verschiedenen Nationalitäten und den unterschiedlichen Grundauffassungen sehr schwierig werden kann. Und eine Herausforderung für die Frauen darstellt, die sie meistern müssen, um auch in Zukunft mit ihrem Kind zusammenbleiben zu können.

Frauen schämen sich vor ihrem sozialen Umfeld

Bei Frauen herrscht geringere Fluchtgefahr. Der Grund, den Experten dafür annehmen, ist, dass sie besser ins soziale Gefüge eingebunden sind und oft auch Kinder "draußen" haben und für sie dadurch ein Verschwinden auf Nimmerwiedersehen nicht möglich ist. Aber: Frauen schämen sich ihrer Taten und des Gefängnisaufenthaltes meist und möchten, dass ihr soziales Umfeld möglichst wenig davon erfährt. Erschwerend kommt hinzu, dass die Mutter-Kind-Gefängnisse nicht an jeder Straßenecke zu finden sind und aufgrund der oft weiten Wege Besuch noch seltener wird.

Entwicklungspsychologen warnen vor zu langem Aufenthalt

Das alles schränkt wiederum die sozialen Kontakte der inhaftierten Frauen massiv ein, viele leiden unter Selbstzweifeln und Schuldgefühlen, sind sehr einsam. Und damit nicht nur sie, sondern auch ihre Kinder. Freunde aus dem Kindergarten einladen, neue auf dem Spielplatz kennenlernen, ein spontaner Besuch des Schwimmbads oder der Kirmes, all das ist nicht möglich. Wird aber im Laufe der Jahre immer relevanter. In den meisten Einrichtungen geht ein gemeinsamer Aufenthalt überhaupt nur, wenn das Kind auch bei Beendigung der Haft nicht älter als drei, höchstens vier Jahre alt ist. Entwicklungspsychologen sehen in diesem Alter eine entscheidende Grenze, da Kinder dann beginnen, das Gefangensein als Einschränkung zu empfinden und die Fremdbestimmtheit der Mutter mit anderen Augen wahrzunehmen.

Wächterfunktion zum Schutz des Kindes

"Persönlich halte ich Mutter-Kind-Einrichtungen durchaus für sinnvoll, um einen gerechten Ausgleich zwischen dem staatlichen Strafanspruch und der Mutter-Kind-Beziehung zu schaffen. Man muss jedoch in jedem Einzelfall unter Einbeziehung des Jugendamtes gründlich prüfen, ob eine Unterbringung dort sinnvoll ist.“ Tobias Pretsch spricht von einer Wächterfunktion zum Schutz des Kindes: "Dieses Wächteramt üben wir auch im Hinblick auf die bei uns inhaftierten Mütter mit ihren Kindern aus, da wir die Mutter bei der Erziehung ihrer Kinder unterstützen und bei Bedarf anleiten, aber eben auch zum Teil kontrollieren und überwachen.“

Die Frauen können sich ganz auf ihre Kinder konzentrieren. Oft beschäftigen sie sich - fast schon notgedrungen - intensiver mit den Kindern als sie es "draußen" getan hätten, was sowohl für die Mutter als auch für das Kind ein Vorteil ist. Vor allem eben, weil die mütterlichen Kompetenzen unter Dauerbeobachtung stehen.

Mit Kindern inhaftierte Frauen genießen eine gewisse Hafterleichterung

Letztendlich geht es bei einem gemeinsamen Gefängnisaufenthalt von Mutter und Kind nur um das Wohl des Kindes, das in diesem Alter, wenn irgend möglich, bei seiner Mama sein sollte. Selbst wenn das eine Hafterleichterung für diese bedeuten kann. Häufig handelt es sich um alleinerziehende Mütter, die straffällig geworden sind und deren Kinder keine weiteren Bezugspersonen haben. Die Frauen, die gelegentlich das Kind auch erst während der Haft entbinden, werden bei der Pflege und Erziehung von Fachleuten angeleitet und begleitet. "Selbst die Umgebung im geschlossenen Vollzug ist durchaus kindgerecht ausgestaltet. Bis auf die Gitter vor den Fenstern und der fehlenden "Schlüsselgewalt" der Gefangenen entspricht das Erscheinungsbild in weiten Teilen dem einer Kinderkrippe. Die dort untergebrachten Kleinkinder von maximal drei Jahren dürften im Regelfall von der vollzuglichen Komponente nicht viel mitbekommen“, so Pretsch. Die Regeln in den Mutter-Kind-Gefängnissen sind dabei lang nicht so streng wie im normalen Frauentrakt. Die Frauen brauchen keine Anstaltskleidung zu tragen, auch das Personal ist häufig in Zivil, die Zeiten, die gemeinsam verbracht werden, sind deutlich länger, die Umgebung lang nicht so trist - das ist die eine Seite.

Den Kindern fehlt es häufig an Input

Doch selbst, wenn die gemeinsame Haft die Frauen motiviert, in ihrem Kind die eigene Zukunft zu sehen, für die es sich lohnt, neu anzufangen, entsteht für die Haftanstalten trotzdem ein ziemlicher Spagat zwischen den Bedürfnissen eines Kindes und den Notwendigkeiten einer Haft. Der Input für die Kinder, der Raum, in dem sie sich bewegen können, bleibt eigentlich zu klein und zu reizarm. In manchen Einrichtungen leben manche immerhin bis zu ihrer Schulpflicht und so kommt es immer wieder vor, dass Kinder, die die ersten Jahre im Gefängnis aufgewachsen sind, eine Scheu vor offenen Räumen entwickeln und sich zum Beispiel weigern, Türen zu öffnen oder zu schließen.

Vorschnelle Urteile sind fehl am Platz

Mit einem Pauschalurteil ist man hier oft schnell bei der Sache, aber jeder Fall ist anders und nicht selten handelt es sich um eine Verkettung unglücklicher Umstände, in die die Frauen geraten sind. Und gerade weil jeder Fall anders ist, ist es wichtig, dass der Gesetzgeber, was einen gemeinsamen Gefängnisaufenthalt von Mutter und Kind angeht, nur wenig vorschreibt. Mal abgesehen vom Paragrafen 6 im Grundgesetz, der darauf hinweist, dass Pflege und Erziehung der eigenen Kinder ein natürliches Recht von Eltern ist.

Der Gesetzgeber hält sich zum Wohl des Kindes zurück

Im Paragraf 80 des Strafvollzugsgesetzes heißt es zum Thema: "Ist das Kind einer Gefangenen noch nicht schulpflichtig, so kann es mit Zustimmung des Inhabers des Aufenthaltsbestimmungsrechts in der Vollzugsanstalt untergebracht werden, in der sich seine Mutter befindet, wenn dies seinem Wohl entspricht. Vor der Unterbringung ist das Jugendamt zu hören. Die Unterbringung erfolgt auf Kosten des für das Kind Unterhaltspflichtigen. Von der Geltendmachung des Kostenersatzanspruchs kann abgesehen werden, wenn hierdurch die gemeinsame Unterbringung von Mutter und Kind gefährdet würde.“ Auch der Paragraf 142 mit dem Titel "Einrichtungen für Mütter mit Kindern" wird nicht wirklich deutlicher: "In Anstalten für Frauen sollen Einrichtungen vorgesehen werden, in denen Mütter mit ihren Kindern untergebracht werden können.“ Jedes Bundesland trifft hier seine eigenen Entscheidungen und der Spielraum für die Verantwortlichen vor Ort ist relativ groß.

Nicht jede darf in eine Mutter-Kind-Einrichtung

In einem ist man sich allerdings einig: Akut drogensüchtige Frauen, solche, bei denen doch Fluchtgefahr besteht oder die schwer kriminelle Taten begangen haben und solche, denen man die adäquate Betreuung des Kindes selbst unter Aufsicht nicht zutraut, bekommen diese Chance nicht. Deren Kinder kommen, wenn es keinen Vater oder andere Verwandte gibt, die sich entsprechend kümmern (können), normalerweise zu Pflegefamilien. Entschieden wird dabei immer im Sinne des Kindeswohls beziehungsweise im Sinne dessen, was man dafür hält.

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