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Bürgerbefragung Bildung: Große Mehrheit für Strukturwandel im Bildungssystem

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Bürgerbefragung Bildung: Große Mehrheit für Strukturwandel im Bildungssystem

14.04.2011, 12:29 Uhr | ots

Bürgerbefragung Bildung: Große Mehrheit für Strukturwandel im Bildungssystem. Auf der Baustellle Bildung gibt es viel zu tun, das ergab die große Bildungsumfrage 2011. (Foto: imago)

Auf der Baustellle Bildung gibt es viel zu tun, das ergab die große Bildungsumfrage 2011. (Foto: imago)

Die Teilnehmer der bislang größten Bildungsumfrage in der Bundesrepublik wünschen sich tiefgreifende Veränderungen im deutschen Bildungswesen und sehen im Bereich Schule den größten Reformbedarf. Drei Viertel von ihnen sind bereit, für ein besseres Bildungssystem höhere Steuern zu zahlen. Das geht aus der Bürgerbefragung "Zukunft durch Bildung - Deutschland will's wissen" hervor, deren Ergebnisse in Berlin vorgestellt wurden. Fast eine halbe Million Menschen hatte bei der Online-Umfrage mitgemacht, die von der Strategieberatung Roland Berger Strategy Consultants, der Bertelsmann Stiftung sowie den Tageszeitungen Bild und Hürriyet initiiert worden war. 130.000 von ihnen füllten den umfangreichen Fragebogen komplett aus.

Bildungsföderalismus in der Kritik

Kritik entzündet sich den Ergebnissen der Umfrage zufolge vor allem am Bildungsföderalismus. Neun von zehn Befragten monieren die unterschiedlichen Lehrinhalte in den einzelnen Bundesländern und treten für bundesweit einheitliche Abschlussprüfungen ein. Zugleich ist eine überwältigende Mehrheit der Ansicht, der Politik fehle es beim Thema Bildung an Mut zur Veränderung. Die Teilnehmer sprechen sich für einen verbindlichen Kita-Besuch, für das gemeinsame Lernen mindestens bis zur sechsten Klasse und für eine Garantie auf einen Ausbildungsplatz aus. Ihrer Ansicht nach sollten Kita- und Schulbesuch kostenfrei sein, eine knappe Mehrheit ist für Studiengebühren. Das bevorzugte Schulmodell ist die Ganztagsschule.

"Bildungspolitik braucht einen langen Atem"

Einige Teilnehmer der Bürgerbefragung hatten Gelegenheit, das Thema Bildung und die Ergebnisse der Umfrage mit Bundesbildungsministerin Annette Schavan zu diskutieren. Auf Einladung der Initiatoren traf die Ministerin rund 30 Bürger aus ganz Deutschland, die an der Befragung teilgenommen hatten. "Bildungspolitik braucht einen langen Atem", sagte Annette Schavan in der Diskussionsrunde in Berlin - gerade angesichts der für Deutschland zentralen Herausforderung, den Bildungserfolg von der sozialen Herkunft zu entkoppeln. Die Ministerin unterstrich die Bedeutung einheitlicher Bildungsstandards und wünschte sich auch einheitlichere Bildungspläne und Curricula. Eine Schlüsselrolle für bessere Bildung spielen für Schavan die Lehrkräfte: deshalb will die Ministerin eine "Exzellenzinitiative für Lehrerbildung" ins Leben rufen. Bereits initiiert hat Schavan eine "Allianz für Bildung", die Netzwerke zur Stärkung von Schulen bilden soll. "Die Gesellschaft muss der Schule helfen", forderte sie.

Bildung und Ausbildung haben einen hohen Stellenwert

Die überwiegende Mehrheit der Umfrage-Teilnehmer weist Bildung eine große Bedeutung zu. Knapp zwei Drittel der Befragten bezeichnen "gute Bildung" bzw. eine "gute Ausbildung" für sich persönlich als "außerordentlich wichtig". Mit zunehmendem Bildungsniveau und steigendem Einkommen macht sich diese Einschätzung immer stärker bemerkbar.

Mehr Einheitlichkeit im deutschen Bildungswesen

92 Prozent sprechen sich für einheitliche Abschlussprüfungen in ganz Deutschland aus. Die Konkurrenz zwischen den Bundesländern wird als nicht förderlich für eine höhere Qualität des Bildungssystems angesehen. Die Kritik am Bildungsföderalismus wird von fast allen Teilnehmern der Befragung geteilt, unabhängig von Alter oder Bildung.

"Bildung in Deutschland braucht mehr Vergleichbarkeit", wertet Dr. Jörg Dräger, Vorstand der Bertelsmann Stiftung, dieses Ergebnis. "Bund, Länder und Kommunen sollten dazu einen gemeinsamen Rahmen festlegen, um die Transparenz auf allen Bildungsstufen zu gewährleisten."

Mehr Geld für gute Bildung

Fast drei Viertel der Befragten (73 Prozent) würden für ein besseres Bildungssystem auch höhere Steuern in Kauf nehmen. Zugleich fordert die Mehrheit der Teilnehmer kostenfreie Plätze in Krippen und Kindertagesstätten (67 Prozent) sowie weiterhin eine kostenfreie Schulbildung. Studiengebühren werden hingegen von einer knappen Mehrheit (52 Prozent) akzeptiert, wobei sich der weitaus größte Teil davon für einkommensabhängige Gebühren ausspricht.

Der größte Handlungsbedarf liegt im Bereich Schulen

Die Schule hat für eine klare Mehrheit der Umfrageteilnehmer erste Priorität, wenn es um Investitionen im Bildungsbereich geht. Rund 70 Prozent aller Befragten sehen hier einen zusätzlichen Investitionsbedarf. Auf den zweiten Platz der Prioritätenliste gehören für die Befragten zusätzliche Investitionen im frühkindlichen Bildungssektor.

"Der Weg scheint frei für eine umfassende Reform, die für bessere Schulen und mehr Chancengerechtigkeit sorgt", so Dräger: "Schulen müssen jedes Kind individuell fördern. So koppeln wir den Bildungserfolg von der Herkunft der Kinder ab. Die Reform muss mit einer Qualitätsoffensive für Lehrkräfte einhergehen."

Aufstieg durch Bildung

Sozial Benachteiligten einen Aufstieg zu ermöglichen, ist eine Hauptaufgabe des deutschen Bildungssystems: Diese Ansicht vertritt der größte Teil der Befragen, vor allem diejenigen mit einem niedrigeren Bildungs- bzw. Einkommensniveau. Auffällig dabei: Fast ein Drittel aller Umfrageteilnehmer mit türkischem Migrationshintergrund wünscht sich eine bessere Förderung von Kindern aus Zuwandererfamilien, während dies ansonsten nur ein verschwindend kleiner Anteil der Befragten befürwortet.

"Will Bildung in Deutschland sozialen Aufstieg ermöglichen, muss mehr Bildungsgerechtigkeit gelingen. Derzeit ist Bildungserfolg in Deutschland noch zu sehr abhängig von der sozialen und ethnischen Herkunft", sagt Torsten Oltmanns, Partner bei der Strategieberatung Roland Berger Strategy Consultants. "Wenn wir es nicht schaffen, dass Bildung das Aufstiegsversprechen halten kann, driftet die Gesellschaft weiter auseinander - mit unabsehbaren Konsequenzen."

Mangelnde Reformbereitschaft der Politik

Die Bürger fordern von den Politikern mehr Mut zur Veränderung. Rund 80 Prozent der Umfrageteilnehmer halten die Reformbereitschaft der Politik beim Thema Bildung für "gering" oder "sehr gering". Dagegen schneiden Lehrer deutlich besser ab: Ihnen traut noch über die Hälfte der Bürger Mut zur Veränderung zu. Zugleich werden jedoch mangelnde Leistungsanreize für engagierte Lehrer beklagt. Jörg Quoos, Stellvertreter des Chefredakteurs der Bild-Zeitung: "Die Bereitschaft des Einzelnen für grundlegende Veränderungen im Bildungswesen ist offenbar groß, das Vertrauen in die Politik, diese Veränderungen im Sinne der Bevölkerung umzusetzen, hingegen gering. Die Bürger wollen bei Veränderungen mitgenommen und beteiligt werden - gegen den Willen der Betroffenen lassen sich Reformen nicht durchsetzen."

Strukturwandel nötig: Kitapflicht, länger gemeinsam Lernen, mehr Ganztagsschulen

Große Bedeutung messen die Befragten der frühkindlichen Bildung bei. Die überwältigende Mehrheit (87 Prozent) spricht sich für einen verbindlichen Kita-Besuch aus. Die größte Gruppe (41 Prozent) wünscht sich eine Kitapflicht für alle Kinder ab drei Jahren. Lediglich 13 Prozent sind gegen einen verpflichtenden Besuch von Kindergarten oder Kinderkrippe. Mehr als zwei Drittel aller Teilnehmer plädieren für einen zeitlich späteren schulischen Wechsel auf die weiterführende Schule: Fast jeder Zweite stimmt für den Übergang nach dem sechsten Schuljahr. Der Ganztagsunterricht (in offener bzw. gebundener Form) stellt für etwa 80 Prozent der Befragungsteilnehmer die bevorzugte Organisationsform von Schule dar. Nur ein knappes Fünftel ist für die Beibehaltung der Halbtagsschule.

Knappe Mehrheit für bessere Ausstattung von Schulen in Problemvierteln

Etwas mehr als 50 Prozent der Teilnehmer sprechen sich dafür aus, Schulen in schwierigen Milieus und Problemstadtteilen finanziell und personell besser auszustatten als andere. Oltmanns: "In dieser Frage gibt es noch keinen breiten gesellschaftlichen Konsens mit Blick auf mehr Chancengerechtigkeit im Bildungswesen. Wir müssen das Bewusstsein dafür schärfen, dass ungenügende Bildung die Gesellschaft als Ganzes betrifft."

Noch keine Mehrheiten für umfassende Inklusion

In der Frage nach dem gemeinsamen Lernen von Kindern mit und ohne geistige oder körperliche Beeinträchtigung (Inklusion) scheiden sich die Geister: Neun von zehn Befragten sprechen sich für das gemeinsame Lernen von Kindern ohne Beeinträchtigung mit körperlich behinderten Kindern aus. Gleichzeitig kann sich mindestens jeder Zweite einen gemeinsamen Unterricht mit geistig behinderten oder verhaltensauffälligen Kindern nicht vorstellen. Besonders hoch ist die Skepsis in der Teilnehmergruppe mit türkischem Migrationshintergrund sowie bei Schülern.

Dräger: "Deutschland hat sich in internationalen Verträgen zu einer umfassenden Inklusion verpflichtet. Hierfür muss das Land offenbar noch Überzeugungsarbeit leisten. Ohne die individuelle Förderung aller Schüler scheint die Umsetzung kaum möglich: Eltern müssen wissen, dass ihre Kinder beim gemeinsamen Lernen nicht auf der Strecke bleiben."

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