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Ein Indianer kennt keinen Schmerz - oder doch?

19.04.2011, 11:00 Uhr | Simone Blaß, t-online.de

Ein Indianer kennt keinen Schmerz. Oder doch?. Auch "Trostpflaster" lindern Schmerzen. (Foto: imago)

Auch "Trostpflaster" lindern Schmerzen. (Foto: imago)

Die Verletzung ist kaum ein paar Millimeter groß, von Blut keine Spur und trotzdem verlangt das Kind weinend nach einem Pflaster - und zwar einem "Trostpflaster". Denn Mamas allgegenwärtige und medizinisch gesehen absolut harmlose Wundersalbe, buntes und mit Tieren bedrucktes Verbandsmaterial und das obligatorische Pusten haben vor allem eine Funktion: Kindern Geborgenheit zu vermitteln.

Pusten ist medizinisch wertvoll

Die meisten Familien verfügen über ein kleines, fast schon ein wenig magisches Ritual bei Verletzungen. Die einen singen "Heile, heile Segen", bei den anderen wird über die Schramme gestreichelt, die einen "essen" mit übertriebenen Gesichtsausdrücken das eklige "Aua" auf oder winken es weg, andere verarzten gleich auch den Teddy mit und die meisten pusten ein bisschen auf die Schrammen, Beulen und Wunden, die man sich als Kind so im Alltag zufügen kann. Wobei dieses Pusten nicht nur eine seelische, sondern auch eine körperliche Wirkung hat: Denn dadurch trocknet das Blut etwas schneller und - ganz entscheidend - durch den entstehenden kleinen Luftzug spürt man Schmerzen nicht mehr so stark.

Nicht immer ist es der Schmerz, der wehtut

Immer wieder kann man beobachten, wie Kinder, die hingefallen sind, sich erst einmal vergewissern, ob Mama oder Papa das auch gesehen haben, bevor sie anfangen zu weinen. In der Regel können Eltern aber sehr gut einschätzen, wie schwerwiegend eine Verletzung tatsächlich ist und gehen bei Verdacht auf etwas Schlimmeres sowieso zum Arzt. Doch meistens dominiert ja gar nicht der Schmerz, sondern so unschöne Gefühle wie Scham oder Schreck sind viel schlimmer. Das Kind leidet darunter und braucht Trost. "Wenn sich jemand um einen kümmert, dann fühlt man sich ernst genommen, geborgen", so Ulrich Gerth, der Vorsitzende der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung. Und er weist darauf hin, dass es uns allen schließlich ein wenig besser geht, wenn wir bei Problemen getröstet werden. "Auch das Kind hat in diesem Moment ein Problem. Und wenn es vielleicht nur ein wenig Aufmerksamkeit braucht. Wichtig ist hier also, ernsthaft zu trösten und nicht die Situation zu ignorieren oder gar ins Lächerliche zu ziehen."

"Es ist doch nichts!" stimmt so nicht

Mit ein bisschen liebevollem Humor darf man allerdings durchaus mal arbeiten, vor allem, wenn Kinder besonders wehleidig sind. "So kann man sie oft auch aus der Situation herausholen, was so manches Mal übrigens auch mit Ablenkung ganz gut klappt. Es bringt nichts, wenn sich die Eltern, weil das Kind sich schlecht fühlt, ebenfalls schlecht fühlen und mit ihm mitjammern. Das ist nicht besonders hilfreich, denn ein Kind braucht ein stabiles Gegenüber. Und jemand, an dem es sich orientieren kann." Was zeigt, wie wichtig das Verhalten der Eltern im Krankheits- beziehungsweise Verletzungsfall als Modell sein kann. Wobei es hier sowohl zur Imitation als auch zur totalen Abgrenzung kommt. Die Gratwanderung findet statt zwischen dem Wahrnehmen der Gefühle des Kindes und übertriebener Bemutterung. Der Rat des Erziehungsberaters bei besonders wehleidigen Kindern: Kurz darauf einzugehen, das Kind also in seiner Not ernst nehmen und danach wieder zur Tagesordnung übergehen. "Oft fällt in solchen Fällen der Satz 'Es ist doch nichts!', aber das stimmt ja nicht. Das Kind hat ja etwas, auch wenn es keine blutende Wunde ist. Hier kann man ihm mit einem 'Ich sehe zwar nichts, aber ich puste für alle Fälle mal!' zeigen, dass man es ernst nimmt." Nicht zu viel Tamtam eben, aber auch nicht zu wenig.

Manche Eltern übertreiben es

Viele Mütter und manche Väter bekommen immer wieder zu hören, dass sie ihr Kind durch das von ihnen aufgeführte "Theater" um die Sache nur verhätscheln, ein Getue machen um jede kleine Beule und damit das Kind zur Heulsuse oder zum Weichling erziehen. Dazu der Diplompsychologe: "Ich persönlich finde es grundsätzlich nicht in Ordnung, wenn sich Leute in die Erziehung anderer einfach so einmischen. Aber man sollte nicht alles abtun, was man gesagt bekommt und durchaus mal darüber nachdenken. Schließlich hilft so ein Hinweis ja auch manchmal, die Dinge aus einer anderen Sicht zu sehen." Er bestreitet allerdings nicht, dass es die Eltern, die einfach wirklich zu viel Aufheben machen und damit eine gewisse Wehleidigkeit fördern, durchaus gibt. Betroffen davon sind häufiger Mädchen als Jungs. "Sozial gesehen wird es nämlich eindeutig mehr geduldet, wenn ein Mädchen sich als wehleidig erweist." Nach wie vor.

Manchmal ist man eben verletzlicher

Hier gilt es allerdings zu differenzieren, denn auch Kinder, die normalerweise eher hart im Nehmen sind, haben immer wieder Phasen, in denen sie sich empfindlicher zeigen und das hat seinen Grund, so Ulrich Gerth: "Ein solches Verhalten hängt oft mit Entwicklungsschritten zusammen. Die Kinder sind dann an einem Punkt, an dem sie sich in die nächste Entwicklungsphase hineinentwickeln und sich an der Schwelle noch einmal der alten Sicherheiten versichern möchten oder aber sich bereits in der nächsten Zone befinden, es Schwierigkeiten gibt und sie den Trost brauchen, um sich zu stabilisieren."

Schmerz und Schmerz sind nicht das Gleiche

Schmerz ist übrigens eine sehr subjektive, persönliche Sache. Es gibt inzwischen viele Hinweise darauf, dass bereits von Geburt an Menschen Schmerz verschieden empfinden und ihn auch unterschiedlich ausdrücken beziehungsweise anders mit ihm umgehen. Da spielt die Tagesverfassung mit hinein und auch das jeweilige Temperament, aber auch seelische und soziale Komponenten. Denn auch wenn wahrscheinlich das Schmerzempfinden auf den Genen geschrieben steht, wird so manches Verhalten kulturell bestimmt. Anerzogen also. Das beste Beispiel dafür sind Sprüche wie "Ein Indianer kennt keinen Schmerz". Kinder, die im Kontakt mit anderen Kindern aufwachsen, sind übrigens meist härter im Nehmen als solche, die stets der Mittelpunkt der elterlichen Zuneigung sind. Aber Trost suchen nach dem Sturz vom Roller oder dem Zusammenstoß auf dem Spielplatz eigentlich alle. Und um es genau zu nehmen ist es ja auch ganz einfach: Das beste Heilmittel gegen Schrammen und Beulen auf Knie, Stirn oder Seele ist die Liebe.

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