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Erziehungsdilemma Asienreise: Wie Paul zum Manieren-Pirat wurde

28.04.2011, 11:41 Uhr | Spiegel Online

Erziehungsdilemma Asienreise. Schlürfen erlaubt: Manieren sind nur relativ und nicht weltweit gültig. (Foto: Reuters)

Schlürfen erlaubt: Manieren sind nur relativ und nicht weltweit gültig. (Foto: Reuters)

Mit den Fingern essen, auf den Boden spucken, lügen wie ein Weltmeister: Alles, was Pia Volk ihrem sechsjährigen Sohn zu Hause verbietet, ist auf einer monatelangen Asienreise auf einmal okay. Denn Manieren sind relativ - und manchmal relativ sinnlos.

Monatelang durch Asien mit Kind

"Mama, das macht man doch nicht!", flüstert mein sechsjähriger Sohn Paul mir ins Ohr. Die dunkelhaarige Frau vor uns hat grade auf den Boden gespuckt. Die Dame neben uns hat ihre eigene Spuckflasche, in die sie immer wieder ihren rotgefärbten Speichel hineinlaufen lässt. Paul und ich sind auf Palau, einem Inselstaat im Pazifik, auf halbem Weg zwischen Japan und Australien.

Wir sind Gäste auf einer Zeremonie, an der ansonsten fast ausschließlich Frauen teilnehmen; es ist ein Reinigungsritual nach der Geburt des ersten Kindes. Es wird geredet und getanzt. Und vor allem werden jede Menge Betelnüsse gegessen. Betelnüsse haben nicht nur die beschwipsende Wirkung von einem Gläschen Sekt, sondern regen auch ungemein den Speichelfluss an.

Auf den Boden spucken darf man manchmal doch!

Wir sitzen also zwischen einer Horde sabbernder Frauen: Jene am Rand der Gruppe spucken auf den Boden, der bereits von roten Placken übersät ist, die anderen haben ihre Flaschen dabei. Paul ist empört, denn auf den Boden spucken - das darf man nicht. So hatte er es zumindest mal gelernt, als wir noch in Deutschland waren.

Kindern Manieren beizubringen ist der undankbarste Teil des Eltern-Jobs. Wieso machen wir Dinge, wie wir sie machen? Weshalb darf man nicht auf den Boden spucken? Warum essen wir an einem Tisch und wieso eigentlich mit Messer und Gabel? Wieso putzen wir uns die Nase und ziehen sie nicht hoch? "Das machen alle so", antworte ich manchmal und erwische mich dabei, wie ich diesen Satz einige Minuten später umdrehe, wenn mein Sohn mir erzählt, wie alle seine Freunde Krieg spielen, und ich sage: "Nur weil es alle machen, musst du es ja nicht auch machen." Knigge spielen macht in Deutschland schon keinen Spaß, aber spätestens im Ausland mutiert es zu einer Sisyphus-Aufgabe.

Hunger + Essen = ?

Spucken, das kann man noch erklären, wenn man von all den Bakterien im Mund spricht, von Karius und Baktus und Co. Aber wieso sind die in anderen Ländern weniger verbreitet? Und wieso geben wir uns dann zur Begrüßung die Hand, da hängen auch jede Menge unsichtbarer Krankheitserreger dran, oder eben doch Küsschen, wo wir wieder bei der Spucke wären. Viel schlimmer noch ist es, wenn man versucht, seinem Kind Essensregeln beizubringen. "Mahlzeiten sind kleine soziale Events", erkläre ich Paul, "bei denen sich jeder wohlfühlen sollte."

Er sieht das aber ganz anders: Hunger + Essen = bessere Laune, lautet seine Rechnung. Andere Menschen kommen darin nicht vor. "Ob der Paule heute still / wohl bei Tische sitzen will?" Das würde ich ihn deshalb manchmal gerne fragen, zumindest wenn er das Essen nicht mag. Da wird erst gemault ("Iiieeeh"), dann wird gejammert ("Das riecht so komisch!") und dann nach Lust und Laune gezappelt. Ich erkläre ihm also, dass die Füße unter den Tisch gehören, alle vier Stuhlbeine auf den Boden, und dass mit Messer und Gabel gegessen wird. Nicht weil das alle so machen, sondern weil es andere Leute als unangenehm empfinden könnten, wenn er sich mit den Fingern das Essen in den Mund schaufelt.

Manieren sind keine unumstößlichen Regeln

So weit, so gut. Bis wir zu einem Essen bei Freunden in Thailand eingeladen wurden. Es duftete nach Hühnchen und Ingwer, als wir die Wohnung betraten. Auf dem Boden aufgebaut war ein Meer von Speisen: Reis, Gemüse, Suppe, Dips - nur gab es weder Tisch noch Teller und keine Messer oder Gabeln. Wir saßen gemeinsam auf dem Boden, bewaffnet mit Stäbchen, Schälchen und Schöpflöffel. Doch unsere Fingerkoordination rangiert auf einer Skala von eins bis zehn bei ungefähr minus zwei. Tick-tack, Reis runtergefallen, Stäbchen verloren - zurück zu den Fingern.

"Aber du hast gesagt, man darf nicht mit Fingern essen!" Tja, da hab ich wohl gelogen. Oder so etwas in der Art. Denn eigentlich stimmt es ja noch immer, nur eben nicht in Thailand. Oder eben nicht gerade. Manieren als unumstößliche Regeln zu vermitteln hat auf einer Reise durch Asien und Ozeanien keinen Sinn.

Das Benehmen der anderen

Ich versuche es anders: Manieren sind Regeln, die uns das Leben einfacher machen, weil sie uns erklären, was andere von uns erwarten. Zugegeben, das ist auch nur ein mäßiger Ausweg, denn es beantwortet nicht die Frage, woher wir wissen, was andere erwarten. Das ist eben von Land zu Land verschieden. Und es ist ja nicht immer so, dass das, was wir als schlechte Manieren bezeichnen, in anderen Ländern gang und gäbe ist. Wir könnten uns manchmal auch was abschauen: bei den Japanern, zum Beispiel.

Die Japaner sind die höflichsten Menschen, die uns auf unserer Reise durch den pazifischen Raum begegnet sind. Sie drängeln nie. Sie stehen überall Schlange. Ich würde fast sagen, sie sind noch besser im Anstehen als die Engländer. Wir Deutschen hingegen versuchen doch gerne immer wieder uns durchzumogeln, sind ungeduldig, treten von einem Fuß auf den anderen, sind die Zappelphilippe unter den Wartenden.

Mit dem Schlangestehen hat Paul überhaupt kein Problem. Denn Wartezeit ist Zeit, um die Spielkonsole auszupacken. Ich hingegen stehe neben ihm und maule: "Kann das nicht schneller gehen? Ich hab' keine Lust mehr. Mir ist kalt!" Er, das einzige blonde Kind zwischen all den Japanern, grinst mich nur an und zuckt mit den Schultern, als wollte er sagen: Manche Dinge sind eben, wie sie sind.

Von den Japanern kann man noch viel mehr lernen: verbeugen, Schuhe ausziehen, lächeln. Japaner müssen sicher keine Rückengymnastik machen und auch nicht zum Lach-Yoga bei all den kleinen Übungen, die sie schon in ihrem ganz normalen Alltag ausführen. Verbeugen beim Ankommen, beim Abschiednehmen, beim Bedanken, beim Entschuldigen. Am besten immer. Schuhe ausziehen? Immer wieder. Sicher der Grund, weshalb Japaner oft Schuhe tragen, die ihnen zu groß sind - in die kann man schneller rein und raus schlüpfen. Wir Touristen halten beim Schuheanziehen jede Schlange auf. Außer Paul, der hat keine Schnürsenkel, ist ihm zu unpraktisch. Ich bin es, die unangenehm auffällt. Aber nur den Japanern.

"Du hast gar keinen Ehemann, Mama!"

Auf den Philippinen dagegen falle ich Paul unangenehm auf. Ich belüge nämlich schamlos alle Taxifahrer. Als ich dem ersten erzähle, ich sei verheiratet, protestiert Paul noch. "Du hast keinen Ehemann, Mama, das weiß ich ganz sicher." Ich winke ab und behaupte, er habe da was falsch verstanden. Doch dann erzähle ich es wieder und wieder. Paul verdreht nur noch die Augen.

Lügen hat manchmal Vorteile

Dabei hat das Lügen doch für alle Beteiligten nur Vorteile: Der Taxifahrer muss sich als gläubiger Katholik (jeder Filipino scheint das zu sein) nicht fragen, warum hier ein Kind außerhalb der Ehegemeinschaft geboren wurde. Und ich komme nicht in die Bedrängnis, seinen Cousin, bei dem er noch eben mal kurz vorbei muss ("Liegt auf dem Weg!") heiraten zu müssen. Nur für Paul ergibt das gar keinen Sinn. Er versteht nicht, dass es in einem Land mit unterdurchschnittlicher Scheidungsrate und überdurchschnittlicher Geburtenrate einfacher ist, die Wahrheit für sich zu behalten.

Ich habe meinem Sohn also nun beigebracht, mit den Fingern zu essen, auf den Boden zu spucken und zu flunkern, dass sich die Balken biegen. Schlangestehen konnte er schon, ich aber nicht. Er hat aber auch aufgehört, sich die Nase zu putzen - das macht man anscheinend nirgendwo in Asien. Besonders die Filipinos sind Weltmeister darin, sich die Nase hochzuziehen, mein Sohn ist es nun auch. "Dein Gehirn verschleimt, wenn du das dauernd machst", sage ich. "Okay, dann spuck' ich den Schnodder eben auf den Boden."

Manieren sind relativ

Das ist das Problem, dem man sich stellen muss: Wenn man seinem Kind erst mal gezeigt hat, dass Manieren relativ sind und oft sogar relativ sinnlos, kann man sicher sein, dass es sich jene aussucht, die ihm am besten passen.

Ich habe beschlossen, mitzumachen. Je nach Laune veranstalten wir nun Thai-Fingerfood-Tage oder auch Piraten-ohne-jegliche-Manieren-Tage. Oder eben Essen wie bei Omi und Opi. Einfach nur benehmen - das haben wir abgeschafft.


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