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ARD-Doku: Von den Eltern missbraucht, vom Staat ignoriert

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"Von den Eltern missbraucht, vom Staat ignoriert"

25.05.2011, 11:16 Uhr | rev, t-online.de

ARD-Doku: Von den Eltern missbraucht, vom Staat ignoriert . Nina F. wurde als Kind missbraucht: Noch heute sucht sie nach einer geeigneten Therapie. (Foto: ARD)

Nina F. wurde als Kind missbraucht: Noch heute sucht sie nach einer geeigneten Therapie. (Foto: ARD)

Keine Anerkennung, keine Therapie, keine Befreiung. Missbrauchsopfer stehen oft mit ihrem Leid alleine. Ihre Traumata begleiten sie ein Leben lang. Der ARD-Film "Von den Eltern missbraucht, vom Staat ignoriert" greift genau dieses Thema auf und begleitet ein Opfer und einen pädophilen Mann.

Am 24. Mai legt der Runde Tisch zum sexuellen Kindesmissbrauch eine Bilanz seiner Arbeit vor. Doch was hat er in einem Jahr wirklich erreicht? Die Dokumentation von Sebastian Bellwinkel entlarvt zahlreiche Politiker-Forderungen und Beteuerungen als Lippenbekenntnisse. Insbesondere die therapeutische Versorgung Tausender Opfer weist nach wie vor eklatante Mängel auf.

Grausame Erinnerungen: "Wie ein Film, den man nicht stoppen kann"

Nina F. ist dafür ein gutes Beispiel: Vor 30 Jahren ist sie als Kind von ihren Eltern jahrelang sexuell missbraucht worden. Ausgelöst durch einen Geruch, ein Bild, einen vertraut wirkenden Raum blitzen immer wieder Erinnerungen an das Grauen auf - "wie ein Film, den man nicht stoppen kann".

Seit 20 Jahren sucht sie eine geeignete Therapie, um ihr Trauma, das sie ständig unter Anspannung hält, zu verarbeiten. Eigentlich hätte Nina schon als Teenager eine Therapie gebraucht, doch damals war sie nicht in der Lage sich Hilfe zu beschaffen. Aber auch jetzt findet sie einfach keinen geeigneten Therapeuten.

Große Mängel in der Behandlung von Traumata

Wie ihr geht es Zehntausenden Missbrauchsopfern in Deutschland, die jahrelang auf einen Therapieplatz warten müssen. Das Problem: Krankenkassen zahlen nur Psychotherapien deren Wirksamkeit in Deutschland erforscht wurde, was jedoch auf Traumatherapien so gut wie gar nicht zutrifft. Deshalb haben Opfer von sexuellem Missbrauch oft nur die Wahl zwischen einer kassenzugelassenen Therapie, bei dem es dem Therapeut an Kompetenz auf dem Gebiet mangelt und einer Therapie, bei der ihnen womöglich kompetent geholfen wird, sie jedoch die hohen Kosten selbst tragen müssen.

Um diesen Zustand zu verbessern, bedarf es vor allem verstärkter Forschung im Bereich der Sexualmedizin und Traumatherapie. 30 Millionen Euro wollen Politiker aufgrund der Diskussionen am Runden Tisch für diesen Zweck zur Verfügung stellen. Das könnte helfen - allerdings auch erst in vier oder fünf Jahren. Die Frage, wer die Sexualopfer bis dahin therapiert, bleibt weiterhin offen.

Nina geht es inzwischen etwas besser. Sie hat einen neuen Freund, der ebenfalls als Kind missbraucht wurde. Mit ihm kann sie über den Missbrauch sprechen, was sie ansonsten hauptsächlich in Internetforen getan hat. Nun hat sie nicht mehr im gleichen Maße das Gefühl sich verstecken zu müssen. Ihr Trauma wird sie jedoch allein mit Hilfe ihres neuen Freundes nicht bewältigen können.

Man entscheidet sich nicht für die Pädophilie: "Es ist Schicksal"

Doch nicht nur für Opfer sexuellen Missbrauchs sind Therapieangebote rar. Auch pädophilen Männer kann in Deutschland kaum geholfen werden. Trotz eindeutiger Warnungen von Experten ist die Ausbildung dringend benötigter Ärzte, Gutachter und Therapeuten weiterhin vollkommen unzureichend. Das zuständige Bundesgesundheits-Ministerium, das am Runden Tisch nicht einmal teilnimmt, und die Bundesärztekammer scheuen Verbesserungen - offenbar aus Kostengründen.

Dass es möglich ist, pädophilen Männern zu helfen, nicht zum Täter zu werden, zeigt das Beispiel von "Newman", den die Dokumentation ebenfalls begleitet. "Newman" (neuer Mann), wie er sich nach seiner Therapie selbst nannte, hat sich seine Neigung nicht ausgesucht, "es ist sein Schicksal". In der Pubertät bemerkte er, dass er sich nicht so sehr wie andere Jungs für Frauen interessierte. Aber auch eine sexuelle Neigung zu Männern konnte er nicht bemerken. Als er im Internet schließlich auf eine Kinderpornoseite stößt, wird ihm klar, warum das so ist: Er ist pädophil, junge Mädchen erregen ihn.

Leben mit einer "Ampel im Kopf"

Immer wieder treibt sich "Newman" fortan auf entsprechenden Internetseiten herum - doch er hasst sich für diese Neigung, entwickelt zunehmend Depressionen. Dann entschließt er sich zu einer Therapie. Doch die erste Psychologin, mit der er offen über sein Problem spricht, erklärt ihm, dass ihr die Kompetenz fehle, um ihm zu helfen. Es ergeht ihm zunächst also wie unzähligen anderen Betroffenen, bis er schließlich in der Berliner Charité im Projekt "Kein Täter werden" kompetente Hilfe bekommt.

Ein Jahr geht er wöchentlich in die Therapie. Er bekommt dort hormonsenkende Mittel, wird mit Opfern konfrontiert und lernt Regeln für sein Leben. Ab diesem Zeitpunkt lebt "Newman" mit einer "Ampel im Kopf": "Grün" bedeutet für ihn, dass die Situation, in der er sich gerade befindet, problemlos ist. "Gelb" sagt ihm, er muss wachsam sein. Eine Situation, bei der seine innere Ampel rot leuchten würde, gilt es zu vermeiden. Diese Regeln haben "Newman" den Alltag erleichtert. Er weiß jetzt, wie er sich verhalten muss, um nicht zum Täter zu werden. Doch von schätzungsweise 250.000 Männern mit pädophiler Neigung in Deutschland bekommt nur ein geringer Bruchteil die gleiche kompetente Unterstützung, die er bekam. Ein mit dem der Berliner Charité vergleichbares Therapieangebot gibt es hierzulande kaum - und trotz Rundem Tisch hat die Zahl dieser Institutionen sogar noch abgenommen.

Es muss etwas geschehen

Christine Bergmann, die unabhängige Beauftragte zur Aufarbeitung des sexuellen Kindesmissbrauchs, betont die Bedeutung guter Präventionsarbeit. Doch anstatt wirklich sinnvoll in Prävention zu investieren und damit langfristig sogar Geld zu sparen, riskieren die Verantwortlichen damit, dass weitere Kinder zu Opfern werden.

In Berlin gibt es das Präventionsprojekt "Berliner Jungs". Es besteht nur aus insgesamt fünf Mitarbeitern, die auf der Straße Aufklärungsarbeit und Recherche betreiben. Sie statten Kinder und Eltern mit Informationsmaterial aus, erklären Kindern, wie sie sich im Ernstfall verhalten sollten und versuchen gleichzeitig herauszufinden, wo die Situation für Kinder besonders gefährlich ist. Fraglich ist allerdings, wie viel fünf Helfer erreichen können und wie lange es das Projekt noch gibt, das keinerlei staatliche Unterstützung erfährt, sondern sich ausschließlich durch Spenden finanziert. Doch immerhin: In anderen Großstädten wie München, Dresden oder Hamburg gibt es ein ähnliches Projekt gar nicht.

Die ARD-Dokumentation macht deutlich, dass auch ein Jahr nach Einführung des Runden Tisches zum Thema Kindesmissbrauch ein großer Nachholbedarf besteht - sowohl bei der Therapie von Opfern und Pädophilen als auch bei der Präventionsarbeit. Noch drei Mal wird der Runde Tisch einberufen: Für unsere Kinder, die potenziellen Opfer, bleibt zu hoffen, dass weitere Maßnahmen getroffen werden.

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