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Auf Bäume klettern und im Matsch graben - so wichtig ist Natur für Kinder

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Wie viel Natur brauchen unsere Kinder?

26.08.2011, 13:16 Uhr | Nicola Wilbrand-Donzelli, t-online.de

Auf Bäume klettern und im Matsch graben - so wichtig ist Natur für Kinder. Immer weniger Kinder verbringen Zeit in der Natur. (Quelle: imago)

Immer weniger Kinder verbringen Zeit in der Natur. (Quelle: imago)

Dass Kühe nur in der Werbung lila sind, sollte sich mittlerweile auch bei Kindern herumgesprochen haben. Oder? Viele Kinder wissen zum Beispiel nicht, wie viele Zitzen ein Kuheuter hat oder wie viele Beine ein Käfer. Sie haben noch nie einen Marienkäfer auf der Hand krabbeln lassen oder sind etwa auf einen Baum geklettert. Die Natur war Kindern noch nie so fremd wie heute und noch nie haben sich Kinder so wenig im Freien aufgehalten. Das belegen zahlreiche Studien.

Noch 1990 gaben drei Viertel der befragten Sechs- bis 13-Jährigen an, einen großen Teil ihrer Freizeit draußen zu verbringen. 2003 hatte sich diese Anzahl bereits halbiert, Tendenz sinkend, so der aktuelle "Jugendreport Natur", der dieses Phänomen als "erschreckende Naturvergessenheit" diagnostiziert. Wie sich der fehlende Naturbezug auf die kindliche Entwicklung auswirkt und welche Ursachen dahinter stecken, beschreibt unter anderem der amerikanische Autor Richard Louv in seinem viel beachteten Buch "Das letzte Kind im Wald?", das jetzt auch auf Deutsch erschienen ist.

Waldkindergärten liegen im Trend

"Das sieht ja aus wie Schokocreme", begeistert sich die fünfjährige Lilli. Dann greift sie mit beiden Händen und mit ihr die ganze Kindergartengruppe, die mit der Naturschule unterwegs ist, in die modrige Riesenpfütze und angelt eine große Portion angetrockneten Matsch heraus. Dieser landet dann mit Schwung am nächsten Baum und wird zu einer Fratze geformt, aufgepeppt mit Stöckchen-Mund, Moos-Haaren, Beeren-Augen und Eichel-Ohren. Schließlich schmücken zehn "furchterregende" Waldgeister die umliegenden Buchen und Eichen.

Auf solche kreativen Waldeinsätze ist der Erzieher Mathias Schattenfroh spezialisiert. In der "Naturschule Darmstadt" versucht er Kinder auf ganz selbstverständliche Weise wieder an die Natur heranzuführen, die sie in ihrer nächsten Umgebung vorfinden und er weiß, wie wichtig es ist, schon den Kleinsten die Möglichkeit zu geben auf Entdeckungstour zu gehen: "Natur ist nicht vorgefertigt, man kann aus dem, was man draußen vorfindet, jedes Mal etwas Neues kreieren. Das reizt alle Sinne und macht ungeheuer neugierig und kreativ. Alles hier ist multipel einsetzbar. Aus Stöckchen und Matsch kann man genauso eine Zwergen-Stadt oder auch ein Parkhaus bauen. Da sind der Phantasie keine Grenzen gesetzt."

Solche waldpädagogischen Initiativen boomen zurzeit in Deutschland. Vielerorts gibt es auf Natur spezialisierte pädagogische Einrichtungen und auch die Nachfrage bei Waldkindergärten wächst zunehmend. 1400 Naturkindergartengruppen gibt es mittlerweile. Ein Trend, der sich genau entgegengesetzt zu dem Alltag der meisten Kinder entwickelt und wahrscheinlich deshalb auch so erfolgreich ist.

Naturerlebnisse gibt es im Alltag nicht

Natur gehört meist nicht mehr selbstverständlich zum Leben der Kinder dazu. Kinder halten sich immer weniger draußen auf, sei es im verwilderten Grundstück hinterm Garten, auf der Wiese gegenüber oder am Bachlauf in der Nähe. Das Leben in und mit Flora und Fauna findet einfach nicht mehr statt. Das beklagt auch der Natursoziologe Rainer Brämer von der Universität Marburg. Als Autor des "Jugendreport Natur" befragte er im vergangenen Jahr 3000 Sechst- und Neuntklässler. Nur die Hälfte von ihnen wusste, wie die Sonne tagsüber wandert, 94 Prozent wussten nicht, wie das Junge eines Hirsches heißt, fast 70 Prozent konnte nicht sagen, wie viele Eier ein Huhn täglich legt und nur zwölf von hundert Heranwachsenden konnten ein Lindenblatt identifizieren.

Dabei schnitten Kinder, die auf dem Land groß werden, keineswegs besser ab. Diese Naturferne ist in der gesamten westlichen Welt zu beobachten. Eine britische Studie hat nachgewiesen, dass sich inzwischen mehr Kinder verletzen, weil sie aus dem Bett fallen anstatt von Bäumen. Das liegt nicht daran, dass unsere Sprösslinge in den letzten Jahren zu Kletterassen geworden sind. Sie besteigen einfach immer seltener Bäume.

"Spielen, wo die Steckdosen sind"

In den USA gibt es mittlerweile einen Namen für diese zunehmende Unkenntnis und "Unerfahrbarkeit" der Natur: Dort nennt man es "Nature Deficit Disorder" - "Naturmangelstörung". Geprägt wurde dieser Begriff durch den amerikanischen Journalisten und Umweltaktivisten Richard Louv. Sein Buch "Das letzte Kind im Wald?" sorgte seit der Erstveröffentlichung 2005 international für Furore und ist jetzt auch in deutscher Übersetzung erhältlich.

Als Ursachen für die Naturferne der Kinder nennt Louv außer der zunehmenden Verstädterung auch den wachsenden Einfluss von elektronischen Medien und die damit verbundene Verlockung, lieber im Haus zu bleiben, als Entdeckungstouren nach draußen zu unternehmen - zugunsten von Playstation und Wii-Konsole. Louv bezeichnet dies als "virtuelle, passive und elektronische Kindheit". In einem seiner Interviews zu dem Thema, die der amerikanische Autor über Jahre hinweg mit tausenden Kindern führte, brachte es ein Zehnjähriger auf den Punkt. Bei der Frage, wo er denn am liebsten spiele, antwortete er: "Ich bin am liebsten drinnen, da wo die Steckdosen sind."

Ängstliche Eltern verhindern Naturverbundenheit

Als Hauptverantwortliche für die "Misere" sieht Louv jedoch die heutige Elterngeneration. Die Väter und Mütter, die in ihrer eigenen Kindheit die Freiheit genossen, draußen herum zu streunen, Bäche zu stauen, Baumhäuser zu bauen oder unbeobachtet Kirschbäume auf den höchsten Ästen zu plündern, sind nun paradoxerweise diejenigen, die die Naturbindung ihrer Sprösslinge aus Fürsorge vehement unterbinden.

Sie konnten die Abenteuer noch erleben, vor denen sie ihre Kinder heute warnen. Diese elterliche Vermeidungsstrategie bewirkt, dass immer weniger Kinder draußen "unstrukturierte" Zeit verbringen können. Alternativprogramme dazu sind oftmals die nachmittäglichen Förderkurse wie Judo, musikalische Früherziehung oder Englisch für Dreijährige, bei denen die Eltern als "Eventmanager" und Chauffeure agieren und dabei immer ein Auge auf die Aktivitäten ihrer Sprösslinge haben.

Aktionsradius der Kinder wird kleiner

Auffällig sei, so Louv, dass die Erziehungsberechtigten heute von ängstlicher Übervorsicht getrieben seien und allzu oft befürchteten, ihren Kindern könnte etwas zustoßen, wenn sie unbeaufsichtigt draußen spielten - sei es durch mögliche Gewaltverbrechen oder durch Unfälle beim Spielen. Diese Entwicklung hat zur Folge, dass der Aktionsradius von europäischen und amerikanischen Kindern seit Jahren schrumpft. In einer britischen Studie gab mehr als die Hälfte von 1000 befragten Kindern zwischen sieben und zwölf Jahren an, nicht ohne Aufsicht durch Mutter oder Vater im nahen Park spielen oder auf einen Baum klettern zu dürfen. Mittlerweile profitiert auch die Industrie von derlei Ängsten. Kinderarmbanduhren mit integriertem GPS oder entsprechende Kinderhandys geben den Eltern die Möglichkeit ihre Sprösslinge jederzeit zu orten.

Für den Waldpädagogen Schattenfroh sind auch die veränderten familiären Strukturen eine weitere Ursache dafür, dass Kinder immer weniger Gelegenheit hätten, Natur unmittelbar zu erleben: "Väter und Mütter haben heute weniger Zeit. Oft sind beide Eltern berufstätig, die Kinder werden über einen großen Teil des Tages fremdbetreut und sind dann in den seltensten Fällen in der Natur unterwegs. Früher war es selbstverständlich, dass man sich nachmittags mit Freunden zum 'Rumstreunen' traf oder die Großeltern sich nachmittags Zeit nahmen, eine kleine Waldexkursion zu machen. Dieses spontane, ungeplante Miteinander ist leider kaum noch möglich."

Natur wird als verletzlich und abstrakt erlebt

Durch den mangelnden Kontakt zur ihrer natürlichen Umgebung, haben Kinder auch ein sehr distanziertes Verhältnis zur Natur entwickelt. Natur ist für sie häufig nicht mehr ein selbstverständlicher Teil ihrer Welt. Sie wird besucht und besichtigt wie ein Museum, der Zoo oder eine Theatervorführung. Natur findet oftmals nur noch in Form von durchgeplanten Ausflugszielen ins "Grüne" zusammen mit der gesamten Familie statt.

Doch Natur ist für Kinder auch etwas sehr Fragiles und Hilfsbedürftiges. Täglich hören sie von Klimawandel, Regenwaldzerstörung, Artensterben oder Treibhausgasen und haben verinnerlicht, dass unsere Umwelt vielerorts vor allem durch den Einfluss des Menschen bedroht ist. Der Autor des "Jugendreport Natur", Rainer Brämer, bezeichnet diese Wahrnehmung, den Menschen als den größten Feind der Natur anzusehen, als "moralische Selbstaussperrung". Die Kinder vergäßen dabei, so der Soziologe, dass der Mensch doch selbst durch und durch ein Stück Natur sei. Sie bekämen so den verklärten Mythos vermittelt, Natur wäre ein idyllisches Paradies, etwas Heiles, Harmonisches und Schönes, das man nicht kaputt machen dürfe. Brämer nennt solch romantische Verklärung "Bambi-Syndrom". Damit werde Natur zu etwas Abstraktem, Exotischem und den Kindern wäre - genauso wie vielen Erwachsenen - nicht mehr klar, dass aus ihr auch die Rohstoffe für Lebensmittel und Konsumprodukte stammen.

Naturerfahrung als unverzichtbares Grundbedürfnis

Der schleichende Prozess der Naturentfremdung ist für Autor Louv ein Alarmzeichen. Denn für ihn ist der Umgang mit der Natur ebenso elementar und unverzichtbar für eine gesunde kindliche Entwicklung wie das Bedürfnis nach Schlaf, Essen und sozialen Kontakten. Eine Studie aus der Schweiz liefert dazu konkrete Fakten. Danach waren Kinder aus Waldkindergärten im Vergleich zu Altersgenossen aus Indoor-Einrichtungen deutlich weiter in der Entwicklung ihrer Grobmotorik. Durch das Spiel mit natürlichen "Fundsachen" wie Tannenzapfen, Zweigen oder Blättern agierten sie wesentlich phantasievoller und selbstständiger.

Diese Art zu spielen hat für den Waldpädagogen Schattenfroh zusätzlich einen besonderen Lerneffekt, ganz ohne pädagogischen Zeigefinger: "Dieses Spüren und Anfassen führt zum lustvollen und kreativen Spiel. Dadurch wird die Natur vertraut und Kinder lernen sie lieben. Auch der ungezwungene und selbstverständliche Umgang mit Dingen aus dem Wald führt dazu, sensibel mit der Natur umzugehen und sie wertzuschätzen, sie auf eine ganz spielerische, unverkrampfte Art als Teil des eigenen Lebens zu begreifen. Dabei geht es weniger darum eine Birke von einer Buche zu unterscheiden - das lernt man sowieso nebenher, wenn man dauernd draußen ist."

Selbstbewusst durch unreglementiertes Naturerlebnis

Zu den wichtigsten Qualitäten der hautnahen Naturerfahrung gehört, dass Kinder zuweilen unbeaufsichtigt und ohne Reglementierungen von Erwachsenen spielen können. Dies entspricht auch den Wunschvorstellungen der Heranwachsenden, die Louv für sein Buch interviewte. Sie wollen am liebsten an einem wilden, ungeordneten Platz spielen, an dem sie ohne elterlichen Einfluss sein können. Dieser freie Erlebnisraum ist wichtig für die Stärkung des kindlichen Selbstbewusstseins, denn "wilde" Natur ist bestens geeignet sowohl die eigenen Grenzen und Möglichkeiten auszutesten als auch die Phantasie, die Neugier und den Bewegungsdrang auszuleben. So empfiehlt Richard Louv die intensive "Naturerfahrung" auch als wirksame "Medizin" für ADHS-Patienten.

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