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TV-Familien: So wirken sie auf Kinder

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"Schrecklich nette" Fernsehfamilien: So wirken sie auf Kinder

29.08.2011, 16:04 Uhr | Nicola Wilbrand-Donzelli, t-online.de

TV-Familien: So wirken sie auf Kinder. TV-Familien zeigen Kindern, dass Konflikte zum Familienalltag dazu gehören. (Quelle: imago)

TV-Familien zeigen Kindern, dass Konflikte zum Familienalltag dazu gehören. (Quelle: imago)

Regelmäßig flimmern sie über die Mattscheibe - jede Menge fiktive TV-Familien, die ihr meist sehr abwechslungsreiches Dasein in amerikanischen oder europäischen Serien, Soaps, Sitcoms oder Zeichentrickfilmen fristen. Und dabei geht es nicht immer harmonisch zu. Heile Familien-Welt gibt es nur selten. Chaos und Turbulenzen stehen oft im Vordergrund und auch die Familienkonstellationen sind häufig recht ungewöhnlich und entsprechen nicht dem Bild einer klassischen Familie mit Mama, Papa, Kind. Dennoch sind diese "Helden des Familienalltags" sehr beliebt. Vor allem Kinder mögen die bisweilen bizarren Hauptdarsteller, die vielleicht manchmal doch mehr mit ihren Leben zu tun haben, als es auf den ersten Blick erscheint.

In der TV-Ära der 60er, 70er und 80er Jahre, als die heutigen Väter und Mütter selbst noch Kinder waren, da gab es sie noch, die intakten Fernseh-Klischee-Familien, wie zum Beispiel in den US-Serien "Unser trautes Heim" oder "Unsere kleine Farm", wo schon der Name suggerierte, dass hier die familiären Probleme harmonisch gelöst wurden und die Kinder brav waren. Auch die vielköpfige Farmersippe der "Waltons" übte sich jahrelang im idyllischen Familienzusammenhalt und jedes Mal am Ende eines erfüllten Serien-Tages verabschiedeten sich alle vor dem Einschlafen ("Guten Nacht, John Boy!") in großer Eintracht voneinander. In den achtziger Jahren hielten dann die Bosheiten und Intrigen der schwerreichen Clans von "Denver" und "Dallas" Einzug in den TV-Kosmos. Von verwandtschaftlicher Harmonie war keine Spur mehr. Aber es war das sichere Rezept für jahrelangen Erfolg. In Deutschland boomten schließlich "Diese Drombuschs", die die Widrigkeiten ihres Mehrgenerationen-Alltags zwar mit weniger Glamour lösten, aber dafür mit dem Prädikat "höchstmoralisch" und "pädagogisch wertvoll" - ähnlich wie die Familie der "Bill Cosby Show" in den USA.

Kräftig gegen den Strich gebürstet wurde die deutsche TV-Harmonie zum ersten Mal in den siebziger Jahren vom griesgrämigen Familientyrann "Ekel" Alfred Tetzlaff und seinen "Lieben". Hier wurde durch beißend sarkastische Dialoge das spießige Familienleben und damit auch der Titel "Ein Herz und eine Seele" ad absurdum geführt, was später auch auf die amerikanische Serie "Eine schrecklich nette Familie" zutraf.

"Immer schräger" lautete ab den 80ern das Motto in den USA: Als satirische Umkehrung der perfekten amerikanischen Kernfamilie agierte in den achtziger Jahren etwa die groteske und monsterartige "Addams-Family" oder ein wuscheliger Außerirdischer namens "Alf" mischte mit seinen unorthodoxen Methoden das Familienleben in einem gutbürgerlichen US-Haushalt auf. Und auch bei "Full House" war die Familienkonstellation nicht gerade klassisch. Hier kämpfte sich der verwitwete Papa dreier minderjähriger Töchter etwas unbeholfen und überfordert durch das Erziehungschaos und wurde dabei mehr oder weniger erfolgreich von seinem Schwager und seinem Kumpel unterstützt.

Die "Verrücktesten" sind die Zeichentrickfamilien

Besonders unkonventionell und verrückt geht es jedoch bei TV-Familien zu, die der Trickfilmkiste entspringen. Davon bilden der cholerische und ungeschickte Onkel Donald aus Entenhausen und seine drei Neffen, die Donald mit eher mäßigem pädagogischem Erfolg seit über siebzig Jahren großzieht, eine der berühmtesten. Von den leiblichen Duck-Eltern ist dagegen weit und breit keine Spur. Auch Familie Feuerstein, die es zuerst nur in animierter Form gab, ist ein Klassiker, der seinen Witz und seinen Unterhaltungswert vor allem daraus bezieht, dass das Leben einer typischen amerikanischen "Middleclass"-Familie im Look der sechziger Jahre in die Steinzeit versetzt wird. Hier verzweifelt Papa Feuerstein regelmäßig an den Herausforderungen des kultivierten, prähistorischen Familientrotts mit Frau, zwei Kindern, Hund, Haus und Steinzeitlimousine. Am populärsten sind aber zurzeit die "Simpsons", bei denen Folge für Folge mehr der Wahnsinn als der Familiensinn regiert. Angeführt wird der Kult-Clan vom unberechenbaren und egoistischen Papa Homer, Angestellter in einem Atomkraftwerk, der seine Frau und seine drei Kinder auf Trab hält und manchmal nicht davor zurückschreckt seinen respektlosen und "erziehungsresistenten" Sohn Bart zu schütteln oder zu würgen.

Familien ohne traditionelle Strukturen

Auffällig bei den meisten aktuellen Fernsehfamilien ist, dass sie selten traditionelle Strukturen mit Vater, Mutter und Kindern abbilden, die gemeinhin als Ideal gelten und für Glück und Geborgenheit stehen. Doch wie werden solche untypischen Familien vor allem von minderjährigen Zuschauern erlebt und was macht sie so erfolgreich? Mit solchen Themen befasst sich unter anderem das Münchner Institut für Medienpädagogik JFF, das für die Broschüre "Flimmo" 72 Kinder zwischen sieben und 13 Jahren befragte, wie sie Familienbilder im Fernsehen wahrnehmen. Zu den Sendungen mit "Familienbeteiligung", die am häufigsten in der Studie von den jungen Zuschauern genannt wurden, gehörten neben den "Simpsons", auch das "Hotel Zack & Cody", wo die Zwillingsbrüder Zack und Cody mit ihrer alleinerziehenden Mutter, die als Sängerin arbeitet, in einem Fünfsterne-Hotel wohnen und dort ihr Unwesen treiben. Zu den Top-Sendungen der Kinder zählte auch "Hannah Montana", die als vorwitziger Teenie und als Popstar ein Doppelleben führt und jede Menge Familienquerelen mit ihrem Bruder und ihrem alleinerziehenden Vater durchsteht.

Knapp 40 Prozent der befragten Jungen und über die Hälfte der Mädchen zählten in der Studie Sendungen, in denen das Familienleben im Mittelpunkt steht, zu ihren Fernseh-Favoriten und meist spielt in diesen Serien der Nachwuchs wie bei "Hannah Montana" oder "Zack & Cody" eine zentrale Rolle. Dabei störte viele Kinder nicht, so Medienwissenschaftler Michael Gurt vom JFF und Redakteur von "Flimmo", dass die gezeigten Familien nicht immer "komplett" waren. "Viele befragte Kinder nehmen es als selbstverständlich hin, wenn in der Fernsehfamilie nur ein Elternteil vorhanden ist", erklärt er. Es wäre sogar eine Möglichkeit sich zu identifizieren, wenn die eigenen Lebensumstände ähnlich seien.

So erzählte ein elfjähriges Mädchen: "Die Mutter von einem Mädchen in dem Film ist auch alleinerziehend und das ist bei mir auch so." Eine andere Gleichaltrige sah ungewöhnliche Familienkonstellationen wie etwa bei "Hotel Zack & Cody" ebenfalls als positiv an: "Also da gibt es die Mutter und den Vater, der lebt halt nicht in dem Hotel. Die Eltern sind getrennt. Und eigentlich ist für Zack und Cody das ganze Hotel die Familie." Einem der befragten Mädchen, das mit beiden Eltern aufwächst, missfiel allerdings die Situation der Zwillinge. Zwar wünschte sie sich auch ein lustiges Leben im Hotel, wie es die beiden Jungen führen, aber eines war für sie klar: "Was ich mir nicht wünschen würde, ist, dass sich meine Eltern scheiden lassen."

Konflikte gehören dazu

Auch die in den Serien gezeigten Konflikte zwischen Kindern und Eltern, sowie Reibereien zwischen Geschwistern gehörten für viele der jungen Fernsehzuschauer wie im richtigen Leben einfach dazu. Dabei dienten immer die eigenen Erfahrungen als Grundlage für die Beurteilung und viele Interviewte waren wenig beeindruckt, wenn es etwa wie bei den Simpsons auch manchmal sehr derb und aggressiv zugeht. So sagte ein zehnjähriger Junge: "Die Simpsons sind seine sehr glückliche Familie, aber manchmal gibt´s eben auch Krach miteinander." Und eine Elfjährige verglich die verschiedenen Charaktere der Simpsons-Geschwister mit ihrer eigenen Situation: "Also so brave Leute sind ja auch langweilig. Aber mein Bruder, meine Schwester und ich sind ja auch nicht besser. Deshalb brauche ich mir da keine Sorgen zu machen." Dass es nicht nur zu Hause, sondern auch in den Fernsehfamilien nicht immer friedlich zugeht, könne für die jungen Zuschauer sogar wie eine Entlastung wirken, so Medienwissenschaftler Gurt.

Harmonie und Rebellion schließen sich nicht aus

Insgesamt ließ sich aus der Studie eine bestimmte Tendenz herauslesen. Kindern ist es wichtig, dass alle Geschichten immer eine gewisse Harmonie suggerieren, in denen die Familie als sicherer Hafen und stabilisierend im Hintergrund spürbar bleibt, gleichgültig wie turbulent es zeitweise in der Sendung hergeht. Für Fernsehzuschauern ab etwa zehn Jahren ist es attraktiv, wenn diese Hintergrundharmonie auch manchmal gestört wird. Sie begeistern sich vor allem für schräge und lustige Hauptdarsteller, die durch ihre respektlosen Auftritte und frechen Streiche die scheinbar heile Welt, in der sie leben, auf den Kopf und damit auch infrage stellen. Als gutes Beispiel dafür nennt "Flimmo"-Redakteur Michael Gurt wieder die "Simpsons": "Bei älteren Kindern ab zehn bis zwölf Jahren sind Familienkonstellationen wie bei den 'Simpsons' so beliebt, weil sie traditionelle Familienbilder unterlaufen - gerade bei Jungs ist das in dem Alter interessant." Schlüsselfigur sei in diesem Fall, so der Medienwissenschaftler weiter, der Simpson-Sohn Bart, der den beginnenden vorpubertären Abgrenzungskampf verkörpere. Nach dem Prinzip "Klein gegen Groß" funktionierte bereits Astrid Lindgrens Michel aus Lönneberga.

In diese Kategorie passt sogar die schrille Kult-Sitcom "Two and a Half Men", die mit ihren scharfzüngigen Dialogen eigentlich nicht das Prädikat "pädagogisch wertvoll" verdient. Hier steht eine "Männer-WG" im Mittelpunkt, die aus dem sex-, spiel- und alkoholsüchtigen Macho Charlie und seinem etwas antriebslosen und schwermütigen Bruder Alan besteht, der sich an den Wochenenden mehr schlecht als recht um seinen Sohn Jake kümmert. Als "Küken" muss dieser sich jede Menge Beschimpfungen seines zynischen Onkels gefallen lassen. Doch als besonders schlimm wird diese Diskriminierung von den großteils jugendlichen Zuschauern nicht empfunden. Eine 15-jährige Anhängerin der Serie kommentiert das Mobbing sehr entspannt: "Dieses 'Dissen' vom Onkel stört Jake gar nicht - den 'bockt' das überhaupt nicht. Er bleibt cool und ist ziemlich 'gechillt' - beschimpft dafür aber seinen Vater. So wird der Druck verteilt und irgendwie vertragen sie sich am Schluss ja alle wieder."

Das Wichtigste ist der Zusammenhalt

Damit Kinder TV-Familien als positiv erleben, muss es also nicht unbedingt harmonisch zugehen. Michael Gurt fasst es so zusammen: "Die meisten Kinder lehnen aggressive Konfliktlösung und Gewalt ab. Ihnen ist aber klar, dass es Konflikte gibt und auch geben darf. Aber wichtig ist, dass die Familie am Ende zusammensteht. Und dass die Position der Kinder wahrgenommen und anerkannt wird." So ist das Entscheidende bei der Wahrnehmung von Fernsehfamilien, auch bei denjenigen, die nicht dem klassischen Ideal entsprechen, dass die Geschichte immer irgendwie versöhnlich ausgeht und letztendlich alle zusammenhalten - trotz Zoff, Zank und Chaos. Auch hier zählt demnach das altbewährte "Happy-End"-Prinzip, gleichgültig ob es sich beispielsweise um eine animierte Entensippe, eine knallgelbe Comicfamilie mit eigenwilligen Frisuren oder eine verwandtschaftlich verbundene schrille Männer-WG mit zweieinhalb Bewohnern handelt.

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