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Familienhebamme: Hilfe für junge Mütter in schwierigen Lebenslagen

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Hilfe für junge Mütter in schwierigen Lebenslagen

12.09.2011, 17:07 Uhr | dpa

Familienhebamme: Hilfe für junge Mütter in schwierigen Lebenslagen. Familienbegleiterin Ivonne Mayer-Stachnowski aus Frankfurt. (Quelle: dpa)

Familienbegleiterin Ivonne Mayer-Stachnowski aus Frankfurt. (Quelle: dpa)

Fremd, isoliert, arbeitslos - und dann kommt ein Baby. Paare und Alleinerziehende in schwierigen Lebenssituationen, die Nachwuchs erwarten und sich nicht selbst Hilfe suchen, unterstützt ein Projekt in Frankfurt.

Allein, fremd und ein Baby

Als die kleine Lena etwa acht Wochen alt ist, fährt ihr Vater zur See. Das Baby bleibt drei Monate allein mit seiner Mutter in Frankfurt zurück. Eine harte Zeit für die 39-jährige Ada aus Kroatien, die mit ihrem Mann - einem schwedischen Kapitän - erst wenige Monate zuvor in das ihr völlig fremde Deutschland gekommen ist. Auch mit Säuglingen hat sie noch keine Erfahrung. Da erzählt ihr eine Verwandte von den "Willkommenstagen in der frühen Elternzeit" und nimmt sie zu einem Treffen mit.

Unterstützung für ein Jahr

Das Programm unterstützt junge Familien, die Probleme haben oder in schwierigen Lebensumständen sind, vorsorglich ein Jahr lang intensiv. Das Angebot zielt auf Paare und Alleinerziehende, die von sich aus keine Hilfe suchen und auch noch nicht von den Behörden betreut werden. "In jeder Stadt gibt es zunehmend größere Gruppen, die Unterstützung bräuchten, aber nicht von sich aus den Sprung schaffen", sagt Katharina Uhsadel von der Stiftung Polytechnische Gesellschaft - Initiator und Träger des Frankfurter Projekts, das von zwei Familienbildungsstätten umgesetzt wird.

Die Direktorin des Sigmund-Freud-Instituts, Professor Marianne Leuzinger-Bohleber, die die "Willkommenstage" evaluiert hat, betont: "Wie wir wissen, sind gerade jene Familien, die psychosoziale Unterstützung am dringendsten bräuchten, oft für Fachleute am schwierigsten zu erreichen." Aber wie lassen sich diese Familien dann finden und ansprechen?

Wie erreicht man die hilfsbedürftigen Familien?

"Mit Flyern und der Aufforderung, sich zu melden, funktioniert es nicht", sagt Projektleiterin Melanie Weimar. Anders als bei Ada sind es meist Frauen- und Kinderärzte, Krankenschwestern und Hebammen, die die Frauen in belasteten Lebenslagen schon während der Schwangerschaft oder kurz nach der Geburt ansprechen. "Wir kriegen dann nur ein Fax mit der Telefonnummer und der Unterschrift, dass sie mit deren Weitergabe einverstanden sind", sagt Weimar. Eine "Familienbegleiterin" bemüht sich um ein erstes Gespräch.

"Sind wir nicht zu alt dafür?"

Bei Klaus und Julia war es Krankenschwester Siggi, die ihnen auf der Entbindungsstation von dem Projekt erzählte. "Im ersten Moment habe ich gedacht: Sind wir nicht ein bisschen zu alt dafür?" Und: "Ob die uns überhaupt nehmen?", erzählt Julia. Die 31-Jährige kannte ihren gleichaltrigen Partner noch nicht lange, als sie schwanger wurde. Klaus brach daraufhin sofort seine Umschulung in Dresden ab und zog zu seiner Liebe und ihrem neunjährigen Sohn, der wegen einer Behinderung besonders intensive Betreuung braucht. Einen Job fand der gelernte Koch im Schichtdienst eines Fast-Food-Restaurants.

Armut und soziale Isolation erschweren den Alltag

"Viele Familien sind sehr bildungshungrig, haben aber schwierige Biografien hinter sich, die das verschütten", sagt Uhsadel über die 23 Familien, die bisher bei dem Projekt mitgemacht haben. Die jüngste Teilnehmerin war 15 Jahre alt. Andere haben gerade ihr fünftes oder sechstes Kind zur Welt gebracht. Die meisten haben massive finanzielle Probleme: Sie sind arbeitslos und leben von Hartz-IV oder von Gelegenheitsjobs. Manche - wie eine algerische Informatikerin - haben zwar einen Abschluss, können damit in Deutschland aber nichts anfangen. Viele leben sozial isoliert, manche in sehr kleinen Wohnungen, mitunter zu viert in einem Zimmer.

Einige können kaum Deutsch und kennen sich mit den Gepflogenheiten in ihrem neuen Heimatland überhaupt nicht aus. "Sie wissen gar nicht, dass nebenan ein Park ist, in den sie mit ihren Kindern gehen können, oder sie trauen sich nicht auf einen Flohmarkt", erzählt Weimar. Unerfahrenheit im Umgang mit Babys kommt dazu: "Oft können die Eltern die Signale ihres Kindes nicht deuten."

Die Eltern bei der Erziehung unterstützen

Dabei helfen ihnen Familienbegleiterinnen wie Ivonne Mayer-Stachnowski. "Ihre Kernaufgabe ist die Stärkung der Erziehungskompetenz", sagt Uhsadel. Sie besuchen die Familien zu Hause, unterstützen sie in Alltags- und Erziehungsfragen und bauen Vertrauen auf. Wie oft die pädagogischen Fachkräfte die Familie treffen, ist unterschiedlich. "Wir nehmen die Familien so wie sie sind und arbeiten an ihren Stärken", beschreibt Weimar die Leitlinie.

So begegnet Mayer-Stachnowski einer Familie, in der viel geraucht und das Baby ständig vor den Fernseher gelegt wird, nicht mit Ermahnungen. Die ausgebildete Fachkraft nutzt vielmehr eine Situation, in der sich die Mutter mal konzentriert mit ihrem Baby beschäftigt, und macht ihr klar, wie gut das dem Kleinen getan hat.

Erkenntnisse aus der Hirnforschung

Dieses Konzept orientiert sich an Erkenntnissen des Göttinger Neurobiologen Professor Gerald Hüther, der das Projekt unterstützt. Nur mit Ermutigung und Inspiration können Menschen dazu gebracht werden, ihre Haltungen und Einstellungen zu verändern, ist der Hirnforscher überzeugt.

Informationen über die Gesundheitsgefahren des Rauchens, Medienkonsum, gesunde Ernährung, Kinderentwicklung, Zweisprachigkeit und Wohnungssicherung für Krabbelkinder gibt es daher absichtlich von externen Fachreferenten - an drei Seminartagen innerhalb des Projektjahres. "Dabei dürfen unsere Teilnehmer alle mitbringen, die sie als zugehörig zur Familie sehen", sagt Weimar. "Wichtig ist es, so viele wie möglich aus dem Hintergrund der Familie zu erreichen."

Austausch im Müttercafé

Um die Mütter und ihre Babys aus der Isolation zu holen, gibt es in einer Familienbildungsstätte alle zwei Wochen ein Müttercafé. Wann fange ich mit der Beikost an? Soll ich mein Baby auch mal schreien lassen? Solche Fragen können die Frauen dann stellen und sich austauschen, während ihre Kinder und deren Geschwister spielen.

Hilfe für 50 Familien pro Jahr

Familienbegleiterin und Familienbildungsstätte: "Diese Verbindung von Komm- und Gehstrukturen ist eines der Alleinstellungsmerkmale des Projekts", betont Uhsadel. Die Stiftung fördert das Projekt mit 120.000 Euro jährlich, die Stadt gibt noch etwa 10.000 Euro dazu. Die Stiftung schätzt, dass in Frankfurt etwa 50 Familien pro Jahr diese Hilfe brauchen.

Immer mehr Ämter setzen auf "frühe Hilfen"

Fast alle Jugend- und viele Gesundheitsämter bieten inzwischen frühe Hilfen, sagt Marita Völker-Albert von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung in Köln, die das Nationale Zentrum frühe Hilfen mitträgt. "Dabei setzen sie auf unterschiedliche Angebote, wie Familienhebammen oder Kinderkrankenschwestern, die die Familien frühzeitig begleiten." Viele Kommunen hätten auch Netzwerke aufgebaut, in denen sie nach und nach stärker mit den Familienbildungsstätten kooperieren.

Die "Willkommenstage" erreichen jedenfalls ihre Zielgruppe und haben die Erziehungskompetenz der Familien erweitert, wie aus der Evaluation des 2008/09 konzipierten Projekts hervorgeht. "Sie bauen eine Brücke zu jenen Familien und Kindern, die am Rande unserer Gesellschaft leben", stellt Leuzinger-Bohleber fest. Damit bieten sie eine Chance, die Entwicklung zumindest einiger Kinder zu verbessern. Für nicht ausreichend geklärt hielten die Fachleute jedoch den Übergang zu "extremen Multiproblemfamilien".

Gewalt- und Drogenprobleme lassen sich so nicht lösen

Die Grenzen beschreibt Uhsadel so: "Wenn bei den Familien Gewalt oder schwere Drogenprobleme im Spiel sind." Für die Familienbegleiterinnen, die fünf bis sechs Familien betreuen, gibt es Supervision und akute Hilfe. Wenn sie fürchten, dass das Wohl eines Kindes gefährdet ist, besprechen sie dies mit einem externen Erziehungsberater.

Wie geht es weiter?

Und wenn das Jahr vorbei ist? "Keine Familie wird nach dem Ende des Projekts ins Nichts entlassen", betont Uhsadel. Die neuen Bekanntschaften, Mutter-Kind-Gruppen und verschiedene Kurse sollen sie vielmehr weiter in die Familienbildungsstätten ziehen und diese als Anlaufstation fungieren, wenn eine Krise droht.

Lena und Ada müssen künftig nicht mehr allein bleiben. Mit Unterstützung von Mayer-Stachnowski hat der Kapitän umgesattelt und verdient jetzt als Busfahrer auf Frankfurts Straßen sein Geld. Und Ada, die inzwischen schon viel besser Deutsch versteht, beginnt mit einem Kurs "Mama lernt Deutsch". Klaus strebt eine neue Umschulung an, und Julia will ihren Realschulabschluss nachholen. "Klasse, dass sich Schwester Siggi so um die Leute kümmert", sagt Klaus rückblickend. Denn: "Manche Familien haben so große Probleme und nutzen die Angebote nicht, sonst würde ja nicht so viel Schlimmes passieren."

Lesen Sie hier mehr über Hilfe für Eltern mit schwierigen Kindern.

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