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Präventionsprojekt: "Kein Täter werden"

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Präventionsprojekt Pädophilie:  

Pädophilie: Kein Täter werden -  ein Leben lang

24.11.2011, 14:25 Uhr | mmh, t-online.de

Präventionsprojekt: "Kein Täter werden". Therapien helfen, das Risiko einzugrenzen.  (Quelle: t-online.de)

Therapien helfen, das Risiko einzugrenzen. (Quelle: t-online.de)

Wer hierher kommt will nicht "übergriffig" werden. Der will sein Verhalten kontrollieren, seine Veranlagung in den Griff bekommen. Wer hier ist, der weiß, dass sie nicht heilbar ist, diese Krankheit, die nicht nur dem Kranken selbst weh tut, wenn sie ausbricht. Sie ist ein Raubtier, das im Käfig gehalten werden muss. Der "Käfig" ist eine Therapie, die der Sexualmediziner Professor Klaus Michael Beier und seine Mitarbeiter von der Berliner Charité an vier Standorten in Deutschland durchführen. "Kein Täter werden" heißt das Präventionsprojekt für Männer mit pädophilen Neigungen.

Pädophilie ist eine Krankheit

Pädophilie, diese sexuelle Veranlagung ist eine chronische Krankheit und als solche auch von der Weltgesundheitsorganisation WHO anerkannt. Keiner der Betroffenen kann etwas dafür, kein anderer ist befugt, moralisch zu richten. Das will Beier klar stellen. Das Projekt bietet Hilfe, keinesfalls Täterschutz. Und Beier will die Grenze klar ziehen: "Wer sich nicht helfen lässt, den muss man sichern, wer verstößt, ist ein Fall für die Justiz".

Enorme Verantwortung für Betroffene

Eine enorme Verantwortung lastet auf den Betroffenen, immerhin fühlen sich 250.000 Männer in Deutschland zwischen 18 und 75 Jahren zu Kindern sexuell hingezogen. "Diese Männer sind aufgefordert, ihr ganzes Leben lang dafür zu sorgen, keine Täter zu werden.“ Damit dies gelingt, sollten die Therapien, so Beier, schon möglichst früh ansetzen. Mit 20 Jahren sei ein optimaler Zeitpunkt. "Die Neigung ist nicht heilbar, aber in den Griff zu bekommen, das sagen wir den Betroffenen ganz klar.“ Dieses Wissen ist hart, aber wichtig, um mit der chronischen Krankheit klar zu kommen. Wer dieses Wissen hat, so die Säule des Therapieansatzes, der wird keine sexuellen Verstöße begehen. Keiner ist schuld an seiner Neigung, aber jeder dafür verantwortlich.

Präventionsprojekt: Therapie steuert gegen

Zwischen 30 und 40 Jahren sind die meisten der Männer, die an den Therapien teilnehmen, das ist auch die Zielgruppe, an die sich die Aufklärungskampagnen richten. Immerhin hat ein Prozent aller Männer in Deutschland eine pädophile Sexualpräferenz. Sie sind dadurch keinesfalls das, was an Stammtischen gerne als "Kinderschänder“ beschimpft wird. Doch diese Männer kämpfen dagegen an, ein Kinderschänder zu werden. Ziel des Präventionsprojektes ist es, Sexualstraftaten an Kindern sowie die Nutzung Kinderpornografie bereits im Vorfeld zu verhindern. Die Forscher erhoffen sich weitere Erkenntnisse, wie der Pädophilie medizinisch zu begegnen ist.

Männer, die auf Kinder gerichtete sexuelle Fantasien bei sich feststellen, aber keinesfalls Übergriffe begehen wollen, können sich für eine Therapie melden. Klaus Beier: "Den Männern ist bewusst, wenn ich das, was in meinen Fantasien geschieht, in echt tun würde, dann wäre das eine Straftat.“

So früh wie möglich ansetzen

Es sind Männer aus den unterschiedlichsten Berufen und Schichten, alle haben einen langen Kampf gegen die Neigung hinter sich: "Die Teilnehmer haben schon 20 Jahre Auseinandersetzung mit dem Thema hinter sich, sie leben mit der Hoffnung, das wird schon wieder weggehen, wenn sie erst die richtige Frau finden. Aber diese Neigung lässt sich nicht austricksen, das setzt sich in den Phantasien immer durch, das wird zum Dauerkonflikt.“

Oft ein verzweifelter Kampf, viele landen nach einem Selbstmordversuch in einer Klinik, in der sich der Grund für die Verzweiflung zeigt. Wer Glück hat, gerät an Ärzte, die von Beiers Präventionsprojekt wissen, andere werden von ihren Angehörigen darauf aufmerksam gemacht, wieder andere suchen aktiv nach Hilfe. Aufklärung ist Beier deshalb so wichtig, in der Öffentlichkeit, unter den Allgemeinärzten, bei Psychologen, bei Lehrern.

Wie ein lebenslanger Fluch

Es ist wie ein Fluch seit der Pubertät, es lässt sich nicht löschen, es geht einfach nicht weg, der Anblick von Kindern erregt sie, löst den Orgasmus aus, selbst beim Sex mit erwachsenen Partnern spielen sich die Bilder im Kopf ab, viele suchen Kinderpornografien im Internet. "Diese Männer müssen wir so früh wie möglich erreichen, am besten im frühen Erwachsenenalter, damit sie Verantwortung übernehmen können und lernen, wie sie gegensteuern können.“

Ziel der Therapie: Verhaltensänderung

Ziel der Therapie ist, das Verhalten so zu ändern, dass weder Kinder noch die Betroffenen selbst zukünftig gefährdet sind. Information, Empathie und Situationskontrolle sind die Schlüssel, manchmal aber auch Medikamente.

Einbezogen in das Therapieprogramm werden sowohl Personen, die bisher (noch) nicht übergriffig geworden sind, aber befürchten, sexuelle Übergriffe auf Kinder zu begehen, als auch Männer, die bereits sexuelle Übergriffe auf Kinder begangen haben, aber den Strafverfolgungsbehörden (noch) nicht bekannt sind. Das ist das sogenannte Dunkelfeld. Darüber hinaus können Männer aufgenommen werden, die in der Vergangenheit wegen sexuellen Kindesmissbrauchs angezeigt und/oder rechtskräftig verurteilt wurden und eine gegebenenfalls gegen sie verhängte Strafe vollständig verbüßt haben – vorausgesetzt also, dass sie nicht mehr unter Aufsicht durch die Justiz stehen und somit alle rechtlichen Angelegenheiten abgeschlossen sind. Teilnahmewillige Personen müssen bezüglich ihrer auf Kinder gerichteten sexuellen Impulse über ein Problembewusstsein verfügen und von sich aus therapeutische Hilfe in Anspruch nehmen wollen, um keine sexuellen Übergriffe auf Kinder (mehr) zu begehen.

Was macht die Sexualdiagnostik?

In ersten anonymen Gesprächen klären die Mitarbeiter der Projekte in Berlin, Hamburg, Kiel und Leipzig, ob überhaupt eine eindeutige pädophile Sexualpräferenz vorliegt. Sexualdiagnostik nennt sich das Feld der Medizin, das hier gefragt ist. Mitarbeiter kommen aus der Allgemein-Medizin, aus der Psychotherapie, aus der Sexualmedizin.

Wichtig ist, dass die Betroffenen ihre eigene Sexualität erkennen und akzeptieren, erst dann können sie die Verhaltensweisen bewerten, die zu Risikosituationen führen. Sie lernen Bewältigungsstrategien für partnerschaftliche, soziale und berufliche Anforderungen, die  das Risiko senken, sexuelle Übergriffe an Kindern zu begehen sowie Kinderpornografie zu nutzen. Empathie ist ein weiterer Schlüssel. Wer die Perspektive des Kindes einnehmen kann und aufgeklärt ist über Fehlannahmen bezüglich Kinderpornografie, Sexualität und sexueller Reife von Kindern senkt die Bereitschaft von Übergriffen und den weiteren Konsum von Kinderpornografie.

Spezielle Medikamente helfen, den Drang, sexuelle Impulse auszuleben, zu dämpfen, um so mehr Raum für Verhaltensänderungen zu erhalten.

Die Gruppe entlarvt Fehlverhalten

Die Therapien finden vor allem als Gruppensitzungen statt, einmal pro Woche treffen sich die zehn Teilnehmer über anderthalb Jahre hinweg. Man redet über Gefahrensituationen der Einzelnen: Nachbarskinder im Garten, Schüler in der Straßenbahn, die eigenen Kinder, einem als Lehrer anvertraute Kinder. Die Gruppe entlarvt Fehlverhalten und Beschönigungen viel schonungsloser als ein Therapeut das könnte. Ganz typisch ist diese Wahrnehmung, Eigeninitiative der Kinder in bestimmte Situationen zu interpretieren statt eigenes Fehlverhalten. Sätze wie "der wollte das doch“ oder "die hat mich doch richtig aufgefordert“. Beier weiß: "Es ist wesentlich beeindruckender und wirksamer, wenn Kollegen aus der  Gruppe das sagen, als wenn ein Therapeut darauf hinweist, die erkennen das Verhalten besser, denn sie kennen es selbst.“

Als chronische Krankheit anerkannt

Es ist ein Chroniker-Programm, von den Krankenkassen anerkannt. "Wir bieten Begleitung an, denn es kann immer Krisen und neue Konstellationen geben, man muss die Teilnehmer immer wieder neu einstellen, auch mit Medikamenten.“

Wichtig ist, auch die Angehörigen und das Umfeld mit einzubeziehen, in dem Spannungsfeld zwischen Aufklärung, sozialer Anerkennung der Krankheit und der Angst der Teilnehmer, ihre Freunde zu verlieren, wenn sie von der Neigung erfahren. Besonders dafür gibt es Einzelsitzungen mit Familien und Freunden.

Riskante Situationen kontrollieren

Die Männer lernen, mit riskanten Situationen im Alltag umzugehen und sie zu meiden. Sie werden versuchen, nicht mit Kindern alleine in einem Raum zu sein oder durch einen Wald zu laufen. Ein schweres Risiko für die Betroffenen ist Kinderpornografie im Internet. Ein Projekt der Charité nimmt sich vor allem dieser Thematik an: Kein Täter werden. Auch nicht im Netz.

Noch stärker gegen Kinderpornografie vorgehen

An diesem Punkt übt Beier Kritik an der Gesellschaft: "Viele glauben immer noch, gucken ist nicht so schlimm wie selbst tun. Was Missbrauchsabbildungen angeht, ist unsere Gesellschaft noch viel zu gewährend.“ Das Wissen in der Gesellschaft ist noch längst nicht auf dem Stand, der nötig wäre, um effektiv das Missbrauchs-Problem zu lösen. "In der Öffentlichkeit besteht ein großer Wunsch, sich davon zu distanzieren, aber Missbrauch ist ein relevantes Problem, die Zahlen sind hoch genug, doch das wollen die Menschen nicht hören.“ Es ist ein falscher Selbstschutz, der bei vielen einsetzt, die das Thema lieber nicht vertiefen wollen. Die Bilderflut ist immens groß, die Dunkelziffer nur zu ahnen. Beier vermisst stärkere Willensbekundungen, dagegen wirklich vorgehen zu wollen. "Es gäbe einen emotionalen Aufschrei, wenn Erwachsene dazu gezwungen würden derartige Bilder anzusehen.“

Trotzdem: Primärprävention setzt sich durch

Trotzdem tut sich vieles, erst jetzt hat die EU strengere Richtlinien im Kampf gegen Missbrauch verabschiedet. "Ich bin sehr froh, dass sich dieser Gedanke der Primärpravention, also dem Vorbeugen in einem möglichst frühen Stadium, durchsetzt.“

Ambulanzen gibt es in Berlin, Kiel, Leipzig, Regensburg. Bald folgen Hamburg und Hannover. Weitere Informationen und Kontaktmöglichkeit über www.kein-taeter-werden.de

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