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Rosa Überraschungseier: Experten wettern gegen "Mädchen-Ei"

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"Nur für Mädchen": Expertin warnt vor der "Diktatur von Prinzessin Lillifee"

28.08.2012, 16:30 Uhr | Simone Kaiser; Spiegel Online, Spiegel Online

Rosa Überraschungseier: Experten wettern gegen "Mädchen-Ei". Ferrero hat ein pinkfarbenes Überraschungsei für Mädchen auf den Markt gebracht. (Quelle: Ferrero)

Ferrero hat ein pinkfarbenes Überraschungsei für Mädchen auf den Markt gebracht. (Quelle: Ferrero)

Ein pinkfarbenes Überraschungsei, beworben mit dem Hinweis "nur für Mädchen"? Eine perfide Strategie, meint Geschlechterforscherin Stevie Schmiedel. Im Interview wettert sie gegen die Pinkifizierung der Kinderzimmer und warnt vor der "Diktatur von Prinzessin Lillifee".

Anfang August 2012 verbreitete Ferrero eine Mitteilung: Das "Mädchen-Ei" gehe an den Start, es werde "Mädchenherzen höherschlagen lassen". Gut möglich, dass das auf manches Mädchen zutrifft, das Ei löste allerdings auch Emotionen ganz anderer Art aus: Feministinnen protestierten gegen das Ei und seinen Inhalt.

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"Ei love rosa? Ei kotz gleich!", kommentierte das Frauenmagazin "Emma" und schlug vor, die Eier mit einem Warnhinweis zu versehen: "Rosa macht Mädchen dümmer." Die Hamburger Geschlechterforscherin Stevie Schmiedel hält ähnlich viel von Mädchenprodukten. Sie wehrt sich mit einer Kampagne gegen die "Pinkifizierung" durch die Industrie.

SPIEGEL ONLINE: Frau Schmiedel, Sie haben in Deutschland die Bewegung "Pinkstinks" gegründet - was haben Sie eigentlich gegen die Farbe Rosa?

Schmiedel: Gegen die Farbe habe ich gar nichts. Mein Vater ist ein älterer Herr mit feinem grauen Haar, dem steht Rosa ausgezeichnet. Mir geht es um die Pinkifizierung der Kinderzimmer meiner Töchter. Um das Rollenmodell, das bei Mädchen mit dieser Farbe verkauft wird, und um die Diktatur von Prinzessin Lillifee.

SPIEGEL ONLINE: Was ist denn an dieser zierlichen, glitzernden Fee gefährlich?

Schmiedel: Die Eigenschaften dieser Figur sind nicht gerade das, was ich mir als Vorbilder für meine Kinder wünsche: Prinzessin Lillifee ist nur niedlich, spindeldürr, pudert sich die Nase und hat einen befliegbaren Kleiderschrank. Da wird eine Prägung auf das Äußere festgelegt, die so nicht gesund ist.

SPIEGEL ONLINE: Und das rosa Überraschungsei - "nur für Mädchen"?

Schmiedel: Daran sieht man wunderbar, worum es beim Rosawahn wirklich geht: ums Verkaufen! Der Markt ist doch total gesättigt, es gibt immer weniger Kinder. Also lassen sich die Marketingabteilungen etwas einfallen, schneidern sich eine neue Zielgruppe. Ich verstehe das ja. Nur muss man es als Eltern nicht mitmachen. Und das mit dem Ei ist besonders perfide: In der Schokoladenverpackung steckt nämlich eine weibliche Spielfigur aus Plastik, bei deren Taillenumfang nicht einmal Platz für einen Darm bleibt.

SPIEGEL ONLINE: Sie sprechen die Figuren aus der gleichnamigen Comicserie "Winx-Club" an.

Schmiedel: Ja, genau, die sind nicht nur krankhaft dünn, sondern posieren und kleiden sich in einer extrem sexualisierten Art und Weise. Stellen Sie sich einmal Super- oder Spiderman mit solchen Köpermerkmalen vor. Das ebnet den Weg für Formate wie "Germany's Next Topmodel", die das Körperbild von jungen Mädchen verändern, das ist durch verschiedene Studien sehr gut belegt. Befragungen von Zwölf- bis 17-Jährigen wie etwa durch das Internationale Zentralinstitut für das Jugend- und Bildungsfernsehen zeigen, dass nach dem Konsum solcher Sendungen die Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper steigt. Und das macht die Kinder anfälliger für Essstörungen wie Magersucht und Bulimie.

SPIEGEL ONLINE: Aber ist es nicht normal, dass sich Teenager in ihrem Körper nicht so richtig wohlfühlen?

Schmiedel: Das höre ich oft, aber man kann doch die Frage stellen, ob das in unserer Gesellschaft so sein muss? Wir reden hier ja nicht über ein paar nervige Pickel. Es geht darum, dass sich ganze Generationen von Mädchen als zu dick empfinden.

SPIEGEL ONLINE: Sie wettern auch gegen Bikiniwerbung.

Schmiedel: Aber nicht wegen der nackten Haut - sondern wegen der Blicke. Die Models werden als naive, laszive Lolitas inszeniert, mit diesem unterwürfigen Augenaufschlag. Nehmen sie dagegen die jüngste Wäschekampagne mit David Beckham. Die Botschaft ist für mich: Männer sind selbst in Unterhose noch total selbstbewusst und cool. Und das ist kein angeborenes Phänomen, sondern eine kulturelle Entwicklung. Genauso wie die angeblich weibliche Vorliebe für die Farbe Rosa.

SPIEGEL ONLINE: Bücher wie "Das weibliche Gehirn - warum Frauen anders sind als Männer" von Louann Brizendine wollen uns aber genau das glauben machen: Dass es eben doch Geschlechterunterschiede gibt, die von den Genen vorgegeben sind.

Schmiedel: Ich weiß, solche Bücher und Thesen verkaufen sich in den Medien gut. Aber der aktuellste Stand der Forschung spiegelt das Gegenteil wieder - die tatsächlichen Unterschiede zwischen den Gehirnen von Männern und Frauen sind verschwindend gering. Neurobiologen sagen heute ganz klar: Unser Gehirn wird vor allem durch unsere Umwelt geformt. Wenn Sie heute fünfjährige Kinder nach ihrer Lieblingsfarbe fragen...

SPIEGEL ONLINE: ...sind diese schon durch Kindergarten, Fernsehen und Familie intensiv geprägt - und die Mädchen antworten höchstwahrscheinlich wirklich mit Rosa.

Schmiedel: Und das ist kulturgeschichtlich betrachtet ein ziemlicher Sprung. Bis in die zwanziger Jahre des 20. Jahrhunderts galten Rot und Rosa als die Farben der Könige und der Macht und wurden daher traditionell den Jungen zugeordnet. Die Mädchen trugen Blau, die Farbe der Jungfrau Maria.

SPIEGEL ONLINE: Was sollen Eltern Ihrer Meinung nach tun?

Schmiedel: Ich halte wenig davon, etwas strikt zu verbieten und die Kinder damit auszugrenzen. Auch meine Mädchen dürfen Rosa tragen, wenn sie das wollen. Aber ich schenke ihnen lieber Kleidung und Spielzeug, das nicht die gängigen konservativen Männer-Frauen-Klischees befördert. Ganz grundsätzlich meine ich: Weniger Lillifee und dafür mehr Pippi Langstrumpf.

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