Startseite
Sie sind hier: Home > Eltern > Erziehung >

Wer wagt gewinnt- so lernen Kinder mit Gefahren umzugehen

...
t-online.de ist ein Angebot der Ströer Content Group

Wer wagt gewinnt - so lernen Kinder mit Gefahren umzugehen

30.10.2012, 14:46 Uhr | Nicola Wilbrand-Donzelli, t-online.de

Wer wagt gewinnt- so lernen Kinder mit Gefahren umzugehen. Kinder wollen ihren Lebensraum selbstständig erkunden. (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Kinder wollen ihren Lebensraum selbstständig erkunden. (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

"Messer, Gabel, Schere, Licht, sind für kleine Kinder nicht!" Diesen über hundert Jahre alten Spruch haben auch heute noch viele Erwachsene parat. An der uneingeschränkten Gültigkeit der pädagogischen Weisheit zweifeln allerdings mittlerweile die meisten Erziehungsexperten. Denn Kinder sind naturgemäß neugierig und wollen ihren Lebensraum am liebsten selbstständig erkunden und begreifen. Aber wo sind die Grenzen der Selbsterfahrung und Eigenverantwortung? Wann gilt es Kinder vor Gefahren zu schützen? Wann kann man ihnen etwas zutrauen, damit sie Risiken selbst einschätzen können? Ein Wald- und Erlebnispädagoge gibt Rat.

Werkzeuge benutzen lernen

Konzentriert hält die vierjährige Pia das scharfe Messer in der Hand und schneidet akkurat kleine Kreuz-Schlitze in die harte Schale der Esskastanien, die sie zuvor mit ihrer Kindergartengruppe und dem Wald- und Erlebnispädagogen Mathias Schattenfroh gesammelt hatte. Stolz präsentiert sie dann das Ergebnis ihrer Arbeit und befördert die fürs spätere Schälen präparierten Kastanien in den Topf auf dem Spirituskocher. Nur wenige Meter davon entfernt arbeitet der fünfjährige Lukas begeistert mit der Axt. Er darf mal wieder Holz hacken und die Stücke auf einem Klotz spalten für das Lagerfeuer, das bald angezündet wird. Dabei geht der Knips äußerst souverän vor, rückt ein ums andere Mal dem sperrigen Material fachmännisch zu Leibe - ohne mit der Wimper zu zucken.

Eigenständig sein und trotzdem Regeln beachten

Bevor die Kinder solche Gerätschaften überhaupt in die Hände bekommen und selbstständig verwenden dürfen, werden sie gründlich angeleitet und mit den entsprechenden Handgriffen und Bewegungsabläufen vertraut gemacht. Auf diese Weise werden die Kids nicht nur aktiv eingebunden, sondern zugleich durch neue, spannende Aufgabenstellungen gefordert - für Mathias Schattenfroh ein wichtiger Aspekt seiner pädagogischen Arbeit. Gegenüber der Elternredaktion von t-online.de erklärt er: "Kinder lernen nichts, wenn man alles vor ihnen wegsperrt und sie fernhält von vermeintlichen Gefahren."

Vor allem bei Werkzeugen und anderen handwerklichen Geräten sei es sinnvoll, dass Kinder übten damit umzugehen, um so ihre eigenen Erfahrungen zu sammeln. Diese Selbstständigkeit funktioniere allerdings nur, wenn bestimme Voraussetzungen eingehalten würden. "Schnitzen wir beispielsweise mit Holzstücken", so der Experte, "dürfen auch schon Kindergartenkinder allein mit dem Messer hantieren. Dann wissen sie allerdings, dass sie sich zuverlässig an festgelegte Regeln halten müssen, wie etwa: nur im Sitzen zu schnitzen, nie mit einem offenen Messer herumzulaufen und die Klinge immer vom Körper weg zu bewegen."

Angst vor ernsthaften Unfällen seiner Schützlinge hat Mathias Schattenfroh bei den Waldexkursionen nicht. Aus seiner langjährigen Erfahrung weiß er, dass es zwar zu leichten Schnittwunden kommen kann, sich ein Kind etwa beim Hämmern auf den Daumen haut oder sich Hautabschürfungen beim Klettern zuzieht, es aber bisher nie zu wirklich gefährlichen Verletzungen kam. "Das Wichtigste ist, die Kinder zu begleiten und sie innerhalb bestimmter Grenzen etwas ausprobieren zu lassen. In solchen Momenten wachsen Kinder meist über sich selbst hinaus und haben dabei einen Riesenspaß," kommentiert der Pädagoge.

"Paranoia-Eltern" in einer sicherheitsmaximierten Welt

Wie wichtig solche Erlebnisse für Kinder sind, ist jedoch vielen Eltern nicht bewusst: Sie packen ihren Nachwuchs häufig in Watte, versuchen jegliches Risiko von ihren Sprösslingen fernzuhalten und sie vor allen Gefahren zu beschützen. Für dieses Phänomen der "Überbehütung", dass sich heute vor allem in den westlichen Industrienationen zunehmend ausbreitet, prägte der renommierte britische Soziologe Frank Furedi den Ausdruck "Elternparanoia".

In seinem Buch "Warum Kinder mutige Eltern brauchen" beschreibt er, wie sich seit dem letztem Jahrhundert das Bild des Kindes stark gewandelt habe - vom robusten und belastbaren zum zerbrechlichen und unfertigen Wesen, von dem seelische und körperliche Schäden unbedingt ferngehalten werden müssen. Die Worte "Risiko" und "Wagnis" bekommen so in einer zunehmend sicherheitsmaximierten Welt einen eher negativen Beigeschmack und wecken die Ängste einer immer größer werdenden Anzahl verunsicherter Eltern. So würden Mütter und Väter zu "Göttern" gemacht, die allein das Schicksal ihres Nachwuchses bestimmten, prangert Soziologe Furedi an. Die Kinder erlebten auf diese Weise immer weniger Freiräume.

"Du schaffst das"

"Eltern müssen lernen, ihren Kindern etwas zuzutrauen", so der Apell von Schattenfroh. Deshalb sollen sie am besten an fast alles, was ihr Nachwuchs ausprobieren will mit einer positiven Haltung nach dem Motto "Du schaffst das" herangehen und ihr Kind bestärken. Macht man das nicht und lebt ständig in einer ängstlichen Vermeidungshaltung, nimmt man dem Kind ein wichtiges Stück Leben. "Denn Kinder haben ein Recht, sich selbst die Welt zu erobern und zu begreifen."

Haben sie dazu nicht die Gelegenheit, kann dies weitreichende Folgen haben: In zahlreichen Studien wurde nämlich nachgewiesen, dass Kinder, die in frühen Jahren keine selbstbestimmten Wagnisse eingegangen sind und immer von Risiken ferngehalten wurden, im späteren Leben sehr viel größere Versagensängste hatten, sei es bei Prüfungen, auf einer Bühne oder wenn es etwa galt, eine Rede vor viel Menschen zu halten. "Nur wer Dinge selbst angeht", kommentiert Schattenfroh, "weiß später, wo seine eigenen Grenzen sind - weiß, was er kann und was er nicht kann. Das ist wichtig für das Selbstwertgefühl und für die Persönlichkeitsentwicklung." Deshalb sei es gut, bestimmte Hürden so früh wie möglich selbst zu nehmen. Denn nachhaltiges Lernen und entsprechende Kompetenzen entstehen eben nur durch eigenständiges Handeln und den daraus resultierenden Erfahrungen.

Kinder häufig in Tätigkeiten einbinden

Solche Erfahrungen lassen sich nicht nur im Wald in Begleitung von geschulten Pädagogen machen. Auch bei vielen häuslichen Tätigkeiten wie etwa kleinen Reparatur-Aktionen in der Wohnung können Eltern sich Zeit nehmen und ihre Kinder mit Werkzeugen vertraut machen. Als perfektes Experimentierfeld bietet sich auch die Küchenarbeit an: "Beim gemeinsamen Kochen etwa", erläutert Schattenfroh, "können die Kinder schon früh mithelfen und lernen so beispielsweise mit scharfen Messern umzugehen oder am Herd mit zu werkeln. Das ist die beste Prävention gegen Unfälle. Denn je mehr man übt, desto sicherer werden die Handgriffe."

Dabei sollten Väter und Mütter immer darauf achten, die Kinder gründlich und geduldig anzuleiten, solange bis man selbst ein gutes Gefühl hat. Das Alter als Maßstab für Kompetenz spiele dabei nicht unbedingt die entscheidende Rolle: "Wann ein Kind etwas können muss, lässt sich nicht genau definieren. Das ist individuell sehr verschieden. Es gibt Vierjährige, die besser mit einem Messer oder einem Hammer umgehen können als manch Sechsjähriger. Das hängt sehr vom Charakter und Temperament des einzelnen ab - ob es beispielsweise eher ein verträumtes oder ein aufgewecktes Kind ist."

Wo Neugier und Forscherdrang ihre Grenzen haben

Nicht in allen Lebensbereichen darf man Kinder allerdings auf eine gewagte Erkundungstour gehen lassen. Die Neugier kann in bestimmten Fällen sogar lebensgefährlich sein. Deshalb müssen Eltern immer dann einschreiten, wenn ihr Nachwuchs die Folgen seines Tuns nicht abschätzen kann - etwa wenn ein Kleinkind nach einer heißen Teekanne greifen will, die Funktion einer elektrischen Lampe untersuchen mag, Putzmittel einer genauen Inspektion unterziehen oder mit einer brennenden Kerze spielen will.

Ähnliches gilt für Erfahrungen im Straßenverkehr. Auch hier können beispielsweise Kindergartenkinder von sich aus noch keine Gefahren einschätzen und Risiken kalkulieren. Sie sind noch zu jung, um sich vorbeugend und reflektierend zu verhalten und etwa ein Gefühl für Geschwindigkeit zu entwickeln oder an einer Kreuzung die komplexe Verkehrssituation zu überblicken. Das können sie erst ab einem Alter von etwa sieben Jahren. Die Voraussetzung dafür ist allerdings, dass ihre Eltern bereits die Jahre zuvor mit ihnen gemeinsam trainiert haben, wie man etwa einen Zebrastreifen überquert oder sich an einer Ampel verhält. Hier sollten Väter und Mütter nicht auf die couragierte Eigeninitiative ihrer Kinder vertrauen, sondern auf intensiv erprobte Vorsicht und Umsicht bauen.

Sie finden uns auch auf Facebook - jetzt Fan unserer "Eltern-Welt" werden und mitdiskutieren!

Liebe Leser, bitte melden Sie sich an, um diesen Artikel kommentieren zu können. Mehr Informationen.
Leserbrief schreiben

Für Kritik oder Anregungen füllen Sie bitte die nachfolgenden Felder aus. Damit wir antworten können, geben Sie bitte Ihre Adresse an.

Name
E-Mail
Betreff
Nachricht

Wählen Sie aus dem Pull-Down-Menü Ihren gewünschten Ansprechpartner aus. Vielen Dank für Ihre Mitteilung.

Artikel versenden

Empfänger

Absender

Name
Name
E-Mail
E-Mail
Anzeige
Video des Tages
Brutale Methode 
Therapie mit langer Nadel nichts für schwache Nerven

Diese Behandlung ist garantiert nichts für zartbesaitete Menschen. Video

Anzeige

Shopping
tchibo.deOTTObonprix.deESPRITC&ACECILzalando.dedouglas.deKlingel.de

Anzeige
shopping-portal