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Fördern und warten: Milliarden von Stunden verbringen Eltern mit Warten

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Eltern in Wartezeit  

Bitte warten! Milliarden Stunden für die Kinder

09.11.2012, 10:14 Uhr | Simone Blaß, t-online.de

Fördern und warten: Milliarden von Stunden verbringen  Eltern mit Warten. Ballett, Fußball, Nachhilfe - Mütter verbringen Milliarden von Stunden mit Warten.  (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Ballett, Fußball, Nachhilfe - Mütter verbringen Milliarden von Stunden mit Warten. (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

In Deutschland kümmern sich derzeit rund acht Millionen Mütter um etwa 13 Millionen minderjährige Kinder. Geht man davon aus, dass jedes dieser Kinder in der Woche zweimal zu einem außerschulischen Unterricht wie Ballett, Fußball, Malkurs oder Nachhilfe geht, dann sind das deutschlandweit 39 Millionen Stunden wöchentlich und über zwei Milliarden Stunden jährlich, die Eltern damit verbringen, auf ihre Kinder zu warten bei Hobby und Freizeit.

Ballett, Nachhilfe, Fußball für die Kinder - Wartezeiten für Eltern

"Wenn ich hier sitze, habe ich das Gefühl, diese zwei Milliarden Stunden gehen allein auf meine Kappe", beklagt sich die 38-Jährige Manuela im Vorraum eines Ballettstudios. "Mal ganz abgesehen davon, dass ich mich teilweise wie ein Chauffeur fühle, diese Rumsitzerei und Warterei geht mir ziemlich auf die Nerven." Die meisten der Zusatzangebote, die ihre drei Kinder wahrnehmen, sind nämlich nicht mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen. "Jedes meiner Kinder hat andere Interessen und ich finde es ja auch sinnvoll, dass Jan Hockey spielt, kann verstehen, dass Nina genau wie ihre beste Freundin auch ins Ballett will und weiß, dass Leo um den Schwimmkurs nicht herumkommt. Aber für mich ist es echt nervig, denn dadurch, dass ich die anderen immer im Schlepptau habe, kann ich die Zeit nicht richtig nutzen", sagt sie, während sie mit einem Auge die Hausaufgaben ihres nölenden Großen überwacht und mit beiden Händen den Kleinsten bespaßt. "Manchmal beneide ich die Mütter, die nur ein Kind haben oder bei denen alle Kinder dem gleichen Hobby nachgehen."

Die "Fördermuttis" können einen nervös machen

Sabine, die neben Manuela sitzt, schmunzelt in sich hinein. Verbringt sie doch die Zeit, in der ihre Töchter Pliés üben, mit einem Roman. Oder sie kümmert sich um wichtige Telefonate, die sie in Ruhe führen möchte. "Das Einzige, was ich als richtig nervig dabei empfinde, sind manchmal andere Mütter. Denn gerade hier beim Ballett trifft man auf einige seltsame Exemplare." Sie nennt sie "die Fördermuttis" und hält, wenn möglich, Abstand. "Ich will auf keinen Fall in dieses Müttergeklüngel hineingezogen werden. Und ich will auch nicht hören, dass Marie-Chantal und Tabea-Luise bereits mit drei Geigenunterricht hatten und seit Jahren nahezu fließend Chinesisch sprechen. Das ödet mich an!" Deshalb signalisiert sie bewusst anhand der Körpersprache, dass sie nicht gestört werden will. "Das habe ich gelernt, als ich noch viel Zeit mit meinem Sohn auf dem Fußballplatz verbracht habe. Denn man braucht gar nicht glauben, dass es da anders zugehen würde."

Kindererziehung von der Seitenlinie aus

Ein Besuch auf dem Fußballplatz bestätigt das. In kleinen Grüppchen stehen frierend Eltern zusammen. Es ist ein Abend unter der Woche und nur wenige Väter scheinen es pünktlich zum Training geschafft zu haben. Auch hier dominieren also wieder die Mütter. "Manchmal graust es mich richtig, hierher zu kommen", sagt Maren. "Ich will nur Elias beim Training zusehen und das eigentlich auch nur, weil es ihm so wichtig ist." Natürlich haben es Kinder gern und ist es auch wichtig für sie, wenn Eltern bei Sportveranstaltungen, Ausstellungen und Aufführungen anwesend sind. Das Warten auf das Kind während des Trainings aber bezeichnet der amerikanische Kinderpsychiater Alvin Rosenberg als "Kindererziehung von der Seitenlinie aus". Etwas, wozu viele Eltern sich immer mehr verpflichtet fühlen.

Talentsuche in der organisierten Welt der Hobbys

Der gesellschaftliche Druck ist in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich gestiegen. Kaum ein Vorschul- oder Grundschulkind, das keine "Hobbys" vorweisen kann. Hobbys, in denen sich manchmal die Eltern selbst verwirklichen wollen. Oder solche, die erst zu Hobbys werden sollen, indem das Kind möglichst viel ausprobieren darf, um das eigene Talent zu finden. Muss dieses doch irgendwo vergraben sein. Schließlich werden einem die begabten Fünfjährigen ja jederzeit vor Augen geführt. Von der Nachbarin, beim Elternabend oder bei der Schulaufführung. Sich dann zu entscheiden, das Kind einfach spielen zu lassen, ist nicht einfach und wird spätestens dann schnell ad acta gelegt, wenn kein anderer Zeit hat, um mitzuspielen.

Viele Wochenenden werden geopfert

Aber es ist nicht nur der Druck von außen, der Mütter im schwarzen Loch der Wartebereiche verschwinden lässt. Denn nicht selten ist es ja das Kind selbst, das von klein auf weiß, was es will. So wie Elias, der bereits als Baby jedem Ball nachgerobbt ist und dessen erste Worte Vereinsnamen waren. "Freiwillig würden mich keine zehn Pferde auf einen Fußballplatz bekommen. Dieses dauernde Gerede der anderen Mütter über die Fähigkeiten des Trainers und dass es unfair sei, dass dieses oder jenes natürlich völlig unbegabte Kind am letzten Sonntag spielen durfte und das eigene nicht. Und das, obwohl doch auf der Hand liege, welches Talent hier verborgen sei." Sie stöhnt. Am schlimmsten empfindet sie die Turniere: "Das muss man sich mal vorstellen - so ein Turnier dauert mit Siegerehrung sechs Stunden. Und abgesehen davon, dass es kein Vergnügen ist, die kleineren Geschwister stundenlang und bei jedem Wetter bei Laune zu halten, der Sonntag ist im Eimer."

Gespräche werden heute häufig im Auto geführt

Ein Problem, das viele Familien kennen, weiß William J. Doherty, Professor der Familienwissenschaften an der University of Minnesota. In seinem Buch "Take back your kids" heißt es hierzu: "Heutzutage sind Eltern an den Wochenenden meist damit beschäftigt, ihre Kinder von und zu den verschiedenen Sportaktivitäten zu fahren, und das zusätzlich zu den während der Woche vernachlässigten Aufgaben im Haushalt." Eine Studie seiner Uni hat gezeigt, dass aufgrund dieser Entwicklung die Gesprächszeit in Familien in den letzten zwei Jahrzehnten um 50 Prozent zurückging. Beziehungsweise sich aufs Auto verlagerte.

Auch männliche Vorbilder übertreiben manchmal ein wenig

Aber immerhin steigt die Anzahl der Väter, die sich für die Aktivitäten ihrer Kinder interessieren. Vor allem dann, wenn der Nachwuchs sich für etwas begeistert, in dem man selbst ebenfalls gut ist und als männliches Vorbild agieren kann. "Mir ist es immer schon ganz wichtig gewesen, dass Ben Sport macht. Dass er sich jetzt für Judo entschieden hat, finde ich super", meint Sebastian, der selbst mit Begeisterung diesem Sport nachgeht. "Jetzt gehen wir 'Männer' immer gemeinsam zum Training. Und ich finde es schon cool, wenn Ben mir sagt, dass ich sein großes Vorbild bin." Auf die Frage, wie seine Frau das finde, muss er schmunzeln. "Naja, manchmal reagiert sie schon genervt", gibt er zu. "Vor allem dann, wenn ich, wie sie meint, es mit meinem Ehrgeiz bei Ben mal wieder übertreibe. Aber meistens genießt sie einfach die Zeit, die sie für sich hat, während wir beim Training sind."

Männer werden im Wartebereich argwöhnisch beäugt

Waren Väter in manchen Sportbereichen schon immer relativ präsent, so rücken sie nun auch in weitere Bereiche vor. Nicht ohne jeden Widerstand. Viele werden, wenn sie in einer vermeintlichen Frauendomäne auftauchen, äußerst skeptisch beobachtet. "Ich habe immer eine richtige Wand zwischen mir und den Frauen zu spüren bekommen", erinnert sich Andreas an eine Zeit, als er arbeitslos wurde und ihm zwangsläufig die Rolle zufiel, seine Töchter zum Bauchtanzkurs zu begleiten. "Es gab nur eine einzige Frau, die sich richtig mit mir unterhalten hat. Und die wurde von den anderen dann auch gleich ganz komisch beäugt. So als käme das Ganze einer Affäre gleich."

Perfekt, wenn das eigene Hobby auch das der Kinder wird

Matthias kann diese Erfahrungen nicht bestätigen. Aber seine Tochter hat sich auch für ein Hobby entschieden, dem die ganze Familie nachgeht. Bei ihnen dreht sich alles um den Fasching. "Meine Frau und ich, wir sind beide im örtlichen Karnevalsverein aktiv. Da ist es ganz normal, dass jeder dabei ist und auch, dass jeder mal mit anpackt." Um die Kostüme seiner Tochter, einem preisgekrönten Tanzmariechen, kümmert sich dann aber doch lieber seine Frau. Ihr macht es gar nichts aus, wochenendenlang mit der Tanzgruppe auf Turnieren unterwegs zu sein und dafür vorher viele Abende der Nähmaschine zu opfern. "Ich liebe es, mit den anderen Müttern zusammenzusitzen, gemeinsam zu handarbeiten und zu quasseln." Schließlich war sie früher selbst ein Tanzmariechen und die meisten kennt sie noch von damals. Einer Zeit, in der auch ihre Mütter das Warten gemeinsam gestaltet haben.

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