05.11.2012, 10:46 Uhr | Nicola Wilbrand-Donzelli, t-online.de
Bei sexuellem Missbrauch muss nicht immer Gewalt im Spiel sein. (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)
Endlich allein ausgehen dürfen! Endlich angesagte Clubs und Partys besuchen! Was für Jugendliche der Inbegriff für Erwachsensein, Freiheit und Selbstständigkeit ist, löst bei vielen Müttern und Vätern Angst um ihr Kind aus. Sexueller Missbrauch gehört zu den größten Albträumen. Vor allem Eltern von Mädchen treibt die Sorge um, dass ihr flügges Küken gefährliche Kontakte knüpfen und schließlich sexuell bedrängt werden könnte. Verstärkt werden solche Ängste durch die Medien, in denen fast wöchentlich von Missbrauch an Minderjährigen berichtet wird. Ein Experte der Polizei gibt Tipps, wie Mütter und Väter ihre Kinder aufklären können, wie Teenager gefährliche Situationen vermeiden und im Ernstfall reagieren sollten.
"Rebecca wurde entführt, geschlagen und vergewaltigt, konnte sich schließlich aber selbst aus der Gewalt ihres Peinigers befreien", hieß es in den Nachrichten. Erst Mitte Oktober sorgte das Verbrechen an der siebzehnjährigen Schülerin aus Rostock bundesweit für Schlagzeilen. Das Mädchen war nach einem Discobesuch nachts allein zu Fuß unterwegs und wurde von einem vorbestraften Mann angesprochen, überwältigt, in seine Wohnung verschleppt und mehrfach missbraucht.
Der Missbrauch an Rebecca ist nur einer in der kriminalpolizeilichen Statistik. 2011 wurden bei der Altersgruppe zwischen 14 und 18 Jahren 1014 Missbrauchsfälle angezeigt, bei Kindern zwischen sechs und 13 Jahren sogar 12.444. "Hier sind die Zahlen so hoch, da alle sexuellen Handlungen, die an Kindern unter 14 Jahren vorgenommen werden, strafbar sind. Kinder bestimmen nämlich nicht freiwillig über ihre Sexualität", sagt Kriminaldirektor Andreas Mayer von der Polizeilichen Kriminalprävention der Länder und des Bundes.
Dabei geht es nicht nur um Vergewaltigung. Auch sexuelle Handlungen ohne Körperkontakt wie etwa das Zeigen von Geschlechtsteilen oder pornografischen Bildern gehören zum Tatbestand des Missbrauchs. Es sei ein Irrglaube, so Mayer, dass beim sexuellen Missbrauch an Minderjährigen immer körperliche Gewalt im Spiel sein müsse.
Die in der Polizeistatistik erfassten Fälle listen allerdings nur Verbrechen auf, bei denen polizeiliche Ermittlungen stattfanden. Dunkelfeldforschungen haben ergeben, dass dies nur die Spitze des Eisbergs ist und die Anzahl der sexuell missbrauchten Minderjährigen in Deutschland tatsächlich etwa sechs bis achtmal höher liegt. Danach hat in der Altersgruppe zwischen 14 und 18 Jahren durchschnittlich jedes vierte bis fünfte Mädchen und jeder neunte bis zwölfte Junge bereits sexuelle Gewalt erlebt.
Bei solchen Übergriffen spielt allerdings entgegen des weit verbreiteten Vorurteils der "böse Unbekannte" als Täter nur eine untergeordnete Rolle. Sexueller Missbrauch durch Fremde, wie im aktuellen Fall von Rebecca, ist also sehr selten. Meist, so die Polizei, kennen sich Opfer und Täter bereits vorher und stehen in einer bestimmten sozialen Beziehung zueinander.
Bei Jugendlichen spiele hier in den letzen Jahren immer häufiger das Internet und die sozialen Netzwerke eine besondere Rolle. Virtuelles Kennenlernen gehe nicht selten einem sexuellem Missbrauch voraus, erklärt Kriminaldirektor Mayer: "Gefühlt hat diese Art der Kontaktaufnahme stark zugenommen. Das lässt sich aber durch konkrete Zahlen noch nicht exakt belegen."
Ein Risiko, das den sexuellen Missbrauch zusätzlich begünstigen könnte, sehen Fachleute in der Verrohung und Sexualisierung der Sprache bei Jugendlichen. Abwertende Ausdrücke wie etwa "Schlampe", "Hure" oder "Titten" gehören zunehmend zum "normalen" Jargon. Beleidigendes und erniedrigendes Vokabular ist "salonfähig" geworden und könnte dazu führen, dass bei einem "Smalltalk" in der Disco bestimmte Hemmschwellen schneller überschritten werden und dann vor allem Mädchen zum Opfer werden.
Gerade solche Situationen ohne Vorsatz seien typisch für sexuellen Missbrauch unter Jugendlichen. In den seltensten Fällen würden die Täter den Übergriff planen, erläutert Andreas Mayer: "Den Tatbestand eindeutig nachzuweisen ist deshalb oft schwierig. Solche Dinge beginnen häufig sehr harmlos. Die Übergänge etwa von der SMS, über das Flirten bis hin zur obszönen Bemerkung und ungewollten Berührungen bei einem Treffen sind in aller Regel fließend. Dann kommt eins zum anderen und die Situation gerät außer Kontrolle."
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Quelle: Nicola Wilbrand-Donzelli, t-online.de
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