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Lügen als Instrument der Erziehung

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Erziehungsmethoden  

Warum fast alle Eltern ihre Kinder anlügen

27.04.2015, 11:56 Uhr | mmh, rev, t-online.de

Lügen als Instrument der Erziehung. Trost, Motivation, Feigheit - die Gründe sind vielfältig, das Mittel dasselbe: Lügen in der Erziehung.  (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Trost, Motivation, Feigheit - die Gründe sind vielfältig, das Mittel dasselbe: Lügen in der Erziehung. (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Hand aufs Herz: Sie haben bestimmt auch schon mal ihr Kind angelogen? Oder kleine Geschichten erfunden, natürlich nur zum Wohl des Kindes? Oder zumindest geflunkert? Fantasie-Gestalten wie Zahnfee und Osterhase mal gar nicht mitgerechnet. Obwohl Eltern ihre Kinder zur Wahrheitsliebe erziehen wollen, setzen fast alle Eltern auf kleine und große Lügen als Instrument der Erziehung. Forscher haben die sechs Kategorien der Erziehungslügen und ihre Gründe mal genauer angeschaut.

"Das kann ich heute nicht kaufen, ich hab kein Geld dabei, wir kommen morgen wieder!" - heißt eigentlich: "Nix wie raus aus dem Spielzeugladen, ich will Dir das nicht kaufen!" - "Wenn Du den Brokkoli aufisst, dann wird das Wetter schön und wir können morgen mit den anderen Kinder auf den tollen neuen Spielplatz gehen" - Übersetzung: "Mir schmeckt das Grünzeug auch nicht, aber es ist gesund, also iss." Dass die Zahnfee die Milchzähne holt, obwohl sie sowieso ausfallen, ist eines der neueren Lügenmärchen. Diese neue Fee macht Christkind und Osterhase Konkurrenz.

Lügen als Instrument der Erziehung

Eltern nehmen es in der Erziehung der Kinder nicht immer so genau mit der Wahrheit, wie sie es von ihren Kindern selbst einfordern. Zwar haben Eltern auch was das betrifft, eine wichtige Vorbildfunktion, jedoch kann ein wenig Flunkern die Erziehung hin und wieder erleichtern. Was ist also richtig? Sollten Eltern ihren Kindern immer die Wahrheit erzählen oder ist es manchmal hilfreich, ja sogar notwendig, die Unwahrheit zu sagen? Wann sind sie gefährlich, wann schonen sie die kleinen Seelen?

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Sechs Haupt-Kategorien der Erziehungslügen

Ein Forschungsprojekt aus den USA und China ist diesen Problemen nachgegangen und hat Eltern mit Kindern unter drei Jahren befragt. 84 Prozent der 114 befragten US-Amerikaner und 98 Prozent der 85 befragten Chinesen gaben zu, ihre Kinder schon mal zu belügen - nur zu Erziehungszwecken.

Weltweit scheint die beliebteste Lüge zu sein: "Wenn du jetzt nicht kommst, dann gehe ich und lass dich alleine hier" - Lüge und Drohung in einem. Dabei wissen eigentlich alle Eltern, dass Angst kein guter Erzieher ist, aber Überforderung und Genervtheit leider auch nicht.

Die Forscher sammelten die verschiedenen Lügen der Eltern. Es kristallisierten sich sechs Kategorien der Erziehungslügen heraus:

  • Essenslügen
  • "Ich gehe gleich"-Lügen
  • "Schlechtes-Benehmen"-Lügen
  • Geldlügen
  • "Du warst toll"-Lügen
  • Märchenlügen

Während die ersten vier Kategorien ein Instrument sein sollen, um ein bestimmtes Verhalten beim Kind zu bewirken, ist die Toll-Lüge entstanden, um die Gefühle eines Kindes nicht zu verletzen, die letzte Kategorie entspringt der Fantasie und soll diese anregen.

Falsches Lob statt Kritik

Natürlich meinen es alle Eltern gut, wenn sie dieses "Erziehungs-Mittel" verwenden. Wer sagt seinem Kind schon, dass sein Klavierspiel schrecklich klingt, "das klingt toll, mein Schatz" oder dass man auf dem selbstgemalten Bild nichts erkennen kann. "Das ist aber schön" soll motivieren.

Geschichten, die die Fantasie anregen

Geschichten vom Osterhasen, vom Weihnachtsmann oder von der Zahnfee sollen die Fantasie anregen, das ist Konsens. Niemand würde das als Lüge anprangern. ist es aber strenggenommen. Viele Kinder machen aus Neugier und Vorfreude auf ein Geschenk das Spiel mit, auch wenn sie die Lüge längst erkannt haben. Vor allem bei Anlässen wie Weihnachten nehmen die Einflussmöglichkeiten der Eltern auf ihre Kinder zu, weil der Nachwuchs aus Sorge, es könnte keine Geschenke geben, vieles glaubt und mitmacht.

Dieses Instrument des "parental lying", also der Eltern-Lügen hat immer ein Ziel, es geht nicht um den Lügner selbst, sondern immer um die anderen. Es geht um Gefühle, um Fantasie und um Gehorsam.

"Wenn Du Brokkoli isst, musst Du öfter pupsen"

Kleine Überredungs-Lügen können durchaus nützlich sein - zum Beispiel im Dienst der gesunden Ernährung. Hier wird schon einmal ein wenig geflunkert werden, damit die Kinder sich ausgewogen ernähren und somit eine Basis für die Gesundheit im Erwachsenenalter gelegt wird. Wenn Kinder keine Möhren mögen, könnte dieser Spruch sie überzeugen: "Wenn Du als Kind Möhren isst, wirst Du später durch Wände sehen können - wie Supermann." Oder, ein anderes Beispiel, das bei Jungs Wirkung zeigt: "Wenn Du Brokkoli isst, musst Du öfter pupsen."

Flunkertricks von cleveren Müttern

Im Übrigen können Lügen auch helfen, das Fehlverhalten von Kindern zu korrigieren. So berichtet Reader's Digest zum Beispiel von einer Mutter, die mit ihrem Auto anhält, sobald sich eines der Kinder während der Fahrt abschnallt. "Hat jemand seinen Gurt aufgemacht?", fragt die Mutter, um sogleich hinzuzufügen: "Das Auto funktioniert erst dann wieder, wenn alle ihre Gurte angelegt haben."

In einem anderen Fall erzählte eine Frau dem Nachwuchs, der Arzt habe ihre Ohren neu eingestellt, damit sie das Quengeln nicht mehr hören könne. Erst wenn die Kinder sie wieder in normalem Tonfall ansprechen würden, könne sie etwas hören. Eine Lüge, die erfolgreich war.

Immer wieder gern genutzt, ist auch der Trick: "Mütter haben auch hinten Augen." Das heißt, Müttern bleibt nichts verborgen, auch wenn es hinter ihrem Rücken geschieht, sie sind allwissend.

Irgendwann funktioniert das Flunkern nicht mehr: Spätestens, wenn die Kids das erste Mal die Eltern beobachten, wie sie aus der Wand Geld zaubern, also am Bankautomaten Geld abholen, zieht die Ausflucht, "ich habe kein Geld dabei" nicht mehr.

Angst machen gilt nicht

Schlechtes Gewissen und Angst vor bösen Menschen wird als Erziehungsmittel genutzt und in Bemerkungen verpackt, wie "wenn Du so rumschreist, dann werden die Nachbarn böse".

Ganz unten auf der Skala der beliebten Lügen rangiert die Drohung mit dem Tod. Laut Forscher greifen vier Prozent der Amerikaner und 21 Prozent der Chinesen zu einem Satz wie "wenn Du Dich nicht benimmst, werfen wir dich den Fischen zum Fraß vor".

Chinesische Eltern setzen diese Tricks ein, um bescheiden zu wirken und so Lob zu ergattern, US-Eltern nutzen die Flunkereien als Motivationsschub, sich noch mehr anzustrengen, und damit guten Eindruck zu machen.

Lügen als Kosten-Nutzen-Rechnung

Das Fazit der Forscher: Eltern meinen es gut, sie lügen mit guter Absicht. Manche stellen anscheinen eine Art Kosten-Nutzen-Rechnung auf: "Meine Taktik wäre, weiterzugehen und zu lügen, denn es spart Zeit und Nerven und es tut den Kindern nicht weh", so bringt es einer der Befragten auf den Punkt. Andere berichten, es wäre zu schwierig, den wahren Sachverhalt zu erklären, Kidner könnten es doch noch nicth verstehen, beispielsweise wenn es um das Familien-Budget geht. Es geht um kurzfristige Lösungen für aktuelle Probleme und um direkt anstehende Ziele.

Überforderung, Stress und blanke Nerven schimmern durch Begründungen wie dieser: "Die meisten Lügen, die ich meinen Kindern erzählt habe, waren letzte Rettung und entsprangen einer Verzweiflung heraus." oder dieser: "Wenn Eltern am Durchdrehen sind, tun sie alles."

Eltern stecken oft in einem moralischen Dilemma, wenn sie sich einer Lüge bedienen, das scheint weltweit gleich zu sein. Verschiedene Formen der Lüge werden stärker oder gar nicht von der Gesellschaft akzeptiert. In Bezug auf Kindern hängt diese Akzeptanz auch davon ab, wie weit die intellektuelle Entwicklung der Kinder ist und wie groß ihr Erfahrungshorizont, um Geschehnisse einzuordnen. Doch kann dauerhaftes Lügen die Vertrauensbasis zwischen Eltern und ihren Kindern erheblich erschüttern.

Wann Lügen unangebracht sind

Es gibt Lügen, die helfen sollen, die kindliche Unschuld zu schützen. Das gilt für negative Aspekte im täglichen Leben, aber auch für peinliche Situationen im privaten Umfeld. Oft wird der Tod geliebter Menschen umschrieben: "Der Opa sitzt auf einer Wolke und passt auf Dich auf." Wer seinen Kindern zum Beispiel beim Thema Sex wiederholt Märchen erzählt, statt eine vernünftige Erklärung zu geben, darf sich nicht wundern, wenn er eines Tages von unangenehmen Fragen überrascht wird.

Besonders unangebracht seien Lügen, wenn sie zur Bildung von Familiengeheimnissen führen, wie etwa die Verheimlichung der Adoption gegenüber dem Kind. Pia Deimann, Entwicklungspsychologin an der Universität Wien, erklärt dazu: "In diesem Fall gibt es keinen anderen guten Weg als die Wahrheit, so sehr sie auch schwer fällt und Diskussionen auslöst. Die Aufgabe lautet allerdings, die Wahrheit freundlich zu gestalten", so die Expertin.

Die Wissenschaftler legten den befragten Eltern zum Gegencheck auch ganz geläufige Kinder-Lügen vor, beispielsweise "die Katze hat meine Hausaufgaben gefressen", "Der Wind hat das Glas umgestoßen". Diese wurden von den Eltern weit weniger akzeptiert, als die Lügen der Erwachsenen.

Akzeptierte Unwahrheiten prägen Heranwachsende

Die Forscher erweitern den Horizont ihrer Fragestellung: Wie beeinflusst diese Erfahrung der akzeptierten und instrumentalisierten Lüge die Kinder im Heranwachsen? Wie stehen sie als Erwachsene Lügen gegenüber? Wie kann die Gesellschaft Eltern unterstützen, damit sie die Herausforderungen der Erziehung meistern?

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