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Kino-Dokumentation "Alphabet": Interview mit Regisseur Erwin Wagenhofer

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Interview mit "Alphabet"-Regisseur Wagenhofer  

"Es geht um Macht und Ideologie!" - Was Bildung ist und sein könnte

25.10.2013, 16:16 Uhr | Maria Magdalena Held, t-online.de

Kino-Dokumentation "Alphabet": Interview mit Regisseur Erwin Wagenhofer. Angstmache und Erbsensortieren - in seinem Film Alphabet demaskiert Regisseur Erwin Wagenhofer unser Bildungssystem.  (Quelle: Lukas Beck)

Angstmache und Erbsensortieren - in seinem Film "Alphabet" demaskiert Regisseur Erwin Wagenhofer unser Bildungssystem. (Quelle: Lukas Beck)

Es war "das Schwierigste, das ich je gemacht habe", sagt Regisseur Erwin Wagenhofer über seine Kinodokumentation "Alphabet. Angst oder Liebe", in dem er aktuelle Bildungskonzepte in Frage stellt. Nach "We Feed the World" und "Let´s Make Money" ist damit seine Trilogie abgeschlossen. Vier Jahre lang hat ihn das Thema Bildung beschäftigt, zweieinhalb Jahre dauerte die Produktion. Der Film spannt den Bogen von den Angstsystemen hin zu den Möglichkeiten, wie es auch anders gehen könnte. Was den Film so schwierig machte, verrät der 52-jährige Österreicher im Interview mit t-online.de.

t-online.de: Warum nach Nahrung und Finanzen das Thema Bildung? Sind diese drei Bereiche für Sie gleichwertig?

Erwin Wagenhofer: All diese Fehlentwicklungen im Nahrungsmittelbereich und noch krasser im Finanzmarkt werden von Entscheidungsträgern - ob in New York, London oder Frankfurt - getroffen, die alle akademisch gebildet sind. Wenn diese Menschen das Wirtschaftssystem an den Rand bringen, dann stimmt in diesem Bildungssystem etwas nicht.

"Leistungsorientiert, alles andere ist egal"

Dokumentation "Alphabet" setzt sich mit der Bildung unserer Kinder auseinander.

Dokumentation "Alphabet" setzt sich mit der Bildung unserer Kinder auseinander.


t-online.de: Wenn in den ersten beiden Filmen Banken und Nahrungsmittelindustrie die Sündenböcke sind, wer ist es denn dann im Bereich Bildung?

Erwin Wagenhofer: Wir! Wenn wir Demokratie ernst nehmen, dann haben wir ja auch Möglichkeiten uns zu wehren, zu wählen, Bürgerinitiativen zu gründen. Denn die Politik hat sich längst verabschiedet und ist mit der Wirtschaft eine Koalition eingegangen und will natürlich, dass der Wirtschaft junges Nachwuchsmaterial zugeführt wird, das gut ausgebildet ist. Von Bildung in dem eigentlichen Sinn haben wir uns ja immer mehr entfernt.

t-online.de: Sie sprechen sicherlich nicht nur von formaler Bildung?

Erwin Wagenhofer: Bildung ist ja ein sehr schwammiger Begriff, aber er fasst das alles zusammen, wie ein junger Mensch an das Leben herangeführt wird. Das Tolle wäre, wenn sich dieser junge Mensch dann in dieser Welt gut zurechtfinden würde. Dass das nicht der Fall ist, sieht man zum Beispiel in Spanien. Dort sind 55 Prozent der jungen Menschen bis 35 ohne Arbeit. Das bedeutet ja, dass die Allermeisten von ihnen durch genau dieses Bildungssystem gegangen sind und jetzt alle nicht aus sich selbst schöpfen können. Sonst könnten sie ja mit dieser Situation irgendwie zurechtkommen. Die aber sind richtig paralysiert. Die sind nur dressiert für das alte System.

t-online.de: Angst oder Liebe - das sind für Sie die beiden Pole zwischen denen sich die Bildungssysteme bewegen?

Erwin Wagenhofer: Ich meine nicht nur das Bildungssystem, auch das ganze Leben. Ich bin wirklich gerne hier, aber was mich fürchterlich stört, ist diese ständige Angstmache. In den Medien und zuvor schon im Elternhaus. Warum machen wir den Leuten immer Angst? "Wir müssen wirtschaftlich denken", das sind so abgedroschene Floskeln, und die hören wir ununterbrochen. Genauso wie: "Wir müssen jetzt in Bildung investieren". Bedeutet das, dass alle jetzt zu McKinsey gehen? Dass alle jetzt Universitäten absolvieren? Das wird gar nicht hinterfragt!

t-online.de: Herr Schleicher mit seinen Pisa-Tests ist ja eigentlich ein Vertreter der Angst, von Leistungsdruck.

Erwin Wagenhofer: Sein Auftraggeber ist die OECD, er ist sehr zerrissen, in Wirklichkeit wüsste er schon, was zu tun ist, aber sein Job ist eben, ein Ranking einzuführen. Und: Ein Ranking wird nur dazu gemacht, um jemandem Angst einzujagen. Das ist das Hauptdrama der Schule. Wer schlecht ist, hat auf lange Sicht Angst, was passieren könnte. Aber es könnte ja sein, dass das Talent von diesem jungen Menschen ganz woanders liegt. Dieses Kind könnte zum Beispiel sozial enorm hohe Kompetenzen haben, aber das interessiert uns nicht. Sie sehen bei diesen Eliten, die bei McKinsey landen, dass die genauso Angst haben. Die jungen Frauen trauen sich gar keine Kinder mehr zu bekommen. Was ist das denn für eine Gesellschaft geworden? Viel absurder geht es ja überhaupt nicht mehr!

t-online.de: Glauben Sie, dass jeder Mensch die Möglichkeit hat, den für ihn richtigen Weg der Bildung zu finden?

Erwin Wagenhofer: Im jetzigen System sicher nicht. Das ist ja ein Selektionsystem, eine Erbsensortieranlage, bei der ständig die Erbsen springen: das sind die Kinder und die Erbsen, die die richtige Größe für das Gitter haben, kommen weiter, die anderen werden ausgesiebt.

t-online.de: Wenn Sie ein Programm aufstellen würden, wie sich Bildung ändern sollte, was wären die Hauptpunkte?

Erwin Wagenhofer: Einen Punkt würde ich ganz an den Anfang schreiben, nämlich eine andere Perspektive auf die Kinder einzunehmen, wenn sie zur Welt kommen. Die meisten Leute, die Pädagogen und Lehrer nehmen den Standpunkt ein, die Kinder kommen zur Welt und sind leere Wesen, jetzt müssen wir sie anfüllen, sie belehren. Wir müssen sie anfüllen mit einem Wissen, von dem wir glauben, das können sie, wenn sie erwachsen sind, brauchen. Niemand weiß, was in 20 Jahren gebraucht wird. Ich glaube, wir müssen folgende Perspektive einnehmen: Kinder kommen zur Welt und bringen schon alles mit. Sie haben ihre Gaben und Talente schon mitbekommen. Jetzt sollte sich ein zukünftiges System darüber Gedanken machen, wie können diese Talente zur Entfaltung kommen. Dann können diese Menschen auch geben, denn Gabe und geben hängt zusammen. Wir sollten endlich aufhören, das ganze Leben nur einem wirtschaftlichen Nutzen unterzuordnen.

t-online.de: Was könnte man tun, damit man nicht erst im Nachhinein schlauer ist?

Erwin Wagenhofer: Ich werde oft gefragt, ob ich solche Filme mache, weil ich mit der Schule abzurechnen habe. Das ist nicht so, ich habe jede Schule, die ich angefangen habe, auch abgeschlossen. Und ich habe am letzten Schultag geweint, weil ich wusste, dass ich meine Freunde nicht mehr sehen und nie mehr so eine freie Zeit haben werde. Der Druck, den wir hatten, war ja viel geringer. Es war auch völlig klar, dass wir eine Arbeit bekommen. Wer heute nicht in den MINT-Fächern, in Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik gut ist, der wird Probleme haben. Das wird diktiert, wie von einem Diktator. Das sind die Arbeitslosen der Zukunft. Unsere Gesellschaft, hat materiell viel erreicht, aber emotional sind wir verarmt. Und darum sehen wir auch so viele frustrierte Menschen.

t-online.de: Wie könnten Schulen das umsetzen?

Erwin Wagenhofer: Wenn die Schule folgendermaßen arbeiten würde: "Ich zeige euch heute Mathematik und wen das interessiert, der soll da weitergehen. Dann zeigen wir euch Sprachen, dann zeigen wir auch Tanzen, nicht damit wir alle Tänzer werden, sondern damit ihr euren Körper überhaupt einmal kennenlernt." Schauen Sie an, wie viele Menschen verkrampft durch die Gegend gehen! Das würde so nicht passieren, das haben wir alles verlernt, weil vom ersten Tag an befohlen wird, es wird nur gemacht, was gesagt wird. Die Haltung hinter der Bildung ist das Entscheidende. Will der Pisa-Test, dass die Menschen in Zukunft besser lesen, schreiben, rechnen können? Will er, dass die Menschen glücklicher sind? Nein, das will er sicher nicht. Es geht in der ganzen Bildungsdebatte um die Erhaltung von Macht und Ideologie. Das ist das Drama.

t-online.de: Waren die Recherchen zu dem Bildungsthema vergleichbar zu den anderen Themenblöcken Nahrung und Banken?

Erwin Wagenhofer: Es war viel schwieriger. Das Schwierigste, das ich je gemacht habe.

t-online.de: Was hat es so schwierig gemacht?

Erwin Wagenhofer: Dass ich das sehr wasserdicht machen wollte. Ich muss ja einen kräftigen Film machen, sonst bewegt der nichts. Und in China einen chinesischen Universitätsprofessor zu finden, der sagt "Stopp, das ist alles falsch", war nicht einfach. Aber ich muss diese Stellvertreter finden, die das für mich sagen.

Herzlichen Dank für das Gespräch.

Filmstart ist in deutschen Kinos am 31.10.2013.

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