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"Mission Familie": Erziehungs-Soap mit Mitgefühl statt Schadenfreude

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TV-Kritik "Mission Familie"  

Die andere "Super-Nanny" hilft mit Harmonie und Bambusstöcken

26.03.2014, 19:54 Uhr | tze, t-online.de

"Mission Familie": Erziehungs-Soap mit Mitgefühl statt Schadenfreude. "Mission Familie": Psychologin Alina Wilms begleitet Sorgenkind Jannik in die Schule. Der Junge gilt als ADHS-Kind. (Quelle: Sat.1)

"Mission Familie": Psychologin Alina Wilms begleitet Sorgenkind Jannik in die Schule. Der Junge gilt als ADHS-Kind - zu Unrecht. (Quelle: Sat.1)

Am Ende packt die neue TV-Nanny die Stöcke aus, um das Problemkind zur Vernunft zu bringen. Aha, ein neuer TV-Skandal? Eine neue Doku-Soap, die kaputte Familien bis zur Unerträglichkeit inszeniert? Weit gefehlt. "Mission Familie", die verkappte Neuauflage des Formats "Super Nanny", kommt als betont seriöse Hilfsmission daher. Wer anderes erwartet, sollte weiterzappen, wer sich darauf einlässt, bekommt einen Crash-Kurs in (Kinder)Psychologie.

Albern war das mediale Geplänkel im Vorfeld um die "Super Nanny", die nun bloß nicht mehr "Super Nanny" heißen sollte. Unter diesem Titel hatte RTL sieben Jahre lang die Diplom-Pädagogin Katharina Saalfrank zu schwer erziehbaren Kindern und zerrütteten Familien geschickt. Zuletzt war die Doku-Soap wegen Gewaltszenen in den Familien massiv von Kinderschützern kritisiert worden.

Saalfrank stieg 2011 aus, nach eigenem Bekunden weil der Sender massiv in ihre erzieherische Arbeit eingegriffen habe, "teilweise sogar gegen pädagogische Interessen." Später distanzierte sie sich von der "stillen Treppe" und ähnlichen in der Sendung propagierten Erziehungsmaßnahmen.

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Neuer Ansatz: Mitgefühl statt Schadenfreude

Nun hat Sat.1 nach Angaben des Medienmagazins DWDL die Lizenz für das in Großbritannien entwickelte TV-Format "Supernanny" übernommen und in "Mission Familie" umbenannt, doch die Produktionsfirma ist dieselbe geblieben. Mit dem geänderten Titel und der Neubesetzung versucht Sat.1 geschickt, das angekratzte Image der Erziehungs-Soap abzustreifen. Und das ist ein Pluspunkt. Klare Botschaft der ersten Folge: Hier wird kein Unterschichtenmilieu inszeniert, sondern eine ganz normale Familie wie ihr und wir, mit Problemen, die jeden treffen können.

Mehr Psychologie als Pädagogik

"Mission Familie" setzt außerdem stärker auf Psychologie als auf geradlinige Pädagogik. Das liegt nahe, schließlich arbeitet die neue "Nanny" Alina Wilms seit vielen Jahren als Familien- und Trauma-Psychologin. "Es wäre schön, wenn unsere Zuschauer Empathie für die betroffenen Familien empfinden und sich mit ihnen freuen, wenn positive Veränderungen geschehen", sagte Alina Wilms im Interview mit T-Online.de.

Erster Fall: Jannik mit der zweifelhaften ADHS-Diagnose

Der erste Fall führt Wilms nach Wismar zur vierköpfigen Familie Peitsch. Das Sorgenkind ist der neunjährige Jannik, der nach der Einschulung die Diagnose ADHS und gleich dazu als Therapie die üblichen Medikamente bekam. "Danach wurde alles noch schlimmer", klagt seine Mutter Ramona (29) und sagt mit stockender Stimme "Ich habe ganz doll Angst vor der Zukunft, Angst, dass er vor die Hunde geht."

Resolut und optimistisch stiefelt die Psychologin ins Haus, um der Familie zu helfen. Eine Woche lang nimmt sie am Familienalltag teil, beobachtet typische Problemsituationen, geht mit in die Schule und führt vertrauliche Gespräche mit Jannik, Mutter Ramona und Stiefvater Marian. Es fließen Tränen.

Jannik ist ein intelligenter, aufgeweckter Kerl, aber von innerer Unruhe getrieben, in der Schule ein unkonzentrierter Störenfried, gegenüber der zweijährigen Schwester mal der fürsorgliche große Bruder, dann wieder ein aggressiver Tyrann. Hochkonzentriert bei der Sache ist er aber, wenn er mit Marian am Auto schraubt oder einen Modellbausatz zusammenbaut. Passt das zu ADHS? Psychologin Wilms hat Zweifel.

Praxistipps wie beim Tele-Kolleg

Damit die Zuschauer etwas lernen, schließlich ist "Edu-Tainment" das Konzept der Sendung, werden häppchenweise Praxistipps eingeblendet wie beim Tele-Kolleg: Das ist ADHS. Das sind die Nachteile der ADHS-Medikamente. So funktioniert die paradoxe Intervention für den Hausgebrauch.

Und das ist auch die wichtigste Lektion der ersten Folge: Mit der paradoxen Intervention, doziert die Psychologin, setzt man auf den Überraschungseffekt. "Statt das Kind zu maßregeln, macht man genau das Gegenteil und versucht, sein Fehlverhalten noch zu toppen." Am besten so lange, bis das Kind selbst genervt ist und sein Verhalten reflektiert.

Paradoxe Intervention - Mutige machen es im Supermarkt

Nur für mutige Eltern praxistauglich ist allerdings Wilms' Anwendungsbeispiel im Supermarkt: Bei Quengelkassenterror trampele und kreische man noch lauter als der kleine Krawallmacher, werfe sich bestenfalls selbst auf den Boden, bis sich das Kind schließlich für seine Eltern schämt. "Diese Situation wird nur einmal vorkommen."

Eine pädagogische Neuheit ist dieser Erziehungstrick keineswegs, aber bei Jannik und seinen Eltern greift der Überraschungseffekt. Statt Hausaufgaben zu machen, zappelt der Junge mit Stift und Heft um den Tisch herum, die Ermahnungen seiner sichtlich genervten Mutter laufen ins Leere. Dann kehrt die Psychologin die Rollen um: Gelangweilt hängt sie im Stuhl, kaut am Stift und lenkt Jannik immer wieder ab, bis er von sich aus die Aufgabe endlich fertigmachen will.

Die Psychologin dringt zur Schlüsselszene vor

Das ist natürlich noch nicht die Lösung, die Probleme liegen viel tiefer. Die Familienmitglieder vertrauen Wilms ihre Sorgen an. Sie erfährt, dass Janniks größte Angst die Trennung von der Mutter ist, dass die kleine Schwester ins Haus kam, als er in den Ernst des Lebens hinaus musste, dass mit der Schule die Probleme begannen, dass der Neunjährige einen zermürbenden Ärzte- und Therapiemarathon mit den unterschiedlichsten Diagnosen hinter sich hat.

Dann fördert Wilms bei Mutter Ramona eine Schlüsselsituation zutage: Als Kleinkind musste Jannik mit akuter Atemnot ins Krankenhaus, drohte zu ersticken. Die lebensbedrohliche Situation hat Mutter und Kind belastet. Wilms folgert: Die als ADHS gedeutete Konzentrationsschwäche ist die Folge eines frühkindlichen Traumas. Das gelte es, mit einem Therapeuten aufzuarbeiten, der Jannik auch durch die Schulzeit begleitet.

Therapie mit Bambusstöcken

Und dann überrascht Psychologin Wilms die Familie mit vier Bambusstöcken aus ihrem therapeutischen Notfallkoffer: Philippinischer Stockkampf, eine fernöstliche Bewegungsmeditation, soll Jannik helfen umzuschalten, wenn er völlig überdreht. Das spielerische Stockgefecht mit Mutter oder Vater zwingt ihn zur Konzentration - und macht Spaß. Das Sorgenkind lässt sich darauf ein und bekommt zum Abschied feierlich ein Motivationsvideo fürs Selbstwertgefühl überreicht.

Erster Eindruck von "Mission Familie": Knapp an der Harmoniefalle vorbei inszeniert und etwas langatmig, aber lieber eine Prise zu viel Harmonie als eine Überdosis Trash. Doku-Soaps zum Fremdschämen gibt es in den TV-Kanälen schon genug. Da bleibt zu hoffen, dass Sat.1 das Format nicht um der Quote willen ins alte Muster zurückfallen lässt.

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