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Saskia Jungnikl: "Papa hat sich erschossen"

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"Papa hat sich erschossen"  

Saskia (33) musste als Kind den Selbstmord ihres Vaters verarbeiten

07.11.2014, 14:36 Uhr | Simone Blaß, t-online.de

Saskia Jungnikl: "Papa hat sich erschossen". In ihrem Buch "Papa hat sich erschossen" beschreibt Autorin Saskia Jungnikl, wie sie als Kind den Selbstmord ihres Vaters erlebte. (Quelle: Rafaela Pröll; S. Fischer Verlag )

In ihrem Buch "Papa hat sich erschossen" beschreibt Autorin Saskia Jungnikl, wie sie als Kind den Selbstmord ihres Vaters erlebte. (Quelle: Rafaela Pröll; S. Fischer Verlag )

Rund 10.000 Menschen nehmen sich jährlich in Deutschland das Leben - eine Zahl, die höher liegt als die der Verkehrstoten und Mordopfer zusammen. Die meisten von ihnen sind männlich, oft im mittleren Alter, quer durch alle Gesellschaftsschichten. Viele haben Kinder, die den Verlust als besonders verstörend erleben. Die Spätfolgen für die Kinder sind einerseits von der Persönlichkeitsstruktur abhängig, andererseits aber auch stark davon, wie das Umfeld mit dem Freitod umgeht.

"Sein Tod teilt mein Leben in ein Vorher und Nachher." Saskia Jungnikls Vater hat sich umgebracht und damit Ohnmacht und Entsetzen hinterlassen. Der frühe Verlust eines Elternteils erschüttert einen Menschen immer in seinen Grundfesten. Geschieht er durch Suizid, so gerät das komplette Urvertrauen ins Wanken. Diese Gefühle verarbeitete die heute 33-jährige Frau jetzt mithilfe eines Buches.

In "Papa hat sich erschossen" beschreibt sie, wie der Selbstmord eines Elternteils dazu führt, dass das Gedankenkarussell durchdreht: "Ich versuche mich an alles zu erinnern, was er zu mir gesagt hat. Ich zermartere mir das Hirn: Was war ein Hilferuf? Was war unwichtig? Was war ein Zeichen?"

UMFRAGE
Sollte man auch schon mit Kleinkindern über den Tod sprechen?

Suizid ist ein Tabuthema. Bei den Hinterbliebenen kommen oft auch Schuldgefühle dazu, Verunsicherung, Scham und Wut. So wie bei Saskias Mutter: "Ich war sehr lange wütend auf ihn. Weil er euch Kindern das angetan hat. Ich war wütend auf den Mörder, der das getan hat, aber auch unglücklich, traurig und mitfühlend für das Opfer. Er war ja auch sein eigenes Opfer."

Es fällt oft schwer, eine positive Erinnerung zu bewahren

Das Unverständnis, warum der andere einen im Stich gelassen hat, freiwillig gegangen ist, das Gefühl, nicht genug geliebt worden zu sein oder vielleicht auch nicht genug Liebe gezeigt zu haben, das bleibt. Negative Erinnerungen überwiegen. Gerade die letzte Erinnerung spielt hier eine große Rolle. Doch es ist wichtig, dem Kind oder Jugendlichen dabei zu helfen, sich für andere Erinnerungen zu öffnen. "Man wird einem Menschen nicht gerecht, wenn man ihn auf eine letzte SMS oder ähnliches beschränkt. Gute und schlechte Erinnerungen haben nebeneinander ihren Platz", erklärt Sozialpädagogin Elisabeth Brockmann von der AGUS-Selbsthilfe.

"Kinder suchen immer die Schuld bei sich. Daher ist es so wichtig, dass sie erfahren, dass sie keine Schuld tragen." Auch dann nicht, wenn es vorher einen Streit oder schlechte Noten gab. "Die Kinder müssen wissen, dass es die Entscheidung eines erwachsenen Menschen war und dass sie keine Möglichkeit gehabt hätten, diese zu beeinflussen. Ähnlich wie bei einer Trennung", so Brockmann.

Die Kinder sind der Unsicherheit der anderen schutzlos ausgeliefert

Es gibt Faktoren, die die Trauer nach einem Suizid zusätzlich erschweren. Dazu gehört der Fund des Toten, genau wie die Tatsache, dass es bei einer solchen Todesursache unter anderem zu Verhören oder der Beschlagnahmung der Leiche kommt.

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Aber auch die Reaktion des Umfelds macht es oft schwer. "Sprachlosigkeit, Scham und Unverständnis führen häufig dazu, dass die Familien, in denen ein Suizid passierte, gemieden, die Kinder isoliert werden. Die Ursache ist oft Unsicherheit. Die Kinder sind dem schutzlos ausgeliefert", schreibt Ulrich Roth. Der Klinik- und Psychiatrieseelsorger hat ein Kinderbuch mit dem Titel "Da spricht man nicht drüber" veröffentlicht, das helfen soll, etwas zur Sprache zu bringen, was sprachlos macht. 

Nicht den Suizid verschweigen

Gerade kleinen Kinder versucht man oft, den Suizid zu verschweigen. Man möchte dem Kind etwas ersparen, was man selbst nicht versteht. Man findet keine Worte und möchte schützen. Dieses Geheimnis belastet allerdings die ganze Familie und erschwert die Verarbeitung des Verlusts. Es birgt das Risiko, dass andere das Kind unvorbereitet damit überfallen.

Ein Kind spürt, wenn über etwas nicht gesprochen wird. Viele Betroffene schildern später ein verletzendes Gefühl des Ausgeschlossenseins, einen weiteren Vertrauensbruch. Kinder haben ein Recht auf altersangemessene Ehrlichkeit. Sie brauchen gerade in so einer Situation die Erfahrung, sich auf Erwachsene verlassen zu können.

Eine Untersuchung an der Katholischen Hochschule Freiburg hat ergeben, dass nur wenige der betroffenen Kinder nach dem Selbstmord eines Elternteils Unterstützung bekamen. Viele beklagten, dass sich das Umfeld nur um den hinterbliebenen Elternteil kümmerte, die Kinder darüber vergessen wurden.

Kinder trauern ganz anders als Erwachsene

"Es ist unbedingt notwendig, mehr über die Trauerreaktionen von Kindern und Jugendlichen zu wissen. Sie haben ein starkes Bedürfnis, Normalität in ihrem Leben wieder herzustellen. Das ist eine sehr gesunde Reaktion. Das heißt im Umkehrschluss aber nicht, dass sie nicht trauern", erklärt Brockmann. "Jemand hat einmal gesagt: Kinder trauern in Pfützen, Erwachsene durchschwimmen einen Ozean. Ich finde, treffender könnte man es nicht ausdrücken."

Der Verlust wird von Kindern, auch abhängig von ihrem Entwicklungsstand, anders wahrgenommen. "Oft sind sie in einem Moment herzzerreißend traurig und im nächsten schon wieder ins Spiel versunken, das ist ganz normal." Dabei kann das Spiel auch eine Art der Verarbeitung sein. Genau wie regressives Verhalten, Aggressivität oder Konzentrationsstörungen ein Teil der Trauer sein können.

Auch dass Jugendliche so schnell wie möglich wieder Normalität einkehren lassen wollen, gehört zum Trauerprozess dazu, stößt aber beim Umfeld oft auf Unverständnis. Die jungen Leute werden dann entweder für besonders gut "funktionierend" gehalten oder für kaltherzig - beides wird ihnen nicht gerecht. "Ich bin ein großer Befürworter des Verdrängens. Es hilft dabei, etwas erst dann zu erleben, wenn man es auch bewältigen kann. Verdrängen ist auch ein Selbstschutz, ein Auf-sich-Aufpassen", meint Brockmann. "Wichtig ist es aber, einem Kind oder Jugendlichen zu vermitteln: Ich bin da. Ihm Gesprächsbereitschaft zu signalisieren, das Tempo und die Inhalte aber ihm zu überlassen."

Wenn man selbst Kinder bekommt, kommt alles wieder hoch

Wichtig ist vor allem, dass sich der hinterbliebene Elternteil Unterstützung holt. "Je stabiler man selbst ist, desto eher kann man seinen Kindern zur Seite stehen." Trotzdem kann es Jahre dauern, bis jemand bereit ist, das wirklich an sich heranzulassen. Manchmal kommt die Auseinandersetzung mit dem Tod des Elternteils auch erst, wenn man selbst das entsprechende Alter erreicht hat oder eigene Kinder hat.

"Da kommt dann alles noch einmal hoch und das ist gut so. Denn als Erwachsener hat man ein ganz anderes Handwerkszeug, um mit der Situation umzugehen", sagt Brockmann.

Informationen über Trauerkreise oder entsprechende andere Angebote in der Umgebung finden Betroffene bei der AGUS-Selbsthilfe (Angehörige um Suizid): www.agus-selbsthilfe.de

Buch-Tipp: "Papa hat sich erschossen" von Saskia Jungnikl. Fischer Verlag. 2014.

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