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Generation Gartenzwerg: Kinder wollen heute Spießer werden

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So geht Rebellion heute  

"Spießer haben tolle Autos - das will ich auch mal!"

10.11.2014, 10:12 Uhr | Simone Blaß, t-online.de

Generation Gartenzwerg: Kinder wollen heute Spießer werden. Früher ein Schimpfwort, heute total angesagt: Spießer sein. (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Früher ein Schimpfwort, heute total angesagt: Spießer sein. (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

"Wir sind die, vor denen uns unsere Großeltern immer gewarnt haben." Philipp Riederle, von dem diese Worte stammen, ist das personifizierte Schreckgespenst der Alt-68er. Der gerade mal 21-Jährige ist auf dem Gebiet der Unternehmensberatung äußerst erfolgreich und sieht sich als Teil einer neuen Generation von Spießern. Diese Generation Gartenzwerg ist nicht schleichend aufgetaucht, sondern wurde bereits vor Jahren in einem Werbespot der LBS angekündigt, den der Trendforscher Stephan Grünewald als prophetisch bezeichnete. Der Kernsatz: "Wenn ich groß bin, will ich auch mal Spießer werden!"

Der vierjährige Jonas steht im Kindergarten, sein Hemd bis oben zugeknöpft, ein modisches Brillengestell auf der Nase, das Haar sorgfältig nach hinten gekämmt. Ausführlich erklärt er der Erzieherin, warum und wieso er bei Nieselregen grundsätzlich nicht rausgehe und dass es seiner Mama vielleicht egal sei, ob seine Schuhe dabei dreckig werden, ihm aber keinesfalls. Dass die anderen Kinder ihn mit großen Augen ansehen und die Erzieherin ein Kopfschütteln nicht vermeiden kann, scheint ihm ebenfalls egal zu sein.

Auch der kleine Max weiß genau, was er will. Er weiß auch, was ein Spießer ist: "Spießer wissen, wie es richtig geht, haben einen Gartenzaun und tolle Autos. Das will ich auch mal!"

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Empfinden Sie Kinder und Jugendliche heute auch zunehmend als spießig?

Früher nannte man sie altklug

Kinder wie Jonas und Max sind anders als andere Kinder, sie suchen eher die Nähe von Erwachsenen. Früher nannte man solche Kinder altklug - das Gegenstück zum kleinen Chaoten auf der Bandbreite der Persönlichkeiten.

Aber, so gibt der Diplompsychologe Ulrich Gerth zu bedenken, es kann auch etwas anderes dahinterstecken: "Viele Eltern reden heute so vernünftig mit ihren Kindern, fast so, als wären diese bereits erwachsen. Alles wird besprochen, argumentiert, die Kinder sollen lernen, dass man gut begründen muss, was grundsätzlich etwas Positives ist. Wenn man es aber übertreibt, ständig auf das Kind einredet und an seine Vernunft appelliert, dann geht die kindliche Spontaneität verloren."

Spießer made by Elternhaus

Entwickelt sich das eigene Kind zum notorischen Besserwisser, dann gilt es, die Bremse zu ziehen. Auch dann, wenn es Recht hat. Denn man tut dem Kind keinen Gefallen, wenn man es weitermachen lässt. Es muss lernen, wann und wie man Wissen und Kritik so anbringt, dass man andere damit nicht vor den Kopf stößt. Sonst kann das Kind schnell in einer Außenseiterrolle landen.

Max ist ein Außenseiter, aber unglücklich ist er damit nicht. Sein Vater schon. Er ist  von den Anwandlungen seines Sohnes gar nicht begeistert und verarbeitet sein Staunen über das Verhalten seines Nachwuchses in dem Buch "Mein Sohn ist ein Spießer, Ihrer auch?". Im Lauf der rund 260 Seiten erläutert der Autor, dass das Wort, das für ihn immer negativ behaftet war, auch anders interpretiert werden kann. Entsprechend dem Wertewandel in der heutigen Gesellschaft. Denn das, was früher als spießig galt, ist heute nämlich in.

Die Neo-Spießer

"Um allein den Anforderungen in Schule und Studium gerecht zu werden, braucht man eine Persönlichkeit, die das auch mitmacht. Leistung in kurzer Zeit, kaum Freiräume - das kann man nicht mehr mit dem früheren Sich-Erproben-Können vergleichen", so Gerth im Gespräch mit t-online.de. "Der Stolz auf die eigene Leistung hat einen ganz anderen Stellenwert bekommen und das hängt stark mit den gesellschaftlichen Anforderungen zusammen, mit dem Funktionierenmüssen."

Ehrgeiz, Sparsamkeit und Sicherheitsbedürfnis als logische Antwort junger Menschen auf unsichere Zeiten also? So sieht das auch Philipp Riederle, der über einen Podcast schon früh bekannt wurde und sich neben der Schule mit 15 selbstständig gemacht hat. In seinem Buch "Wer wir sind und was wir wollen" bezeichnet er das, was bei früheren Generationen als spießig galt, als den heutigen Traum. Heimat und persönliche Bindungen seien genau das, was die Generation von heute brauche, so die Quintessenz.

Die Entgrenzung erfordert Begrenzung

Hinter der neuen Vorliebe für vermeintlich Spießiges steckt die Angst vor dem Zerfall von Strukturen, auch Familienstrukturen, vor der Entgrenzung durch die digitalen Möglichkeiten, vor den schnelllebigen Veränderungen in unserer Welt. Junge Leute wünschen sich Begrenzung. Einen symbolischen Gartenzaun, der Halt gibt. Es ist die Suche nach Sicherheit, nach Gewohntem und Althergebrachtem.

Zukunftsforscher warnen davor, den negativ besetzten Begriff der Spießigkeit zu sehr zu bemühen. Für sie ist es ein bewusstes Innehalten und das Wiederauflebenlassen von Traditionen, um der heute so schnelllebigen Zeit etwas entgegensetzen zu können.  Bei einer aktuellen Studie einer Unternehmensberatung, die sich auf die Generation Y spezialisiert hat, zeigt sich, dass ein Drittel der 20- bis 30-jährigen auf traditionelle Werte setzt. Sie suchen bei ihrer Berufswahl Sicherheit und eine solide Lebensgrundlage. Weitere 25 Prozent sehen Leistungsdruck als etwas Positives.

Spießer und stolz darauf

Spießige Eigenheiten von Kindern und Jugendlichen müssen aber nicht unbedingt mit einem Wertewandel in der Gesellschaft zu tun haben. Sie können auch eine Form der Auflehnung sein - gegen das zum Teil sehr jugendliche Verhalten ihrer Eltern. "Teenager probieren andere Lebensentwürfe aus. Heute wollen viele Eltern jung bleiben, ihren Kindern ähnlich sein. Sie sind wenig autoritär und sich gegen sie aufzulehnen, wird schwierig. Diese Dauerjugendlichkeit geht jungen Leuten aber oft auf den Wecker. Da kann Spießigkeit ein gutes Mittel zum Zweck sein", schmunzelt der Vorsitzende der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung.

Wie sonst sollte man sich auch abgrenzen von den coolen, junggebliebenen, modischen Eltern, wenn die schon tätowiert, gepierct und gefärbt sind und auf den gleichen Konzerten rumtanzen wie ihr Nachwuchs? Da bleiben über kurz oder lang nur Faltenrock, Schrankwand, Gartenzwerg im Schrebergarten und Dauerwelle - denn das ist echte Rebellion gegen eine Generation, die das Rebellieren fast unmöglich macht.

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