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Interview mit Sexologin Ann-Marlene-Henning

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Interview mit der Sexologin Ann-Marlene-Henning  

"Es ist eine falsche Scham der Erwachsenen, Kinder nicht aufklären zu wollen"

15.07.2015, 17:25 Uhr | Maria M. Held, t-online.de

Interview mit Sexologin Ann-Marlene-Henning. Ann-Marlene Henning, Sexologin und Autorin. (Quelle: imago/Strussfoto)

Ann-Marlene Henning, Sexologin und Autorin. (Quelle: Strussfoto/imago)

Ann-Marlene Henning wäre der Knaller beim heiteren Beruferaten: Sie ist Sexologin. Sie gibt den Deutschen Nachhilfe in Sachen Sex. Ihr Buch und die ZDF-Serie "Make Love" haben sie bekannt gemacht. Wir haben sie gefragt: Was bedeutet Sexualität für Eltern und Kinder - und zwar in jeder Lebensphase?

t-online.de: Mit welchen Problemen kommen Eltern zu Ihnen?

Ann-Marlene Henning: Es gibt sehr viele Aspekte. Bei Eltern von jungen Kindern ist vor allem “Keine Lust” ein Thema. Keine sexuelle Lust ist das eine und Auseinanderleben das andere. Man könnte auch sagen: Nicht so ganz beieinander sein. Denn die Frau stillt große Teile ihrer Lust – nicht im sexuellen Sinn - über das Kind. Berührungen, Umarmungen, sich nahe sein und kuscheln - das macht sie mit dem Kind. Deswegen kommt der Mann zu kurz. Das höre ich öfter von Paaren.

Wie geht es nach der Kleinkindphase weiter?

Die nächste Stufe beginnt kurz bevor die Kinder ausziehen. Plötzlich treten Sinnkrisen auf. Gerade Frauen fragen sich: Wer bin ich, wenn die Kinder weg sind? Dann sieht man meist auch nicht mehr so sexy aus wie früher, man fühlt sich nicht wertgeschätzt. In dieser Phase kommt dann öfter auch Untreue ins Spiel, von beiden Geschlechtern, weil man Bestätigung wieder spüren will. Ein weiterer Lebensabschnitt ist, wenn Menopause und Andropause einsetzen. Dann hat man durchgeknallte Teenager im Haus und - überspitzt gesagt - die Mutter spinnt genauso und der Vater ist depressiv. Und wenn die Kinder weg sind und die Erwachsenen mit ihren eigenen Problemen kämpfen, gibt es neue Möglichkeiten. Entweder entfernen sie sich komplett voneinander, trennen sich vielleicht sogar, oder sie kommen endlich wieder zusammen. Das ist oft das Schöne!

Paare kommen wieder zusammen oder es kommt ein neue Partner ins Spiel. Wie fügen sich die neuen Partner in die Familien ein?

Man sucht Zweisamkeit und bekommt eine ganze Familie. Es ist schwierig den Kindern zu vermitteln: "Da gibt es jemand neuen und der ist auch in meinem Schlafzimmer." Für die Kinder ist der Neue ein Fremder. Die Kinder sind sind plötzlich im Weg. Man kann nicht einfach spontan und romantisch mit dem neuen Partner Sex haben und viel Zeit alleine zusammen verbringen. Das sind psychologische Alltagsprobleme. Die Logistik wird beschwerlich, wenn man noch nicht zusammenlebt. Das beeinflusst auch den Sex. Diese Patchworkfamilien können recht schwierig sein. Und der Sex ist ja so leicht störbar, wenn man nicht mehr jung und voller Hormone ist.

Also: Patchwork ist der Tod der neuen Liebe?

Man muss jedenfalls sehr viel Energie reinstecken und das wirklich wollen. Aber der Sex passiert, je älter man wird und völlig unabhängig vom Patchwork, nicht mehr so leicht und von alleine. Viele Leute glauben gar nicht, dass sie etwas verändern müssen. 

Nehmen wir eine gefürchtete Situation: Kinder erwischen Mutter und Vater beim Sex. Wie sollte man regieren?

Das ist vom Alter des Kindes abhängig. Die Kleinen merken das ja gar nicht, wenn man normal reagiert. Da gibt es nur eines: Mit einem Lächeln oder ganz frech sagen: "Raus mit dir! Und mach die Tür zu wir möchten gerne alleine sein!“ Dann nutzt man die nächste Gelegenheit, kurz dazu etwas zu sagen. Viele Teenager wollen dann sowieso nichts mehr davon hören. 

Die andere Seite: Eltern erwischen die Kinder beim Sex.

Da würde ich sofort sagen: "Oh Entschuldigung, viel Spaß!“ Und die Tür zumachen. Da muss ich sagen: "Sorry, tut mir leid, dass ich euch gestört habe". Meine Antwort ist eigentlich immer die gleiche: Sich Natürlichkeit bewahren und mit Humor damit umgehen.

Kinder entwickeln sich ja sehr unterschiedlich, was die ersten sexuellen Erfahrungen und Beziehungen angeht. Viele Eltern denken, sie könnten das beeinflussen. Gibt es aus Ihrer Sicht ein zu frühes Alter für den ersten Sex?

Wir sortieren mal Übergriffe und Missbrauch aus. Ansonsten denke ich, dass es passiert, wenn es sein soll und wenn beide es wollen. Eine Zwölfjährige ist meist noch nicht so weit und würde beim Petting von alleine "Stopp" sagen, wenn sie es denn gelernt hat. Die andere Seite der Medaille ist, wenn sie sich durch Sex einen Status erhofft oder gerade nicht aus der Situation raus kann. Deswegen ist es wichtig, mit den Jugendlichen zu sprechen, nein, schon mit den Kindern!

Lust empfinden Kinder schon sehr früh, aber diese mit einem anderen Menschen auszuleben, fängt natürlicherweise erst mit der Pubertät an. Dann geht es auch nicht gleich um Geschlechtsverkehr, sondern beginnt mit Kuscheln und Küssen. Erst wenn man dann wirklich möchte, geht man weiter. Egal ob 14 oder 16, dann ist es für denjenigen nicht zu früh. Immer vorausgesetzt, die Eltern haben das Kind aufgeklärt. Aufgeklärte Kinder haben ihr sexuelles Debüt übrigens nicht früher, sondern später als andere.

Ändert es etwas für Liebesleben und Beziehungsfähigkeit, wenn Mädchen gleich die Pille nehmen?

Keiner will, dass Teenager schwanger werden. Wenn man merkt, mein Kind hat Sex, muss man alles unternehmen, um zu helfen. Aber ob es gleich Hormone sein müssen? Verhütung ist ein leidiges Thema, sogar für jeden Erwachsenen.

Wer sollte die Kinder aufklären? Eltern oder Lehrer? Es gibt immer noch Scham und Unbehagen.

Ja, total! Manche sagen: Wir nehmen den Kindern ihre Kindheit. Ich kann nur entgegnen: Das ist eine sehr unüberlegte Aussage. Wenn wir nicht mit den Kindern reden, kann ihnen später eine unerwartete Situation, Pornobilder und ähnliches, die Kindheit rauben! Sie werden in Kontakt mit Material kommen, das nicht ihrem Alter entspricht. Da ist also eine falsche Scham der Erwachsenen, nicht aufklären oder reden zu wollen. Denn Kinder, selbst sehr kleine, sind sexuelle Wesen, und wir trainieren ihnen das schöne Gefühl ab, sich selbst anzufassen. Und schon übernehmen sie die gleiche "falsche Scham", die übrigens nichts mit "natürlicher Scham" zu tun hat.

Stichwort Doktorspiele. Das ist ein Tabu. Kindergärten und viele Eltern tun sich damit schwer. Wie geht man damit um?

Ich gehe gar nicht damit um, ich sage: Viel Spaß! Es gibt die Theorie, dass man Kinder ruhig machen lassen soll. Kindergärten in Holland, Schweden, Norwegen auch in Dänemark machen das so. Wieso soll das ein Problem sein? Nur wir haben wieder Angst, weil wir darüber mit unserem erwachsenen, sexualisierten Gehirn denken. Aber Kinder haben ja noch nicht unsere Sexualität, sind noch nicht in der Pubertät. Also gibt es keine Schwangerschaft. Es gibt nur: Wir erforschen den Körper des anderen - und das ist gar nicht mal so schlecht. Die gucken, wo der Bauchnabel ist, stellen fest: "Ich hab da unten eine Öffnung und du hast da was anderes." 

Da ist es doch wieder: Dieses verkappte Missbrauchs- und Schamkonzept, und die Angst, zu früh zu sexualisieren. Kinder, die so klein sind, spielen mit ihrem Körper und haben keinen Sex. Immer vorausgesetzt, man hat ein vorsichtiges Auge drauf und redet mit den Kleinen.

Teenager posten Nacktbilder auf Facebook oder Instagram - eine Welt, die Eltern nicht mehr verstehen. Gehört das zum Erwachsenwerden dazu?

Ja, ich glaube, das gehört heute leider bei vielen zum Erwachsenwerden dazu. Toll ist es nicht, weil es zu weit geht. Da komme ich auf die natürliche Scham zurück: Die verschwindet, wenn man lauter Nackte im Fernsehen sieht. Da muss aufgeklärt werden: Nacktbilder und Sexting. Die Jungen halten das oft gar nicht für gefährlich und sind dann echt verloren, wenn etwas passiert wie Mobbing, Kontaktaufnahme von Älteren und vieles mehr.

Da sind die Eltern wohl oft auch überfordert.

Richtig! Weil sie Angst haben, nicht genug darüber zu wissen. Man muss nicht die Lösung haben, aber man muss das Gespräch bieten. 

Das Interview führte Maria M. Held


TV-Tipp: "Make Love - Liebe machen kann man lernen", neue Folgen am Dienstag, 28. Juli, und 4. August um 22.15 Uhr.

Buchtipp: Ann-Marlene Henning,  "Make Love", Rogner & Bernhard, 2013 


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