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Erziehung: Wenn Kinder zu Tyrannen werden

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Sind Eltern selbst schuld?  

Wenn Kinder zu Tyrannen werden

16.09.2016, 14:19 Uhr | Julia Kirchner, dpa-tmn

Erziehung: Wenn Kinder zu Tyrannen werden. Erziehung: Der Übergang von Unzufriedenheit zum Wutanfall ist fließend. Viele Kinder hätten heute Probleme, ihre Gefühle zu kontrollieren, meint eine Kindertherapeutin.  (Quelle: dpa/tmn/Westend61/Ramon Espelt)

Der Übergang von Unzufriedenheit zum Wutanfall ist fließend. Viele Kinder hätten heute Probleme, ihre Gefühle zu kontrollieren, meint eine Kindertherapeutin. (Quelle: Westend61/Ramon Espelt/dpa/tmn)

Sind heutige Eltern in der Erziehung nicht mehr konsequent genug? Gibt es immer mehr "verhaltensoriginelle" Kinder, die keine Grenzen mehr respektieren? Das legen zumindest einige Erziehungsratgeber nahe.

Ein Kind rastet aus, weil es kein zweites Eis bekommt. Ein anderes wird wütend, weil es zehn Minuten still sitzen soll. Ein drittes reagiert mit trommelnden Fäusten, weil es das Handy abgeben muss. Sind das Einzelfälle oder verhalten sich heute immer mehr Kinder auffällig?

Therapeutin: Kinder können ihr Impulse nicht kontrollieren

Für Martina Leibovici-Mühlberger ist der Fall klar: Sie findet, dass die Zahl verhaltensauffälliger Kinder zugenommen habe. Die Österreicherin ist Kinder- und Jugendtherapeutin und hat in diesem Jahr ein Buch über ihre Beobachtungen geschrieben. Ihrer Meinung nach können viele Kinder ihre Gefühle und Impulse nicht kontrollieren. "Das ist etwas, das Kinder nicht von einem Tag auf den anderen lernen."

Vielmehr ist der lange Atem der Erwachsenen gefragt. Wichtig ist, den Kindern Grenzen zu setzen - und das von Anfang an. "Ab dem neunten Lebensmonat halte ich zum Beispiel meine Hand hin, bevor mein Kind gegen die scharfe Kante fällt. Sobald es laufen kann, stelle ich alle Sachen hoch, damit es sich nicht weh tut. Und beim 14-Jährigen geht es darum, die Ausgehzeiten zu strukturieren", beschreibt die Therapeutin den Ablauf.

Dieser Fehler lässt Kinder zu Tyrannen werden

Für Kinder sei es enorm wichtig, ihre Wünsche zurückstellen zu können. An diesem Punkt versagen Eltern laut Leibovici-Mühlberger aber oft. "Ihnen geht es darum, von ihrem Kind gemocht zu werden. Das gibt ihnen das Gefühl, gute Eltern zu sein." In der Folge werden Forderungen der Kinder bedingungslos erfüllt - was diese zu Tyrannen heranwachsen lässt.

"Viele bleiben auf der Stufe von Kleinkindern stehen"

Dass im Umgang zwischen Eltern und Kindern gehörig etwas schiefläuft, hat auch Michael Winterhoff in mehreren Büchern festgehalten. Er ist Kinder- und Jugendpsychiater mit einer Praxis in Bonn. Seiner Meinung nach sind Kinder heutzutage psychisch nicht reif. "Viele bleiben auf der Stufe von Kleinkindern stehen." Das Problem sieht er klar bei den Eltern, die ihre Kinder nicht mehr aus der Intuition heraus erziehen. Stattdessen behandeln Eltern sie wie einen Teil von sich selbst und werden am Ende von ihrem Kind nicht für voll genommen. Oder sie erziehen ihr Kind zu partnerschaftlich, indem sie ihm alles erklären.

Mitspracherecht ist gut - aber nicht bei jedem Thema

Rolf Göppel ist optimistischer. Er ist Professor für Allgemeine Pädagogik an der Hochschule in Heidelberg. Laut aktueller Forschung hätten 15 Prozent der Kinder und Jugendlichen in Deutschland psychische Probleme. Dieser Wert sei allerdings stabil. Dass Eltern nicht mehr über ihre Kinder bestimmen, sondern ihnen auch Mitspracherechte einräumen, sei gut so. Allerdings müsse das an der richtigen Stelle passieren, nicht etwa bei Themen wie "Muss ich meinen Fahrradhelm anziehen oder nicht?"

Wann das Kind reif für eine Therapie ist

Allerdings lässt sich nicht ganz in Abrede stellen, dass einige Kinder so "verhaltensoriginell" sind, dass professionelle Hilfe gefragt ist. Eine narzisstische Störung zählt zu den Störungen des Sozialverhaltens. Dabei streiten Kinder unter anderem in einem extremen Maße, verhalten sich tyrannisch, und zeigen ungewöhnlich häufige und schwere Wutausbrüche.

"Eine solche Diagnose lässt sich sicher aber erst nach dem 14. Lebensjahr stellen", erklärt Ingo Spitczok von Brisinski vom Berufsverband für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie. Eltern müssten in eine Therapie unbedingt einbezogen werden.

Rituale prägen die Eltern-Kind-Beziehung

Trotz aller großen Probleme, die Martina Leibovici-Mühlberger in ihrem Buch schildert, können Eltern im Kleinen so viel erreichen: "Es ist der kleine unspektakuläre Moment, der Beziehung ausmacht. Die Alltagsrituale beim Zubettgehen, das gemeinsame Essen oder der Spaziergang im Wald", so Leibovici-Mühlberger.

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