Startseite
Sie sind hier: Home > Eltern > Familie >

Kinderarmut: Suppe für die Seele

...
t-online.de ist ein Angebot der Ströer Content Group

Kinderarmut  

Suppe für die Seele

23.03.2009, 09:40 Uhr | Spiegel Online

Kinderarmut: Suppe für die Seele. Zwei Mädchen auf der Schaukel.

Spielende Kinder: Immer mehr Familien sind von Armut betroffen (Bild: AP)

Die Wirtschaftskrise stürzt immer mehr Familien in Armut, drei Millionen Kinder sollen inzwischen betroffen sein. Kein warmes Mittagessen, keine neuen Kleider, kaum Chancen in der Schule: Ein Besuch bei Anna, Jenny - und Tim, dessen Familie sich noch nie einen Urlaub leisten konnte.

"Ich hatte kein Frühstück"

Den dritten Teller Eintopf schafft sie nicht mehr. Anna* rührt in den letzten Rindfleischbrocken und verdreht die Augen hinter den Brillengläsern. Jetzt ist sie richtig satt. "Ich hatte kein Frühstück", sagt sie entschuldigend. Wie so oft verbringt die Achtjährige auch diesen Nachmittag in der Arche - wo sie ein kostenloses warmes Mittagessen bekommt, wo sie mit ihren Freundinnen spielen kann, wo sie nicht alleine ist. Annas Mutter kommt aus Ghana. Sie hat gleich zwei Jobs angenommen, um ihre beiden Töchter zu versorgen, der Vater lebt im Ausland. "Aber er kommt bald, und dann gehen wir zusammen nach London - oder in die USA", sagt das Mädchen voller Zuversicht.

100 Kinder täglich in der Arche

Anna ist nicht die Einzige, die an diesem Tag ohne Frühstück in die Arche kommt. Sie ist eines von fast 100 Kindern, das seinen Nachmittag im rein spendenfinanzierten Haus des christlichen Kinder- und Jugendwerks in Jenfeld verbringt. Der Hamburger Stadtteil ist auf den ersten Blick nicht das, was man einen sozialen Brennpunkt nennen würde. Doch wo die gepflegte Einfamilienhausidylle endet, fängt der soziale Wohnungsbau an.

Messerstecherei auf dem Spielplatz

In Jenfeld verhungerte die kleine Jessica, deren Schicksal bundesweit für Schlagzeilen sorgte. In der vergangenen Woche gab es eine Messerstecherei unter Jugendlichen auf einem zentral gelegenen Spielplatz. Nicht zum ersten Mal.

Ein durchmischtes Viertel

"Jenfeld ist sehr durchmischt", sagt Tobias Lucht, der pädagogische Leiter der Arche. Die Einrichtung selbst ist ein Spiegel dieser sozialen und kulturellen Unterschiede. Viele muslimische Kinder sind darunter, deren Eltern oft arbeitslos sind. Kinder aus Familien, deren Aufenthaltsstatus ungeklärt ist. Kinder, deren Eltern krank sind. Die meisten kommen aus sozial schwachen Familien. "Viele merken, dass sie wenig Geld haben", sagt Lucht. Für Wolfgang Büscher, Autor und Sprecher des Kinderhilfsprojekts Die Arche, ist genau das die Definition von Kinderarmut: "Kinder sind arm, wenn sie merken, dass sie arm sind."

Was ist "arm" in Deutschland?

Wie viele Kinder in Deutschland überhaupt von Armut betroffen sind, dazu gibt es unterschiedliche Zahlen - weil es unterschiedliche Definitionen gibt. Mit der existentiellen Armut, unter der Menschen in den Entwicklungsländern leiden, hat jene in Deutschland nichts gemein. Stattdessen wird der Begriff relative Armut verwendet. Darunter fallen jene Menschen, die über so geringe materielle, kulturelle und soziale Mittel verfügen, dass ihnen gesellschaftliche Teilhabe verwehrt bleibt. Weil das schwer zu messen ist, spricht man in Deutschland auch von Einkommensarmut - also alle, denen weniger als 60 Prozent des Durchschnittseinkommens der Bevölkerung zur Verfügung stehen.

Jedes sechste Kind betroffen

17 Prozent der Kinder sind in Deutschland nach einem Bericht des Prognos-Instituts für das Bundesfamilienministerium von Armut bedroht, jedes sechste Kind. Diese Zahl nennt auch Unicef in dem 2008 veröffentlichten "Bericht zur Lage der Kinder in Deutschland".

Wirtschaftskrise schafft neue Fakten

Die Wirtschaftskrise schafft dabei allerdings neue Fakten. Statt bisher 2,5 Millionen sind in Deutschland inzwischen drei Millionen Kinder unmittelbar von Armut betroffen, sagt Büscher und verweist auf die alarmierenden Prognosen des Kinderschutzbundes. Dessen Präsident Heinz Hilgers hatte kürzlich einen dramatischen Anstieg von Kinderarmut in Deutschland prophezeit. Dies gelte umso mehr, da nach der demografischen Entwicklung immer mehr Kinder in armen Stadtteilen geboren werden. In 20 Jahren könnte laut Hilgers jedes zweite Kind in einer sozial schwachen Familie leben. Büschers Einschätzung ist ähnlich düster: "Wir laufen schon 2010 auf einen sozialpolitischen Gau hinaus." In Berlin zum Beispiel leben 38 Prozent der Familien von Hartz IV.

Einsame Kinder in der Arche

Auch viele der Kinder, die ihre Freizeit in der Hamburger Arche verbringen, kommen aus Hartz-IV-Familien, die oft nicht intakt sind - weshalb sie woanders emotionale Zuwendung suchen. Die elfjährige Jenny* verbringt ihre Nachmittage in der Arche, weil sie einsam ist. Die Mutter arbeitet, die älteren Schwestern sind kaum noch zu Hause. "Ich hab keinen Vater", sagt sie. Auch der Stiefvater ist nicht mehr da. Dafür der neue Freund der Mutter, doch der hat Krebs. Weil die Zukunft so ungewiss ist, ist auch die Suche nach einer größeren Wohnung so schwierig, sagt Jenny. Sie träumt von einem eigenen Zimmer und davon, Tierpflegerin zu werden, bei Hagenbecks. Und noch einen Wunsch hat das ungewöhnlich ernste Mädchen mit den dunklen Augen: "Mein Traum ist, meinen richtigen Vater kennenzulernen."

Ohne Träume

Tim* hat keine Träume, zumindest keine, für die er Worte findet. Seine kranke, stark übergewichtige Mutter kann nicht arbeiten gehen. Was sie den ganzen Tag macht? "Nichts", sagt Tim, der eine Förderschule besucht.

Perspektivlosigkeit der Eltern

Die Perspektivlosigkeit der Eltern nennt Büscher als eine der Ursachen von Kinderarmut: "Sie können nichts weitergeben." Kinder, die in solchen Verhältnissen aufwachsen, können später nur schwer wieder in die Gesellschaft integriert werden, prognostiziert der Autor. Sie werden zum großen Teil selbst Sozialleistungen empfangen. Und sollte es die nicht mehr geben, droht das Abrutschen in die Kriminalität: "Wenn das System sie nicht mehr unterstützt, unterstützen sie nicht mehr das System".

"Bereitschaft, was zu tun"

Doch welche Chancen gibt es überhaupt, Kinderarmut und ihre Folgen zu verhindern? "Kleinere Klassen und mehr Lehrer", sagt Büscher. Schulen müssten kostenloses Essen anbieten, Talente gefördert werden. Und es müsse Sozialarbeiter geben, die in die Familien gehen. So wie es die Mitarbeiter der Arche tun, die viele Eltern persönlich kennen: "Oft schlägt uns große Hilflosigkeit entgegen, aber auch die Bereitschaft, was zu tun", sagt Lucht.

Hausaufgabenhilfe, Sport- und Spielangebote

Die meisten Eltern wissen ihre Kinder in der Arche gut aufgehoben. Hier gibt es nicht nur warmes Essen, sondern auch Hausaufgabenhilfe, Sport- und Spielangebote und eine Kleiderkammer, aus der sich alle Kinder Kleidungsstücke aussuchen dürfen - auch jene, die es nicht nötig haben. Die Kindern sollen glauben, dass hier alle gleich sind.

Nur einmal im Urlaub

Tim fällt nach langem Zögern übrigens doch noch ein, was er sich wünscht: "Kohle, damit ich mir alles kaufen kann." Eine Playstation 3 zum Beispiel. Sein Bruder hat eine, doch der ist längst nicht mehr da. Der Vater auch nicht, er hat die kranke Frau und seine fünf Kinder verlassen. "Der ist im Ausland", sagt Tim und fügt hinzu: "in Süddeutschland". Was für den Elfjährigen, der Jenfeld kaum verlassen hat, das Gleiche ist. Nur einmal war er im Urlaub, auf einem Bauernhof bei Lüneburg. Nicht mit seiner Familie - mit der Arche.

Liebe Leserin, lieber Leser, aktuell können zu diesem Thema keine neuen Kommentare abgegeben werden. Ab 6 Uhr können Sie hier wieder wie gewohnt diskutieren. Wir danken für Ihr Verständnis.
Liebe Leser, bitte melden Sie sich an, um diesen Artikel kommentieren zu können. Mehr Informationen.
Leserbrief schreiben

Für Kritik oder Anregungen füllen Sie bitte die nachfolgenden Felder aus. Damit wir antworten können, geben Sie bitte Ihre Adresse an.

Name
E-Mail
Betreff
Nachricht

Wählen Sie aus dem Pull-Down-Menü Ihren gewünschten Ansprechpartner aus. Vielen Dank für Ihre Mitteilung.

Artikel versenden

Empfänger

Absender

Name
Name
E-Mail
E-Mail
Anzeige
Video des Tages
Gezielter Schlag 
Hit im Netz: Mit seinem Hund darf sich niemand anlegen

Känguru hält den Vierbeiner im Schwitzkasten, das Herrchen schreitet ein. Video

Anzeige

Shopping
Shopping
38 % sparen: Boxspringbett inkl. Topper für nur 499,- €

Traumhaft und erholsam schlafen auf 180x200 cm - jetzt zum reduzierten Preis bei ROLLER.de.

tchibo.deOTTObonprix.deESPRITC&ACECILzalando.dedouglas.deKlingel.de

Anzeige
shopping-portal