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Wenn Kinder „arbeitslos“ werden

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Arbeitslosigkeit  

Wenn Kinder „arbeitslos“ werden

02.07.2009, 17:43 Uhr | Robert Scholz

. Junge auf dem Spielplatz schaut traurig in die Ferne.

Arbeitslosigkeit betrifft immer die ganze Familie - vor allem die Kinder. (Bild: Archiv)

1,7 Millionen Kinder unter 15 Jahren leben auf dem Sozialhilfe- oder Hartz-IV-Niveau, so der Paritätische Wohlfahrtsverband Deutschlands. Damit ist jedes siebte Kind direkt von Arbeitslosigkeit und so genannten prekären Familienverhältnissen betroffen. Die Wirkungen sind nachhaltig und für die Entwicklung zumindest ein Hemmnis. Arbeitslosigkeit trifft immer die ganze Familie und vor allem die, die ihre Kinder allein erziehen müssen. Wenn die gesamte finanzielle Basis einer Familie entzogen und der Agentur für Arbeit übergeben wird, dann beginnt für die meisten Kinder eine harte Zeit.

Nicht mal 20 Euro für den Schulausflug

„Das geht nicht, tut mir leid.“ Dies ist der Satz, den Tim am wenigsten mag und am häufigsten hört. Tims Vater und seine Mutter sprechen ihn in fast jedem Lebensumfeld von Tim aus, sogar wenn es um die Schule geht. „Letzte Woche konnten sie nicht mal 20 Euro für den Klassenausflug bezahlen“, sagt Tim und schaut traurig zu seinem Vater. Der zuckt mit den Achseln und bleibt ratlos im Nebenzimmer zurück.

Arbeitslosigkeit betrifft die ganze Familie

Eine Viertelmillion Menschen mehr waren Mitte des Jahres 2009 arbeitslos als im Jahr davor. 3,4 Millionen Menschen ohne eine Arbeit, mitten in einer Wirtschaftskrise. Menschen mit Familien und Kindern, mit deren Wünschen und Bedürfnissen. Nicht jede Familie, die in Arbeitslosigkeit stürzt, fällt auch gleichzeitig ins Bodenlose. Die eingebauten Sicherungen des Sozialsystems überbrücken gut die ersten Monate, aber wenn dann keine Arbeitsgelegenheiten in Sicht kommen, dann wird es schwer und zwar für die ganze Familie. Denn mit Kindern und Arbeitslosigkeit treffen die beiden wichtigsten Armutsfaktoren für Haushalte zusammen.

Kinderarmut und sinkendes soziales Ansehen

Das sinkende Haushaltseinkommen und finanzielle Schwierigkeiten sind dann auch der Hauptgrund, warum Kinder unter der Arbeitslosigkeit der Eltern leiden. Die finanzielle Not hat eine ganze Reihe von Problemen zur Folge - von reduzierten Bildungsmöglichkeiten bis zu gesundheitlichen Schäden. Die Situation spitzt sich zu, wenn das Kind in einem alleinerziehenden Haushalt aufwächst. Der Mangel an Geld wirkt hier noch erdrückender. Nun könnte man sagen, das ist alles nicht so schlimm, früher hatte man auch wenig Geld. Das stimmt, aber nur bedingt. Natürlich sollten Kinder lernen, auch ohne starke Finanzen glücklich sein zu können. Aber es ist ebenso unstrittig, dass Kinder heute ganz stark von Kaufanreizen geprägt sind. Das was man hat, ist auf den Schulhöfen der Republik ein ganz entscheidendes Merkmal für das, was man ist.

Eingeschränktes Budget in allen Bereichen

Tim wird sozial eingeordnet durch seine Kleidung, seine Freizeitaktivitäten und die finanziellen Möglichkeiten seiner Eltern. Wenn er den Klassenausflug dann nicht mitmachen kann, weil das Geld fehlt, dann ist er im Bewusstsein seiner Schulkameraden schon mal gesunken. Kinder gehen mit diesen Einordnungen von Gleichaltrigen nicht gerade zimperlich um. Hinzu kommen die ganz normalen Kosten für den Unterhalt der Familie. Lebensmittel, das Wohnumfeld, Wohnungsausstattungen und Urlaub (das was man gemeinhin Lebensstandard nennt) - alles unterliegt den Budgetbeschränkungen, die mit der Arbeitslosigkeit einhergehen.

"Viele Dinge müssen flach fallen"

„Gehen sie mal mit zwei Kindern am Sonntag ins Kino - Bahnfahrt, Eintritt und ein Eis - dann ist die Familie fast 40 Euro los. Das können wir uns nur in ganz großen Abständen leisten", bedauert Tims Vater seinen Sohn und weiß, dass die Situation für ihn schwierig ist. „Viele Dinge fallen für Tim flach, müssen flach fallen“, schiebt er dann noch nach und schaut auf seinen Sohn, der nun seinerseits im Nebenzimmer etwas ratlos vor seinen alten Lego-Steinen sitzt. Er hätte gerne einen Nintendo, ein Handy und einen Computer. Er weiß, er wird es nicht bekommen. Und es hilft auch nicht, wenn er sagt, dass das alle seine Freunde haben.

Armut aus Sicht der Forschung

Armut, das ist nicht nur ein Mangel an Geld. Es ist auch ein Mangel an Zeit, an Erziehung, an Zugang zum „normalen“ Leben, stellte ein Entwurf der katholischen Kirche für einen Bericht „Zur Lage der Kinder“ in Österreich fest: „Die Belastungen der Eltern - Konflikte, Scham, Interpretation der Armut als persönliches Versagen, Stress und Überlastung - schlagen sich auf die Kinder nieder, manchmal im wörtlichen Sinn. Arme Kinder verlieren häufig den Anschluss an die Kinderkultur, denn Freizeitgestaltungen, Sport, Spiele und Musik kosten Geld.“ Diese Erkenntnisse teilen die deutschen Wohlfahrtsverbände: „Es ist heute überhaupt noch nicht abzusehen, was es für ein modernes Gemeinwesen, (…), bedeutet, wenn fast schlagartig ein Drittel seiner Kinder auf einem Niveau lebt, das keinen Musikunterricht zulässt, keinen Sportverein, keinen Zoobesuch, keinen Computerkurs, keinen Theaterbesuch, nicht einmal eine vernünftige Ausstattung mit Lernmitteln für den Unterricht - denn selbst dafür sind im Regelsatz für die Kinder lediglich 1,53 EUR vorgesehen“, gab der Hauptgeschäftsführer des zuständigen Gesamtverbandes, Dr. Ulrich Schneider, anlässlich eines Jubiläums des Deutschen Kinderschutzbundes zu bedenken.

Kinder können sich nicht entziehen

Frühere Untersuchungen zu diesem Thema haben klargemacht, dass Kinder deswegen von dem Verlust der Arbeit in der Familie so stark betroffen sind, weil sie sich den sozialen Kontakten nicht entziehen können. Während Eltern im Verlauf der Arbeitslosigkeit vermehrt in das Privatleben abtauchen, so die Untersuchungsergebnisse, ist es Kindern nicht möglich, sich aus dem sozialen Umfeld herauszunehmen. Sie müssen zur Schule gehen. Sie brauchen das Miteinander mit Freunden, um soziale Kompetenzen erst zu lernen. „Kinder halten die Außenkontakte und sind der Spiegel der Familie nach außen. Sie stehen damit unter Druck und in Konkurrenz zu Freunden und Mitschülern“, so das Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg. Die „Normalität“ der Familie soll gewahrt werden, so wünschen sich das die Erwachsenen, aber die Kinder müssen es nach außen demonstrieren.

Die gesundheitlichen Folgen

Diese Doppelbelastung, nach außen die Familie darzustellen, als sei nichts passiert und gleichzeitig zu wissen, dass noch nicht einmal das Geld für die Schulbücher reicht - diese Belastung kann Kinder krank machen. Depressionen, erhöhte Nervosität, Schwächen in der Konzentration, Unruhe, Bettnässen, Stottern und Aggressionen gegen sich selbst, sind bekannte medizinische Symptome von Kindern in von Arbeitslosigkeit betroffenen Familien. Sie halten den Druck eben nicht mehr aus. Sie halten die oft einsetzende Resignation der Eltern nicht mehr aus. Sie werden in ihrem sozialen Umfeld gehänselt und geschnitten. Sie müssen sich, zwischen allen Stühlen gefangen, behaupten und die Demütigungen der eigenen Altersgruppe vergessen. Eine Menge Last für kleine Schultern. Die müssen ja erst trainiert werden, um so kräftig zu werden, dass sie das Leben auch in seinen negativen Phasen tragen können. Den gesundheitlichen Problemen folgt die weitere soziale Isolation (die Ausgrenzung aus dem Freundeskreis) und die Spirale dreht sich von neuem - leider nach unten.

Gibt es ein Patentrezept?

Nein. Es gibt nur den individuellen Weg. Es hängt auch davon ab, wie das Familienklima generell ausgeprägt ist. Das Verhältnis der Eltern untereinander ist entscheidend und wie sich Eltern und Kind miteinander verstehen. Jede Ehe sieht anders aus. Wenn zur Arbeitslosigkeit auch noch vorherige Eheprobleme der Eltern dazukommen, wird die Lage noch schwieriger für die Kinder. Eine stabile Familie wird auch „ihre“ Lösungen des Problems finden und es für die Kinder leichter machen, die neuen Lebensumstände zu akzeptieren.

Das Vertrauen auf bessere Zeiten

Wichtig ist, dass man weiß, wie es den Kindern in dieser Situation geht. Und, dass man weiß, dass letztlich alle gemeinsam „arbeitslos“ werden. Die ganze Familie wird von dieser Situation betroffen sein. Wenn die Eltern, der Vater oder die Mutter, den ersten Schock selber überwunden haben, dann sollte man mit größtmöglicher Ehrlichkeit die Situation, auch in seiner finanziellen Dimension, schildern. Einfühlungsvermögen und Stärke brauchen die Kinder in dieser Lage, auch wenn das einem selbst schwer fallen mag. Die Last der Kinder auf den Schulhöfen wird man ihnen nur bedingt nehmen können. Und die neu erworbene Zeit, das zeigen die Studien auch, wird seltsamerweise in den meisten Fällen nicht für die Familie genutzt. Ganz im Gegenteil, vor allem Männer ziehen sich in sich selbst zurück und in der Familie kommt es zu einem Verlust von Geborgenheit und Aufmerksamkeit. Was die ohnehin bereits vorhandene unterschwellige Angst der Kinder vor der Zukunft noch verstärkt. Geben Sie ihren Kindern das Vertrauen auf bessere Zeiten. Dazu müssen Sie es sich aber auch selbst geben können.

 

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