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"Unsere Kinder sollen Superkinder sein"

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Gute Mütter, schlechte Mütter  

"Unsere Kinder sollen Superkinder sein"

14.07.2009, 10:07 Uhr | Spiegel online, Spiegel Online

. Mutter und Sohn beim gemeinsamen Abendbrot.

Mutter und Sohn beim gemeinsamen Abendbrot. (Bild: Imago)

Die US-Autorin Ayelet Waldman ist umstritten: Behauptete sie doch, ihren Mann mehr zu lieben als ihre vier Kinder. Mit SPIEGEL ONLINE sprach sie über Michelle Obama, Heimchen am Herd und die hohe Kunst, keine perfekte Mutter sein zu wollen.

SPIEGEL ONLINE: Mrs. Waldman, Kinder in die Welt zu setzen und vernünftig zu erziehen scheint eine besondere Herausforderung unserer Zeit zu sein. In Ihrem neuen Buch "Bad Mother" behaupten Sie, vor allem Frauen seien von der Idee besessen, in der Elternrolle zu versagen. Warum gerade Frauen?

Ayelet Waldman: Frauen verlangen mehr von sich als Väter, weil sie auf den Mythos der "guten Mutter" fixiert sind und perfekt sein wollen.

SPIEGEL ONLINE: Männer dagegen müssen, wie Sie sagen, nur pünktlich zur Schulaufführung erscheinen, um als "gute Väter" zu gelten. Warum messen wir im 21. Jahrhundert immer noch mit zweierlei Maß?

Waldman: Ich glaube, in dieser Hinsicht hat sich die Gesellschaft nicht nur nicht zum Positiven verändert, es ist sogar schlimmer geworden. Frauen meiner Generation - ich bin Anfang vierzig - wurden von Müttern erzogen, die von der Emanzipation geprägt waren und uns diese Ideen vermittelt haben. Als kleine Mädchen haben wir also nicht davon geträumt, eine tolle Mami oder Hausfrau zu werden, sondern Feuerwehrfrau, Anwältin oder Ärztin. Doch beim Eintritt ins Berufsleben mussten wir feststellen, dass sich die Gesellschaft nicht so schnell verändert hatte wie wir.

SPIEGEL ONLINE: Und so bleibt es im Kern für Frauen bei der Entscheidung Kind oder Karriere?

Waldman: Es ist für Frauen extrem schwer, beruflich ambitioniert zu bleiben und sich gleichzeitig im Privatleben zu verwirklichen. Wenn wir karriereorientierten Frauen diesen Teil unserer Identität hinten anstellen, dann wollen wir wenigstens, dass sich das Opfer auch lohnt. Unsere Kinder sollen also Superkinder sein - nicht nur um ihrer selbst willen, sondern auch um unseretwillen.

SPIEGEL ONLINE: Und das kulminiert im schlimmsten Fall ...

Waldman: ... in einem toxischen Neurosencocktail. Wir drängen unsere Kinder hysterisch dazu, ein "Erfolg" zu sein und kontrollieren gleichzeitig jedes Löffelchen Nahrung, dass sie zu sich nehmen. Sind auch keine Schadstoffe im Brot, keine Antibiotika in der Milch?

SPIEGEL ONLINE: Vor ein paar Jahren schrieb eine deutsche Nachrichtensprecherin einen Bestseller, in dem sie nahe legte, dass berufstätige Frauen per se unglücklich seien, weil die Karriere kaum ein glückliches Familienleben zulasse. Sie empfahl Frauen, sich auf die Kinder zu konzentrieren - die Gesellschaft solle aufhören, Hausfrauen herabzuwürdigen. Können Sie diese Argumentation nachvollziehen?

Waldman: Natürlich kann man sagen "Ich gebe auf und verlege mich für den Rest meiner Tage aufs Stricken." Eine andere, weniger deprimierende Antwort auf das Dilemma Kind und/oder Karriere könnte sein, die Arbeitsbedingungen zu optimieren, so dass Menschen beides vereinbaren können. Ich bin sicher, dass es Frauen gibt, die zu Hause bleiben und damit vollauf zufrieden sind. Aber die meisten "Stay at home"-Mütter, die ich kenne, sind latent depressiv und verbittert. Das ist auch die Ursache vieler Eheprobleme.

SPIEGEL ONLINE: Sie selbst preisen Ihren Ehemann, Pulitzerpreisträger Michael Chabon, weil er sich im selben Maß wie Sie bei der Erziehung Ihrer vier Kinder engagiert

Waldman: Wir hatten Glück, weil er einen Beruf hat, der es ihm erlaubte, zu Hause zu bleiben, als die Kinder klein waren. Nachts konnte er arbeiten.

SPIEGEL ONLINE: Trotzdem gaben Sie Ihren Beruf auf - Sie waren eine profilierte Anwältin mit Harvard-Abschluss -, um sich um das Kind zu kümmern. Nach einer Woche waren Sie, wie Sie schreiben, "gelangweilt und unglücklich". Warum haben Sie's dann gemacht?

Waldman: Ich war eifersüchtig, weil Michael so viel Zeit mit unserer Tochter verbringen konnte - und sie mit ihm. Die beiden schienen da ein sehr nettes Leben zu haben, geradezu bukolisch. Und ich hatte es satt, zwölf Stunden am Tag zu arbeiten. Trotzdem verstehe ich selbst nicht, warum ich damals so entschied. Wenn ich das Schreiben nicht entdeckt hätte, wäre ich zweifelsohne wieder in meinen Beruf zurückgekehrt.

SPIEGEL ONLINE: Nach Ihren Erfahrungen sind es vor allem Mütter, die es - auch im Alltag - anderen Müttern schwer machen, die mäkeln und kritisieren.

Waldman: Absolut. Ich bin noch nie auf offener Straße von einem Mann kritisiert worden, weil ich mit den Kindern etwas falsch gemacht hätte, so was machen nur Frauen. Ich glaube, wir Mütter sind so geplagt von Selbstzweifeln und Schuldgefühlen, dass wir uns besser fühlen, wenn wir andere Mütter abmahnen können.

SPIEGEL ONLINE: Berühmt wurden Sie durch einen Zeitungsartikel, in dem Sie behaupteten, Sie liebten Ihren Mann mehr als Ihre Kinder. Sie wollten damit die Bedeutung einer erfüllten Partnerschaft bei der Kindererziehung betonen, wurden daraufhin jedoch als schlechte Mutter geradezu verteufelt. Bereuen Sie Ihre Äußerung?

Waldman: Nein, sie hat ja eine lebhafte Debatte angestoßen. Und wir beide diskutierten sicher nicht über "Bad Mother", wenn ich jenen Satz nie geschrieben hätte. Auf die Hass-E-Mails hätte ich allerdings verzichten können. Ich habe zwar ein großes Mundwerk, aber ich bin eben auch ganz schön sensibel.

SPIEGEL ONLINE: Umso mehr Überwindung muss es Sie gekostet haben, zum Beispiel über Ihre Abtreibung zu schreiben, wie Sie es in "Bad Mother" tun.

Waldman: Ich hatte das Gefühl, kein ehrliches Buch schreiben zu können, wenn ich das ausließe. Aber es war wirklich furchtbar. Vor allem macht es mir Angst, dass ich meine Kinder vielleicht einer Gefahr ausgesetzt habe - Anti-Abtreibungsfanatikern hier in Amerika ist alles zuzutrauen.

SPIEGEL ONLINE: Mit Michelle Obama ist eine eben jener Übermütter ins Weiße Haus eingezogen, die Ihrer Ansicht nach dazu beitragen, dass sich normale Frauen an einem unerreichbaren Ideal orientieren - ist die neue First Lady nun Fluch oder Segen?

Waldman: Mein Mann und ich waren neulich im Weißen Haus eingeladen. Ich schenkte Michelle Obama ein Buch. Die Widmung lautete: "Danke, dass Sie uns alle so schlecht aussehen lassen."

Zur Person

Die US- Autorin Ayelet Waldman, Jahrgang 1964, studierte Jura und machte an der Elite- Universität Harvard ihr Examen. Nach der Geburt ihres ersten Kindes 1994 gab sie diese Karriere auf und wurde Schriftstellerin. Sie schrieb bislang unter anderem neun Romane. „Dem Himmel so fern“ wird zurzeit mit Natalie Portman in der Hauptrolle verfilmt. Waldman ist mit dem Pulitzerpreisträger Michael Chabon verheiratet, das Paar hat vier Kinder im Alter zwischen 14 und fünf Jahren. Zuletzt erschien ihre Essaysammlung „Bad Mother“.  

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