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Karriere: Frauen immer noch benachteiligt

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Karriere  

Leben im Spagat

29.07.2010, 14:27 Uhr | Simone Blaß, t-online.de

Karriere: Frauen immer noch benachteiligt. Mitarbeiter legt seiner Vorgesetzten Papiere zur Unterschrift vor.

Frauen in der Chefetage: Noch immer die Ausnahme. (Bild: imago) (Quelle: imago)

Die skandinavischen Länder machen es mal wieder vor: Allein Norwegen brauchte nur wenige Jahre, um fast alle 500 börsennotierten Unternehmen dazu zu bringen, rund 40 Prozent der Aufsichtsratssessel mit Frauen zu besetzen. In Deutschland aber, das zeigt der aktuelle Führungskräfte-Monitor des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), herrscht ein gewisser Stillstand. Nach wie vor gilt: Je höher die Hierarchieebene, desto seltener sind Frauen dort zu finden. Was die Top-100-Unternehmen angeht, so bewegt sich der weibliche Anteil in den Vorständen noch immer um die Ein-Prozent-Marke. Ein daraus resultierendes Nachdenken über eine gesetzlich vorgeschriebene Frauenquote stieß bei deutschen Konzernen auf Ablehnung und heftige Kritik. Doch ungeachtet all dieser Diskussionen gibt es auch in Deutschland Unternehmen, die es gerne sehen, wenn Frauen, und zwar auch die mit Familie, in Führungspositionen aufsteigen. Und sie haben gute Gründe.

Frauen in Führungspositionen sind gut für die Rendite

Kommunikationsfähigkeit, Einfühlungsvermögen und Intuition gelten als typisch weiblich und zunehmend als wichtige und erwünschte Schlüsselqualifikationen am Arbeitsplatz. „Es ist nachgewiesen, dass es geschlechtsspezifische Fähigkeiten gibt“, bestätigt Andrea Schauer, Geschäftsführerin des Spielwarenherstellers Playmobil. „Diese sich auch an der Unternehmensspitze zu Nutze zu machen, kann nur von Vorteil sein. Auch glaube ich, dass Unternehmen mit Frauen in Führungspositionen heute schon den Zukunftstrend erkannt haben. Ein Unternehmen mit derartiger Befähigung dürfte auch in anderen Bereichen die Nase vorn haben“, ist sich die Karriere-Frau sicher. Es hat sich inzwischen herumgesprochen: Reine Männerteams an Unternehmensspitzen sind schlecht für die Rendite. Oder positiv formuliert: Frauen in Top-Positionen steigern das Unternehmensergebnis.

Führen in Teilzeit kann funktionieren

Doch nach wie vor werden Frauen oft ausgebremst. Viele Arbeitgeber können sich zum Beispiel nicht vorstellen, dass es möglich ist, in Teilzeit zu führen. Teilzeitarbeit ist für Frauen aber oft ein entscheidender Faktor für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Und es ist möglich, in Teilzeit zu führen. Das beweist zum Beispiel Kerstin Bolinsky. Sie ist nicht nur Mutter eines fünfjährigen Sohnes, sondern auch Personalchefin bei hotel.de. Das junge Unternehmen, das 2001 gegründet wurde, erfüllt bereits jetzt jedes angestrebte Soll. 64 Prozent aller Angestellten sind Frauen - die meisten davon im so genannten "gebärfähigen Alter" zwischen zwanzig und vierzig. Auch auf der Managementebene beträgt der weibliche Anteil bereits 40 Prozent. Allein daraus ergibt sich, dass die Vereinbarkeit von Beruf und Familie für hotel.de ein zentrales Thema ist, das auch gelebt wird. „Im Bewerbungsprozess habe ich gegenüber den Vorständen und dem Vertreter des Aufsichtsrates klar zum Ausdruck gebracht, dass die Aufgabe, Personalarbeit in einem jungen, dynamischen Startup-Unternehmen zu professionalisieren, genau das ist, was mich begeistert und wofür ich alles Nötige mitbringe“, erzählt die junge Mutter. „Genauso klar habe ich aber auch gesagt, dass für mich eine Vollzeitregelung nicht umsetzbar ist. Trotz dieser Rahmenbedingungen haben sich die Beteiligten für mich entschieden.“ Dass eine solche Entscheidung in Deutschland heute noch keineswegs selbstverständlich ist, weiß Kerstin Bolinsky.

In Teilzeit zu führen heißt unter anderem, seine Maßstäbe zu überprüfen und gegebenenfalls anzupassen. Man braucht auch privat ein funktionierendes Netzwerk. „Solange man ausschließlich von den Öffnungszeiten der Betreuungseinrichtungen abhängig ist, glaube ich, dass es schwierig ist, in Teilzeit Karriere zu machen. Einem Arbeitgeber fällt es naturbedingt leichter, in Mitarbeiter zu investieren, die voll einsetzbar sind.“ Kerstin Bolinsky spielt dabei vor allem auf die Flexibilität an. „Familie und/oder soziales Netzwerk erleichtern die Situation erheblich, weil damit auch die Stunden gut abgefedert werden können, die außerhalb der üblichen Betreuungszeiten liegen. Für diejenigen, die das über bezahlte Kräfte organisieren müssen, kann es zu einem echten Kraftakt werden; sowohl in finanzieller als auch in emotionaler Hinsicht.“

Wer führt in (die) Zukunft?

Auch Sonja Bischoff ist sich sicher, dass unter diesen Bedingungen eine Teilzeit-Karriere ganz besonders schwierig sein dürfte. Hinzu komme, dass es nach wie vor wichtig sei, Präsenz zu zeigen. „Wesentlich für einen Aufstieg sind die informellen Kontakte und dafür muss man nun einmal vor Ort sein“, erklärt die Hamburger Witschaftsprofessorin. In ihrer Studie "Wer führt in (die) Zukunft?" kommt sie zu dem Ergebnis, dass Frauen nach wie vor deutlich schlechter verdienen als Männer, bei gleicher Position weniger Mitarbeiter zu führen bekommen und seltener aufsteigen. Es gäbe einige Rahmenbedingungen, die es Frauen schwerer machten, nach oben zu kommen. Hier seien Vorurteile das am häufigsten genannte Hindernis. Aber Vorurteile und das Absprechen bestimmter Führungseigenschaften allein seien nicht der einzige Grund. „Das, was Frauen zu bieten haben, ist nicht kongruent zu dem, was nachgefragt wird. Man muss schließlich auch sehen, welche Qualitäten notwendig sind und was Frauen mitbringen“, beklagt die Professorin. „Die karriereorientierten Studiengänge absolvieren gerade mal 30 Prozent Frauen, die überhaupt vom Fachlichen her für eine Führungsposition in Frage kommen. Und dann streben auch nicht alle diese Frauen eine Position im Management an.“

Um hier stärker zu motivieren, hat die Deutsche Telekom AG als erstes Dax-Unternehmen freiwillig eine Frauenquote eingeführt. Wobei, das stellt Mechthilde Maier klar, nach wie vor und ohne jede Einschränkung die Besten-Auswahl gilt. „Aber“, so die Leiterin Group Diversity Management, „wir achten jetzt darauf, dass im Bewerber- und Talente-Pool, sowie bei Neu-Rekrutierungen, genügend Frauen vertreten sind, damit überhaupt eine Auswahlsituation zustande kommt.“ Bis Ende 2015 sollen 30 Prozent der oberen und mittleren Führungspositionen im Unternehmen mit Frauen besetzt sein. Und zwar weltweit. Für viele deutsche Großkonzerne kommt das offenbar nicht in Frage. Die meisten sind sich sicher, es gehe auch ohne Quote, wie eine Umfrage des Handelsblattes ergeben hat. Inzwischen sieht auch die Politik wieder so, die in der Frage nach Frauenquoten in Führungsetagen deutlich zurückgerudert ist.

Ernst machen mit der Frauenförderung

Trotzdem ist man sich bei der Telekom nach wie vor sicher, dass der Weg einer verbindlichen Vorgabe der richtige ist. „Wir müssen uns eingestehen, dass die gut gemeinten Versuche der letzten Jahre nicht den durchschlagenden Erfolg erzielt haben. Die gläserne Decke existiert nach wie vor und es macht keinen Sinn, die Augen davor zu verschließen. Insbesondere auch, weil sich tradierte Rollenmuster, etablierte Hierarchien, Old-Boys-Netzwerke und eingefahrene Mentalitäten eben nicht durch bloße Absichtserklärungen aufbrechen lassen.“ Mechthilde Maier ist sich darüber im Klaren, das ein wesentliches Hemmnis für Frauen auf dem Weg nach oben die schwierige Vereinbarkeit von Beruf- und Familie ist. Sie befürwortet es sehr, dass ihr Unternehmen hier ein Umfeld schaffen möchte, das die Lebens- mit der Arbeitswelt in Einklang bringt. „Langfristig wollen wir den Mitarbeitern den Gedanken vermitteln, dass Führungskräfte nicht ständig am Schreibtisch präsent sein müssen. Führung bedeutet also nicht unbedingt Vor-Ort-Präsenz. Wichtiger in der Führungsbeziehung ist die Ansprechbarkeit. Die muss sichergestellt sein. Parallel dazu fördern wir Teilzeit in der Führung. Diese Modelle ermöglichen, dass die in Teilzeit befindliche Führungskraft in einer Art Jobsharing eine Nachwuchskraft in die Führungsverantwortung hineinentwickelt.“

Horst Brandstätter, als Playmobil-Chef Herr über die weltweit millionenfach abgesetzten Plastikmännchen, ist seiner Zeit schon seit Jahren weit voraus. Als Andrea Schauer das Unternehmen verlassen wollte, weil sie sich nicht vorstellen konnte, Beruf und Familie vereinbaren zu können, bekam sie folgenden, fast schon zukunftsweisenden Satz zu hören: „Solange Sie nur eine Stunde in der Woche für Playmobil arbeiten können, tun Sie das!“ Mit dieser Entscheidung hatte Andrea Schauer nicht gerechnet: „Ich war sehr dankbar dafür, dass mir mein Chef eine 3-Tage-Woche ermöglicht hat, um mich verstärkt um meine Familie zu  kümmern. Auch heute signalisieren wir unseren engagierten weiblichen Mitarbeitern: 'Wir haben großes Interesse an einer weiteren Zusammenarbeit, wir sind flexibel und der Weg nach oben steht jedem offen.' Wenn die Mitarbeiterin das genauso sieht, suchen und finden wir eine Lösung.“

Frauen müssen nicht die besseren Männer sein

Natürlich wird es nach wie vor Momente geben, in denen es wichtig ist, anwesend zu sein. Entscheidende Meetings oder Kundengespräche zum Beispiel. Doch der Weg ist klar: Zukünftig wird es immer mehr um Ergebnisorientierung und weniger um Anwesenheit gehen. Flexible Arbeitszeitregelungen, Home-Office-Arbeitsplätze, Elternzeit, Sabbatjahre, die zum Beispiel für die Weiterbildung genutzt werden - zunehmend werden modernere Strukturen geschaffen, die es vor allem Frauen ermöglichen, Karriere zu machen und damit viel brachliegendes Kapital zu aktivieren. Männliche und weibliche Perspektiven gemeinsam fördern den Ideenreichtum und machen ein Unternehmen innovativer. Ein Mehrwert sei aber nur dann gewährleistet, wenn Frauen auch Frau bleiben dürften und ganz unverfälscht ihre Art von Führungsstil, Kreativität, Lösungsansatz und Teamverständnis einbrächten, ist sich Mechthilde Maier sicher. „Die Mischung macht’s. Deshalb brauchen wir nicht Frauen, die Männer ersetzen. Wir brauchen die Vielfalt.“

Karrierekiller Familie?

Frauen werden aber immer noch zum Spagat gezwungen, wenn sie Karriere und Familie unter einen Hut bringen möchte. „Einen Spagat schaffen die wenigsten Menschen auf Anhieb perfekt und völlig schmerzfrei“, greift Andrea Schauer das Bild auf. „Aber mit etwas Übung, Disziplin und Ausdauer ist er gut hinzubekommen. Hilfestellung sollte man sich geben lassen, wo immer das möglich ist und gelassen bleiben, wenn nicht alles sofort perfekt klappt. Man muss sich an positiven Beispielen hochziehen, es genießen, wenn es gerade gut läuft. Und man kann sich ruhig über die Anerkennung freuen, die man für seinen 'Spagat' erntet.“

Sieht man sich die Studie des DIW genauer an, stellt man fest, dass Frauen in Führungspositionen nach wie vor lange nicht so häufig verheiratet sind, wie ihre männlichen Kollegen und seltener Kinder haben. Eine männlich geprägte Berufswelt mit langen Arbeitszeiten und vorausgesetzter hoher Verfügbarkeit zwingt nach wie vor viele Frauen dazu, sich zwischen Karriere und Familie zu entscheiden. „Der Frauenanteil in Führungspositionen ist mit 37 Prozent am höchsten in jüngeren Jahren, wenn noch keine Kinder vorhanden sind, und sinkt in der Kernerwerbsphase zwischen 35 bis unter 55 Jahren auf ein Viertel“, heißt es in der Studie. „Die in Führungspositionen üblichen langen Wochenarbeitszeiten lassen sich mit Hausarbeit und Kindererziehung kaum in Einklang bringen.“

Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Frauen in Top-Positionen muss man mit der Lupe suchen. Aber ihr Anteil steigt - wenn auch langsam, so doch stetig. Das gilt vor allem in Großbetrieben. Sonja Bischoff gibt sich daher für die Zukunft auch vorsichtig optimistisch: „Es gibt zarte Hinweise darauf, dass Frauen zunehmend andere Frauen nachziehen. Es wird aber meines Erachtens noch sehr lange dauern, bis wir deutlich mehr Frauen in Führungspositionen haben.“

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