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Sorgerecht: Pflegefamilien geben traumatisierten Kindern Halt

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Sorgerecht  

Sorgerecht für ein Pflegekind - Verantwortung und viele Pflichten

30.07.2010, 15:10 Uhr | rw, ddp, t-online.de

Sorgerecht: Pflegefamilien geben traumatisierten Kindern Halt. Kleines Mädchen mit Schrammen und Schwellungen im Gesicht.

Endstation Pflegefamilie: Letzter Ausweg bei Missbrauch und Gewalt. (Bild: imago) (Quelle: imago)

Auch wenn die Zahlen bundesweit leicht rückläufig sind: Noch immer werden viel zu viele Kinder in Deutschland vernachlässigt, misshandelt und missbraucht. In schweren Fällen muss dann das Jugendamt einschreiten und den Eltern ihr Sorgerecht entziehen. Damit die ohnehin schon arg gebeutelten Kinder dann nicht in ein Heim müssen, sind die deutschen Behörden ständig auf der Suche nach Pflegeeltern, die bereit und in der Lage sind, den oft traumatisierten Minderjährigen ein neues Zuhause zu bieten - je nach Fall vorübergehend, oder auch dauerhaft. Doch wer ist überhaupt geeignet, ein Pflegekind zu betreuen? Und was kommt auf potenzielle Pflegeeltern zu?

Seelisch verwundet und traumatisiert

Ein Pflegekind aufzunehmen ist zugleich verantwortungsvolle Aufgabe und große Herausforderung. Das weiß auch Carmen Thiele. "Ein Pflegekind bringt immer seine eigene Geschichte mit. Kommt es neu in eine Familie, kann es diese ganz schön durcheinanderwirbeln", berichtet die Fachreferentin beim Bundesverband der Pflege- und Adoptivfamilien e.V. (PFAD) in Berlin von ihren Erfahrungen. Denn Pflegekinder seien in der Regel seelisch in irgendeiner Form verwundet. Durch ihre oft traumatischen Erlebnisse und auch durch die Trennung von ihren Eltern sind sie psychisch massiv belastet. "Wer Pflegefamilie werden möchte, muss wissen, dass Pflegekinder ein hohes Maß an Sicherheit und Stabilität brauchen", macht Thiele die besonderen Anforderungen an potenzielle Pflegeeltern deutlich.

Wer kommt als Pflegefamilie in Frage?

Grundsätzlich können sich verheiratete, unverheiratete und gleichgeschlechtliche Paare sowie Alleinerziehende und Alleinstehende ohne eigene Kinder um ein Pflegekind bemühen. Über ihre Eignung entscheidet das zuständige Jugendamt oder ein freier Träger der Jugendhilfe anhand von Gesprächen, Fragebögen, Seminaren und Gutachten. Die mögliche Pflegefamilie wird dabei sehr genau durchleuchtet. Wer ein Kind aufnehmen möchte, muss offen über seine persönliche Situation und seine Erziehungsvorstellungen Auskunft geben. Außerdem ist es dann sinnvoll, die von den Jugendämtern angebotenen speziellen Vorbereitungskurse zu besuchen. Oft ist die Teilnahme auch vorgeschrieben (Ein Pflegekind aufnehmen: Welche Voraussetzungen sind nötig?).

Belastbarkeit und Offenheit sind wichtig

Eine Altersbegrenzung für Pflegekinder gibt es nicht. Die Kinder können wenige Tage alt sein oder schon kurz vor der Pubertät stehen. Die Pflegekinderdienste empfehlen aber, dass der Altersabstand zwischen Pflegeeltern und Kind nicht größer als 35 bis 40 Jahre sein sollte - eben wie bei leiblichen Kindern auch. Doch wichtiger als das Alter sei die Bereitschaft, einen fremden Menschen nah an sich heranzulassen. "Unabdingbare Voraussetzung für Pflegeeltern sind große Belastbarkeit, Frustrationstoleranz und die Offenheit, auch über Probleme zu sprechen", sagt Expertin Carmen Thiele. Außerdem müsse die Partnerschaft von Paaren, die ein Pflegekind aufnehmen, sehr stabil sein.

Ein Pflegekind ist kein Adoptivkind

Wer sich um ein Pflegekind bemüht, dem muss außerdem klar sein, dass es sich bei ihm aus rechtlicher Sicht nicht um ein Adoptivkind handelt. Während ein solches juristisch wie ein leibliches Kind behandelt wird, bleibt das Pflegekind stark mit seinen leiblichen Eltern verbunden. "Die Herkunftseltern haben meist das Recht auf Umgang mit dem Kind", erklärt Henrike Hopp. Die Diplom-Sozialarbeiterin arbeitet seit über 25 Jahren mit Pflegefamilien zusammen und ist Betreiberin des Internetportals moses-online.de, das sich mit den Themen Pflegekinder und Adoption beschäftigt.

Regelmäßige Besuche bei Behörden, Geschwistern, Arzt und Therapeuten

Die Erziehung eines Pflegekindes ist keine Privatsache. Pflegeeltern müssen nicht nur zum Jugendamt oder zum freien Träger der Jugendhilfe regelmäßigen Kontakt halten, sondern häufig auch zur Herkunftsfamilie des Kindes. Das sind nicht immer nur die Eltern, sondern oft auch leibliche Geschwister, die in anderen Pflegefamilien oder Heimen leben. "Pflegefamilien sollten sich darüber im Klaren sein, dass sie sich dem öffentlichen Hilfesystem öffnen müssen. Eine Pflegefamilie ist auch ein Dienstleister für die Gesellschaft", unterstreicht Carmen Thiele von PFAD.

Hinzu komme, dass Pflegekinder oftmals Vernachlässigung, Gewalt und Missbrauch erfahren haben. "Die Mehrheit der Pflegekinder hat ihre bisherigen Lebenserfahrungen nicht bewältigen können und ist traumatisiert", sagt Henrike Hopp. Pflegeeltern müssten sich also auch darauf einstellen, mit ihrem Schützling regelmäßig zu Ärzten und Therapeuten zu gehen. Allein die zeitliche Beanspruchung von Pflegeeltern ist mitunter also sehr hoch. Vor allem bei kleineren Kindern sei es daher ratsam, die berufliche Tätigkeit außerhalb der Familie einzuschränken oder sogar ganz darauf zu verzichten.

Finanzielle Unterstützung durch die Jugendämter

Das Jugendamt zahlt als finanzielle Unterstützung das sogenannte Pflegegeld. Es umfasst die Unterhaltskosten für die Kinder, sowie eine kleine Entlohnung für die Erziehungsleistung der Pflegeeltern. Die Höhe legen die einzelnen Kommunen individuell fest. Sie variiert daher leicht. Sachsen sieht beispielsweise Pauschalbeträge vor. Je nach Alter des Kindes liegt das Pflegegeld im Jahr 2010 hier zwischen 673 und 824 Euro monatlich. Für Pflege und Erziehung bekommen die Pflegeeltern pauschal 214 Euro. Für den materiellen Unterhalt des Kindes werden altersabhängig zwischen 459 und 610 Euro ausgezahlt. Neben dem monatlichen Pflegegeld besteht die Möglichkeit, einmalige Beihilfen oder Zuschüsse zu beantragen - beispielsweise für die Erstausstattung beim Einzug, wichtige persönliche Anlässe oder Ferienfahrten des Pflegekindes.

Rückkehr zur leiblichen Familie nicht ausgeschlossen

"Klar ist: Solche finanziellen Hilfen sind wichtig, aber sie können und sollten nicht ausschlaggebend sein für die Entscheidung, ein Pflegekind aufzunehmen", sagt Henrike Hopp. In erster Linie müsse es immer um das Wohl des Kindes gehen. Das heiße auch: Hat sich die Situation in der Herkunftsfamilie deutlich verbessert, kehrt das Pflegekind möglicherweise zu seinen leiblichen Eltern zurück. Pflegeeltern sollten immer damit rechnen, ihren Schützling wieder ziehen lassen zu müssen. Vielen Familien bereitet dieses Loslassen Probleme, wenn man sich erst einmal aneinander gewöhnt hat, und sich eine tiefer gehende Beziehung entwickelt hat.

Wer ein Pflegekind aufnimmt, braucht also viel Idealismus und muss sich immer auch an kleinen Fortschritten seines Schützlings freuen. Dass sich dieser oft schwierige und anstrengende Weg trotzdem lohnt, bekräftigt der finnische Psychiater und Psychotherapeut Ben Furman. Im Titel seines Bestsellers heißt es: "Es ist nie zu spät, eine glückliche Kindheit zu haben". Auf Pflegeeltern übertragen könnte man vielleicht besser sagen: "Es ist nie zu spät, für eine glückliche Kindheit zu sorgen."

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