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Sprachwissenschaft: So entstanden die Wörter Vater, Mutter, Sohn und Tochter...

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Woher stammen die Bezeichnungen der Familienmitglieder?

24.01.2011, 16:48 Uhr | Heinrich Tischner , t-online.de

Sprachwissenschaft: So entstanden die Wörter Vater, Mutter, Sohn und Tochter.... Vater, Mutter, Tochter - alle enden auf "ter", nur der Sohn nicht. Warum eigentlich?  (Quelle: imago)

Familienfreundlichkeit: schon kleine Gesten können eine freundliche Atmosphäre bewirken. (Foto: imago) (Quelle: imago)

Die Wörter Mutter, Vater und Tochter sind schon rund 4000 Jahre alt. Die Bezeichnung Sohn wurde sogar schon vorher geboren.

Die Ters

Was ist mit unsern Buben los? Vater, Mutter, Tochter, Schwester, Bruder, alle enden mit -ter oder -der. Nur der Sohn tanzt aus der Reihe. Warum? Weil die Kinder schon immer eigensinnig waren, auch die Mädchen! Denn die Schwester hieß ursprünglich swesor. Das heutige t ist keine Anpassung an die anderen Wörter, sondern ein Übergangslaut zwischen s und r.

Ter bedeutet "Haus, Familie"

Das Wort Sohn ist Mitglied einer Patchworkfamilie und stammt aus einem vorehelichen Verhältnis seiner Mama: Da stehen nämlich zwei Systeme von Verwandtschaftsbezeichnungen nebeneinander. Erstens: Indogermanisch mâtêr, petêr, dhughtêr, bhrâtêr 'Mama Ter, Ernährer Ter, Kind Ter' (aus Sicht der Eltern) und 'Mitkind Ter' (aus Sicht der anderen Kinder), wobei ter wohl so viel wie 'Haus, Familie' bedeutet. Zweitens: Ein viel älteres sewe-, su- 'gebären', zu dem nicht nur Sohn gehört, sondern auch altindisch sutá 'geboren, Sohn, Tochter', georgisch schwili 'Sohn', chinesisch sun (aus swen) 'Enkel, Nachkomme'.

Die Schwester ist weder mit den "Ters" noch mit dem Sohn verwandt, sondern mit den "Schwiegers". Diese Wörter gehören als 'Verwandte' zum Pronomen s(w)e ("sein, sich"). Die Schwieger (-mutter, swecrús) war diejenige, "die Angehörige nachwachsen ließ". Der Schwäher (Schwiegervater, swécuros) hatte nichts zu sagen, das war nur ihr Mann. Die Schwiegermütter hatten schon in der Steinzeit die Hosen an.

Die Ters entstanden, als der Papa einzog

Der erste Schritt, Ordnung in die Familie zu bringen, war wohl dass die Mama sagte: "Diese Kinder habe ich geboren (su…), das ist mein Sohn" und so weiter. Als der Geliebte der Mutter einzog, schuf man die neuen Wörter auf -ter: Da war dhughtêr (heute 'Tochter') zunächst das Kind der Eltern, bhrâtêr (heute 'Bruder') das Mitkind aus Sicht der Geschwister – ohne Rücksicht auf das Geschlecht. Da es ja schon das Wort Sohn gab, beschränkte man Tochter auf die Mädchen und übernahm für das weibliche Mitkind aus anderem Zusammenhang die Schwester.

Und was hat es mit dem vorehelichen Verhältnis der Mama auf sich? Die indogermanische Familie "Ter" wurde vor etwa 4000 Jahren gegründet. Da scheint auf einmal der Partner der Mama erkannt zu haben, dass deren Kinder auch seine Kinder sind. Jetzt fing er an, Ansprüche zu stellen, zog ins Haus und kommandierte herum.

Die Verwandtschaftsbezeichnungen auf -ter sind Zeugnisse eines gesellschaftlichen Wandels, der sich vor mehr als 4000 Jahren bei den eurasischen Steppenvölkern vollzogen und mit den Indogermanen in Europa durchgesetzt hat.

Aus Ter wird Familie

Heute sagen wir nicht Ter, sondern Familie. Familie, das sind Eltern und Kinder, notfalls noch Opa oder Oma. Mehr haben in einer modernen Wohnung keinen Platz. Auf den Bauernhöfen leben heute noch mehrere Generationen in einer Großfamilie unter einem Dach und die "Freundschaft" (Verwandtschaft) in der Nähe. Familie, das sind die nächsten Verwandten. Aber auch Hund, Katze und andere Haustiere.

Ursprünglich zählten zur Familie nicht nur die Verwandten, sondern auch das Personal ("Gesinde"). Knechte und Mägde wohnten auf dem Bauernhof und saßen beim Bauer mit am Tisch, Lehrlinge und Gesellen beim Handwerksmeister, Hausangestellte im bürgerlichen Haushalt. Familie, das war die gesamte Hausgemeinschaft. Dieser Ausdruck wurde Anfang des 15. Jahrhunderts aus dem Lateinischen übernommen. Schon im Altertum war familia die Hausgemeinschaft, die Angehörigen des Hausherrn samt den famuli 'Dienern'. Die Germanen sagten dafür hîwan, verwandt mit Heirat 'Gründung einer Gemeinschaft', die ein gemeinsames Heim hatte.

Für die Gemeinschaft der Blutsverwandten (Familie im heutigen Sinn) hatte man andere Ausdrücke: Geschlecht 'alle Nachkommen des Stammvaters', Künne 'alle lebenden Verwandten' und Sippe als Oberbegriff.

Verwandte der Eltern

Zur Verwandtschaft gehören auch die Eltern und Geschwister der Eltern samt ihren Nachkommen. Ursprünglich unterschied man Oheim und Muhme, Bruder und Schwester der Mutter, sowie Vetter und Base, die Geschwister des Vaters. Oheim, eigentlich Ohm, ist eine Weiterbildung von awo 'Großvater'. Muhme ist eine Lallform von Mutter. Entsprechend kommt Vetter von Vater. Base, eigentlich Wase hatte die Grundbedeutung 'junger Mensch, Diener, Krieger' (daher Vasall 'Gefolgsmann), sodann auch 'älterer Verwandter' und "Boss". Die Base ist die Frau vom Boss.

Die Bedeutung 'junger Mensch' lässt sich noch im älteren Sprachgebrauch erkennen, wo Base die 'Cousine' war und Vetter der 'Cousin'. An diesen beiden Ausdrücken merken wir auch, wie sich inzwischen französische Wörter eingebürgert haben (aus lateinisch consobrina, consobrinus 'zur Verwandtschaft der Mutter gehörig'). Die beiden Fremdwörter ersparen uns die Verlegenheit, zwischen kleinen und großen Vettern und Basen unterscheiden zu müssen.

Etwa zur selben Zeit hat man auch die vier Wörter für die Geschwister der Eltern durch französische Vokabeln ersetzt, nicht mehr vier, sondern nur noch zwei: Onkel und Tante. Lateinisch avus war der Großvater, avunculus der "kleine Opa", der Oheim. Tante ist als kindliches Lallwort entstanden aus ante (lateinisch amita 'Schwester des Vaters). Mit dem Zerfall der Großfamilie war es nicht mehr nötig, die Geschwister der Eltern so genau zu unterscheiden.

Vorfahren und Nachkommen

Dafür wurde eine andere Unterscheidung wichtig: Ursprünglich lebte höchstens noch ein Großelternteil. Manchmal lernten die Kinder auch noch Menschen aus der Generation vorher kennen. Da konnte man sich mit Ahn(e) begnügen. Es ist abgeleitet von einem Wort für 'es gut mit jemand meinen', heute versteckt in G-un-st 'Wohlwollen'. Genauer unterscheiden kann man durch die Vorsilbe Ur-. Schon zu Beginn der Neuzeit ist das Wort Urahne bezeugt, das wir heute für alle möglichen Verwandtschaftsgrade anwenden.

Vor 1400 kam Großvater, Großmutter auf. Im Kindermund wurde aus den Großeltern erst Großmama, Großpapa, dann als Lallwörter zu Omama, Opapa und schließlich nach 1870 zu Oma, Opa.

Wie aus lateinisch avus 'Opa' der "kleine Opa" avunculus, Onkel wurde, so wurde im Deutschen aus Ahn der "kleine Ahn" eni-klîn, Enkel.

Neffe und Nichte sind Kinder der Geschwister, früher auch die Kindeskinder, also die Kinder überhaupt außer Sohn und Tochter. Indogermanisch ne-pots, ne-ptis bedeutete 'unmündig'. Die Nichte hieß im Althochdeutschen nift.

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