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Stirbt die Mittelschicht aus?

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Stirbt die Mittelschicht aus?

05.04.2011, 15:26 Uhr | Simone Blaß

Stirbt die Mittelschicht aus?. Die Zahl der ärmeren Haushalte steigt, Angst und Verunsicherung ebenfalls. (Foto: imago)

Die Zahl der ärmeren Haushalte steigt, Angst und Verunsicherung ebenfalls. (Foto: imago)

Experten sind sich einig: Eine starke Mittelschicht stabilisiert die Gesellschaft, auch hinsichtlich demokratischer Entscheidungsprozesse. Doch in Deutschland steigt die Zahl der ärmeren Haushalte, die immer weniger zur Verfügung haben und die der reicheren Haushalte, die mehr als 150 Prozent des Durchschnittseinkommens ausgeben können. Ein Trend der nicht nur als ungerecht empfunden wird, sondern auch Ängste und Verunsicherung schürt. Vor allem in der Mittelschicht.

Am unteren Rand der Mittelschicht wird es eng

In einem aktuellen Bericht des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung heißt es: "Im längerfristigen Trend hat vor allem die mittlere Einkommensgruppe an Anteilen verloren. Die Bedeutung der sogenannten Mittelschicht hat also abgenommen." Die Gründe dafür, dass es vor allem am unteren Rand der Mitte eng wird, sind vielfältig. Es gab Zeiten, da hatte die Mittelschicht nichts zu befürchten. Doch inzwischen herrscht auch hier die Abstiegsangst, denn oft ist der Standard nur dann zu halten, wenn beide verdienen. Wobei die Betreuungskosten für die Kinder bereits ein großes Loch in die Haushaltskassen fressen. Fällt ein Verdienst weg oder kommt es gar zur Scheidung, dann rutscht die Familie ab.

Mittelschicht gilt als verlässlicher Faktor für den Staat

Hinzu kommt: Eine Generation, die zu Zeiten aufgewachsen ist, in denen die stetige Zunahme an Wohlstand und Sicherheit völlig normal war, muss sich jetzt mit Problemen herumschlagen, die ihre Eltern gar nicht hatten. Angefangen mit der sogenannten "Flexibilität des Arbeitsmarktes", die regelmäßigen Wechsel voraussetzt und so die Sicherheit des Arbeitsplatzes immer wieder in Frage stellt, über die Problematik, dass es (noch) nicht für jedes Kind eine optimale und dabei noch bezahlbare Betreuungsmöglichkeit gibt, bis hin zur Unsicherheit bezüglich der späteren Rente. Die Mittelschicht galt von jeher als fleißig, ehrlich und beständig, zahlt brav Steuern und Abgaben und ist ein Faktor, auf den der Staat sich verlassen kann. Wohlstand, Status, Bildung. So sah es lange Zeit aus. Doch inzwischen wird hier für viele Familien die Last zu groß, die Sicherheit der Mittelschicht ist heutzutage alles andere als sicher, das Vertrauen in die Zukunft sinkt und die Konflikte nehmen zu.

Mittelschichtfamilien sind oft benachteiligt

Sich am unteren Rand der Mittelschicht zu halten, ist ganz bestimmt nicht einfach. Hier geht es nicht, wie bei den oberen Schichten, um Besitz, hier geht es rein ums Einkommen. Eine wacklige Komponente. Diese Familien erarbeiten sich alles selbst, zahlen Preise für kulturelle Veranstaltungen voll und liegen bei der Frage nach Wohngeld oder anderen Zuschüssen bzw. Erleichterungen meist ganz knapp über der Einkommensgrenze. "Uns hat bei der Geburt unserer zweiten Tochter damals jemand vom Amt gesagt, dass uns zwar 17 Euro Erziehungsgeld zustehen würden – unser Einkommen lag nur ganz knapp unter der Grenze – dass man unter 20 Euro aber keine Auszahlung veranlassen würde“, erzählt die 38-jährige Rebecca Hof. „Das konnte ich kaum fassen, denn in Windeln und Babygläschen umgerechnet, hätte uns das schon einiges an Erleichterung gebracht. Da fragt man sich manchmal durchaus, ob das gerecht ist.“

Jammern auf hohem Niveau

Doch eines muss natürlich in diesem Zusammenhang klargestellt werden: Zwischen den wirklichen Problemen der Mittelschicht und ihrer gefühlten Unsicherheit klafft eine Riesenlücke. Oder anders ausgedrückt: Hier wird schon durchaus mal auf ziemlich hohem Niveau gejammert. Was so manches Mal wie ein Schlag ins Gesicht derjenigen Familien wirkt, bei denen beide Vollzeit arbeiten und es tatsächlich hinten und vorne nicht langt. Natürlich mag es für jemanden, der es gewöhnt ist, dass der regelmäßige Gang zum Bioladen oder zum Friseur normal ist, hart sein, wenn er darauf verzichten muss bzw. neuerdings die Bioprodukte beim Discounter shoppt. Sicher ist man nicht begeistert, wenn sich die Familie räumlich stark einschränken muss, um in einer "guten" Wohngegend wohnen zu können, so manch einer schämt sich vielleicht auch ein bisschen, dass er die teuren Markenklamotten auf dem Kindertrödel erjagen muss und sonntägliches Essengehen gemeinsam mit anderen Familien einfach nicht regelmäßig drin ist und ganz sicher ist es ärgerlich, wenn der Urlaub etwas kleiner ausfällt. Aber: Wirkliche Probleme sind das nicht.

Ein Problem, aus dem Ausländerfeindlichkeit entstehen kann

Wirkliche Probleme entstehen in diesem Zusammenhang auf ganz anderen Ebenen: "Wenn dies eine reale Erfahrung ist oder auch nur als Bedrohung wahrgenommen wird, kann bei den mittleren Schichten das entstehen, was C. W. Mills als Statuspanik bezeichnet hat. Gerade bei den mittleren Schichten, deren Status sich auf Einkommen und nicht auf Besitz gründet, besteht eine große Sensibilität gegenüber Entwicklungen, die diesen Status bedrohen. Das kann durchaus mit der Tendenz einhergehen, eine andere Bevölkerungsgruppe für diesen Status-Verlust verantwortlich zu machen und so zur Ausbreitung von diskriminierenden Einstellungen (wie Ausländerfeindlichkeit und Fremdenhass) beitragen", heißt es in dem Bericht des DIW mit dem Titel "Polarisierung der Einkommen. Die Mittelschicht verliert."

Die Autoren Jan Goebel und Martin Gornig stellen in diesem Zusammenhang fest, dass die Gefahr besteht, dass sich immer mehr Stadtteile entwickeln, die von der Mittelschicht gemieden werden. Lässt sich das nicht vermeiden, so versucht man wenigstens, sein Kind in einer anderen Sprengelschule unterzubringen oder sich insofern abzugrenzen, dass man das Geld für eine Privatschule und Zusatzunterricht anderer Art irgendwie aufbringt. Schließlich lebt der Begriff Mittelschicht in erster Linie von Bildung.

Trend hat negative Folgen für die Gesellschaft

Es ist nicht die richtige Stelle, um darüber zu sinnieren, was die Politik vielleicht verändern könnte, um zum Beispiel die Kinder der Unterschicht langfristig in die nächste Schicht zu befördern, wie man Paaren aus der Mittelschicht die Angst vor dem Kinderkriegen nehmen könnte bzw. welche Wege man gehen müsste, um das Herauskatapultiertwerden aus der Mittelschicht durch zu viele Kinder oder eine Scheidung zu verhindern. Klipp und klar kann man aber sagen: Die Angst vor einem Milieu der Chancenlosigkeit ist zu groß, genau wie die Angst, den Standard vielleicht nicht mehr halten zu können. Und das wirkt sich - gesellschaftlich gesehen - ziemlich negativ aus.  

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