Startseite
Sie sind hier: Home > Eltern > Familie >

Soldateneltern - Spagat zwischen Familie und Einsatz

...
t-online.de ist ein Angebot der Ströer Content Group

Soldaten aus Berufung - zwischen Familie und Einsatz

21.07.2011, 19:28 Uhr | Simone Blaß, t-online.de

Soldateneltern - Spagat zwischen Familie und Einsatz. Sgt. Will McVay mit Familie: Wenn ein Elternteil lange fehlt, kann das zuhause für Gefühlschaos sorgen. (Foto: imago)

Sgt. Will McVay mit Familie: Wenn ein Elternteil lange fehlt, kann das zuhause für Gefühlschaos sorgen. (Foto: imago)

Wir hören täglich in den Nachrichten von deutschen Soldaten im Ausland. Derzeit sind es 14 Einsatzgebiete, in denen Deutsche tätig sind - das größte ist Afghanistan. Im Einsatz sind rund 7000 Frauen und Männer, die etwa 25.000 Angehörige für mehrere Monate am Stück alleine lassen müssen. Und obwohl die Familie zuhause tatkräftig unterstützt wird, die emotionale Achterbahnfahrt kann diesen Menschen niemand abnehmen.

Soldat aus Berufung - da muss die Familie zurückstehen

Für andere ist es oft nicht einfach nachzuvollziehen, warum zum Beispiel eine junge Frau, die noch sehr kleine Kinder hat, in die gefährlichsten Regionen der Welt zieht oder warum ein Familienvater sein Leben aufs Spiel setzt, wo er doch zuhause so sehr gebraucht wird. "Viele Soldaten sind Soldaten aus Berufung", erklärt der Militärpfarrer Dr. Thomas Balogh. "Sie gehen dahin, wo andere freiwillig nicht hingehen würden, schützen Menschen, die sich selbst nicht helfen können." Sie haben sich entschieden, Soldat oder Soldatin zu sein, sehen den Sinn in ihrer Aufgabe und nehmen deshalb vieles in Kauf - manchmal eben auch die Trennung von Partner und Familie für eine lange Zeit. Für beide Seiten ist das nicht einfach.

Alles muss geregelt werden

Schon Wochen vor dem Einsatz wirft dieser seine Schatten voraus - nicht nur beruflich. Auch im privaten Bereich gibt es Unmengen zu organisieren, vieles zu klären - auf der praktischen Ebene genauso wie auf der emotionalen. Man braucht Vollmachten, muss wissen, an wen man sich wenden kann, wenn zum Beispiel die Waschmaschine kaputt ist oder ein Versicherungsfall entsteht. Die Finanzen müssen geregelt sein und auch wenn man am liebsten gar nicht darüber nachdenken möchte: Ein Testament muss verfasst werden. Das allein führt schon zu Gefühlen, die man normalerweise lieber gar nicht an sich heranlässt.

Die Angst zerrt an den Nerven

Doch jetzt ist ein wichtiger Zeitpunkt für die betroffenen Paare, Ängste auch auszusprechen. Und zwar nicht nur solche elementaren, sondern auch banalere wie zum Beispiel die Angst, den anderen an jemanden zu verlieren, der Tag für Tag monatelang gemeinsam mit ihm im Einsatz ist. "Wenn eine Beziehung in Ordnung ist, wenn tragende Elemente da sind, die die Zwei verbinden, dann überdauert das meist den Einsatz", erklärt der 52-jährige Balogh, der selbst erst vor Kurzem von seinem letzten Afghanistaneinsatz zurückgekehrt ist. "Probleme allerdings, die bereits vorher da waren, brechen dann erst richtig auf." Sie werden nicht kleiner, nur weil mehrere tausend Kilometer zwischen dem Paar liegen. "Ich versuche immer wieder, den Soldaten klarzumachen, dass sie unbedingt im Vorfeld daran arbeiten müssen, ihre Beziehung zu stabilisieren."

Der Alltag bleibt zuhause

Die betroffenen Paare müssen vorab klären, wie viele Informationen ihren Weg zum Einsatzort finden sollen, besonders wenn es in der Beziehung Kinder gibt. Viele entscheiden sich in diesem Zusammenhang, den "Alltagskram" aus den Gesprächen und Briefen rauszuhalten, um den anderen nicht zu verunsichern. "Denn es macht den Aufenthalt besonders schwer, wenn man eigentlich daheim sein möchte, um den Partner zu unterstützen, wenn man sich Sorgen macht, dass der andere alleine nicht klarkommt. Wenn der Soldat allerdings merkt, daheim stimmt es, dann hat er den Kopf frei für seine Aufgabe."

Offen miteinander sein

Allerdings sollte man sich auch im Klaren darüber sein, dass ein vertrauter Mensch unbewusste Untertöne schnell wahrnimmt und sich dann vielleicht erst recht Sorgen macht. Das gilt nicht nur für die Zeit des Einsatzes, das gilt auch für die Zeit davor. Christiane Reitz, Autorin des Bundeswehr-Ratgebers "Dein, mein, unser Einsatz" gibt zu bedenken, dass vor allem Kinder und Jugendliche eine feine Antenne für Veränderungen in der Familie besitzen. Sie nehmen unbewusst wahr, wenn ihre Eltern mit einem wichtigen Thema beschäftigt sind. Daher rät sie zu einem offenen Umgang miteinander. "Da sich aus dieser Vorahnung heraus Ängste entwickeln können, ist es ratsam, dem eigenen Kind recht früh mitzuteilen, dass der Vater oder die Mutter für eine gewisse Zeit verreisen wird.“

Für sich selbst gut sorgen um besser für die anderen da sein zu können

Für das Kind ist es wichtig zu wissen, dass die Reise "dienstlich" ist und es selbst keine Schuld hat an den damit einhergehenden Veränderungen. Je mehr Zuversicht man ausstrahlt, desto weniger Ängste entwickeln sich beim Nachwuchs. Der allgemeine Rat: Gönnen Sie sich etwas Gutes, lenken Sie sich ab und tanken Sie Lebensfreunde bei etwas, das Ihnen Spaß macht. Das allerdings ist leichter gesagt, als getan. Denn ganz schnell kommt es zu einem Krieg der Gefühle. Das schlechte Gewissen gegenüber dem Partner macht sich bemerkbar, der unter ganz anderen Bedingungen leben muss - mit all den Schreckensbildern im Kopf! Trotzdem sollte der Partner im Sinne der Familie und den Kindern eine positive Stimmung behalten.

Familienbetreuungsstellen fangen viel auf

Ein Einsatz in einem Krisengebiet ist ein extrem emotionales Auf und Ab - auch die Zeit zuhause, davor sowie danach, ist für die ganze Familie nicht ohne Anspannung. Als besonders schwierig empfinden die Daheimgebliebenen oft die fehlende Akzeptanz in der Bevölkerung. Die Tatsache, plötzlich den ganzen Haushalt, das Leben alleine stemmen zu müssen, macht es schwer. Hierfür sind die die über ganz Deutschland verteilten Familienbetreuungszentren wichtige Anlaufstellen. Dort finden Familien Ansprechpartner für alle Sorgen und Nöte - 24 Stunden am Tag, sieben Tage in der Woche. In Notfällen kann auf diesem Weg sogar eine Verbindung zu den Soldaten und Soldatinnen hergestellt werden.

Die Familienbetreuungsstellen sehen sich als Bindeglied zwischen militärischen und zivilen Stellen, helfen also auch bei Problemen mit Ämtern oder Schulen. Sie arbeiten mit einem "Netzwerk der Hilfe" das die Angehörigen in fast allen Lebenslagen unterstützt.

Gleichgesinnte vereinfachen die lange Zeit des Bangens und Wartens

Das ist auf der einen Seite gut für die Soldaten, weil sie wissen, dass ihre Familien kompetente Ansprechpartner haben. Aber natürlich ist es für die Daheimgebliebenen sehr wichtig, Kontakte zu knüpfen mit Menschen, die die gleiche Situation erleben, die gleichen Ängste durchmachen, die gleichen Beziehungsprobleme am eigenen Leib erfahren. Denn selbst mit dem besten Freund, der besten Freundin kann man über die Situation oft weniger gut reden als mit jemandem, der ebenfalls betroffen ist. Das gilt natürlich auch für die Kinder. Sie sind in der Regel stolz darauf, dass ihre Mama oder ihr Papa Soldat ist. Die nicht immer positive Resonanz ihres Umfelds kann ihnen zu schaffen machen und lässt sich leichter tragen, wenn man Freunde findet, die gerade das Gleiche erleben.

Feste Strukturen beibehalten

Für Kinder ist es übrigens am besten, wenn der Alltag zuhause möglichst so weiterläuft wie bisher, das erleichtert die Trennung. Sonderrechte wie zum Beispiel das regelmäßige Schlafen im elterlichen Bett sollten vorsichtig verteilt werden, denn sie erschweren dem Partner die Wiedereingliederung. Thematisieren sollte man den Trennungsschmerz schon. Denn nicht selten passiert es, dass Kinder so stark unter der Abwesenheit ihrer Mutter oder ihres Vaters leiden, dass sie Schlafstörungen, extreme Anhänglichkeit und Verlustängste entwickeln. Gibt man der Lücke, die der andere hinterlassen hat, aber ihren Raum, wird es einfacher.

Kleine Tricks gegen die Traurigkeit

Im Bundeswehrratgeber "Dein, mein, unser Einsatz" findet man einfach umsetzbare Tipps gegen Trennungsschmerz, die sich übrigens auch prima bei Familien anwenden lassen, die zum Beispiel aus Jobgründen regelmäßig getrennt sind: Notfallkisten, Glücksbringer, Geruchsandenken, Bonboneinsatzkalender, eine CD mit selbst gesprochenen Gutenacht-Geschichten oder ein Schmusekissen in Puppenform mit dem aufgedruckten Foto des fehlenden Elternteils - es gibt viele Möglichkeiten, den anderen trotz Abwesenheit in den Alltag zu integrieren.    

Auch der von Ulrike Beckmann erfundene Bärenreporter Karl hilft Kindern, sich das, was Vater oder Mutter vor Ort erleben, vorstellen zu können. Wo schläft man, was isst man, wie ist das Wetter und was machen die Soldaten eigentlich in ihrer Freizeit? Die Psychologin hat in einem Buch kindgerecht umgesetzt, was die Kleinen am meisten beschäftigt: die Reise und die Umstände eines Auslandseinsatzes.

Familie muss sich nach dem Einsatz erst wieder neu finden

Oft erwartet der Elternteil, der nach den durchschnittlich viereinhalb Monaten wieder nach Hause kommt, zu viel. Das Team hat sich aufeinander eingespielt und jeder muss erst wieder seinen neuen alten Platz im Familiensystem wiederfinden. Dass Kinder nach einer längeren Abwesenheit abwartend, verunsichert, manchmal sogar ablehnend reagieren, ist völlig normal. Bei Babys und Kleinkindern kann es sogar durchaus passieren, dass sie den zurückkehrenden Elternteil nicht mehr erkennen. Kindergartenkinder sind manchmal regelrecht beleidigt, Schulkinder reagieren abhängig von der Intensität der Beziehung und Jugendliche verändern sich in der Zeit oft so stark, dass man sie selbst nicht wiedererkennt.

Doch der möglicherweise entstandene Abstand verringert sich schnell, wenn man gelassen an die Situation geht und möglichst viel Zeit mit der Familie verbringt. Extra dafür gibt es zum Beispiel auch die so genannten "Kuschelwochen", die nur dafür da sind, wieder zuhause anzukommen, das Erlebte zu verarbeiten und Liebe aufzutanken.

Liebe Leserin, lieber Leser, aktuell können zu diesem Thema keine neuen Kommentare abgegeben werden. Ab 6 Uhr können Sie hier wieder wie gewohnt diskutieren. Wir danken für Ihr Verständnis.
Liebe Leser, bitte melden Sie sich an, um diesen Artikel kommentieren zu können. Mehr Informationen.
Neue Kommentare laden
Leserbrief schreiben

Für Kritik oder Anregungen füllen Sie bitte die nachfolgenden Felder aus. Damit wir antworten können, geben Sie bitte Ihre Adresse an.

Name
E-Mail
Betreff
Nachricht

Wählen Sie aus dem Pull-Down-Menü Ihren gewünschten Ansprechpartner aus. Vielen Dank für Ihre Mitteilung.

Artikel versenden

Empfänger

Absender

Name
Name
E-Mail
E-Mail
Anzeige
Video des Tages
Die besten Videos des Jahres 2016 
Passant entlarvt angeblichen Beinamputierten

Misstrauisch werden die vermeintlichen Beinstümpfe befühlt. Video

Anzeige

Shopping
Shopping
Nur heute und nur für die 1.000 schnellsten Besteller

tolino page eBook-Reader zum Schnäppchenpreis von nur 49.- € statt 69.- € bei Weltbild.de. Shopping

Shopping
iPhone 7 32 GB im Tarif MagentaMobil L mit Handy

Nur 99,95 €¹. Nur online: 24 Monate 10 % sparen! bei der Telekom Shopping

Vernetzung
Christmas Shopping: Jetzt 15,- € Gutschein sichern!

Nur bis zum 14.12.16. Erfahren Sie mehr zur Aktion auf MADELEINE.de.

tchibo.deOTTObonprix.deESPRITC&ACECILzalando.dedouglas.deKlingel.de

Anzeige
shopping-portal