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Familienhebammen: Hilfe zur Selbsthilfe

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Darum brauchen wir Familienhebammen

16.08.2011, 15:09 Uhr | Simone Blaß, t-online.de

Familienhebammen: Hilfe zur Selbsthilfe. Elternkompetenz ist nicht selbstverständlich - Familienhebammen bieten Unterstützung. (Foto: imago)

Elternkompetenz ist nicht selbstverständlich - Familienhebammen bieten Unterstützung. (Foto: imago)

Man stellt sich das immer so schön vor: ein Mann, eine Frau, ein Baby und die ganze Welt in rosarot oder himmelblau. Dabei sieht die Realität schon bei den Paaren häufig ganz anders aus, bei denen eigentlich alles in Ordnung ist. Doch, was ist mit Müttern oder Vätern, die das Kind gar nicht wollten, bei denen Gewalt an der Tagesordnung ist, die suchtabhängig, psychisch stark belastet oder einfach zu jung sind? Was ist mit den Überforderten oder gar sozial Isolierten? Mit Menschen, die dringend Hilfe brauchen, um so schnell wie möglich zu ihrem Kind zu finden und zu lernen, richtig mit ihm umzugehen? Hier greift die Arbeit der Familienhebammen.

Das Kind ist das schwächste Glied in der Familie

Familienhebammen sind Hebammen, die besonders qualifiziert sind, um Familien mit einem Baby in schwierigen sozialen Situationen weiterzuhelfen. Neben den alltäglichen Hebammentätigkeiten wie Vorsorge, Wochenbettbetreuung oder Stillberatung sind die Familienhebammen darauf spezialisiert, die Eltern zu unterstützen, denen es schwerfällt, ihren Alltag zu bewältigen. Sie fördern und beobachten die Entwicklung der Eltern-Kind-Beziehung, achten auf mögliche Zeichen von Vernachlässigung oder Gewalt und zeigen auf, welche Wege man gehen kann, um schwierige Lebensumstände wieder in den Griff zu bekommen.

Elternkompetenz ist keineswegs selbstverständlich

Jennifer Jaque-Rodney war eine der ersten drei Familienhebammen in Nordrhein-Westfalen. Eine Pionierin, die vor allem deswegen von dem Konzept überzeugt war, weil sie es aus ihrem Heimatland England bereits kannte und dort schon Erfahrungen auf dem Gebiet sammeln konnte.

Die Gründerin des Netzwerks "Familienhebammen" ist begeistert von ihrem Beruf und den damit zusammenhängenden Möglichkeiten: "Ganz klar, diese Aufgabe ist schwierig. Wenn ich aber merke, dass es den Frauen beziehungsweise Eltern gelingt, aufgrund meiner Unterstützung eine gute Beziehung zu dem Kind aufzubauen, dann macht mich das schon stolz. Wenn die Familien anrufen, weil sie nicht mehr weiter wissen, wenn sie Sätze sagen wie 'Es ist schön, dass Sie da sind für uns', dann zeigt das, dass sie Vertrauen zu mir haben." Und es zeigt, dass die Familienhebammen gebraucht werden.

Hilfsangebote nutzen lernen

Die Betreuung durch eine Familienhebamme kann in Anspruch genommen werden, bis das Kind seinen ersten Geburtstag feiert. Bis dahin hilft die Hebamme bei der Bewältigung des ungewohnten Alltags mit Baby und steht der Familie, wenn notwendig, auch bei Arztbesuchen oder Ämtergängen zur Seite. Ziel ist es, dass die betroffenen Familien in dieser Zeit gelernt haben, dass sie sich selbst Hilfe holen können und dürfen. Dass sie wissen, an wen man sich wenden kann. Jetzt greifen die Ärzte, die Therapeuten und natürlich die verschiedenen Beratungsstellen. Oder auch einfach gängige Mutter-Kind-Angebote.

Momente, in denen Jaque-Rodney merkt, dass die Eltern sich sehr schwertun, eine Bindung zum Kind aufzubauen, es nicht wollen oder nicht können, gehen auch nach über 20 Jahren Berufserfahrung nicht spurlos an ihr vorbei. Genau wie viele andere Situationen, die sie tagtäglich erlebt. Die 52-Jährige rät hier bei den von ihr organisierten Fortbildungsreihen immer wieder dazu, sich Hilfe von außen zu holen. "Es gibt Experten wie systemische Therapeuten oder Supervisoren, die einem helfen können, den Standpunkt von außen zu behalten. Bei all den Emotionen, mit denen man zu tun hat, ist es wichtig, gesund und offen zu bleiben. Und damit auch professionell. Denn nur so kann man den betroffenen Frauen auch wirklich helfen, kann sie optimal unterstützen."

Ohne Netzwerk geht gar nichts

Zur optimalen Unterstützung gehört aber nicht nur ein gewisser Abstand, sondern auch ein gut funktionierendes Netzwerk. Zu Jugend- und Sozialämtern, zu Frauen- und Kinderärzten und natürlich zu verschiedenen psychosozialen Beratungsstellen. Wobei die Familienhebamme im optimalen Fall entweder bei einem freien Wohlfahrtsträger oder aber auch bei der Stadt selbst angestellt ist und dort fürs Gesundheits- oder Jugendamt direkt arbeitet. "Ein gutes Netzwerk aufzubauen bedeutet natürlich auch, dass wir Familienhebammen eine Menge 'Klinken putzen' müssen. Und Öffentlichkeitsarbeit betreiben. Doch wenn das Netzwerk erst einmal vorhanden ist, dann reagieren die jeweiligen Kooperationspartner sofort. Stellen den Kontakt her, wenn sie auf eine Schwangere oder junge Mutter treffen, bei der sie merken, dass besondere Bedürfnisse vorliegen."

Niedrigschwellige Angebote sind wichtig, um die Zielgruppe zu erreichen

Denn von selbst kommen die betroffenen Frauen normalerweise nicht. Es handelt sich oft um Menschen mit mangelnden Sprach- und Sozialsystemkenntnissen, mit einem geringen sozio-ökonomischen Status oder Bildungsstand. Gerade da ist es wichtig, früh genug unterstützend einzugreifen. "Unsere Arbeit ist präventiv zu sehen und ich habe die Erfahrung gemacht, je früher eine Familienhebamme eingesetzt wird, desto besser. Doch hier gibt es auch auf Seiten der Politik noch einiges an Aufklärungsarbeit zu leisten." Genau wie bei der Qualitätssicherung. Denn noch kann sich jede Hebamme theoretisch auch "Familienhebamme" nennen. Inzwischen werden aber entsprechende Weiterbildungen in allen Bundesländern angeboten, ein übergreifendes Logo soll in Zukunft die Qualität ebenfalls sichtbar machen.

Das Bundeskinderschutzgesetz soll es richten

Zum 01. Januar 2012 soll das Bundeskinderschutzgesetz, das vor allem auf den Ausbau der so genannten "frühen Hilfen" setzt, in Kraft treten. Dazu gehört auch die Stärkung der Familienhebammen. Für einen Zeitraum von vier Jahren will man dafür 120 Millionen Euro zur Verfügung stellen. So sieht es der Gesetzentwurf von Familienministerin Kristina Schröder vor.

Doch es gibt Unstimmigkeiten bezüglich der Finanzierung von Familienhebammen. Und die Befürchtung, dass es sich um ein Modellprojekt handelt, das nach großer Investition in der Versenkung verschwindet. "Modelleritis" nennt das der familienpolitische Sprecher der hessischen Grünen, Marcus Bocklet, dem ein Gesamtkonzept vorschwebt, das über das Modell der Familienhebammen noch hinausgeht.

Einige Länder lehnten das Modell "Familienhebamme" sogar gänzlich als zu teuer ab. Stattdessen schlug man eine leichte Ausweitung der normalen Hebammentätigkeit vor. Doch laut Martina Klenk, der Präsidentin des Deutschen Hebammenverbandes, ist das keine Lösung. Schließlich hätten Hebammen ohne Zusatzausbildung gar nicht die Möglichkeit, das Kindeswohl entsprechend zu sichern. Eine "normale" Hebamme könne auf keinen Fall die Arbeit einer Sozialarbeiterin, einer Familienhebamme oder anderer Akteurinnen eines Netzwerks Frühe Hilfe ersetzen. "Jetzt sind die Länder und der Bund gefordert, um ein solides Finanzierungskonzept des Kinderschutzes zu entwickeln." Dazu heißt es aus dem Bundesfamilienministerium: "Bund und Länder werden eine rasche Einigung zum Wohle der Familien herbeiführen.“

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