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Zirkuskinder: Manege frei für einen guten Schulabschluss

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Manege frei für einen guten Schulabschluss

22.09.2011, 13:25 Uhr | Simone Blaß, t-online.de

Zirkuskinder: Manege frei für einen guten Schulabschluss. Kein Leben wie jedes andere: Zirkuskinder. (Quelle: imago)

Kein Leben wie jedes andere: Zirkuskinder. (Quelle: imago)

Zirkuskinder umweht ein Hauch von Abenteuer. Andere wünschen sich einen Hund, Zirkuskinder reiten auf Elefanten, leben zwischen wilden Tieren und dem Trapez, reisen das ganze Jahr und wohnen im Wohnwagen. Die Schule besuchen sie an jedem Ort nur ein paar Tage, kaum sind sie aufgetaucht, sind sie schon wieder weg und nicht selten haben sie mit Misstrauen und Vorurteilen zu kämpfen. So zumindest war es früher. Heute sind Laptop und E-Learning in die Welt der Kuppel eingezogen, es gibt eigene Schulen, ein guter Abschluss ist kein Problem mehr. Und auch das Misstrauen geht zurück.

Die schwarzen Schafe werden seltener

"Zum Glück ist es in den letzten Jahren nicht mehr so schlimm mit den Feindseligkeiten. Was sicher daran liegt, dass der Begriff Zirkus mittlerweile einen neuen Stellenwert hat. Es gibt immer mehr seriöse Unternehmen, die mit der Zeit gehen." Gutes Benehmen gehört für Jan Sperlich hier ganz klar dazu. Und das vermittelt der Mittdreißiger, der selbst mit zwei Jahren das erste Mal in der Manege stand, auch seinen Kindern. Jan Sperlich ist durch und durch ein Zirkusmensch. Selbst aus einer alten Dynastie abstammend, hat er im vergangenen Jahr sein eigenes kleines Unternehmen gegründet: Vis à vis, die Manege der jungen Artisten. Ursprünglich waren sechs Kinder im Alter von vier bis 15 mit an Bord. Doch wie es im Zirkusleben so ist: Eine der Familien ist weitergezogen und heute leben nur noch die vier Kinder von Ninia und Jan mit im Wohnwagen.

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Das Mithelfen ist in einem kleinen Zirkus für alle selbstverständlich

Jolien ist mit ihren vier Jahren die Kleinste und genießt damit die meisten Freiheiten. Justine ist die Älteste. Mit 15 leistet sie am Trapez und mit den Reifen bereits einen großen Beitrag zum Gelingen des kleinen Zirkus. Und sie greift ihrer Mutter im Haushalt unter die Arme. Auch ihre beiden Brüder, der 14-jährige Adriano und der zehnjährige Joey, arbeiten kräftig mit. Der Große, ein Tausendsassa im Jonglieren, hilft beim Auf- und Abbau der Zeltanlage und unterstützt seinen Vater bei allen anfallenden Arbeiten. Der Kleine ist privat wie "beruflich" der geborene Clown und sorgt für gute Laune. Da er noch nicht, wie die beiden Großen, an einem Fernlehrprojekt teilnehmen kann, muss er wie in alten Zeiten fast jede Woche eine andere Schule besuchen. Was ihm nicht immer leicht fällt. Vor allem die in diesem Alter so wichtigen Freundschaften fehlen ihm. "Wie soll man auch Freunde finden, wenn man jede Woche woanders ist?" Jan Sperlich sieht das Problem durchaus und er weiß, dass sich die Kinder auf die Wintermonate freuen, wenn sie mal mehrere Wochen am Stück an einem Ort bleiben.

Virtuelles Klassenzimmer bietet ganz neue Möglichkeiten

Die evangelische Kirche Rheinland betreibt ein Projekt, das inzwischen im wahrsten Sinne des Wortes Schule macht: die Schule für Circuskinder NRW, eine staatlich genehmigte private Ersatzschule. "Der Unterricht der Schule für Circuskinder findet in kleinen, in Nordrhein-Westfalen verstreuten, Klasseneinheiten auf Rädern statt. Diese werden entweder von einem Circus mitgezogen oder die vor Ort unterrichtende Lehrkraft fährt mit ihrem rollenden Schulmobil selbst dorthin", heißt es auf der entsprechenden Internetseite. Eine Lehrkraft für maximal sechs Kinder, Lerngruppen mit unterschiedlichen Alters- und Wissensklassen und E-Learning, denn viele der Schüler sind nicht nur über ganz Deutschland, sondern auch über andere Länder verteilt. Von den unterschiedlichsten Standorten aus können sich die Schüler, die das nötige Equipment zur Verfügung gestellt bekommen, einloggen. So soll vermieden werden, dass durch das dauernde Wechseln der Schule und damit der Lehrkräfte, Mitschüler und Unterrichtsinhalte ein Schulversagen fast schon vorprogrammiert ist.

Die kleinste Schule der Welt

Größere Zirkusse, wie der Zirkus Roncalli, können es sich leisten, einen eigenen Lehrer für die Zirkuskinder zu engagieren, der mitreist und sich individuell darum bemüht, auch mit der Winterquartiersschule gut zusammenzuarbeiten. Und so bestmögliche Ergebnisse und schnelle Integration in der Winterzeit ermöglicht.

Beim Circus Krone, in dem immerhin rund 400 Menschen arbeiten, ist man sehr stolz auf die "kleinste Schule der Welt", ebenfalls staatlich anerkannt und von der Direktion des Zirkus finanziert. Ausgaben von umgerechnet rund 25.000 Euro täglich, davon allein 3000 Euro nur für die Verpflegung von Mensch und Tier - der Circus Krone wird geführt wie ein großer Konzern. Allein 50 Angestellte kümmern sich um die Verwaltung. Die Kinder, die in dieser Zeltstadt leben, leben anders als andere Zirkuskinder. Und das nicht nur, weil sie ihre Nachmittage nicht in der Manege verbringen. "Unsere Kinder hier haben so gut wie keinen Kontakt zur Außenwelt. Sie leben und bewegen sich nur innerhalb der Zäune des Circus Krone." Dr. Susanne Matzenau, die Pressesprecherin des Unternehmens, sieht darin einen großen Vorteil für die Kinder. "Anfeindungen oder Vorurteile bekommen sie nicht zu spüren."

Facebook und Co. werden immer wichtiger

Die Sprösslinge der Krone-Artisten und der Angestellten werden in einem umgebauten LKW nach dem bayerischen Lehrplan unterrichtet. Diejenigen, deren Eltern weiterhin beim Circus Krone bleiben, besuchen, wie der Gesetzgeber es will, in den Wintermonaten eine öffentliche Schule. Die 14-jährige Bulgarin Tsetse, die gerade ihren Hauptschulabschluss anstrebt, geht gern in die Münchner Schule und hat, wie sie selbst sagt, keine Schwierigkeiten damit, gleich wieder Anschluss zu finden. Schließlich gibt es ja die sozialen Netzwerke: "Ich finde es schon wichtig, mit meinen Freunden in Kontakt zu bleiben. Facebook ist da optimal."

Tsetses Familie ist ein fester Bestandteil des Circus Krone. Ihr Vater ist Vorarbeiter im Zelt, ihre Mutter "Küchenfee" und ihre ältere Schwester arbeitet in der hauseigenen Cafe-Bar. Auch die zehnjährige Roberta, die Tochter des rumänischen Schneiders, die ihren Vater in den Schulferien bei Krone besucht, nutzt bereits die modernen Kommunikationsmittel. "Ich hatte eine Freundin, die jetzt leider weitergezogen ist. Wir können uns nicht mehr treffen, aber wir schreiben uns über Facebook und reden über Skype."

Einmal Zirkus - immer Zirkus?

Beide Mädchen lieben das Zirkusleben, jede Woche eine neue aufregende Stadt und Zirkusvorstellungen so viel man will. Immer gratis. Sie können sich nicht vorstellen, einmal anders zu leben. Auch Jan Sperlich ist sich ziemlich sicher, dass seine Vier nie "sesshaft" werden möchten. "Ich glaube, dass das kein Zirkuskind möchte. Sie sind im Zirkus geboren und kennen es gar nicht anders." Sollten sie sich aber später doch entscheiden, die Kuppelwelt zu verlassen, werden die Eltern ihnen nicht im Weg stehen: "Das wäre kein Problem, die Kinder müssen selbst wissen, was sie wollen. Sie sind ja dann nicht aus der Welt."

Aus der Welt war damals in den Achtzigern auch Alexander Lacey nicht, als seine Eltern, selbst Zirkusdirektoren, ihn schon früh in ein Internat schickten, um ihm eine gute Schulausbildung zu sichern. Doch der 34-Jährige erinnert sich noch genau daran, dass er immer so schnell wie möglich wieder zurück in die Manege wollte. "Ich konnte es kaum abwarten, in den Ferien heim in den Zirkus zu kommen, um bei den Tieren - speziell den großen Katzen - zu helfen." Heute ist der Engländer Stardompteur und kann neben dem Silbernen Clown des Zirkusfestivals in Monte Carlo noch einige andere Preise vorweisen. Er ist verheiratet mit einer Trapezkünstlerin und Vater einer kleinen Tochter. Ob sie ebenfalls mit dem Zirkusvirus infiziert ist, das muss sich erst noch herausstellen.

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