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Mythos "neuer Vater" - Spielen ja, spülen nein

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Mythos "neuer Vater" - Spielen ja, spülen nein

04.11.2011, 12:29 Uhr | Spiegel Online

Mythos "neuer Vater" - Spielen ja, spülen nein. Was ist dran an der Legende vom "neuen Vater"? (Quelle: imago)

Was ist dran an der Legende vom "neuen Vater"? (Quelle: imago)

Die Legende vom "neuen Vater" hält sich hartnäckig. Doch trotz Elterngeld und Vätermonaten bleiben die meisten in ihrer alten Rolle stecken: Papi geht gern mal auf den Spielplatz mit, aber die Wäsche macht er noch lange nicht. Dabei macht genau das alle unglücklich: Männer, Frauen - und Kinder.

Job steht an erster Stelle

Treffen sich zwei Männer auf einem Spielplatz in Hamburg. Typ Großstadt-Mittelschicht im Freizeitdress: grüne Barbourjacke, beige Cordhose. Der eine seit einem Jahr Vater, der andere werdender Vater. Sagt der eine: "Weißt du denn schon, welchen Kinderwagen du haben willst?" Sagt der andere: "Auf jeden Fall soll er geländegängig sein. Und Luftreifen und Scheibenbremsen will ich haben." Männergespräche im Jahr 2011. Da sind sie nun also - die beiden Kinderwagenexperten, unsere " neuen Väter". Ambitioniert, interessiert, engagiert. Sie füttern, windeln und bespaßen ihre Kinder. Und sie halten ihrer Partnerin den Rücken frei. Soweit möglich. Aber das ist leider nicht so oft. Denn davor steht der Job. Und das ist die Crux.

Gibt es die "neuen Väter"?

In Wahrheit unterscheiden sich die "neuen Väter" gar nicht so sehr von ihren Vorgängern. Sie sind höchstens mit einem Software-Update bestückt. Die Hardware hält sich hartnäckig. Genauso wie bei den Müttern. Daran haben auch Elterngeld und Vätermonate nichts geändert. "Das traditionelle Rollenverständnis der Männer als Ernährer ist nach wie vor sehr weit verbreitet - auch unter den jungen Männern", sagt der Soziologe Stefan Reuyß vom Institut für sozialwissenschaftlichen Transfer (SowiTra) in Berlin, das eine der wenigen Untersuchungen zu Elterngeld und Vätern vorgenommen hat. Es ist demnach nicht so, dass sich gar nichts getan hätte. Aber es geht eben sehr, sehr langsam. Schneckentempo, sagt Reuyß. "Es gibt die neuen Väter zwar. Das ist keine reine Schimäre. Aber sie sind nur eine Speerspitze."

Insgesamt sind die Veränderungen bisher eher atmosphärischer Art. Väter, die ihre Kinder morgens in die Kita bringen, sind keine Seltenheit mehr. Man sieht sie auch beim Babyschwimmen und beim Bastelnachmittag in der Grundschule. Ein Zuschauer-Papi, der am Wochenende in der Familie mal mitspielen darf, will heute kaum noch einer sein.

Wunsch und Wirklichkeit driften auseinander

"Immer mehr Väter sind mit der reinen Ernährerrolle unzufrieden", hat Väterforscher Harald Rost vom Staatsinstitut für Familienforschung Bamberg festgestellt. Aber die Unzufriedenheit hat bisher nicht dazu geführt, dass sich die Arbeitsaufteilung zwischen Männern und Frauen deutlich verändert hätte. Zwar nehmen seit Einführung des Elterngeldes 2007 rund 24 Prozent der Väter Elternzeit. Aber drei Viertel von ihnen pausieren lediglich die Mindestzeit von zwei Monaten. "Man darf sich da nicht blenden lassen", warnt Rost. "Es ist ein verlängerter Urlaub und zwingt nicht zum Nachdenken über neue familienfreundlichere Arbeitsmodelle", konstatiert auch Jutta Allmendinger, Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung.

Alte Verhaltensmuster halten sich

Nach der Elternzeit nehmen die Väter ihre Jobs wieder auf - wie vorher. Auch viele von denen, die mit Begeisterung Papa geworden sind, rutschen in frühere Verhaltensmuster zurück. Was soll man schon tun, wenn mal wieder eine Sitzung erst um 17 Uhr beginnt oder ein Projekt unbedingt noch heute fertig werden muss? Dabei wünschen sich inzwischen viele Männer mehr Zeit für Partnerin und Kinder. Eine Umfrage für die Zeitschrift "Eltern" hat vor wenigen Wochen ergeben, dass 40 Prozent der Väter gern Teilzeit arbeiten würden. Allein: Nur fünf Prozent tun es. Und es gibt keinen Trend nach oben. Die fünf Prozent sind wie festgetackert, hat Väterforscher Rost beobachtet. "Seit drei Jahrzehnten bleibt die Teilzeitquote bei Männern gleich."

Keine freie Entscheidung

Und da kommt die Politik ins Spiel. Denn die persönliche Entscheidung eines jeden Paares darüber, wer wie viel arbeitet, wer wie viel zu Hause bleibt, ist längst nicht so frei und individuell, wie sie sich anfühlt, hat Soziologe Reuyß festgestellt. "Gerade am Anfang einer Beziehung wollen viele Paare Beruf und Familie gerecht aufteilen - aber dann kommen die Traditionalisierungsfallen." Die beiden wichtigsten: Kinder, Gehaltsunterschiede zwischen Männern und Frauen. Weil er mehr verdient, arbeitet sie Teilzeit oder bleibt gleich ganz zu Hause.

Vater Vollzeit, Mutter Teilzeit

Das klassische Modell mit der Hausfrau und Mutter daheim wird noch in rund einem Drittel der Familien gelebt. In etwas mehr als der Hälfte der Familien mit Kindern unter 18 haben beide Partner einen Job, hat das Statistische Bundesamt herausgefunden. 71 Prozent dieser Paare haben die Variante gewählt, dass der Vater voll und die Mutter mit reduzierter Stundenzahl arbeitet.

Wo die Fehler der Politik liegen

Der erste Gleichstellungsbericht der Bundesregierung, der im Sommer verabschiedet wurde, bescheinigt der deutschen Politik dramatische Fehler. Unter anderem rügt der Bericht:

  • Ehegattensplitting, weil es die traditionelle Rollenverteilung begünstigt,
  • 400-Euro-Jobs, weil sie häufig von Frauen ausgeübt werden und keine Perspektive bieten,
  • das Fehlen eines Mindestlohns, wovon besonders viele Frauen betroffen sind, weil sie häufig gering bezahlte Berufe haben,
  • dass es zu wenige Frauen in Führungspositionen gibt und deshalb eine Quote her muss,
  • zu strenge Regeln für die Änderung von Arbeitszeiten,
  • die Unterschiede in der Bezahlung von Männern und Frauen,
  • zu wenige Betreuungsangebote für Kinder.

Dabei geht es den Autoren nicht nur um Gleichberechtigung, sondern um handfeste Vorteile für die deutsche Wirtschaft. "Durch die Nutzung aller Talente unserer Gesellschaft werden Unternehmen leistungsfähiger und flexibler", heißt es da. Und auch Renten- und Krankenkassen würden von mehr Einzahlern profitieren.

Dauer-Diskussionsthemen ohne Ergebnis

Doch in der schwarz-gelben Koalition gibt es derzeit offenbar wenig Interesse daran, darauf einzugehen. Man wolle zunächst den gleichstellungspolitischen Handlungsbedarf identifizieren, hieß es. Arbeitsministerin Ursula von der Leyen steht mit ihrem Kampf für eine feste Frauenquote für Spitzenpositionen ziemlich allein da. Und der Streit über das Betreuungsgeld für Frauen, die ihre kleinen Kinder nicht in die Kita geben wollen, köchelt munter vor sich hin. Mindestlohn und Ehegattensplitting sind Dauer-Diskussionsthemen ohne Ergebnis.

Frauen wollen nicht abgeben

Doch es ist nicht nur die Politik, die Vätern dabei im Weg steht, die Hälfte der Familienarbeit zu übernehmen. Es sind auch oftmals ihre Frauen, die Schwierigkeiten haben, die Hälfte abzugeben. Wenn Papa dreimal auf dem Weg von der Arbeit nach Hause die ihrer Meinung nach falschen Gläschen mitgebracht hat, dann geht er beim vierten Mal vielleicht gar nicht mehr los. Zum Selbstverständnis vieler Frauen gehört noch immer die Vorstellung, den Laden zu Hause am Laufen halten zu müssen, sagt Väterforscher Rost. "Nach wie vor wollen auch viele Frauen die traditionelle Rolle leben und ihre Kinder nicht so früh allein lassen."

Diese Einschätzung bestätigt auch die Statistik. Denn trotz Elterngeld und windelnwechselnder Väter arbeiten heute weniger Mütter in Vollzeitjobs als vor 15 Jahren.

  • 1996 hatten laut Statistischem Bundesamt rund 49 Prozent der arbeitenden Mütter mit Kindern unter 18 einen Vollzeitjob.
  • 2009 waren es nur noch knapp 30.
  • Rasant gestiegen ist dagegen die Teilzeitquote. Von 51 auf 70 Prozent.

Mehrfachbelastung macht unzufrieden

Eines der Ziele der Elternzeit, nämlich mehr Frauen in den Beruf zu bringen, ist damit vorerst gescheitert. "Die Arbeitszeit der Frauen ist insgesamt nicht gestiegen", sagt Soziologe Reuyß, "die Frauen haben lediglich umverteilt."

Einer Studie des Roman-Herzog-Instituts zufolge herrscht in den Familien die größte Zufriedenheit, in denen der Mann Vollzeit arbeitet und die Frau Teilzeit oder gar nicht. Die Autorinnen sehen die Ursache für die Unzufriedenheit von Müttern mit Vollzeitjobs in der Mehrfachbelastung. Denn auch wenn beide voll arbeiten, bleibt eben doch der größere Teil der Hausarbeit an den Frauen hängen. Weil Papi sich heute zwar mit Kinderwagen auskennt und auch mal wickelt und kocht - aber von Wäsche waschen und Küche wischen in der Regel noch immer nicht viel hält. Dabei ist genau diese Aufteilung, den Studien von Soziologe Reuyß zufolge, nicht der Weg zum Glücklichsein. "Mit der ungleichen Verteilung wächst auch die Unzufriedenheit bei den Paaren." Die größte Zufriedenheit herrscht demnach in den wenigen Partnerschaften, in denen beide auf Teilzeit gehen und die Hausarbeit gerecht aufteilen.

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