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Familienfassade: "Ich bleibe nur wegen der Kinder"

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Beziehungskonflikt  

Wenn Familie nur noch Fassade ist: "Ich bleibe nur wegen der Kinder"

20.02.2015, 08:36 Uhr | Simone Blaß, dpa, t-online.de

Familienfassade: "Ich bleibe nur wegen der Kinder". Familienfassade: Nur noch wegen der Kinder zusammen.  (Quelle: dpa)

Innerlich getrennt - äußerlich ein Elternpaar. (Quelle: dpa)

Wenn eine Familie zerbricht, dann hört man oft den Satz: "Bei denen hätte ich das nie gedacht, da hat doch immer alles gepasst." Nach außen, ja. Aber innen war das System in der Regel schon eine ganze Weile marode. Genaue Zahlen, bei wie vielen Familien der schöne Schein nichts anders als Fassade ist, gibt es nicht und kann es auch gar nicht geben. Denn die Gründe dafür, warum Eltern zusammenbleiben, obwohl die Liebe auf der Strecke geblieben ist, sind vielfältig.

Die Erwartungen an ein Paar, speziell an Eltern, sind heutzutage extrem hoch. Alles soll perfekt sein. Die Eltern beide berufstätig, die Kinder wohlgeraten und wohlgefördert, das Zuhause immer adrett, das Ganze kombiniert mit viel Liebe, Geduld und Verständnis und gekrönt von zwei- bis dreimal erfüllendem Sex in der Woche. Oder zumindest im Monat. Fast schon ein Ding der Unmöglichkeit.

Um hier die Balance zu halten, braucht es zunächst mal die Einsicht, dass es auch Zeiten gibt, in denen das eine oder andere automatisch etwas auf der Strecke bleibt. "Man muss gut durchkommen, durch diese Wellen von Glück und Unglück", erklärt der Diplompsychologe Ulrich Gerth. "Es gilt Balance zu halten zwischen dem Paarsein, dem Elternsein und man muss auch dafür sorgen, dass man selbst nicht zu kurz kommt. Das Ganze idealerweise in einem sozialen Umfeld, das einen stützt."

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Fassaden können bröckeln

Das allerdings funktioniert eher selten, das beweisen schon die Scheidungsraten. Eine Frau beschreibt in einem Forum ihre Beziehung ähnlich wie viele andere: "Er liebt das Nest zuhause, die Kinder, die Frau ist praktisch, erledigt den Haushalt, erzieht die Kinder, verdient auch und auch für das körperliche Wohl des Mannes ist sie okay. Aber es fehlt halt der Kick." Xinr, so der Forenname der Frau, ist frustriert, ihr Mann hat sie betrogen.

"Die Situation ist einfach so, dass ich und die Kinder im Falle einer Trennung aus den verschiedensten Gründen verdammt viel, verdammt viel zu viel, wenn nicht alles verlieren würden. Da bin ich einfach realistisch. Mein persönliches Glück ist dabei nicht so wichtig. Ob und wie lange ich das durchhalten kann? Mal sehen. Doch ich weiß inzwischen, dass viele Frauen durchhalten."

Angst vor der Trennung

Die Zeiten, in denen Frauen aus Abhängigkeit bei ihren Männern blieben, sind lange vorbei. Denkt man. Doch auch heute noch sind viele Frauen in gewisser Weise von ihren Männern abhängig. Denn dass Alleinerziehende, meist also die Mütter, überdurchschnittlich häufig von Armut und sozialer Ausgrenzung bedroht sind, ist erwiesen. Kein Wunder also, dass viele den Weg der Trennung fürchten. Das hängt ganz stark mit ihrem Selbstwertgefühl zusammen. Es hängt aber auch ab von der beruflichen Ausbildung und den realistischen Chancen auf dem Arbeitsmarkt.

Der soziale Status spielt eine Rolle

Doch selbst, wenn man sich zutraut, die Situation auch alleine zu bewältigen, gibt es weitere Aspekte, die Frauen wie auch Männer zögern lassen, den entscheidenden Schritt zu gehen: Die Angst vor Veränderung, aber auch die Angst vor dem Verlust des sozialen Status und vielleicht auch eines Lebensstandards, den man seinen Kindern gerne weiter geboten hätte. "Wir wohnen in einem Stadtteil, der von Familien geprägt ist. Es gibt hier eigentlich nur Häuser, keine Wohnungen", erklärt die 37-jährige Jenny, die inzwischen seit Jahren wie Bruder und Schwester mit ihrem Mann lebt.

"Würde ich mich also von meinem Mann trennen, dann würde das für die Kinder bedeuten, dass sie von hier weg müssten, dass ich sie aus dem Kreis ihrer Freunde reißen würde, die für sie so wichtig sind. Und das bring ich einfach nicht übers Herz." Und die Hotelfachfrau ergänzt: "Mal ganz abgesehen davon, dass meine Arbeitszeiten allein mit den Kindern richtig schwierig wären: Ich könnte mir mit meinem Verdienst gerade mal eine sozial geförderte Wohnung leisten und die sind nur in Vierteln frei, in die ich mit meinen Kindern auf keinen Fall ziehen möchte. Also bleibe ich zunächst mal mit meinem Mann zusammen."

Sich innerlich trennen

Das Arrangement erscheint vielen einfacher, als es in der Realität über einen langen Zeitraum ist. "Für eine solche Konstellation muss man sich innerlich schon so weit getrennt haben, dass man den anderen sein Leben leben lässt", erklärt die Psychotherapeutin Christa Roth-Sackenheim aus Andernach. Respekt und Achtung voreinander sind ein Muss. Einfacher wird es, wenn das Ex-Paar noch gemeinsame Ziele hat, wie die Erziehung des Kindes.

Im Jahr 2013 wurden nach Auskunft des Statistischen Bundesamtes in Wiesbaden fast 170.000 Ehen geschieden, bei knapp der Hälfte waren minderjährige Kinder mit im Spiel - insgesamt gab es etwa 136.000 neue Scheidungskinder. Die durchschnittliche Ehe dauerte knapp 15 Jahre. Wie viele geschiedene Elternpaare nach der Trennung weiter unter einem Dach leben, ist unbekannt. 

Vernunftsgründe, Kindererziehung, Finanzen, das Haus

"Ich kenne eine solche Konstellation eigentlich nur als Übergangslösung", erzählt Eva Becker, Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Familienrecht im Deutschen Anwaltverein. "Sie bleiben aus Vernunftsgründen noch einige Monate zusammen, weil noch Fragen zu den Finanzen oder zur Kinderbetreuung geklärt werden müssen." Doch auch das funktioniere nur, solange es eine gemeinsame Basis gebe.

"Je kleiner die Kinder sind, desto sinnvoller ist es, dass beide Eltern gut erreichbar sind", erklärt Roth-Sackenheim. Schließlich bleiben die beiden in ihrer gewohnten Funktion als Eltern erhalten. Sie rät, vor allem kleinen Kindern dieses Arrangement möglichst einfach zu erklären: "Papa schläft lieber einen Stock tiefer, aber er ist bei dir."

Trennungswillen für Scheidung dokumentieren

Rechtsanwältin Eva Becker weist noch auf ein ganz anderes Problem hin: Wenn man sich scheiden lassen will, muss man getrennt von Tisch und Bett leben. Das bedeutet unter anderem: kein gemeinsames Essen, jeder erledigt seine eigenen Einkäufe. "Diesen Trennungswillen zu dokumentieren, ist schon schwierig, wenn man noch zusammenlebt." Wenn sich beide einig sind, läuft dies zwar meist glatt. Doch will einer dem anderen eins auswischen, müsste er nur angeben, dass sie im Trennungsjahr regelmäßig zusammen gekocht und vor dem Fernseher gesessen hätten - schon würde die Scheidung wackeln. 

Angst vor Verlust der Kinder

Auch die Angst davor, bei einer Trennung oder Scheidung die Kinder nicht mehr täglich um sich zu haben, kann ein Grund dafür sein, die Familienfassade weiter aufrecht zu erhalten. So wie bei dem 42-jährigen Manfred: "Eigentlich geht es nicht mehr mit meiner Frau und mir. Wir haben immer wieder versucht, an unserer Beziehung zu arbeiten, aber wir kommen auf keinen grünen Zweig mehr. Der Respekt voreinander schwindet langsam, die Verletzungen in den Streits gehen immer tiefer. Eigentlich müssten wir uns trennen. Aber die Vorstellung, dass ich abends in eine leere Wohnung komme, dass ich nicht mehr jeden Tag mit meinen Kindern toben kann, dass ich nicht mehr jeden Entwicklungsschritt vor allem unserer Kleinsten mitbekomme, die ist für mich unerträglich. Sozusagen noch unerträglicher als die Situation jetzt."

Manchmal kommt noch die Furcht vor Manipulation der Kinder durch den Ex-Partner oder vor einem Streit ums Sorgerecht hinzu. Und im schlimmsten Fall die Angst davor, die Kinder nicht mehr ausreichend vor verbaler oder körperlicher Gewalt schützen zu können.

Schwierig wird es, wenn der Respekt auf der Strecke geblieben ist

Viele Paare bleiben also auch heute noch "wegen der Kinder" zusammen. "Es ist ja auch nicht unbedingt das Schlechteste, wegen der Kinder zusammenbleiben zu wollen", meint Ulrich Gerth. "Sieht man sich die Geschichte und andere Kulturen unserer heutigen Welt an, dann ist das ja auch nichts außergewöhnliches. Aber es ist ein entscheidender Unterschied, ob nur die Liebe weg ist oder auch der Respekt voreinander. Es gibt viele Paare, die trennen sich erst, wenn die Kinder aus dem Haus sind. Das ist durchaus eine Option für einen Lebensentwurf, mit dem beide Eltern klarkommen können. Aber das gelingt nicht von selbst, sondern bedarf bewusster Anstrengung."

Es gibt hier zahlreiche Konstellationen, von denen manche tatsächlich richtig erfolgreich sind. Die wichtigste Zutat: ein respektvoller Umgang miteinander.

Ist es für die Kinder gut?

Ob es für die Kinder gut ist, wenn Mama und Papa auch nach ihrer Trennung zusammen wohnen, hängt davon ab, wie harmonisch dieses halb gemeinsame Leben verläuft. Wenn alles gut funktioniert, kann aus der einstigen Liebe schließlich sogar eine stabile Freundschaft werden.  

Sich Hilfe zu holen kann die Kinder vor Schaden bewahren

Kommt es allerdings aus einer Unzufriedenheit heraus dauerhaft zu Konflikten, wird mehr gestritten als normal miteinander geredet, fehlt es an Respekt oder kommt es gar zu Gewalt in irgendeiner Form, dann ist es an der Zeit, sich Hilfe zu suchen. Eine Familienberatung wäre genauso eine mögliche erste Anlaufstelle wie auch die Onlineberatung der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung (bke).

Bei solchen Stellen findet man Unterstützung, wenn zum Beispiel das eintritt, wovor der Erziehungsberater am meisten warnt: "Man darf die Kinder nicht unter Druck setzen. Sie dürfen keinesfalls das Gefühl bekommen, dass die Eltern nur dann zusammenbleiben, wenn sie sich entsprechend verhalten." Denn Kinder können in einer solchen Situation mehr emotionalen Schaden nehmen als bei einer Trennung, die - auch, wenn sie immer Spuren hinterlassen wird - nicht unbedingt negative Einflüsse auf die kindliche Entwicklung nehmen muss.

Vorausgesetzt, es läuft fair ab, die Kinder geraten nicht zwischen die Fronten, sondern beide Elternteile bemühen und kümmern sich auch weiter. Was bei einer seit Jahren verfahrenen Situation eben oftmals nur mit begleitender Hilfe möglich ist. Die in Anspruch zu nehmen, ist aber keine Schande. Im Gegenteil: Es ist die Chance für die Kinder, psychisch ohne Blessuren aus der Trennung herauszukommen.

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