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Bauernhof als Zufluchtsort in Berlin-Kreuzberg

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Weil Zuhause kein schöner Ort ist

08.05.2012, 14:09 Uhr | Anja Mia Neumann, dpa

Bauernhof als Zufluchtsort in Berlin-Kreuzberg. Harmonie auf dem Berliner Kinderbauernhof - doch hinter den Toren herrschen Drogen und Gewalt. (Quelle: dpa)

Harmonie auf dem Berliner Kinderbauernhof - doch hinter den Toren herrschen Drogen und Gewalt. (Quelle: dpa)

Im Görlitzer Park in Berlin-Kreuzberg gibt es einen Bauernhof für Großstadtkinder. Hinter einem Holztor leben Schweine, Gänse und Esel. Die Kinder, die ihre Freizeit auf dem Hof verbringen, sind in vielen Fällen nicht gerne zu Hause - ihre Eltern schlagen sie oder nehmen Drogen.

Scheinbare Harmonie

"I-aaaaaaa, i-aaaaaaa". Lotta steht an ihrem Gatter in Berlin-Kreuzberg und zeigt ihre Zähne. Zwei kleine Jungs hören auf zu rutschen. Mit großen Augen starren sie auf das Eselgehege. "I-aaaaaaa", ahmt eine Frau, die wahrscheinlich ihre Mutter ist, den Esel nach. Sie trägt einen Ganzkörperschleier. Zwischen all dem Dunkelgrau ist nur ihr Gesicht zu sehen. "I-aaaaaaa." Die Kinder lachen.

Solche Szenen erlebt Lars Herrmann fast jeden Tag. Sie scheinen voller Harmonie zu sein, doch draußen vor dem Tor sind Drogen und Gewalt für viele Kinder an der Tagesordnung. Ihr Zufluchtsort ist der Kinderbauernhof im Görlitzer Park, wo es nach Stroh, Tierfutter und Mist riecht. Lars Herrmann ist hier Erzieher. "Wo die Tiere sind, sind oftmals auch die Kinder", sagt der 40-Jährige.

Die Kinder erzählen von Zuhause

Die Bewohner der Großstadtfarm leben hinter Holzbalken: Gänse, Kaninchen, Schafe und Ziegen. Alle haben Namen, mit Fingerfarben sind sie auf Schilder gemalt. Zwischen den Zäunen toben Kinder, spielen Fangen, klettern auf Bäume. Sie sind gerade aus der Schule gekommen. Viele von ihnen haben sich in eines der Tiere verguckt. "Dann sprechen sie uns an", sagt Lars Herrmann. "Und oft ist es so, dass sie sich über die Tiere öffnen."

Dann kommen die Kinder jeden Tag und erzählen von sich. Von ihren Eltern, die Drogen nehmen. Von den kleinen Wohnungen, in denen sie zu siebt leben. Davon, dass sie nichts Warmes zu essen bekommen, stattdessen aber Schläge. "Normalerweise streunen die ja sonstwo rum", sagt Herrmann. Auf dem Kinderbauernhof gibt er den Kindern ein Zuhause.

"Die Arbeit in einem sozialen Brennpunkt ist für mich befriedigender"

Lars Herrmann hat eine kleine Zahnlücke und einen Stoppelbart. Seine blonden Haare hat er mit etwas Gel zurückgekämmt - trotzdem hängen ihm einige Strähnen in die Stirn. Seine Hände sind immer in Bewegung: beim Erzählen, beim Helfen, beim Arbeiten. "Die Arbeit in einem sozialen Brennpunkt ist für mich befriedigender als in einer Privatschule in Zehlendorf", sagt er mit Blick auf den eher reichen Berliner Stadtteil und öffnet die Handflächen. "Die Kinder sind dankbarer. Wenn man denen erzählt: 'Wir gehen schwimmen', dann flippen die aus."

"Soziale Übungsfelder" für geschundene Kinder

Vor rund 30 Jahren gründeten Eltern den Kinderbauernhof in Berlin. Sie wollten ihren Kindern etwas Natur und Idylle in die Großstadt holen. Etwa 250 solcher Jugendfarmen gibt es nach Angaben des Bundes der Jugendfarmen und Aktivspielplätze in Deutschland. Auf den pädagogisch betreuten Spielplätzen sollen Kinder und Jugendliche durch die Haustiere gefördert und gefordert werden. "Soziale Übungsfelder" nennt das der Verein.

Die jungen Besucher seien sich selbst überlassen, aber nicht alleingelassen - das gilt gerade auch für diejenigen, die zu Hause Schreckliches erleben. Etwa eine Million Kinder in Deutschland haben schon Gewalt und Missbrauch in ihrer Familie erlebt, wie der Deutsche Kinderschutzbund im vergangenen Jahr ermittelte. Die Zahl wachse.

Extreme Gegensätze

Eigentlich wollte der Kreuzberger Lars Herrmann Musiker werden. Er hat Erzieher gelernt und sich dann drei Jahre lang mit Musikmachen durchgeschlagen. Vor 14 Jahren kam er auf den Hof - und ist geblieben. Als er das Büro verlässt, zieht er sich einen Pullover über sein Hemd. Draußen ruft er vier Kinder zusammen - für seine Band-AG. Gemeinsam betreten sie das Holzhaus in der Mitte des Hofs. Die Fensterläden des Häuschens sind blau.

Schwarz ist dagegen die beherrschende Farbe bei den Parkbesuchern vor dem Tor des Kinderbauernhofs. An den Steinen auf dem Rasen des Parks sitzen Jugendliche, die meisten von ihnen tragen schwarze Sweater-Jacken. Sie rauchen, neben ihnen liegen Hunde. "Fuck" hat jemand auf einen Mülleimer in der Nähe gesprüht. Eine Frau mit einem weiten Mantel schlurft an ihnen vorbei. In ihren Händen: Plastiktüten voller leerer Flaschen.

Musik als Therapiemaßnahme

"Muss nur noch kurz die Welt retten", tönt es aus der Holzhütte im Kinderbauernhof so, dass die Wände zittern. Lars Herrmann singt das Lied von Tim Bendzko. Die Kinder spielen Schlagzeug, E-Gitarre und Keyboard. Sie springen herum, wippen mit den Füßen, strahlen. "Das mit der Musik funktioniert ziemlich gut", sagt Herrmann. "Da sind Kinder, die sonst ziemlich krass drauf sind, plötzlich ganz konzentriert und können sich aufeinander einlassen."

Frank ist der Schlagzeuger der Band Notausgang. Der Zwölfjährige hat sich seine Schirmmütze schräg auf den Kopf gesetzt. "Weiter machen!", schreit Frank in sein Mikrofon, bis es fiept. Er schlägt immer wieder auf das Becken. Dabei wackelt sein Bauch unter dem blauen T-Shirt. "Yeah, yeah, yeah", ruft er. Dann stimmen die Sänger Melvin und Olaf ein. Die Stöcke in Franks Händen rasen zwischen Becken und Trommeln hin und her. "Hey, das geht ab. Wir feiern die ganze Nacht, die ganze Nacht", singt Frank. Er strahlt.

Und vor dem Tor werden Drogen verkauft

"Ey jo", klatsch, klatsch. An den Eingängen des Parks begrüßen sich drei junge Männer. Sie lehnen an der gelben Backstein-Mauer mit den Graffiti. Ihre Hände stecken tief in den Hosentaschen. Einer der Männer zieht sich seine Kapuze in die Stirn. Er verschwindet zwischen den Baumskeletten. Dort steht er, läuft ein paar Schritte auf und ab. Er schaut auf die Passanten, geht auf sie zu, dreht sich wieder weg. Als einer stehen bleibt, reden sie leise miteinander. Aus seiner Tasche steckt er dem Mann auf dem Fahrrad ein kleines Päckchen zu - und verschwindet mit hastigen Schritten.

Manchmal erlebt Lars Herrmann auch im Kinderbauernhof extreme Situationen. "Wir haben teilweise Eltern oder Stiefeltern, die uns komisch vorkommen. Wo man dann das Gefühl hat - oh, da könnte was mit Pädophilie sein." Lars Herrmann muss schlucken. "Oder krasse Drogenprobleme. Oder das Kind sieht verwahrlost aus." Die Erzieher holen dann Familienhelfer dazu oder jemanden vom Jugendamt.

"Dann geh ich zu denen nach Hause"

Nach der Band-Probe nimmt sich Frank eine E-Gitarre. Er setzt sich auf das Fensterbrett. Die anderen sind ins Freie gestürmt. Mit der rechten Hand zupft Frank an den Saiten der Gitarre. Seit eineinhalb Jahren komme er jeden Tag auf den Kinderbauernhof, erzählt er. Außer mittwochs, da ist der Hof geschlossen. "Schlagzeug spielen ist einfach cool."

Was er macht, wenn der Hof am Abend zumacht? "Dann geh ich mit meinen Freunden irgendwas kaufen, und dann geh ich zu denen nach Hause." Und am Wochenende? Frank knetet seine Hände. "Da bin ich auch hier." Und zu Hause? "Nee." Frank senkt den Kopf und betrachtet seine Fingernägel. Die Gitarre hängt über seiner Schulter.

Franks Mutter sei gerade in Afrika, sagt Lars Herrmann. Mehr weiß er auch nicht. "Sie wollte irgendetwas erledigen." Viele Kinder kommen zu Lars Herrmann auf den Bauernhof, weil Zuhause für sie kein schöner Ort ist.


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