31.01.2013, 17:13 Uhr | Simone Blaß, t-online.de
In Väterkursen können sich Väter ihren Unsicherheiten stellen. (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)
Schon Jahre bevor es reine Väterkurse gab, erkannte der Familienforscher Wassilios E. Fthenakis eine Entwicklung, die er als die "sanfte Revolution in der Familie" bezeichnete: Vätern wird ihre Bedeutung für die Kinder immer bewusster, die Rolle des "Geldverdieners" tritt in den Hintergrund. Sieht man sich allerdings die Programme der Familien- und Elternbildung an, dann werden bevorzugt Frauen angesprochen. Doch wer sich engagierte Vaterschaft wünscht, muss die Väter auch explizit mit einbeziehen, muss die Männer ermutigen, herauszutreten aus dem Bild des einsamen Helden, der keine Unterstützung braucht. Ein erster Schritt sind Kurse speziell für (werdende) Väter.
So gut wie jeder Geburtsvorbereitungskurs beinhaltet auch ein oder zwei Männerabende. Man(n) bekommt erklärt, was bei der Geburt passiert, wie er die Partnerin am besten unterstützen kann. Der Höhepunkt des Ganzen ist das Massieren der Schwangeren vor der Gruppe beziehungsweise das gemeinsame Atmen. Eberhard Schäfer, Leiter des Väterzentrums Berlin, hat die Erfahrung gemacht, dass Männer sich hier wie das fünfte Rad am Wagen fühlen. Dass sie keine Lust auf "Hechelkurse" haben und dadurch auch für sich nichts mitnehmen. Das Väterzentrum schafft hier Abhilfe mit speziellen Kursen für werdende Väter. Und zwar nur für diese. Denn, so Diplom-Politologe Schäfer: "Männer und Väter sind eine vernachlässigte Zielgruppe der Familienpolitik!"
Paare erfahren hier alles rund um die Geburt, wie zum Beispiel Fragen zum Thema Krankenhaus, Geburtspositionen oder Wassergeburt. zum Video
Frauen beschäftigen sich 24 Stunden am Tag nur mit ihrer Schwangerschaft - das ist der Eindruck, den viele werdende Väter haben. Wobei sie selbst häufig zu hören bekommen, sie würden sich überhaupt nicht angemessen interessieren. Dass dem nicht so ist, da ist sich Eberhard Schäfer ganz sicher. Er meint, dass sich die angehenden Väter sehr wohl intensiv mit dem Thema Baby beschäftigen, allerdings unter ganz anderen Gesichtspunkten: "Männer machen sich sehr viele Gedanken über die Verantwortung, die auf sie zukommt. Auch in finanzieller Hinsicht. Sie fragen sich, wie sie den Erwartungen gerecht werden können und was überhaupt von ihnen erwartet wird. Und sie fragen sich, wie sie ihrer Familie Sicherheit bieten und gleichzeitig ein Vater sein können, der genug Zeit hat für sein Kind und nah an ihm dran ist", erklärt der stellvertretende Vorsitzende des Väter-Experten-Netzes Deutschland im Gespräch mit dem Elternportal von t-online.de. "Das Dumme ist nur: Die Partner reden nicht darüber. Die Frauen sind so dominant mit ihren Gedanken, was Schwangerschaft und Geburt angeht, da möchten die Männer sie nicht zusätzlich mit ihren Themen belasten."
Es ist schließlich keine leichte Aufgabe, eine Frau durch ihre Schwangerschaft und Geburt zu begleiten und einen Ort zu finden, wo man - ohne die prüfenden Blicke der Partnerinnen - sich einfach einmal austauschen kann. Das tut den Männern gut, auch wenn die meisten sich anfangs etwas unwohl fühlen, mit dem verstaubten "Softie-Image" kämpfen oder so gar nicht damit klarkommen, dass ihre Frauen sie geschickt haben. Doch sie möchten engagierte Väter sein, wohl wissend, dass diese bewiesenermaßen glücklicher sind und als netten Nebeneffekt auch noch eine deutlich geringere Scheidungsrate aufweisen als die Männer, die sich nach wir vor auf das traditionelle Modell stützen.
Denn auch wenn sich Väter heute seltener in der Rolle des alleinigen Versorgers sehen, der draußen in der weiten Welt das Geld heranschafft, während die Frau Gemahlin zuhause sitzt und den Nachwuchs aufzieht - die eigene Bedeutung für ihr Kind haben die meisten immer noch nicht wirklich im Blick. "Sie sehen sich selbst, vor allem in der Schwangerschaft und im ersten Jahr eher als Nestbauer und Assistent der Mutter", sagt Schäfer. Hier steuern Väterkurse, deren Kosten übrigens zumindest teilweise von den Krankenkassen übernommen werden, dagegen. Der Mann kann sich in einem sicheren Umfeld seinen eigenen Ängsten und Unsicherheiten stellen und bekommt Antworten. Aus Männersicht - um den eigenen Platz im Familiengefüge zu finden.
Männer wollen aktive, fürsorgliche Väter sein. Sie wollen sich einbringen und eine gute Bindung aufbauen. Eberhard Schäfer hat den Eindruck, dass gerade ein Rollenwechsel stattfindet. "Früher haben sich die jungen Väter sehr vom eigenen Vater abgegrenzt. Inzwischen ist das anders. Der eigene Vater ist zum Vorbild geworden."
Auch Fthenakis sieht heute kein Erziehungs-, sondern ein Beziehungsverhältnis zwischen Vätern und ihren Kindern. Genau hier greift auch das weitere Angebot von Väterkursen, das man vielerorts findet: gemeinsame Ausflüge, Sportveranstaltungen nur für die kleinen und großen Jungs und Papa-Kind-Wochenenden, bei denen es darum geht, sich Zeit zu nehmen für Gemeinsamkeiten und ganz wichtig: füreinander. "Ich finde diese Angebote super", fasst es der zweifache Vater Thorsten zusammen. "Da habe ich endlich mal richtig Zeit für meine Kinder. Ich kann alles so handhaben, wie ich es für richtig halte, ohne die kritischen Blicke meiner Frau. Und ich kann beobachten, wie andere Papas mit ihren Kinder umgehen, kann mich mit ihnen austauschen und so auch meine eigene Situation immer wieder neu überdenken, etwas rausziehen für mich und meinen Nachwuchs. Aber das Allerschönste daran ist, zu sehen, dass es bei anderen auch nicht runder läuft als rund. Dass wir alle ganz normale Papas sind."
Laut Bundesfamilienministerium haben sich Väterkurse inzwischen etabliert. Dass Männer, die solche Kurse besuchen, nach wie vor mit Vorurteilen zu kämpfen haben, wird aber auch hier nicht geleugnet. Die Lösung sieht das Ministerium im Ansiedeln von Väterprojekten in der betrieblichen Weiterbildung. Um die Väter "dort abzuholen, wo sie den meisten Teil des Tages verbringen." Modellprojekte - unter anderem in der Schweiz - haben gezeigt, dass es mit attraktiven Kooperationspartnern durchaus möglich ist, die Männer so ins Boot zu holen. Denn der Hauptgrund dafür, dass viele Angebote gar nicht an den Mann gebracht werden können, liegt darin, dass die potenziellen Teilnehmer falsch angesprochen werden. Die Werbung für einen solchen Kurs muss, so schreiben Robert Richter und Martin Verlinden in ihrem Buch "Vom Mann zum Vater", den Männern nämlich zeigen, was er an Mehrgewinn bringt, was sie erwarten können und sie muss vor allem "Verunsicherungen vermeiden". Denn verunsichert ist diese Klientel sowieso schon genug.
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Quelle: Simone Blaß, t-online.de
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