Startseite
Sie sind hier: Home > Eltern > Familie >

Kinderarmut in Deutschland: Bürger würden höhere Steuern zahlen

...
t-online.de ist ein Angebot der Ströer Content Group

Kindheit in Deutschland  

Deutsche würden höhere Steuern zahlen gegen Kinderarmut

14.01.2014, 17:46 Uhr | AFP, t-online.de, dpa

Kinderarmut in Deutschland: Bürger würden höhere Steuern zahlen. Kinderarmut gibt es auch im reichen Deutschland.  (Quelle: dpa)

Kinderarmut gibt es auch im reichen Deutschland. (Quelle: dpa)

Es gibt Kinderarmut in Deutschland. Dieser Fakt lässt sich nicht mehr wegdiskutieren. Das Problem hat Brisanz und muss gelöst werden, so denken inzwischen wohl viele Menschen in Deutschland. Zwei Drittel der Bundesbürger sind nach einer repräsentativen Umfrage des Deutschen Kinderhilfswerks sogar bereit, zur Unterstützung benachteiligter Kinder in Deutschland finanzielle Einbußen in Kauf zu nehmen.

Laut Kinderhilfswerk wachsen rund 2,8 Millionen Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre in einkommensschwachen Familien auf und haben dadurch schlechtere Chancen in Schule und Berufsleben.

Zahlreiche Studien und Medienberichte haben sich in letzter Zeit mit der Misere und der Perspektivlosigkeit vieler Kinder und Familien in Deutschland befasst. Ein Großteil der Menschen in Deutschland fordert eine umfassende Veränderung politischer Rahmenbedingungen, um die Kinderarmut in Deutschland zu bekämpfen. Das ist das Ergebnis einer repräsentativen Umfrage von infratest dimap im Auftrag des Deutschen Kinderhilfswerkes.

Das bedeutet Kinderarmut in einem reichen Land

Der Begriff Kinderarmut meint in einem reichen Land wie Deutschland kein Leben auf der Straße. Er bedeutet in der Regel, dass Eltern weniger als 60 Prozent des Durchschnitts-Nettoeinkommens für ihre Familie zur Verfügung haben. Das kann heißen, dass Kinder auf teures Spielzeug und Freizeitvergnügen verzichten müssen, weniger Freunde haben und häufiger krank sind. Studien haben auch belegt, dass Erfolg in der Schule stark von der sozialen Lage der Eltern abhängt.

Als Gründe für Kinderarmut nannten viele Befragte Niedriglöhne und die Lage Alleinerziehender.

Für die repräsentative Umfrage zur Kinderarmut in Deutschland wurden von infratest dimap im Auftrag des Deutschen Kinderhilfswerkes deutschlandweit 1008 Wahlberechtigte ab 18 Jahren mittels computergestützter Telefoninterviews befragt.

Diese Maßnahmen könnten helfen

Zur Bekämpfung von Kinderarmut fordert die Mehrheit der Befragten, einkommensschwache Familien und deren Kinder mit Lehrmittelfreiheit (97 Prozent), kostenfreiem Essen in Schule und Kita (86 Prozent), kostenfreien Beteiligungsmöglichkeiten an Bildung, Kultur und Sport (81 Prozent) sowie kostenlosen Ganztagsbetreuungen in Schulen und Kitas (84 Prozent) zu unterstützen.

Ansatzpunkte bei Kitas, Bildungs- und Freizeiteinrichtungen

Bemerkenswert finden die Meinungsforscher, dass Männer wie Frauen nahezu in gleichem Maße die kostenlose Ganztagsbetreuung fordern, während Frauen die Zugänge zu Kultur- und Freizeiteinrichtungen deutlich wichtiger einschätzen.

Sehr stark verbreitet ist auch die Forderung, in Schulen und Kitas mehr Fachkräfte und Sozialarbeiter (94 Prozent) einzusetzen, die sich um benachteiligte Kinder kümmern. Eine Mehrheit bewertet außerdem eine Anhebung der Hartz-IV-Regelsätze für Kinder (70 Prozent) und Erhöhung des Kindergeldes (62 Prozent) als wirksame Unterstützungen.

Staat und Gesellschaft engagierten sich zu wenig gegen Kinderarmut

Drei von vier der Befragten (72 Prozent) sind der Ansicht, staatliche und gesellschaftliche Verantwortungsträger würden "eher wenig" oder "sehr wenig" tun, um Kinderarmut wirkungsvoll entgegenzutreten. Trotz differenzierter Sicht der Anhänger der verschiedenen Parteien kommen jeweils eindeutige Mehrheiten der politischen Lager zur Aussage, Staat und Gesellschaft engagierten sich zu wenig gegen Kinderarmut. Hier schwankt die Zustimmungsrate zwischen 89 Prozent beziehungsweise 80 Prozent bei den Linken- und SPD-Anhängern und 78 Prozent beziehungsweise 60 Prozent bei den Grünen- und Unions-Anhängern.

Großteil der Bevölkerung würde höhere Steuern zahlen

Auch bei der Frage der Finanzierung der notwendigen Maßnahmen beobachten die Umfrage-Auswerter eine große Übereinstimmung: 66 Prozent der Bundesbürger wären bereit, mehr Steuern zu bezahlen, wenn damit das Problem der Kinderarmut in Deutschland wirksam bekämpft würde.

Gleichlautende Bekundungen gehen quer durch die politischen Lager. Dabei variiert die Zustimmung zwischen 87 Prozent beziehungsweise 73 Prozent bei den Grünen- und SPD-Anhängern und 67 Prozent beziehungsweise 60 Prozent bei den Unions- und Linken-Anhängern.

Nationales Programm zur Bekämpfung der Kinderarmut gefordert

"Diese Zahlen lassen in ihrer Deutlichkeit keinen Spielraum für Interpretationen: Die Menschen in Deutschland sehen Staat und Gesellschaft ganz klar in der Pflicht, entschiedener als bisher die Kinderarmut in Deutschland zu bekämpfen. Nach Berechnungen des Deutschen Kinderhilfswerkes sind derzeit rund 2,8 Millionen Kinder und Jugendliche von Armut betroffen. Deshalb brauchen wir ein nationales Programm zur Bekämpfung der Kinderarmut", betont Thomas Krüger, Präsident des Deutschen Kinderhilfswerkes.

Umfassendes Gesamtkonzept und finanzielle Mittel nötig

Seiner Meinung nach könne Kinderarmut nur dann effizient und nachhaltig bekämpft werden, wenn alle Maßnahmen zu diesem Zweck unter einem Gesamtkonzept verknüpft und mit ausreichenden finanziellen Mitteln ausgestattet würden.

Das sind die Akteure in einem solchen Gesamtprogramm

  • Arbeitsmarkt- und Beschäftigungspolitik
  • Familien- und Bildungspolitik
  • Gesundheits- und Sozialpolitik
  • Stadtentwicklungs- und Wohnungsbaupolitik
  • Fokus-Bereich: Bildung

Fokus auf der Bildung

Ein besonderer Fokus sei auf den Bildungsbereich zu legen. An dieser Stelle brauche es verstärkte politische Anstrengungen, allen Kindern gleiche Chancen für eine erfolgreiche Bildungslaufbahn zu ermöglichen sowie ein nach oben durchlässigeres Schulsystem, das alle Kinder und Jugendlichen individuell entsprechend ihren Fähigkeiten optimal fördert.

"Die Reformanstrengungen der Bundesländer im Bildungsbereich müssen fortgesetzt werden, denn der Bildungsaufstieg ist der nachhaltigste Weg aus der Armut", betont Thomas Krüger, Präsident des Deutschen Kinderhilfswerkes.

Reformbedarf bei Familienleistungen

"Der Kinderzuschlag ist ein wichtiger Baustein zur Bekämpfung der Kinderarmut, muss allerdings reformiert werden und in eine bedarfsgerechte Kindergrundsicherung münden. Wer Vollzeit arbeitet muss in der Lage sein, den Familienunterhalt aus eigener Kraft zu bestreiten. Deshalb brauchen wir armutsfeste Löhne in Deutschland", fordert Krüger.

Bildungspaket: "eine soziale Mogelpackung und bürokratische Stümperei"

Weitere Maßnahmen sind aus Sicht des Deutschen Kinderhilfswerkes Beschäftigungsangebote für Langzeitarbeitslose, spezielle Unterstützung für Alleinerziehende sowie eine Stärkung des sozialen Wohnungsbaus. "Das Bildungs- und Teilhabepaket für Kinder und Jugendliche aus finanziell benachteiligten Familien ist und bleibt eine soziale Mogelpackung und bürokratische Stümperei", kritisiert der Kinderhilfswerk-Repräsentant.

Gefangen in der Armutsfalle

Krüger sprach von einem strukturellen Problem. Normalerweise sinke bei guter Konjunktur die Kinderarmut, dies sei aber jetzt nur noch
bedingt der Fall, sagte er im WDR. "Das heißt, dass ein Großteil der Kinder, die sich in Armut befinden, auf Dauer in dieser Armutsfalle bleibt." Zudem warnte er davor, dass sich die Armut immer häufiger von einer Generation auf die nächste übertrage. Dies liege auch daran, dass staatliche Leistungen für Kinder, wie Kindergeld oder Kinderzuschlag, oft nicht bei den ärmsten Kindern ankämen, weil sie mit Hartz IV-Leistungen verrechnet würden.

Armutsfeste Regelsätze für Kinder festlegen

Auch die zu Beginn des letzten Jahres beschlossenen Änderungen am Bildungs- und Teilhabepaket hätten lediglich die schlimmsten bürokratischen Auswüchse beseitigt. Aus Sicht des Deutschen Kinderhilfswerkes müsse die Bundesregierung mit den zur Verfügung stehenden finanziellen Ressourcen armutsfeste Regelsätze für Kinder festlegen. Außerdem müssten die Strukturen der Kinder- und Jugendhilfe gestärkt werden.

Der Erwerbsstatus von Eltern sowie politische Rahmenbedingungen werden von der Bevölkerung als die wesentlichen Einflussfaktoren auf das Wohl von Kindern in Deutschland eingeschätzt.

Risiko: prekäres Arbeitsverhältnis und alleinerziehend

Niedrige Einkommen durch prekäre Arbeitsverhältnisse (85 Prozent) sowie die besondere Situation von Alleinerziehenden (75 Prozent) sind laut Umfrage die Hauptgründe für fehlendes Geld in Familien und damit auch die wichtigsten Auslöser für Kinderarmut in Deutschland.

Zerbrochene Familien - Staat in Verantwortung

Die steigende Verantwortung von Staat und Gesellschaft ergibt sich nicht zuletzt aus dem Zerfall des familialen Zusammenhalts, den viele beklagen (61 Prozent). Dass vor allem ältere Befragte auch eine Mitschuld von Eltern in einkommensschwachen Familien konstatieren, da sie sich nicht ausreichend um das Wohl ihrer Kinder kümmern, zeigt einen Bruch zwischen den Generationen.

Deutliche Reaktionen aus Politik und Gesellschaft

Seit Jahren werde öffentlich darüber diskutiert, doch eine dauerhaft erfolgreiche Strategie habe die Politik noch nicht gefunden, kritisierten die Studien-Autoren. Aus Sicht von Praktikern und Experten werde Kinderarmut schlicht verdrängt.

Der Politikwissenschaftler und Autor Christoph Butterwegge etwa befürchtet, "dass die Bekämpfung der Kinderarmut ein Stiefkind der Regierungspolitik bleibt". Wahlversprechen wie das Ganztagsschulprogramm der SPD seien von der Agenda verschwunden, kritisiert der Kölner Professor, für den Armut mehr bedeutet, als wenig Geld zu haben. Für Kinder und Jugendliche heiße Armut auch, nicht am gesellschaftlichen Leben teilhaben zu können.

"Die Politik zieht sich komplett zurück. Kinder sind eben keine Wähler. Außerdem kostet die Bekämpfung der Armut Geld", beklagt auch der Sprecher des Kinder- und Jugendwerks "Arche", Wolfgang Büscher. Positiv sei aber, dass die Bevölkerung erkannt habe, dass etwas getan werden müsse, sagt er mit Blick auf die Studie. Das Bundessozialministerium will sie erst nach einer Auswertung kommentieren.

Wird das Geld verschwendet?

"Es ist genügend Geld vorhanden. Ein Einnahmeproblem haben Bund, Länder und Gemeinden keinesfalls. Problematisch ist ihr Umgang mit Ausgaben", sagt hingegen der Präsident des Bundes der Steuerzahler, Reiner Holznagel. Jahr für Jahr fließe mehr Geld in die Familien- und Sozialpolitik - doch offensichtlich würden die Probleme dadurch nicht beseitigt.

"Ideal wäre eine Super-Nanny"

Für Wolfgang Büscher, Sprecher des Kinder- und Jugendhilfswerks Arche, der im Berliner Bezirk Hellersdorf täglich mit benachteiligten Kindern zu tun hat, ist mehr Geld für die Eltern nicht unbedingt eine Lösung. Viel wichtiger sei gut ausgebildetes Personal in Kitas, Schulen und in der Sozialarbeit. "Ideal wäre eine Super-Nanny", sagt Büscher mit Blick auf die aus dem Fernsehen bekannte Familienhilfe. Statt wie ein Jugendamtsmitarbeiter, der oft für 100 und mehr Familien zuständig ist, solle eine "Super-Nanny" nur drei Familien betreuen. "Das ist teuer, aber billiger als volle Gefängnisse", sagt Büscher.

Sie finden uns auch auf Facebook - jetzt Fan unserer "Eltern-Welt" werden und mitdiskutieren!

Liebe Leser, bitte melden Sie sich an, um diesen Artikel kommentieren zu können. Mehr Informationen.
Neue Kommentare laden
Leserbrief schreiben

Für Kritik oder Anregungen füllen Sie bitte die nachfolgenden Felder aus. Damit wir antworten können, geben Sie bitte Ihre Adresse an.

Name
E-Mail
Betreff
Nachricht

Wählen Sie aus dem Pull-Down-Menü Ihren gewünschten Ansprechpartner aus. Vielen Dank für Ihre Mitteilung.

Artikel versenden

Empfänger

Absender

Name
Name
E-Mail
E-Mail
Anzeige
Video des Tages
Brutale Methode 
Therapie mit langer Nadel nichts für schwache Nerven

Diese Behandlung ist garantiert nichts für zartbesaitete Menschen. Video

Anzeige

Shopping
tchibo.deOTTObonprix.deESPRITC&ACECILzalando.dedouglas.deKlingel.de

Anzeige
shopping-portal