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Kindheit mit drogensüchtiger Mutter: Buchtipp "Platzspitzbaby"

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"Platzspitzbaby" - eine Kindheit im Drogensumpf  

Michelle hat ihre Mutter an das Heroin verloren

04.08.2014, 18:26 Uhr | Nicola Wilbrand-Donzelli, t-online.de

Kindheit mit drogensüchtiger Mutter: Buchtipp "Platzspitzbaby". "Platzspitzbaby": Michelle Halbheer schildert in ihrem Buch "Platzspitzbaby" ihre Kindheit mit einer drogensüchtigen Mutter. (Quelle: Wörterseh Verlag)

Die junge Schweizerin Michelle Halbheer schildert in ihrem Buch "Platzspitzbaby" ihre Kindheit mit einer drogensüchtigen Mutter. (Quelle: Wörterseh Verlag)

Verwahrlosung, Vernachlässigung, Hunger, Misshandlung und Todesangst - all dies musste Michelle Halbheer schon als kleines Kind an der Seite ihrer schwer drogenabhängigen Mutter durchleben. Die traumatischen Erinnerungen hat die 29-Jährige in ihrer Biographie "Platzspitzbaby - meine Mutter, ihre Drogen und ich" niedergeschrieben. Ein erschütterndes Schicksal einer jungen Frau, die sich dennoch durchgekämpft hat.

Namensgebend für das Buch ist der Platzspitz in Zürich, Ende der achtziger Jahre der zentrale Treffpunkt der offenen Drogenszene und damals Europas größter Drogenumschlagplatz. Dorthin musste Michelle ihre süchtige Mutter Sandrine begleiten und sah Dinge, mit denen ein kleines Mädchen nie konfrontiert werden sollte. Die Drogenhölle prägte zu diesem Zeitpunkt schon länger den Alltag ihres zehn Jahre jungen Lebens. Auch zu Hause waren Heroin und Kokain und damit verbunden der stetige Niedergang der Mutter allgegenwärtig.

In Deutschland haben bis zu 60.000 Kinder süchtige Eltern

Das Schicksal der jungen Schweizerin ist exemplarisch für viele andere Kinder. Schätzungsweise leben in der Schweiz etwa viertausend Mädchen und Jungen, bei denen zumindest ein Elternteil harte Drogen konsumiert. In Deutschland spricht man von vierzig- bis sechszigtausend Kindern und in den USA von einer Million. Doch die Dunkelziffern sind hoch.

Traumatische Erlebnisse mit einer süchtigen Mutter

"Ich will wegrennen, ich will flüchten, doch Panik und Entsetzen halten mich fest", so schildert Michelle auf den ersten Seiten ihres Buches eine Schlüsselszene. "Als ich Mutter entdecke, ist sie ohne Bewusstsein, im abgebundenen Arm steckt die Spritze, Fingerspitzen und Lippen sind bläulich verfärbt. Wie eine kaputte Puppe liegt sie vor mir, die Kleidung schmutzig, der wilde Haarschopf ungekämmt, die Augen sind verdreht und halb geschlossen. Ich halte sie für tot." In panischer Angst ruft Michelle den Notarzt. Als die Helfer Sandrine mit einer Adrenalin-Injektion ins Leben zurückholen, wird sie zur Furie und schlägt die mittlerweile eingetroffenen Polizisten im aggressiven Drogenwahn in die Flucht. Zurück bleibt ein verängstigtes Kind, das von seiner tobenden Mutter grün und blau geschlagen wird und dafür büßen muss, dass es trotz des Verbots Fremde in die Wohnung ließ. "Ich bin zehn Jahre alt und werde weitere drei Jahre in dieser Hölle leben, denn auch dieser Vorfall hat keinerlei Konsequenzen und niemand kommt vorbei, um mich zu retten."

Michelles Versprechen an den Vater

Michelles Eltern lernen sich im Zürcher Rotlichtmilieu kennen. Sandrine, deren Kindheit von Gewalt geprägt war, nimmt gelegentlich Drogen. Trotzdem verliebt sich Andreas, der aus einer Bauernfamilie stammt und als Polier auf dem Bau arbeitet. Nach einem Jahr kommt die kleine Tochter zur Welt. Das Paar heiratet und die drei ziehen in einen Züricher Vorort. Diese Zeit verbindet Michelle mit Liebe und Geborgenheit. Auch Sandrine wirkt glücklich ihn ihrem Mutter- und Hausfrauendasein.

Doch schon bald gewinnen die Drogen wieder Überhand in ihrem Leben. Um seine Familie zu schützen, organisiert der Vater einen Umzug aufs Land - weit weg von der Drogenszene. Doch der Kampf gegen die Sucht seiner Frau bleibt erfolglos. Obwohl Sandrine ein Methadon-Programm absolviert, konsumiert sie trotzdem zusätzlich Heroin im gefährlichen Mix mit Kokain. Immer öfter verschwindet sie in die Stadt, wo Michelles Vater sie oft nächtelang sucht.

Einmal nimmt er auch seine Tochter mit an den Drogenumschlagplatz, wo sich Sandrine mit vielen anderen Drogensüchtigen aufhält. Schockierende Bilder von elenden Gestalten, deren Existenz sich nur noch um die Beschaffung ihrer Rauschmittel dreht und die es in ihrem betäubten Zustand nicht mehr bemerken, wenn Ratten über sie kriechen, brennen sich für immer in Michelles Gedächtnis ein. In dieser Nacht verspricht sie ihrem Vater, niemals selbst in diese zerstörerische Abhängigkeit zu geraten.

Warum Michelle trotzdem bei der süchtigen Mutter blieb

Die Eltern lassen sich scheiden und das Sorgerecht für Michelle wird der süchtigen Mutter zugesprochen. Mit der Drohung, sich sonst umzubringen, hatte sie ihre Tochter "überredet", zu behaupten, dass sie bei ihr und nicht beim Vater bleiben wolle. "Und hätte ich den Verrat begangen und meinen Kummer hinausgeschrien: Der Preis für mein Wohlergehen wäre der Tod derjenigen gewesen, die mich geboren hatte."

Michelle fügt sich in ihr Schicksal und ist Sandrine völlig ausgeliefert, die mit ihr in einer verwahrlosten Wohnung haust, das Kind aufs Gröbste vernachlässigt und es regelmäßig verprügelt. Wenn das Jugendamt sich zu einem Kontrolltermin mit langem Vorlauf ankündigt, hat Michelles Mutter genug Zeit, eine Fassade der Normalität zu schaffen. Keiner merkt, was sich wirklich abspielt. So versinkt Sandrine immer mehr im Junkie-Alltag aus Drogenbeschaffung und Konsum, in den sie ihre Tochter zunehmend einbezieht und sie benutzt, im Milieu Rauschgift, Spritzen und Medikamente zu besorgen.

Von Pflegefamilie als "sündiges Geschöpf" behandelt

Der endgültige Verfall ihrer Mutter, der im "Nichtsein" endet, wie Michelle es formuliert, scheint besiegelt. "Müsste ich sie heute mit einem Wort beschreiben, ich würde ihren Zustand als 'leer‘ bezeichnen. Befreit von allen Gedanken und Gefühlen, nur noch einem einzigen Bedürfnis verpflichtet: dem Heroin. Ich verlor meine Mutter, erkannte in ihr den Menschen nicht mehr, dem ich als Zweijährige als Zeichen meiner ewigen Liebe ein selbstgepflücktes Blümchen überreicht hatte."

Als die Mutter ihre dreizehnjährige Tochter schließlich vor die Tür setzt, nachdem sich das Mädchen endlich überwunden hatte, mit der Vormundschaftsbehörde und der Schule über ihr Leid zu sprechen, erwirkt der Vater eine sofortige Schutzmaßnahme. Michelle kommt in eine Pflegefamilie, die ein streng religiöses und geregeltes Leben führt, ihrem Pflegekind aber keine Liebe entgegenbringt und sie als sündiges Geschöpf ausgrenzt. Mit 16 versucht Michelle den Absprung, um sich eine eigene Existenz aufzubauen. Sie kann eine Lehre zur Dentalassistentin abschließen und in dem Beruf Fuß fassen. Jetzt führt sie ein ruhiges Leben auf dem Land und hat harte Drogen bis heute nicht angerührt. Zu ihrer suchtkranken Mutter, die an einem weiteren Methadon-Programm teilnimmt, hat sie nur sporadisch Kontakt.

"Wohl der Drogensüchtigen wird über das Wohl der Kinder gestellt"

Michelle Halbheer möchte ihre Geschichte als Appell verstanden wissen, sich besser um Kinder Drogensüchtiger zu kümmern, um ihnen ein ähnliches Schicksal zu ersparen. Sie übt scharfe Kritik an den Behörden: Niemand habe ihr Elend wahrnehmen wollen. Ämter und soziale Einrichtungen kümmerten sich in erster Linie um das Wohl der Süchtigen. Die Kinder würden dabei oft vergessen, kritisiert Halbheer, denn sie hätten keine Lobby und würden sogar in vielen Fällen als Therapieinstrument und Überlebensmotivation für ihre Eltern missbraucht.

"Ob die drogenabhängigen Mütter und Väter ihre Verantwortung als Eltern wahrnehmen, wird durch das professionelle Hilfesystem noch immer nicht in Frage gestellt. Auch zum Nachteil jener Kinder, die ihr Unglück verschweigen, aus Angst vor den Drohungen der Eltern, aber auch weil sie ihre Mütter und Väter trotz allem lieben."

Die Behörden, die sich damals um Michelles Wohlergehen hätten kümmern müssen, haben sich nach Angaben der Autorin auch nach Veröffentlichung des Buches bis heute nicht zu dem Fall geäußert.

Buchtipp: Michelle Halbheer, "Platzspitzbaby- meine Mutter ihre Drogen und ich", Wörterseh Verlag, 2014

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