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Teilzeitfalle: Mütter arbeiten deutlich weniger als Väter

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Arm, abhängig, ausgebremst  

Working Moms in der Teilzeitfalle

12.05.2015, 13:25 Uhr | Nicola Wilbrand-Donzelli, t-online.de

Teilzeitfalle: Mütter arbeiten deutlich weniger als Väter. 60 Prozent aller Mütter in Deutschland sind erwerbstätig, die meisten von ihnen in Teilzeit. (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

60 Prozent aller Mütter in Deutschland sind erwerbstätig, die meisten von ihnen in Teilzeit. (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Ein Teilzeitjob galt lange als ideale Lösung für Mütter, um Familie und Beruf unter einen Hut zu bekommen. Doch gerade diese Form der Erwerbstätigkeit birgt einige Risiken. Die Frauen verdienen weniger, machen seltener Karriere, haben eine unzureichende soziale Absicherung und reiben sich trotzdem auf. Eine Expertin verrät, warum es für dieses Dilemma keine einfache Lösung gibt, sondern an vielen Schrauben gedreht werden müsste.

Was nur eine überschaubare Auszeit sein sollte, um sich in den ersten Monaten um den neugeborenen Nachwuchs zu kümmern, wird bei vielen jungen Müttern zu mindestens drei Jahren Babypause. Kommt ein Kind zur Welt, bleibt nämlich für gewöhnlich erst einmal die Mutter zu Hause. Nach der dreijährigen Elternzeit steckt sie häufig weiter beruflich zurück und arbeitet Teilzeit, damit sie sich besser um Heim und Familie kümmern kann.

Deutschland hat die höchste Teilzeitquote

Nach dieser 50:50-Aufteilung ist heute das Leben von Millionen Frauen getaktet - mit steigender Tendenz. Teilzeit ist nämlich weiblich. Darunter sind auch viele gut ausgebildete Akademikerinnen. Während rund 60 Prozent aller Mütter erwerbstätig sind, arbeiteten von ihnen etwa 70 Prozent auf Teilzeitbasis, so die Zahlen des Statistischen Bundesamtes 2013. 1996 waren es noch 20 Prozent weniger.

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Im Schnitt beträgt die Arbeitszeit etwa 27 Wochenstunden. Damit ist laut einer Studie der Hans-Böckler-Stiftung die Teilzeitquote hierzulande einer der höchsten Europas und außerdem die mit dem geringsten Arbeitspensum. Volkswirtschaftlich gesehen ist diese Entwicklung paradox: Denn obwohl die Zahl der weiblichen Arbeitnehmer insgesamt zugenommen hat, arbeiten sie so wenig, dass die davon nicht leben können.

Finanzielle Abhängigkeit und Armutsrisiko

Das traditionelle Alleinverdiener-Modell wurde so abgelöst durch das Hinzuverdienst-Modell, bei dem zumeist der Mann das Haupteinkommen erwirtschaftet. Da Frauen im Schnitt immer noch - sogar bei gleichen Tätigkeiten - deutlich schlechter verdienen als Männer, ist es naheliegend, dass derjenige, der weniger Geld mit nach Hause bringt, weniger arbeitet und sich mehr um die Familie kümmert.

Die Folge für die Frauen: Es bleiben eine finanzielle Abhängigkeit vom Partner und ein handfestes Armutsrisiko, denn die Rentenansprüche sind meist nur gering. Auch im Falle einer Trennung sind seit der Reformierung des Scheidungsrechtes vor wenigen Jahren die Aussichten auf einen angemessenen Ehegatten-Unterhalt eher bescheiden.

Doch das Teilzeit-Dilemma wird auch noch durch andere Faktoren befeuert, wie die Soziologin Lena Hipp vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) weiß: "In Deutschland fördern das Ehegattensplitting oder die Minijob-Regelung diese Rollenverteilung zusätzlich und tragen dazu bei, dass es schließlich die Frauen sind, die zu Hause bleiben oder nur in Teilzeit wieder einsteigen."

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Karrierebremse Teilzeit

Welches Image Teilzeit vor allem bei den Chefs hat und welche Erfahrungen Teilzeiterinnen beim Balanceakt zwischen Arbeit und Kindern sammeln, ist inzwischen erforscht. So hält es laut einer Studie der Universität Duisburg-Essen die Mehrheit aller Personalmanager für ausgeschlossen, mit reduziertem Wochenstundenpensum Karriere machen zu können. Gerade verantwortungsvolle Stellen verlangten die volle Präsenz am Arbeitsplatz und keine Entscheidungsfindung übers Telefon vom Spielplatz oder der Küche aus.

Das Institut für Wirtschaftsforschung in Halle fand heraus, dass sich die Mehrheit der Frauen in Teilzeit ausgebremst fühlt und über fehlende Aufstiegschancen oder unbedeutende Tätigkeiten klagt, weil sie nur "Reste" wegarbeiten dürften, um die sich sonst kaum jemand reißt.

Aus dem Mund der frustrierten Working Mom Sophie klingt diese Gemengelage so: "Als teilzeitbeschäftigte Mutter bist du überall nur Teilzeit! Dein Chef nimmt dich nicht für voll, du arbeitest ja nicht Vollzeit. Mit dir ist nicht mehr zu rechnen. Du kriegst die uninteressanten Doofi-Projekte, egal ob du tausendmal besser bist als dein Vollzeit-Kollege" schreibt sie auf ihrem Blog networkingmom.de. "Du gehst krank ins Büro, arbeitest mit krankem Kind zu Hause weiter. Du würdest hochschwanger und mit Lungenentzündung ein Projekt fertig machen. Gibt es in zehn Jahren eine Gehaltserhöhung? Nö."

Ein typisch deutsches Phänomen

Wie es besser geht, zeigen Frankreich und die skandinavischen Staaten. Dort zielt die Sozialpolitik darauf ab, dass Frauen finanziell selbstständig sind und sich entsprechend absichern können. So gibt es dort trotz hoher Erwerbsquote von Müttern mit kleinen Kindern nur wenig Teilzeitbeschäftigung. "In diesen Ländern stellt sich dieses Problem nicht. In Frankreich etwa gilt die 35-Stunden-Woche und in Schweden hat sich eine 'Vollzeit light' mit etwa 30 Stunden bewährt", so Hipp.

Hinzu komme, dass sich dort Arbeits- und Betreuungszeiten zwischen den Partnern meist viel ausgewogener gestalteten und dass die Kinderbetreuung wesentlich weitläufiger ausgebaut sei. "Bei unseren Nachbarn und in Nordeuropa haben Vollzeitbetreuungsangebote traditionell auch keinen schlechten Beigeschmack."

Auch die Präsenzkultur am Arbeitsplatz unterscheidet sich insbesondere in Skandinavien wesentlich von der deutschen. Dort ist es nämlich völlig normal, nach der Regelarbeitszeit pünktlich zu gehen. "Ewig lange im Büro zu bleiben und Überstunden zu machen, um so auch einen gewissen Status zu signalisieren, wie es in vielen deutschen und amerikanischen Unternehmen üblich ist, gilt in diesen Ländern als ziemlich uncool. Auch das macht das Elternsein dort leichter", kommentiert die Expertin.

Wege aus dem Teilzeit-Dilemma

Was also sollte sich hierzulande ändern? Zunächst einmal sollte man partnerschaftlich darin übereinstimmen, dass Kinder und Haushalt Aufgabe von beiden Elternteilen seien und nicht nur vom weiblichen Part, betont die Soziologin vom WZB. "Zudem müssten Männer viel mehr dazu bereit sein, beruflich auch mal ein Stück kürzer zu treten, um ihrer Frau wieder den Einstieg in den Job zu ermöglichen. Vielen - insbesondere jüngeren Vätern - käme das auch entgegen. Das zeigen Studien. Sie wollen zugunsten der Familie oftmals gar nicht so viel und lange arbeiten."

Um hier allerdings neue Perspektiven im Berufsleben sowohl für "sie" als auch für "ihn" zu eröffnen, ohne am Ende finanzielle Einbußen zu haben, braucht es vor allem viel Flexibilität. Dazu könnte etwa eine Lockerung starrer Arbeitszeitrahmen gehören, die Frauen und genauso auch Männer nicht mehr ein Leben lang auf Teilzeit festlegen würden. Denn es gibt in Deutschland zwar das Recht darauf, eine Vollzeitjob in eine Teilzeittätigkeit umzuwandeln, aber noch keinen Anspruch darauf, das Ganze später - je nach Bedarf - wieder rückgängig zu machen.

"Vollzeit light" für alle

Zudem sollte es möglich werden, Arbeit für Männer und Frauen durch Reduzierung beziehungsweise Aufstockung so umzuverteilen, dass zum Beispiel bei einem Paar jeder eine abgespeckte Vollzeitstelle von rund 30 Stunden hat - ähnlich wie es in Skandinavien gehandhabt wird. Das wäre dann im Einklang mit den Öffnungs- und Betreuungszeiten der Kita, der Ganztagsschule oder dem Hort.

Es sei auch erstrebenswert, so die Expertin, Arbeitszeit prinzipiell so variabel gestalten zu können, dass man als Mutter oder Vater jederzeit problemlos früher gehen beziehungsweise später kommen kann, etwa wenn das Kind krank ist. "Da muss einfach in den Betrieben eine stärkere Willkommenskultur für Familien entstehen, wo Kinder nicht als Privatsache gesehen werden und wo es Mitarbeitern auch als Eltern gut geht." Dazu gehöre auch, und dafür gibt es schon zahlreiche Beispiele, dass Unternehmen Müttern und Vätern dabei helfen, eine Betreuungseinrichtung für ihren Nachwuchs zu finden oder dass große Firmen sogar eigene Kitas einrichten.

Ein Umdenkprozess hat begonnen

Damit es für Teilzeitjobs eines Tages jedoch wirklich gute Alternativen geben kann und nicht nur an einzelnen Schrauben gedreht wird, müsste in vielen Betrieben bei den Führungskräften, die zum großen Teil männlich sind, allerdings noch ein nachhaltiger Umdenkprozess in Gang kommen. Lena Hipp ist da zuversichtlich.

"Ich glaube, bei vielen hat es schon Klick im Kopf gemacht, nur wissen sie noch nicht so richtig, wie es konkret geht. Gerade in Zeiten, wo qualifizierte Arbeitskräfte immer knapper werden, können es sich Unternehmen eigentlich gar nicht mehr leisten, auf die Frauen beziehungsweise die Mütter zu verzichten und familienfreundlicher zu werden. Es wird aber sicherlich noch eine Weile dauern, bis sich das im Alltag umsetzt und zum Beispiel wichtige Meetings nicht mehr nach 16 Uhr stattfinden, wenn Eltern los müssen, um ihre Kinder von der Kita abzuholen."

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