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Flüchtlinge: Erfahrungen einer syrischen Schülerin an einer deutschen Schule

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Geflüchtete Syrerin am Gymnasium  

"Du musst schneller lernen"

26.09.2015, 11:20 Uhr | Gesa Mayr, Spiegel Online

Flüchtlinge: Erfahrungen einer syrischen Schülerin an einer deutschen Schule. Beilsan am Alexander-von-Humboldt-Gymnasium in Bornheim: "Ich will unbedingt auf dem Gymnasium bleiben" (Quelle: Spiegel Online)

Beilsan am Alexander-von-Humboldt-Gymnasium in Bornheim: "Ich will unbedingt auf dem Gymnasium bleiben" (Quelle: Spiegel Online)

Beilsan Alobeid musste wegen des Bürgerkriegs in Syrien ihre Heimat Homs verlassen. Nach einer Odyssee durch Unterkünfte in Nordrhein-Westfalen ist die 15-Jährige nun am Alexander-von-Humboldt-Gymnasium in Bornheim. Die Schule hat eine internationale Klasse, in der mittlerweile vor allem Flüchtlingskinder unterrichtet werden. Die meisten der 20 Kinder in der Klasse stammen aus Syrien und dem Balkan. Gemeinsam lernen die Schüler im Alter von 10 bis 15 Jahren dort Deutsch, manche auch erst Lesen und Schreiben.

Nachdem Beilsan ein halbes Jahr Grammatik und Vokabeln gepaukt hat, ist sie nach den Sommerferien in die reguläre achte Klasse gekommen. An einem Montag im September sitzt sie nach der sechsten Stunde im Raum der internationalen Klasse und erzählt von ihrem Weg.

"In meiner alten Schule gehörte ich zu den Besten, ich wäre jetzt in die 10. Klasse gekommen. Hier muss ich sehr viel lernen und komme nur in die 8. Klasse. Das ist komisch für mich. Oft bin ich von 8 Uhr morgens bis halb 4 nachmittags in der Schule, danach muss ich Hausaufgaben machen. Ich muss sehr viel erst übersetzen. Manche Fächer laufen ganz ok, andere nicht. Mein Englisch ist nicht so gut, das ist aber in Deutschland sehr wichtig. Noch schwieriger ist Chemie. Manchmal könnte ich vor Ärger weinen, weil ich es nicht verstehe. Am schlimmsten ist aber Politik. Wenn wir dort über Syrien sprechen, quält mich das. Wenn sie erzählen, wie der Krieg voranschreitet, wie viele Menschen gestorben sind, tut mir das weh.

Ich komme aus Homs in Syrien, in meiner Heimat gibt es Krieg. Deswegen sind meine Eltern, meine zwei Schwestern, meine zwei Brüder und ich nach Saudi-Arabien gegangen. Mein Vater ist Arzt, in der Hauptstadt Riad hat er eine Stelle gefunden. Die war aber befristet und am Ende war klar: Wir können nicht zurück nach Syrien, wir haben keine Heimat mehr.

Mein erster Tag in Deutschland war ein schlechter Tag. Wenn die Leute mit mir gesprochen haben, konnte ich nicht antworten. Eigentlich war das nicht nur ein Tag, sondern ein Monat. Es war schwierig, sich zu verständigen. Ich habe mich schrecklich fremd gefühlt und meine Freunde vermisst.

Seit wir hier in Bornheim-Hersel wohnen, gehe ich auf das Alexander-von-Humboldt-Gymnasium und hier gefällt es mir sehr. Die Schüler und Lehrer sind nett und akzeptieren mich, und sie sind geduldig! Ich habe sehr viel Deutsch gelernt durch die internationale Klasse. Die Sprache ist so schwer. Die Grammatik, die Aussprache - ich habe das Gefühl, ich kann keine Geschichten erzählen.

Alle in meiner Familie lernen gerade Deutsch. Meine Eltern machen einen Kurs. Wenn ich aus der Schule komme, lerne ich mit meinem jüngeren Bruder zusammen weiter. Meine Mutter sagt immer: "Du musst schneller lernen. Das ist deine Zukunft, das ist wichtig." Ich will unbedingt auf dem Gymnasium bleiben.

Mein Traum ist es, Journalistin zu werden, mit Menschen zu reden und ihre Geschichten zu erzählen. Ich möchte auch viele Sprachen lernen: Spanisch, Englisch, Türkisch. Wenn's geht, dann noch Italienisch.

Wir sind im Juni 2014 in Dortmund angekommen, dort haben wir in einer Unterkunft gewohnt. Es waren sehr viele Leute da. Dann waren wir eine Woche in Unna, von dort ging es für einen Monat nach Wickede an der Ruhr in eine Erstaufnahme und dann nach Bornheim, wo wir im Stadtteil Merten ein halbes Jahr im Flüchtlingswohnheim gelebt haben. Jetzt haben wir eine Wohnung, direkt neben der Kirche. Wir haben drei Zimmer mit Balkon, Küche und zwei Toiletten. Ich teile mir mit drei Geschwistern ein Zimmer.

Was mit meiner alten Schule passiert ist, weiß ich nicht. Wir sprechen mit unseren Angehörigen in Homs über Skype. Aber sie erzählen wenig, sie haben Angst. Ein Teil meiner Freunde ist nicht mehr in Syrien, wo sie jetzt sind, weiß ich auch nicht.

Hier habe ich ein paar neue Freunde gefunden, die meisten sind arabisch, aber ich habe auch eine deutsche Freundin. Am Wochenende gehen wir manchmal nach Bonn, wir essen Eis, oder bummeln oder setzen uns in einen Park.

Ich wünsche mir sehr, dass der Krieg ein Ende hat. Manchmal habe ich Angst vor der Zukunft. Wir bleiben als Familie jetzt erst einmal hier und warten ab, was passiert. Aber ich will eigentlich zurück nach Syrien, ich will als Journalistin in meinem Land arbeiten."

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