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Mitte 40, keine Kinder: "Der Zug ist abgefahren"

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Mitte 40, keine Kinder  

"Der Zug ist abgefahren und es kommt auch keiner mehr"

17.11.2016, 09:32 Uhr | Simone Blaß, t-online.de

Mitte 40, keine Kinder: "Der Zug ist abgefahren". Eine Frau, die keine Kinder bekommt, muss sich häufig rechtfertigen - nicht nur vor sich selbst. (Quelle: Symbolfoto/Thinkstock)

Eine Frau, die keine Kinder bekommt, muss sich häufig rechtfertigen - nicht nur vor sich selbst. (Quelle: Symbolfoto/Thinkstock)

Alexandra ist eine attraktive Frau Mitte 40. Während ihre Freundinnen nach und nach eine Familie gründeten, steckte sie ihre Energie in den Beruf. Die Yogalehrerin liebt Kinder, glaubt aber nicht, dass ein Baby für jede Frau der Weg zum großen Glück ist. Niki ist 46. Sie war immer überzeugt, irgendwann einmal Mutter zu sein. Heute bereut sie es, ihren Kinderwunsch nicht stärker verfolgt zu haben.

Nikis Versuche, mit ihrem langjährigen Lebensgefährten Nachwuchs zu bekommen, waren eher halbherzig. Es schien noch so viel Zeit zu sein. Bis es irgendwann zu spät war. Der Mann trennte sich von ihr, ging eine neue Beziehung ein und erwartet nun sein erstes Kind.

"Habe mich immer als Mama gesehen"

"Ich gönne es ihm, aber es tut weh. Ich finde es ungerecht, dass er mit fast 50 diese Möglichkeit noch hat und mir diese Türen nun für immer verschlossen bleiben. Ich habe die biologische Uhr zwar ticken hören, aber vor meinem inneren Auge habe ich mich immer als Mama gesehen."

Niki war sicher, dass es noch irgendwann klappen würde. Sie wollte nicht wahrhaben, dass sie nicht mehr wirklich jung war, dass es mit über 40 schwerer sein würde. "Jetzt habe ich das Gefühl, mein Glück verspielt zu haben."

Das Glück hat viele Gesichter

Nachgedacht hat auch Alexandra über das Thema Nachwuchs. Aber in ihren Augen gibt es nicht nur den einen Weg für ein ausgefülltes Leben. "Ich glaube, dass unser aller Ziel die Suche nach dem wahren Glück ist, und das hat viele Facetten. Das persönliche Glück über einen Partner, beruflichen Erfolg, Wohlstand oder eben ein Kind zu definieren, halte ich für riskant. Denn das wahre Glück können wir letztendlich nur in uns selbst finden."

Für sie gehört dazu auch ein Stück weit die persönliche Freiheit, die sie nie wirklich bereit war aufzugeben. Ein Kind ist für sie  eine große Verantwortung, vor der sie immer zurückgeschreckt ist.

"24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche für das Wohlergehen eines anderen zuständig zu sein - wenn ich darüber nachdenke, habe ich höchsten Respekt vor allen Eltern." Sie schmunzelt: "Ich kann ja manchmal nicht mal hundertprozentig die Verantwortung für mich übernehmen."

Die Zeit schien noch nicht reif

Niki versteht, was Alexandra meint, trauert aber trotz dieser Argumente um die verpasste Chance. Auch den finanziellen Aspekt lässt sie nicht gelten. Sie hätte das genauso hinbekommen wie viele andere. Auch wenn sie selbstständig ist.

Trotzdem ließ sie in den ersten Jahren, in denen ihre Freundinnen Kinder bekamen, die Zeit erst einmal verstreichen und beobachtete. "Am Anfang, als die ersten Mütter wurden, da habe ich sie tatsächlich nicht gerade beneidet." Tiefe Augenringe statt Wellness, vollgespuckte praktische T-Shirts statt cooler Klamotten, durchwachte Nächte an Krankenbetten statt Restaurantbesuchen mit Freunden und Urlaub auf dem Bauernhof statt tollen Urlaubsorten.

"Aber", fügt sie hinzu, "da waren auch diese innigen Momente. Diese glänzenden Augen, wenn sie von ihren Kindern erzählten. So ein  Gefühl, das wie Dauerverliebtheit scheint. Wenn das nicht beneidenswert ist", seufzt sie.

Windelinhalte und eklige Krankheiten

"Mir ist das eher auf die Nerven gegangen", antwortet Alexandra. "Erst ging es dauernd um Windelinhalte, Kindergartenplatz, kleine Bonmots und die seltsamsten und auch ekligsten Krankheiten. Egal, welches Thema man anschnitt, es schien diese Frauen, die früher genauso waren wie ich, plötzlich nichts anderes mehr zu interessieren."

Sie dachte damals noch, das gibt sich. "Aber heute höre ich mir an, wie gemein die Grundschullehrerin ist, dass der Teenager seine Mama wieder zum Heulen gebracht hat, dass der 18-Jährige dauernd die Hand aufhält und nicht im Geringsten daran denkt, etwas Anständiges zu machen."

"Manchmal nervt es mich!"

In ein paar Jahren wird es dann wahrscheinlich das Gejammer darüber sein, dass die Enkelkinder zu häufig oder zu selten zu Besuch sind, dass man aufgrund der Erziehungsjahre keinen Anschluss mehr im Beruf findet oder die Rente zu gering ausfällt. "Manchmal nervt es mich!"

Niki findet diese Ansicht ungerecht. Sie ist der Meinung, dass gerade die Frauen, die ein Kind großgezogen haben und jetzt wieder Fuß fassen im Beruf, eine selbstbewusste Ausstrahlung haben.

"Das ist doch auch cool. Gerade die, die etwas jünger ihre Kinder bekommen haben, haben ein Lebenskapitel erfolgreich zu Ende gebracht und können jetzt noch mal ganz neu durchstarten."

Die Eltern würden gerne Großeltern werden

Auf die Frage nach den eigenen Eltern verdrehen beide die Augen: "Irgendwie hängt da immer so ein unausgesprochener Vorwurf im Raum - und dann diese spitzen Bemerkungen. Meine Eltern lassen keine Gelegenheit aus, mich dezent darauf hinzuweisen, dass ich sie um einen Lebensinhalt bringe. Ich kann es manchmal nicht mehr hören.", meint Alexandra. "Als gäbe es nichts anderes im Leben."

"Was meinst du, wie es mir geht?", antwortet Niki. "Hätte ich nicht so stark das Gefühl, meine Eltern hätten mit ihrem stummen Vorwurf Recht, dann wäre es vielleicht einfacher. Aber wenn man selbst das Gefühl hat, seine Chancen im Leben nicht genutzt zu haben, wenn einen der Anblick jeder Schwangeren einen Stich versetzt, dann spüre ich bei diesen Blicken meiner Mutter eine tiefe Traurigkeit. Es ist das Gefühl, dass etwas Entscheidendes fehlt und ich daran schuld bin."

Angst vor dem Alter?

Am schlimmsten finden beide die Blicke anderer Mütter, wenn es um das Thema Nachwuchs geht. Niki empfindet sie als mitleidig, Alexandra als arrogant.

"In diesen Momenten helfe ich mir selbst, indem ich an die andere Seite der Elternmedaille denke", meint Alexandra. "Spontaneität und Flexibilität sind mir wichtig, beruflich wie privat."

Sie möchte nicht so gestresst sein wie manche ihrer Freundinnen, deren Männer sich jetzt noch mal selbst verwirklichen - meist mit jüngeren Frauen - und die täglich bis zur völligen Erschöpfung versuchen, ihren Beruf, die Schule, die tausend Termine und all das unter einen Hut zu bekommen.

"Aber kennst du nicht diese Angst, im Alter mal alleine dazusitzen?" Nachdenklich schüttelt Alexandra den Kopf. "Wer garantiert dir denn, dass deine Kinder dich besuchen kommen? Ist das dann nicht noch viel schlimmer, wenn man sich so viele Jahre aufopfert und dann kommen sie vielleicht gerade mal an Jubeltagen. Wenn überhaupt."

"Du glaubst also, du wirst Deine Entscheidung nie bereuen?" Niki ist skeptisch.  "Irgendwann ist man weg und dann bleibt nichts. Niemand wird sich später mal  liebevoll an mich erinnern oder seinen eigenen Kindern von mir erzählen." "Das kommt doch auf dich an", protestiert Alexandra.

Leih-Kinder machen Spaß

"Die Mütter, die ich kenne, sind alle froh, wenn ich mich mal ein wenig um ihre Kinder kümmere. Es gibt Leihmütter, ich habe Leihkinder. Ich kann die schönen Dinge mit ihnen machen. Die Kür sozusagen, von den Pflichten bin ich ja befreit."

Alexandra ist sehr gerne mit Kindern zusammen, aber sie geht auch gerne wieder in ihre ruhige und aufgeräumte Wohnung. Niki seufzt tief. "Ich würde lieber über Spielzeug stolpern. Aber der Zug ist nun mal abgefahren und es kommt auch keiner mehr."

Die Auflösung

Tatsächlich sind Alexandra und Niki Persönlichkeitsanteile einer Person. Dieses Gespräch hat nicht real stattgefunden, sondern ist eines der vielen inneren Zwiegespräche, von denen die 46-jährige Alexandra Niki im Interview mit t-online.de erzählte.

Solche Zwiegespräche führt sie fast täglich: wenn ihr beim Anblick einer Mutter mit ihrem Baby die Tränen in die Augen steigen. Aber auch dann, wenn sie ihren beruflichen Erfolg auskostet und durch die Welt reist, um ihre Arbeit zu vertiefen.

Die Hamburgerin fühlt sich, wie viele andere kinderlose Frauen in ihrem Alter, zerrissen. Bei einem allerdings sind sich beide Teile in ihr einig: Es geht niemanden etwas an, welche Entscheidung sie in ihrem Leben trifft und warum. Das Gefühl, sich dauernd dafür rechtfertigen zu müssen, warum sie kein Kind hat, empfindet die 46-Jährige als bedrückend und als unfair.

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