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Kindergeburtstag muss immer spektakulärer werden

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Topfschlagen ist out! Die neuen Kindergeburtstage

07.11.2011, 13:16 Uhr | Nicola Wilbrand-Donzelli, t-online.de

Zum Kindergeburtstag reicht heutzutage kein Geburtstagskuchen mehr. (Foto: imago)

Zum Kindergeburtstag reicht heutzutage kein Geburtstagskuchen mehr. (Foto: imago)

Für jedes Kind gehört der eigene Geburtstag zu den Höhepunkten des Jahres, der jedes Mal ähnlich wie Weihnachten voller Hochspannung erwartet wird: Dann steht nur das Geburtstagskind im Mittelpunkt,  wird reich beschenkt, darf Freunde einladen und mit ihnen feiern. Früher bedeutete der Kindergeburtstag meist, einen schönen Nachmittag zuhause zu verbringen mit Spielen und Kuchen. Heute sind Kindergeburtstage nur noch selten beschauliche Kinderfeste - sie mutieren allzu oft zu logistisch durchgeplanten Events, für die ambitionierte Eltern bereit sind, erhebliche Summen auszugeben und von denen mittlerweile eine ganze Dienstleistungsbranche profitiert. Eine Entwicklung, die von Pädagogen auch kritisch gesehen wird.

Kindergeburtstag wie früher ist out

Wenn Mütter und Väter sich heute an ihre eigenen Kindergeburtstage zurückerinnern, dann geschieht dies meist mit einem wehmütigen Blick in die Vergangenheit. Verklärt schildern sie dann, wie schön es war, als sie an ihrem großen Tag ihre Freunde einladen konnten und den Nachmittag mit Topfschlagen, Blindekuh, Marmor-Kuchen und viel Begeisterung bestritten. Doch die Zeiten haben sich geändert. Kids von heute sind nicht mehr so einfach zufriedenzustellen. Die 38 jährige Camilla, selbst Mutter zweier Kinder, jammert im Chat über diese Entwicklung: "Noch nie habe ich Kindergeburtstage als so umständlich empfunden. Früher da gab es Schokokuss-Wettessen, Schokoladen-Würfeln, Sackhüpfen, Schatzsuche, Stopptanz, kannenweise Kakao, Kartoffelsalat mit Würstchen, Papierhüte, rote Bäckchen und zufriedene Gesichter bei den Kindern und später eine chaotische Bude zum Aufräumen. Heute werden 'Birthday-Events' mit Motto gefeiert, üppige Mitgebe-Tüten für die eingeladenen Freunde gefüllt, auf Indoor-Spielplätzen gespielt, beim Fast-Food-Laden Räume gemietet oder ins Kino gegangen. Kann man da überhaupt noch einen stinknormalen Kindergeburtstag wie früher feiern?"

Durchorganisierte Rundum-Glücklich-Pakete

"Stinknormale" Kindergeburtstage sind out. "Spektakulär und perfekt" heißt die Devise und die Hauptkriterien bunt, stylisch und spannend müssen erfüllt sein. Langeweile und Leerlauf haben hier keine Chance. Bei der Umsetzung solcher Partys sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt - doch ist es zumeist nicht die Fantasie von Erwachsenen. Wer wirklich ein gelungenes Fest für seinen geliebten Sprössling auf die Beine stellen will, delegiert das "Projekt Kindergeburtstag" in fremde Hände. Wie bei "Weddingplanern" existiert deshalb mittlerweile auch eine ganze Armada von Dienstleistern, die sich auf die Organisation von Kinderfesten spezialisiert hat.

Eltern
Diese Kids haben riesen Spaß an der Erfrischung
Kinder haben Wasserspaß (Screenshot: ZoomIn)

Fröhliches Kinderlachen nach nasser Überraschung. zum Video

Einer dieser zahlreichen Dienstleister ist zum Beispiel die Münchener Agentur "Tollkids - die Kindergeburtstagsmacher", die professionell einen perfekten Tag arrangieren, bei dem alles aus einer Hand geliefert wird. Angesprochen werden hier vor allem Eltern, die beruflich stark eingebunden sind, wenig Freizeit haben oder sich eine Geburtstagsplanung erst gar nicht zutrauen. Denn die Feier-Profis werben auf ihrer Internetseite damit, dass die Ansprüche der Kids immer mehr stiegen und ein besonderes, trendiges Event am Geburtstag am besten gelinge, wenn es von Spezialisten "mit viel Liebe zum Detail" auf die Beine gestellt werde. "Mit 'tollkids' haben Sie einen Partner an der Hand, der Ihren Kindergeburtstag mit Spiel, Spaß und Ausgelassenheit zum Erlebnis werden lässt." Oder bei "kindergeburtstagsplanerin.de" wird versucht den Eltern den Druck und die Nervosität bei der Vorbereitung auf den großen Tag zu nehmen: "Ihre Nerven flattern schon jetzt, wenn Sie an den zappelnden Haufen Kinder denken, der von Ihnen mehrere Stunden beschäftigt werden will? Die letzten Kindergeburtstage waren einfach nur anstrengend? Dann sind Sie hier genau richtig!"

Kindergeburtstag als Piratenparty oder im Hochseilgarten

Das Angebot solcher Agenturen ist vielfältig, wobei beispielsweise das Engagement eines Clowns oder eines Zauberers noch zu den bescheidenen Standardvarianten gehört. Besonders ambitionierte Eltern haben auch die Möglichkeit etwa ein maßgeschneidertes Fest mit individuellen Wünschen in Auftrag zu geben, eine Motto-Party à la "Fluch der Karibik", "Prinzessin Lillifee", und "Wilde Kerle" zu ordern oder einen Ausflug in den Hochseilgarten beziehungsweise auf dem Bauernhof für den Sprössling samt Freunden zu buchen. Sicher ist bei all diesen Veranstaltungen, die meist für Kinder zwischen vier und zwölf Jahren gedacht sind, dass alles "frei Haus" geliefert wird, samt Buffet, Geburtstagskuchen, entsprechenden Räumlichkeiten und falls nötig Betreuern und Animateuren. Die Eltern haben lediglich die Aufgabe zu zahlen: Und das ist oft nicht wenig. Drei Stunden Geburtstagsspaß können schon mal mit 400 bis 700 Euro zu Buche schlagen. Ein kostspieliges Vergnügen, dass sich nicht jeder leisten kann. Doch diejenigen Väter und Mütter, die so tief in die Tasche greifen, tun es gerne. Denn sie wollen durch den Kauf der Dienstleistung sicherstellen, dass ihr Sprössling samt seiner Gäste einen unvergesslichen Nachmittag erlebt (Detektiv-Geburtstag: Themen-Feier mit Phantom-Jagd).

Nur das Beste für mein Kind

Gemeinsam haben all diese Angebote, dass die Events perfekt "choreographiert" sind und die Kinder nonstop animiert und bespielt werden. Der Nachteil an solchen Veranstaltungen ist, dass die kindliche Eigeninitiative und Kreativität nicht selten auf der Strecke bleiben, denn alles ist detailliert "nach Drehbuch" durchgeplant, so dass die Kinder zum reinen Konsumenten werden.

Für zahlreiche Psychologen und Pädagogen spiegelt diese Art Kinderfeste zu veranstalten unter anderem auch das besondere Verhältnis wieder, dass Eltern heutzutage zu ihren Kindern pflegen. Nie wurde Kindern so viel Aufmerksamkeit wie heute geschenkt. Vor allem Kinder aus sozial gut gestellten Familien sind meist Wunschkinder und ihnen soll es an nichts fehlen. Das führt nicht selten dazu, dass Eltern sich ihren Nachwuchs als perfektes Wesen wünschen, und alles dafür tun, um dieses Ideal zu realisieren. So werden Kinder heute genauer denn je beobachtet und umsorgend "überwacht". Immer dienen die Eltern dabei als Filter, ob bei der Auswahl der Freunde, des Hobbys oder des Spielplatzes. Nichts soll dem Zufall überlassen werden – gemäß der Devise: "Nur das Beste für mein Kind!"

Der Schweizer Kinderarzt und Fachbuchautor Remo H. Largo bedauert jedoch, dass durch das liebevolle durchgeplante Behüten, die Kinder in einem Kokon aufwachsen. Dies schreibt er der Tatsache zu, dass Kinder nicht mehr "schicksalshaft geboren werden". Das hätte zur Folge, dass die Eltern bei ihrem Streben nach Perfektion immer häufiger auf professionelle Hilfe vertrauten - sei es ein Sportverein, eine Musikschule, Nachhilfecoaching oder eben eine Agentur für Kindergeburtstage. Largo stellt den liebenden Eltern trotz bester Absichten deshalb ein weniger gutes Zeugnis aus: "Eltern tragen heute kaum zur Entwicklung ihrer Kinder bei, außer dass sie sie herum karren.“

Kindergeburtstag setzt Eltern unter Druck

Die Tendenz zum "Outsourcen" kindlicher Aktivitäten ist mittlerweile Alltag in vielen Familien. Eigentlich stellt dies einen Widerspruch dar: Einerseits wollen die Eltern nicht die Zügel aus der Hand geben und andererseits beauftragen sie Fremde, ihre Kinder bestmöglich zu fördern und zu "bespaßen". Die Sozialpsychologin Christine Henry-Huthmacher, beschreibt dieses Phänomen in der Studie der Konrad-Adenauer-Stiftung "Eltern unter Druck". Viele Erziehungsberechtigte seien unter der Norm "glückliche Eltern" zu sein von Selbstzweifeln geplagt. In ihrem Bemühen nur das Beste für das Kind zu wollen, suchten sie nach Optimierungsmöglichkeiten, um ihren Kindern in einer zunehmend wettbewerbsorientierten Gesellschaft optimale Ausgangspositionen zu verschaffen: "Eltern unternehmen sehr viel, damit ihre Kinder glücklich werden und scheuen dafür keine Mühen. Dem eigenen Kind Freude zu bereiten und ihm so viel Chancen wie möglich zu bieten, ist ihre Motivation." Dabei gerieten Väter und Mütter nicht selten in die Rolle der Lebensgestalter des "entpflichteten" Kindes und stünden unter dem Druck einer "gelingenden" Kindheit, die als "unantastbare Gnadenzeit" verklärt werde, so die Sozialpsychologin.

Prestige und Wettbewerb

Obwohl Eltern immer das Glück ihrer Kinder im Auge haben, können professionell geplante Geburtstagspartys auch zu Prestigeobjekten mutieren. Hat man einmal seinem Nachwuchs ein solches Event geboten, muss man eigentlich automatisch für das nächste Jahr eine originelle Steigerung bereithalten. Damit wird eine Spirale in Gang gesetzt, der sich auch andere Eltern häufig nicht entziehen können. Denn haben befreundete Gast-Kinder erst einmal ein solches Animationsfest erlebt, wollen sie bei ihrem eigenen Geburtstag nicht zurück stehen und ebenfalls von Mama und Papa eine entsprechende Feier spendiert bekommen. Doch viele Eltern können sich so ein Spektakel gar nicht leisten. Wie viele Eltern dann zuliebe ihrer Kinder mitziehen und der Erwartungshaltung - auch anderer Eltern - nachgeben, ist schwer zu sagen. Fest steht: Der Kreis der Interessenten wird größer und die Nachfrage nach fremdorganisierten Events für Kids steigt.

Weniger ist mehr?

Doch es gibt auch Eltern, die sich dem Trend widersetzen und sich sagen: "Weniger ist mehr!" Sarah schreibt trotzig im Chat: "Ich habe eine starke Verweigerungshaltung zu diesen 'immer mehr und immer doller als deiner'-Geburtstagen und werde meiner Tochter einen solchen übersteigerten Blödsinn nicht servieren. Für sie ist das auch vollkommen in Ordnung und sie freut sich auf diesen Tag." Auch andere wünschen sich die Kinderfeste von "Anno dazumal" zurück. Und siehe da, im Internet gibt es mittlerweile Anbieter für Geburtstagsideen aus den 50er, 60er und 70er Jahren mit Spielanleitungen zu "Würstchen schnappen", "Ochs am Berg", "Watte pusten" oder "Armer schwarzer Kater".

Quelle: Nicola Wilbrand-Donzelli, t-online.de

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