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Interview  

Expertengespräch zu ADS

07.11.2008, 16:43 Uhr | ruf, t-online.de

Eltern-Redaktion: Was sollten Eltern tun, wenn das Kind eine ADS-Diagnose hat?

Christine Falk-Frühbrodt: Mama und Papa sind wichtiger als jeder Therapeut. Das gilt auch für Eltern, die das Gefühl haben, vieles falsch gemacht zu haben. Ein wesentlicher erster Schritt ist die Erkenntnis, dass das Kind nicht boshaft handelt: Jedes Kind möchte seinen Eltern Freude machen, Erfolg haben und sich zugehörig fühlen können. Wenn das nicht gelingt, leiden das Kind und seine Eltern gleichermaßen. Kinder mit ADS brauchen die Gewissheit, dass sie die Liebe und Anerkennung ihrer Eltern nie verlieren können. Gleichzeitig benötigten sie Eltern, die nicht zu viel Mitleid und Verständnis zeigen und mit Geduld, Optimismus und Ausdauer den richtigen Weg zeigen. Erwachsene im Umfeld von Kindern mit ADS müssen wie Trüffelschweine sein, die das Gute im Kind suchen, ans Licht bringen und freudig begrüßen. So kann auch das Kind erkennen, was es gut kann und künftig häufiger zeigen sollte.

Eltern-Redaktion: Wo sollte man bei Kindern mit ADS eine Grenze ziehen? Welches Verhalten ist nicht mehr akzeptabel?

Christine Falk-Frühbrodt: Eltern müssen handeln, wenn das ADS-Kind mit seinem Verhalten sich selbst oder andere verletzt oder in Gefahr bringt. Wichtig ist, dass Eltern dabei klar und liebevoll vorgehen. Das Kind muss spüren, dass es als Mensch angenommen und geschätzt wird. Gleichzeitig muss ihm deutlich werden, dass es sich mit seinem Verhalten Nachteile einhandelt. Eltern, die ihren Kindern das erwünschte Verhalten vorleben und Bemühungen mit Lob und Anerkennung verstärken, handeln aus heutiger Sicht richtig. Früher dachte man, dass Kinder besser werden, wenn man ihnen ihre Schlechtigkeit vor Augen führt. Das stimmt aber nicht: Kritik und Strafe entmutigen und wirken einem gesunden Selbstwertgefühl entgegen. Das gilt insbesondere für Kinder mit ADS, die selten Zuspruch erfahren.

Eltern-Redaktion: Gibt es Dinge, die man bei Kindern mit ADS auf jeden Fall vermeiden sollte?

Christine Falk-Frühbrodt: Ich rate davon ab, einem Kind mit ADS-Diagnose zu sagen, dass es aufgrund des ADS zu bestimmten Verhaltensweisen nicht in der Lage sei. Damit fördert man die Schwächen des Kindes, weil es seine Bemühungen reduziert oder gar einstellt. Kinder mit ADS benötigen in vielen Bereichen, zum Beispiel beim Lernen, sehr viel mehr Übung. Wer nicht davon überzeugt ist, dass seine Anstrengungen zum Erfolg führen können, wird sich nicht mehr anstrengen und am Ende tatsächlich erfolglos bleiben. Dieses Phänomen nennen Psychologen eine sich selbst erfüllenden Prophezeiung. Schädlich sind auch negative Etikettierungen wie „tollpatschig“, „frech“ oder „faul“: Wer sein Kind so nennt, fördert genau dieses Verhalten.

Eltern-Redaktion: Wie hoch sind die Heilungschancen bei ADS?

Christine Falk-Frühbrodt: ADS ist aus meiner Sicht keine Krankheit, sondern eine andere Art, die zu Welt sehen, zu denken und zu handeln. Erfahren Betroffene immerzu Ablehnung seitens ihres sozialen Umfelds, kann aber ein Leidensdruck mit Krankheitswert entstehen. Ich bin davon überzeugt, dass jeder ADS-Betroffene glücklich werden kann, wenn er seinen Platz im Leben findet. Bei Kindern ist dafür Rückhalt durch die Eltern von großer Bedeutung, in der Pubertät werden Gleichaltrige wichtiger und im Erwachsenenalter können die richtigen beruflichen Aufgaben einem Menschen mit ADS große Erfolge ermöglichen: Kreativität, Individualität und Mut prädestinieren geradezu für Aufgaben in der Kunst, Politik und im Vertrieb. ADS sollte viel öfter als Chance begriffen, statt als Krankheit bekämpft werden.




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