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ADHS bei Eltern: ein Problem für die ganze Familie

15.12.2011, 14:44 Uhr | Simone Blaß, t-online.de

ADHS bei Eltern: ein Problem für die ganze Familie. Eltern mit ADS können das Familienleben chaotisch machen. (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Eltern mit ADS können das Familienleben chaotisch machen. (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

ADHS und ADS gehören zu den häufigsten Störungen im Kindes- und Jugendalter. Wissenschaftler gehen davon aus, dass zwischen drei und zehn Prozent davon betroffen sind. Und AD(H)S wächst sich nicht aus. Was bedeutet, dass mindestens zwei Millionen Erwachsene in Deutschland darunter leiden. Sie benehmen sich zwar nicht mehr wie ein hyperaktives Kind, zeigen aber Symptome, ohne diese einordnen zu können. Viele Betroffene erkennen nämlich erst dann das Krankheitsbild an sich, wenn es beim eigenen Kind diagnostiziert wird.

Der Tag war zu kurz, wieder mal hat man all das nicht geschafft, was man sich vorgenommen hatte und irgendwie lief es chaotisch ab. Solche Tage kennen alle Eltern. Bei AD(H)S-Betroffenen sind sie die Regel. "Um viele Schwierigkeiten der ADS-Erwachsenen überhaupt verstehen zu können, muss man ADS bei Kindern kennen", erklärt der Neurologe und Psychiater Dr. med. Dieter Claus, der gemeinsam mit seiner Frau, einer Kinder- und Jugendärztin mit Spezialgebiet Neuropädiatrie und einer Diplom-Psychologin 'Das ADS-Erwachsenen-Buch' verfasst hat. "Man muss wissen, wie ADS sich auf die Entwicklung auswirken kann, welche Hürden in der Schulzeit zu überwinden sind und zu welchen Misserfolgen es leider im Laufe des Lebens durch diese neurobiologische Störung kommen kann."

Heute haben es Betroffene oft schwerer als früher

Erst seit den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts ist AD(H)S in den öffentlichen Fokus gerückt. Doch den Zappelphilipp und das Träumerle, die gab es schon immer. Und manchmal ist es auch heute noch nur eine Frage des Temperaments. Nicht jeder, der chaotisch, unkonzentriert und leicht reizbar ist, leidet unter AD(H)S und nicht jeder unerkannte Betroffene hat in der Vergangenheit gelitten. "In diesem Zusammenhang muss man auch die gesellschaftlichen Prozesse betrachten", erklärt Professor Dr. Gerhard Lauth von der Uni Köln, ein Experte für ADHS. "In der heutigen Zeit zählt Konkurrenz. Jeder muss für sich selbst sorgen. Was dazu führt, dass Menschen, die von ADHS betroffen sind, einfach mehr auffallen als in früheren Gesellschaften. Und es kommt auch heute noch auf den Kontext an. In künstlerischen Berufen wird ein Verhalten, wie es ein ADHS-Betroffener an den Tag legt, viel eher toleriert als zum Beispiel in einer Bank." Die Lebensbedingungen sind also ganz wichtig in Bezug auf die Auswirkungen.

Viele scheitern beim Thema Partnerschaft und Familie

Die Symptome bei Erwachsenen sind ähnlich denen der Kinder. Die Unruhe, die Impulsivität und das Unaufmerksame, Vergessliche, das bleibt. Ganz typisch ist die Unfähigkeit, sich zu entspannen. Man wirkt wie getrieben, beginnt oft mehrere Arbeiten gleichzeitig, bringt aber nichts wirklich zu Ende. Verständlicherweise führen die Aufmerksamkeitsstörungen dann oft zu schlechteren Schul- beziehungsweise Studiumsleistungen und behindern so den beruflichen Werdegang. Abbrechen der Ausbildung, häufige Wechsel des Studienganges oder später des Arbeitsplatzes sind gang und gäbe. Doch auch im Umgang mit anderen gestaltet sich das Leben für Erwachsene, die von AD(H)S betroffen sind, oft schwierig. Viele scheitern, wenn es um das Thema Partnerschaft und Familie geht. Und manchmal ist der Wunsch nach einem Kind unbewusst der Wunsch nach Stabilität, die sich aber nicht einstellt. Der amerikanische Psychologe Professor Russell Barkley beschäftigt sich nicht zuletzt aufgrund persönlicher Erfahrungen zusammen mit seinem Zwillingsbruder seit Jahrzehnten mit dem Krankheitsbild. Er hat 1996 eine Untersuchung veröffentlicht, in der er feststellt, dass die Ehezufriedenheit Erwachsener mit ADS deutlich niedriger ist und die Scheidungsrate damit deutlich höher. Mit Konsequenzen wiederum für die Kinder.

Betroffene Eltern stellen für ihre Kinder ein gewisses Risiko dar

Gerade die häufig schwankenden Stimmungslagen, die aggressiven Verhaltensmuster und die immer wiederkehrende Überschreitung sozialer Regeln und Grenzen macht es dem Umfeld schwer. "Menschen mit ADHS unterstellt man eine Instabilität, sie neigen nicht nur mehr zu Ärgerreaktionen als andere, sondern auch zu einer gewissen Leichtfertigkeit", erklärt Professor Lauth. "Die Verlässlichkeit leidet darunter, Dinge werden vergessen, Termine nicht pünktlich wahrgenommen - all das hat Auswirkungen auch auf den Partner und die Familie." Es gibt hierzu derzeit Forschungsprojekte unter anderem in Freiburg und Würzburg. Und eines kann man jetzt schon sagen: Man sieht ein gewisses Risiko auch und vor allem für die Kinder von Betroffenen, die nicht selten selbst AD(H)S haben und für die Struktur im Alltag besonders wichtig wäre. Doch bei diesen Eltern funktionieren die Anleitungssysteme nicht so gut wie bei anderen. Nachteile stellen sich unmittelbar ein. Das beginnt bereits beim richtigen Packen der Schulsachen, aber auch beim Umgang zum Beispiel mit den Lehrkräften des Kindes. Die selbst sehr impulsiven Eltern machen es dem Nachwuchs damit nicht leichter, sondern schwerer. "Die ADS-Schwächen führen meist dazu, dass der Elternteil mit ADS viel herumschreit und/oder meist schlechte Laune hat. Der zusätzliche Lärm und Stress, den Kinder so mit sich bringen, bringen manchmal das Fass zum Überlaufen", heißt es im ADS-Erwachsenenbuch. "Wenn derjenige dann in den Spiegel schaut, mag er erschrocken sein über die gemeine, verhärmte, verbissene Person, die ihm da entgegenblickt."

Vieles kann man lernen

"Sehr oft erkennen Erwachsene erst dann, dass ihr Verhalten einen guten Grund hat, wenn bei ihren eigenen Kindern ADHS diagnostiziert wurde", so die Diplompsychologin Melanie Koch vom Kölner Studentenwerk. Doch das bedeutet nicht, dass man in einem unabänderlichen Schicksal gefangen ist. Zu jedem Lebenszeitpunkt können Umlernprozesse noch aktiviert werden. Am besten eignet sich hier eine Verhaltenstherapie, die meist durch Medikamente ergänzt wird. Erwachsene, die von AD(H)S betroffen sind, müssen nämlich erst lernen, ihren Alltag zu organisieren, ihre Potenziale zu nutzen. "Ein großer Teil ist genetisch veranlagt. Wie viel, das weiß man noch nicht genau". Melanie Koch arbeitet in einem Kooperationsprojekt der Universität Köln und des Kölner Studentenwerks mit ADHS-Studenten und weiß: "Aber viel ist auch erlernt, sonst könnte man es ja auch nicht wieder verlernen. Das heißt konkret, dass man neue Verhaltensweisen und Strategien einübt, mit denen man den Alltag besser bewältigen kann. Man kann trainieren, Organisation üben, Verhaltensweisen und Techniken erlernen, mit denen man sich helfen kann. Auch im Umgang mit ihren Kindern werden betroffene Eltern geschult - das verhaltenstherapeutische Konzept ist heute nicht mehr aus der Behandlung wegzudenken."

Nicht immer von der negativen Warte aus betrachten

"Wir stellen erst einmal fest, ob die Kriterien passen, dann folgt die Diagnostik. Dabei arbeiten wir unter anderem mit Fragebögen, die von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) entwickelt wurden. In einem persönlichen Interview versuchen wir im Anschluss herauszufinden, wo die jeweiligen Ressourcen liegen, um genau da anknüpfen zu können." Denn jedes Coaching geht von positiven Aspekten aus, die ausgebaut werden. Und davon gibt es viele: Erwachsene mit ADHS sind aktiv, kreativ, aufgeschlossen und wissbegierig. Sie haben Sinn für Humor und können sehr leidenschaftlich und mitfühlend sein - alles Zutaten, die gute Eltern ausmachen. Eine betroffene Mutter, einen betroffenen Vater zu haben, kann also durchaus - in die richtigen Bahnen gelenkt - auch von Vorteil sein: "Diese Menschen haben sehr viele Ideen, verfolgen zahlreiche, breit gefächerte Interessen und sie sind in der Lage, unglaublich viel gleichzeitig aufzunehmen - das kann sich auf jeden Fall im positiven Sinn auf die Familien auswirken." In einer auf sie zugeschnittenen Therapie lernen Betroffene, sich besser zu konzentrieren, Routineabläufe zu entwickeln und Arbeitsabläufe zu planen. Aber sie lernen auch, sich bewusst Zeit für Familie und Freunde zu nehmen und diesen dann uneingeschränkt Aufmerksamkeit zukommen zu lassen.

Eine falsche Diagnose kann für ganze Familien zur Qual werden

Obwohl es zunehmend bekannter wird, dass diese neurologische Störung nicht nur Kinder und Jugendliche betrifft, werden Erwachsene mit AD(H)S aufgrund auftretender Begleitsymptome häufig in falsche Diagnose-Schubladen gesteckt. Viele Symptome wie Gefühle der Überforderung, Erschöpfung, Ängste und Minderwertigkeitsgefühl entsprechen zum Beispiel den Kriterien von Depressionsformen. Und tatsächlich gibt es hier, wie eine Studie der frühen 90er Jahre zeigte, einen Zusammenhang. Doch es handelt sich nur um die Spitze des Eisbergs. Was zur Folge hat, dass bei falscher Diagnose trotz jahrelanger Therapie das Problem, und damit auch das für die Familie, nicht aus der Welt geschaffen werden kann. 

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