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ADHS: In manchen Gebieten gibt es eine Unterdiagnose

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Von wegen Überdiagnose  

In manchen Gebieten Deutschlands wird ADHS zu selten festgestellt

17.12.2015, 13:11 Uhr | Simone Blaß, t-online.de

ADHS: In manchen Gebieten gibt es eine Unterdiagnose. ADHS ist eine psychische Erkrankung, die zu Verhaltensstörungen führt. (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

ADHS ist eine psychische Erkrankung, die zu Verhaltensstörungen führt. (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

ADHS ist keine Modeerscheinung. Es ist eine ernst zu nehmende und für die Familien und das Kind sehr belastende psychische Erkrankung. Warum es manchmal nicht ohne Medikamente geht und warum ADHS in einigen Regionen zu selten erkannt wird, erklärt eine Kinderärztin im Interview.

Wenn es um die Aufmerksamkeitsstörung geht, fallen schnell die immer gleichen Sätze: Da ist von "mangelnder Erziehung" oder "zu viel Medienkonsum" die Rede, oder von Eltern, die "ihre Kinder ruhig stellen" oder  mit "Medikamenten dopen".

t-online.de hat sich mit Kirsten Stollhoff aus Hamburg unterhalten. Sie  ist Neuropädiaterin und Mitglied des wissenschaftlichen Beirats, der die Informationskampagne "ADHS und Zukunftsträume" unterstützt.

t-online.de: Was fasziniert Sie an dem Thema ADHS ?

Kirsten Stollhoff: Ich bin bereits vor rund zwanzig Jahren mit dem Thema ADHS in Berührung gekommen. Damals gab es noch wenige Informationen.

Erste Erfolge, auch mit Medikamenten, haben mich darin bestärkt, weiterzumachen. ADHS ist von allen chronischen Erkrankungen, die ich behandle, diejenige, bei der wir am meisten helfen können. Ich mag Kinder mit ADHS. Sie sind so kreativ, offen und neugierig.

Viele dieser Kinder haben besondere Begabungen, sie bekommen aber selten Gelegenheit, ihr Potenzial auszuschöpfen. Was kann man tun, um dieses zu entdecken und zu fördern?

Erst einmal muss man herausfinden, woran es liegt. Wenn sie nicht umsetzen können, was sie vorhaben, also auf dem Weg ihr Ziel verlieren, kann man es erst einmal mit einer Optimierung des Umfeldes versuchen: engmaschige Strukturen, genaue Grenzen, auch Kontrollen, viel Wiederholung.

Man sollte auch die Lehrer ins Boot holen. Sie sind häufig mit dem Thema überfordert, da sie sich allein wegen der Klassenstärke nicht auf die Bedürfnisse eines einzelnen Kindes einstellen können.

Bei manchen Kindern zeigt auch Neurofeedback gute Erfolge. Dabei werden die Gehirnströme mit einem Computer verkabelt. Auf dem Bildschirm ist zum Beispiel ein Flugzeug zu sehen, das nur dann fliegt, wenn bestimmte Hirnwellen auftreten, die das neurobiologische Äquivalent zur Konzentration sind. Allerdings klappt der Transfer in den Schulalltag oft nicht. Spätestens dann kommen Medikamente zum Einsatz.

Viele Menschen haben falsche Vorstellungen von ADHS. Welche Rolle spielen Fehlinformationen?

Die Eltern von ADHS-Kindern opfern sehr viel von ihrer Lebenszeit und -kraft für ihre Kinder. Wenn sie dann noch lesen, sie würden alles falsch machen, könnten keine Bindung zum Kind aufbauen, ist das unglaublich kränkend und ungerecht. Es verlangt Eltern viel ab, dann noch konsequent zu sein, wenn sie dauernd von Schuldgefühlen geplagt werden. 

Wo sehen Sie die größten Probleme?

Ein ganz großes Problem, gerade bei Kindern ab elf, zwölf Jahren sind visuelle Medien. Die Suchtproblematik, die sich hier entwickelt, führt zu einer Abwärtsspirale. Die Kinder fliehen vor unangenehmen Situationen und vor den permanenten Misserfolgen in der Schule, der Freizeit und zu Hause.

ADHS kommt nicht von falschem Mediengebrauch. Aber er kann die Problematik verstärken. 

ADHS ist eine psychische Erkrankung, eine neurobiologische Störung, die zu Verhaltensstörungen führt. Häufig sind auch die Eltern von ADHS betroffen – das kann sich auch positiv auswirken, denn diese Eltern sind sehr gerecht und empathiefähig.

Wenn sie selbst gute Strukturen entwickelt haben, mit der Störung umzugehen, sind sie auch ein Vorbild. Schwierig wird es, wenn Eltern und Umfeld überfordert sind. Wenn sie sich nicht an Abmachungen halten, Schwierigkeiten haben, ihr eigenes Leben zu strukturieren. Wir erleben dann oft, dass gerade Kinder solcher Eltern Störungen im Sozialverhalten, Angststörungen und Aggressivität entwickeln.

Aber manchmal ist das Kind so schwierig, dass es ohne Medikamente nicht mehr möglich ist, ihm Struktur und Ordnung zu geben.

Man weiß, dass es heute nicht mehr Kinder mit ADHS gibt als früher. Aber damals sind sie nicht so aufgefallen, oder?

Das sehen wir auch heute noch bei den Kindern vom Land. Die finden ihren Ausgleich häufig in der Freizeit, draußen, in der Bewegung. Problematisch wird es dann aber, wenn sie zur Schule kommen.

Hinzu kommt: Früher sind Kinder viel mehr mitgelaufen. Heute hat man ein Kind und auf das konzentriert man sich sehr.

Aber es gibt heute keine Häufung von ADHS, die Zahlen sind weltweit konstant geblieben. Natürlich sieht man inzwischen genauer hin und stellt eher eine Diagnose. Früher wurden die schlimmen Fälle einfach in die Sonderschule gesteckt. Alle anderen Betroffenen haben vor allem während der Schulzeiten sehr gelitten.

Wo ist die Grenze zwischen einem lebhaften Kind und einem mit ADHS?

Ein Träumerle hat nicht automatisch ADS und nur, weil ein Kind lebhaft ist, hat es sicher kein ADHS. Aber wenn ein Kind zum Beispiel mit acht Jahren noch nicht in der Lage ist, sich morgens alleine anzuziehen und sein Ziel dauernd aus den Augen verliert, wenn es sehr impulsiv ist und schnell abgelenkt, ist das schon auffällig.

Sicher wird der ein oder andere, der einfach nur viel Energie hat, zum Arzt geschickt. Aber ein Kind mit ADHS hat immer Energie und zusätzlich die erhöhte Ablenkbarkeit und Impulsivität. Spätestens die standardisierten Tests, Fragebögen und eine ausführliche Entwicklungsanamnese bringen das schnell zu Tage.

Sie sagen, dass in manchen Gegenden Deutschlands eher von einer Unter- als von einer Überdiagnose des ADHS gesprochen werden kann.

Wenn man sich die Statistiken ansieht, gibt es Landstriche, wo die Diagnose seltener gestellt wird. Es kann sein, dass dort grundsätzlich weniger spezialisierte Ärzte zur Verfügung stehen, zum anderen aber könnte es an einer besseren Lebensumgebung liegen.

Doch spätestens, wenn betroffene Kinder in die Schule kommen, fallen auch sie auf. Hier bei uns in Hamburg zum Beispiel wird überdurchschnittlich häufig ADHS diagnostiziert. Das liegt zum einen daran, dass ADHS in einer Großstadt eher erkannt wird. Aber es liegt auch daran, dass Eltern aus allen umliegenden Orten hierher kommen, weil hier die spezialisierten Praxen sind. Das verfälscht das Bild.

Wie kann man die ADHS-Diagnostik in Deutschland verbessern?

Man müsste schon in Studium und Ausbildung die zukünftigen Fachärzte richtig und nicht nur am Rande auf das Thema vorbereiten. Bei uns in der Praxis hospitieren immer wieder angehende Ärzte, um direkt zu erleben, wie sich ADHS auswirkt, wie man es diagnostiziert und wie man den Betroffenen helfen kann.

Aber das Hauptproblem sehe ich darin, dass sich die aufwendige Diagnose nach festgelegten Standards finanziell nicht lohnt. Der große Zeitaufwand sollte entsprechend honoriert werden.

Wer steht hinter der Kampagne "ADHS und Zukunftsträume" und was ist das Ziel?

Die Kampagne wird, wie viele ihrer Art, von einer Pharmafirma gesponsert. Diese tritt allerdings nicht in Erscheinung und beeinflusst auch den Inhalt nicht. Hinter dieser Kampagne stehen zahlreiche von mir sehr geschätzte Kollegen und die ehemalige Familienministerin Renate Schmidt als Schirmherrin. Unser Ziel ist es, das schlechte Bild von ADHS in der Öffentlichkeit geradezurücken, objektive Informationen zu bieten und die Tabuisierung, die diese Kinder und ihre Familien erfahren, zu durchbrechen.

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