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Kritik: Behandlung von Fruehchen

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Frühgeburten  

Heftige Kritik an der Behandlung von Frühchen

19.02.2009, 15:36 Uhr | rev, dpa

Kritik: Behandlung von Fruehchen. Kleines rotes Baby wird von Hand berührt.

Die Chancen für Frühgeborene sollen in Deutschland verbessert werden. (Bild: Imago)

In Deutschland werden immer mehr Frühchen geboren. Zwar überleben Frühgeborene weit häufiger als früher. Doch mindestens jeder zehnte ist in der Entwicklung gestört, bei den kleinsten sogar bis zu jeder dritte. Im Kampf gegen die Gefahren verlieren Dutzende Kliniken wegen mangelnder Erfahrung die Erlaubnis zur Behandlung der Frühgeborenen. Unter den verbleibenden sollen nun Ärzte und Eltern die besten im Internet finden. Der Kompromiss nach jahrelangem Streit geht Krankenkassen und Experten aber nicht weit genug. "Wir dürfen die Sicherheit der Kinder nicht dem Profit von Kliniken unterordnen", warnt der SPD-Politiker Karl Lauterbach.

Große Risiken

Mit dem Durchschnittsalter der Schwangeren steigt auch die Zahl der Frühgeburten - seit Anfang der 90er Jahre um mehr als 20 Prozent. Rund 8500 Babys im Jahr erreichen heute nur ein Geburtsgewicht bis 1500 Gramm, mit Händen und Füßen oft so winzig wie ein Zeh der Mutter. Die Lungen sind noch nicht ausgereift, das Abwehrsystem unterentwickelt - Risiken: Atempausen, Infektionen, Blutungen in Hirnhohlräumen.

Routine erforderlich

Seit Jahren streiten Kassen, Ärzte und Kliniken über eine Verminderung der Risiken. Doch Experten für Qualität im Gesundheitswesen konnten die zentrale Frage mangels ausreichender Daten nicht beantworten: Wie viele Frühgeborene muss ein Krankenhaus mindestens behandeln, damit Ärzte und Hebammen genug Erfahrung sammeln können? Klar ist nur, dass die Chancen für die Kleinsten mit der Routine steigen.

Mehr Transparenz

Kritiker sagen, Kliniken gäben die meist planbaren Frühgeburten ungern ab, weil sie jeweils einige 10.000 bis 150.000 Euro brächten. Im Dezember 2008 rang sich der zuständige Bundesausschuss von Ärzten, Kliniken und Kassen dazu durch, dass es zumindest zwölf Fälle pro Jahr in spezialisierten Häusern sein müssen - jeden Monat einer. Bis zu 80 von einst rund 400 Kliniken fallen damit aus der Frühchenversorgung heraus. Am Donnerstag, den 19. Februar 2009, beschloss das Gremium zudem, dass die Kliniken die Sterblichkeitsrate und Komplikationshäufigkeit im Netz veröffentlichen müssen.

Je mehr Spezialisierung, desto größer die Wege

Doch der Streit geht weiter. Der Kassen-Spitzenverband fordert im Hinblick auf weiter anstehende Verhandlungen, dass Kliniken rund drei Mal so viele Frühchen haben müssen wie jetzt. "Wir wollen bis zum 31. August eine Entscheidung haben", sagt die Vorsitzende Doris Pfeiffer. Auch Lauterbach kritisiert zu lasche Vorgaben. Mindestens 50 Frühgeburten pro Jahr sollten es mindestens pro Klinik sein. "Hier kann es um schwere Behinderungen gehen", mahnt er. Und ruft Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) zum Einspruch gegen den Kompromiss auf. Der Geschäftsführer der Krankenhausgesellschaft, Georg Baum, hält dagegen: Die Wissenschaft gebe keine klare Auskunft über Mindestzahlen. Und auch Verbraucherschützer sind zurückhaltend: Je stärker sich Kliniken spezialisieren - desto weiter sind auch die Wege für die Schwangeren.

Immer mehr Frühgeburten

Dabei ist die Zahl der Frühgeburten in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Mittlerweile kommt jedes 14. der jährlich knapp 700.000 in Deutschland geborenen Babys vor der 37. Schwangerschaftswoche auf die Welt, rund 8000 Frühchen sogar vor der 30. Woche. Normal sind 40 Wochen. Die Zunahme hat verschiedene Ursachen. Ein Grund ist die ebenfalls deutlich gestiegene Zahl der Mehrlingsgeburten nach künstlicher Befruchtung. Bereits bei Zwillingsgeburten steigt die Rate deutlich, Drillinge oder gar Vierlinge werden immer zu früh geboren. Außerdem gibt es immer mehr Frauen mit starkem Übergewicht und Schwangerschaftsdiabetes. Auch psychische Belastungen, starkes Rauchen und das gestiegene Durchschnittsalter der Mütter wirken sich nachteilig aus.

Sterberate ist gesunken

Bei der Intensivpflege von Frühgeborenen hat es in den vergangenen Jahren gewaltige Fortschritte gegeben. Die Sterberate sank in 15 Jahren von 8 pro 1000 auf 5. So haben heute bereits Kinder eine reelle Überlebenschance, die nach der vollendeten 24. Schwangerschaftswoche und mit einem Geburtsgewicht von nur 500 Gramm das Licht der Welt erblicken. Hauptproblem ist die noch nicht ausgereifte Lunge. Ein knappes Drittel der sehr klein geborenen Frühgeborenen zeigt jedoch später Entwicklungsstörungen.

Lebensqualität muss gesichert werden

Experten fordern angesichts steigender Frühchen-Zahlen aber auch weitere Verbesserungen, etwa mehr Forschung. "Wir brauchen dringend länger Nachuntersuchungen", sagt Wolfgang Göpel, der am Lübecker Universitätsklinikum seit 1. Januar 2009 einen Forschungsverbund dazu leitet. "Der Fokus verschiebt sich vom reinen Überleben hin zur Qualität des Lebens." So müsse die geistige Entwicklung der Frühgeborenen bis zum sechsten Lebensjahr geprüft werden. "Die normalen Vorsorgeuntersuchungen sind hier nicht differenziert genug." Über eine Förderung des Bundes zeigt er sich zufrieden. Und er warnt davor, Eltern zu verängstigen: Frühchen seien meist stabiler als ihr Image. "Wenn sie nach Hause kommen, geht es ihnen heute meistens gut."

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