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Nabelschnurblut: Wie Angst der Eltern zu Geld gemacht wird

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Nabelschnurblut  

Wie die Angst der Eltern zu Geld gemacht wird

10.08.2009, 12:27 Uhr | Spiegel Online

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Eingefrorenes Nabelschnurblut: Lebensretter oder Geldmacherei? Eingefrorenes Nabelschnurblut: Lebensretter oder Geldmacherei? (Bild: Imago) Unternehmen preisen tiefgefrorene Stammzellen aus Nabelschnurblut als "Notfallpaket fürs Leben" an und locken werdende Eltern mit großen Versprechen. Im Internet findet sich "gesundheitliche Aufklärung" zum Thema - doch auch die wird oft von privaten Zellbanken finanziert.

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Komplikationen nach einer Operation

Es ist der Alptraum aller Eltern: Ein Kind, zweieinhalb Jahre jung, soll am Darm operiert werden. Während der Vorbereitung der Operation kommt es zu Komplikationen, das Herz hört auf zu schlagen. Das Gehirn des Kindes ist eine Zeit lang ohne Sauerstoff. Das Kind überlebt, doch bleibt es nach der Operation im Wachkoma, es entwickelt spastische Lähmungen an Armen und Beinen. So geschehen in einer Klinik in Bochum im Jahr 2008.

Transplantation von Stammzellen

Die Eltern entscheiden sich für eine äußerst seltene Therapie: Die Transplantation von Stammzellen, gewonnen aus dem Nabelschnurblut des Kindes. Es war gleich nach der Geburt entnommen und vom Unternehmen Vita 34 in Leipzig tiefgefroren worden. Was danach geschah, ist für beide ein Glücksfall - zuallererst für das Kind, aber auch für Vita 34. In den Wochen nach der Transplantation hörte es erst auf zu wimmern, dann reagierte es wieder auf die Außenwelt, zudem gingen die spastischen Lähmungen zurück.

Wenig sichere Therapien

Seit einigen Jahren bieten öffentliche und private Anbieter Eltern die Möglichkeit, Nabelschnurblut einzufrieren. Mit den Stammzellen aus dem Blut wollen Mediziner in Zukunft Krankheiten wie Parkinson, Diabetes und Herzinfarkt heilen - und womöglich sogar einmal neue Organe züchten. Ob das tatsächlich einmal gelingen wird, ist völlig ungewiss. Zwar macht die Stammzellforschung derzeit rasante Fortschritte. Bisher gibt es aber nur wenige sichere Therapien mit Stammzellen wie etwa die Behandlung von Leukämie, dem Blutkrebs. Laut Statistiken des Kinderkrebsregisters erkranken 14 von 100.000 Kindern bis 15 Jahren jährlich an Krebs, ein Drittel dieser Fälle sind Leukämien.

Vita 34 ist Marktführer

Ganz anders klingt das aber in der Werbung der privaten Nabelschnurblut-Lagerer: Vita 34, nach eigenen Angaben mit inzwischen rund 62.000 eingelagerten Proben Marktführer unter den privaten Anbietern in Deutschland, macht auf seiner Internetseite auf den Fall des hirnkranken Kindes aufmerksam. Oben auf der Seite werden Stammzellen aus Nabelschnurblut als "Notfallpaket fürs Leben" angepriesen, unten wird über das Kind berichtet. Überschrift: "Medizinische Erfolge", Hintergrund des Textes: Grün - die Farbe der Hoffnung.

"Es ist und bleibt ein Heilversuch"

Die hat auch Arne Jensen, Professor an der Uniklinik Bochum, der gemeinsam mit Eckhard Hamelmann von der Universitätskinderklinik St. Josef-Hospital die Transplantation durchführte. Jensen hofft, dass die Transplantation tatsächlich zu der Genesung des Kindes geführt hat - er weiß es aber nicht. "Es gibt keine wissenschaftlichen Beweise, dass hier Ursache und Wirkung zusammenhängen, es ist und bleibt ein Heilversuch", räumt Jensen ein. Er plant nun eine Studie, um die Wirkung der körpereigenen Stammzellen aus Nabelschnurblut bei Kindern mit Schädigungen des Gehirns näher zu untersuchen. "Es bleibt, die Ergebnisse abzuwarten, um von Erfolg zu sprechen." Wenn die Darstellung des Falles über sachliche Information hinausgehe, sei das "nicht korrekt".

Wissenschaft einerseits - Geldmacherei andererseits

So steht der Bochumer Fall beispielhaft für den Umgang mit Stammzellen aus Nabelschnurblut: Auf der einen Seite Wissenschaftler und eine Forschung im Experimentalstadium. Auf der anderen Seite sechs Unternehmen, die werdende Eltern überzeugen wollen, dass das Einfrieren von Nabelschnurblut für den Eigengebrauch eine biologische Lebensversicherung für das Kind darstellt - gegen entsprechende Bezahlung natürlich.

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Fünf öffentliche Stammzellbanken

Vita 34 etwa lagert für einmalig 1990 Euro und eine Jahresgebühr von 30 Euro Nabelschnurblut tiefgefroren ein. Dazwischen stehen: Die fünf öffentlichen Stammzellbanken, die um Spenden für die Allgemeinheit werben, das Nabelschnurblut kostenlos einlagern und im Bedarfsfall an kranke Kinder weitergeben. Entschließt man sich zur Spende des Blutes an eine öffentliche Bank, ist es damit nicht zwangsläufig für den Spender verloren: Sollte er erkranken und die Zellen benötigen, kann er sie bekommen - vorausgesetzt, sie sind noch nicht verwendet worden. Denn eine Spende reicht nur für eine Behandlung.

Alles züchten, was man braucht

Die Vision, mit der die Unternehmen werben, ist eine individuelle, auf den einzelnen Patienten maßgeschneiderte Medizin. Man entnimmt ihm eine Zelle, die den Bauplan für den gesamten Organismus in sich trägt und züchtet aus ihr alles nach, was man braucht. So zumindest die Theorie. Der Vorteil: Da es körpereigenes Gewebe ist, wird es vom Immunsystem nicht abgestoßen.

Unabhängige Aufklärung? Fehlanzeige

Wissenschaftler können aus Stammzellen bereits Herz-, Lungen- und Hirnzellen züchten. Allerdings findet die Forschung noch entweder in der Petrischale oder in Mäusen statt. Wissenschaftlich valide, große Studien der Behandlung am Menschen gibt es wenige und sie laufen zurzeit noch. In den USA werden beispielsweise derzeit 40 Kinder mit Hirnschädigungen mit Stammzellen aus ihrem eigenen Nabelschnurblut behandelt. Die ersten Ergebnisse sind zwar vielversprechend - doch Studienleiterin Joanne Kurztberg warnte in der "Los Angeles Times": "Es sei noch nicht klar, ob die Verbesserungen durch die Behandlung kämen oder etwa durch einen Placebo-Effekt." Bei anderen Krankheiten ist die Anwendung von Stammzellen noch kaum erforscht. Ebenfalls in den USA läuft eine Studie mit Querschnittsgelähmten, denen man mit Stammzellen helfen will. Ergebnisse gibt es noch keine. Risiken dagegen schon: Stammzellen können auch Krebs auslösen.

Die Unternehmen drücken auf das Gewissen der Eltern

Für die heute existierende Stammzelltherapie von Leukämie besteht zudem keine Notwendigkeit, Stammzellen für den Eigenbedarf einzufrieren. Der Grund: Blutkrebs hat vermutlich überwiegend genetische Ursachen. Würde man dem kranken Kind seine eigenen Zellen einpflanzen, wäre die Gefahr einer erneuten Erkrankung groß, da seine Zellen ja den Gendefekt in ihrem Erbgut tragen. Leukämie wird deswegen erfolgreich mit körperfremden Zellen behandelt - die die öffentlichen Stammzellbanken dank der kostenlosen Spenden bereithalten.

Haltbarkeit der Stammzellen unklar

Auch ist unsicher, was der Gefrierprozess mit den Zellen macht. Zwar haben Forscher aus Nabelschnur-Stammzellen bereits Knochen-, Knorpel- und Nervenzellen sowie Zellen der inneren Organe gezüchtet. Allerdings gelang ihnen dies bisher nur mit frischen Zellen. Niemand weiß, wie gut eingefrorene Stammzellen nach Jahrzehnten noch sind. Vita 34 aber wirbt etwa damit, die Einlagerung könne "die Gesundheit ihres Babys ein Leben lang sichern". Wer will sich da später von seinem todkranken Kind vorwerfen lassen, diese Chance nicht genutzt zu haben?

Alle Informationen von Vita 34

"Eltern sollten fair und umfassend über den aktuellen Stand der Medizin aufgeklärt und nicht mit Versprechen geködert werden, die möglicherweise nicht zu halten sind", sagt Gesine Kögler, Biologin am Institut für Transplantationsdiagnostik und Zelltherapeutika der Uni-Klinik Düsseldorf und Leiterin der öffentlichen José-Carreras-Stammzellbank. An den großen Versprechen der Unternehmen kommen werdende Eltern jedoch kaum vorbei. Wollen sich künftige Eltern über das Für und Wider einer Entnahme der Stammzellen aus dem Nabelschnurblut informieren, stoßen sie im Internet auf eine Reihe von Seiten: nabelschnurblut.de, nabelschnurblut-experten.de, nabelschnurblut-tv.de, sogar ein eigenes Lexikon ist unter nabelschnurblut-wiki.de zu finden. Sie alle bieten Informationen und Meinungen von Experten zum Lesen, Ansehen und Anhören. Und hinter allen steht ein Unternehmen: Vita 34.

Gesetz erfüllt, das Ködern geht weiter

Während sich Vita 34 jedoch unter nabelschnurblut.de im Impressum zeigt, wird bei allen anderen Seiten eine Agentur "für journalistische Kommunikation" als Herausgeber genannt. Wer sich von den Experten überzeugen lässt, kann sich unter den weiterführenden Links gleich zum Anbieter begeben: zu Vita 34. Die Vermischung von gesundheitlicher Aufklärung und unternehmerischem Interesse sieht der Vorstandschef von Vita 34, Eberhard Lampeter, nicht problematisch: Es seien "genau die Infos, die Eltern wünschen". Bis Juli 2008 sei Vita 34 als Herausgeber offen genannt worden - doch das Unternehmen wurde von der Verbraucherzentrale abgemahnt. "Wir dürfen in der Werbung keine konkrete Behandlung nennen, das verbietet das Heilmittelwerbegesetz", so Lampeter. Nun füttere die Agentur die Seiten, Vita 34 unterstütze sie dabei mit News, "die wir auf unserer eigenen Homepage nicht nennen dürfen". Kurz: Gesetz erfüllt, das Ködern geht weiter.

Keine Aufklärung durch Bundesgesundheitsministerium

"Ich würde mich ja freuen, wenn unabhängige Stellen gesundheitliche Aufklärung zum Thema betreiben würden, aber sie überlassen das den Unternehmen", sagt Lampeter - und hat recht: Das Bundesgesundheitsministerium sah es bisher nicht als notwendig an, in einer Broschüre über den Stand der Forschung und das Für und Wider privater und öffentlicher Einlagerung aufzuklären. Das sei "Sache der Privatanbieter", sagte eine Sprecherin des Ministeriums zu Spiegel Online. Allein das Bundesforschungsministerium klärt in einer Broschüre über den allgemeinen Stand der Stammzellforschung auf.

BVG-Broschüre

Abhilfe wollte auf den ersten Blick der Bundesverband für Gesundheitsinformation und Verbraucherschutz (BVG) schaffen, als er im Oktober 2008 die Broschüre "Zehn Gründe, warum werdende Eltern das Nabelschnurblut ihres Kindes nicht wegwerfen sollten" veröffentlichte. Doch auch hier: unabhängige Aufklärung? Fehlanzeige. Das einzige Unternehmen, das in der Broschüre genannt wird, ist Vita 34.

"Lebenslange Gesundheitsversicherung" lockt

Wer sich über Möglichkeiten in Kliniken in seiner Umgebung informieren will, dem empfiehlt der BVG in der Broschüre die Seite nabelschnurblut.de, Inhaber der Seite: Vita 34. Lampeter versichert, man habe inhaltlich nicht an der Broschüre mitgewirkt. Ob die Spende, die Vita 34 im letzten Jahr dem BVG überwiesen hat, sich auf den Inhalt der Broschüre ausgewirkt haben könnte, bleibt ungeklärt: Beim BVG war für Spiegel Online niemand für eine Stellungnahme zu sprechen. So bleiben werdende Eltern auf die Informationen von Unternehmen angewiesen und werden gelockt mit Slogans, die eine lebenslange Gesundheitsversicherung für ihr Kind versprechen.

"Wir sehen die Anwendung in vielleicht erst 40 Jahren"

Bei einem Konkurrenten ist man da schon realistischer: "Wir sehen die Anwendung nicht heute, nicht morgen, sondern in 20, vielleicht auch erst 40 Jahren", sagt Rochus Wegener, Vorstandsvorsitzender des Rostocker Unternehmens Seracell. Trotzdem: Im eigenen Werbefilm bricht ein junger Mann auf dem Fußballfeld mit Herzinfarkt zusammen, Blende, der Mann ist wieder genesen und erzählt, er habe den Infarkt beinahe nicht überlebt. "Doch meine Eltern hatten schon vor meiner Geburt entschieden, Stammzellen aus dem Blut meiner Nabelschnur einlagern zu lassen, und diese Stammzellen haben die anschließende Therapie positiv beeinflusst." Was der Film verschweigt: Stammzellen aus Nabelschnurblut wurden noch nie erfolgreich zur Behandlung von Herzinfarkten beim Menschen eingesetzt.

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