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Komasaufen bei Kindern nimmt rasant zu

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Komasaufen  

Was Alkohol aus Kindern macht

10.11.2009, 08:40 Uhr | Barbara Hans und Malte Steinhoff, Spiegel Online

In Berlin herrscht Entsetzen über den Fall eines siebenjährigen Alkoholopfers. Immer öfter werden Ärzte mit volltrunkenen Minderjährigen konfrontiert - und warnen vor den Folgen: Kinder werden durch das Gift viel schlimmer geschädigt als Erwachsene.

Siebenjähriger mit Alkoholvergiftung

Es war schon dunkel, als Anwohner der Schönwalder Straße in Berlin am Sonntagabend auf das Kind aufmerksam wurden: Zusammengekrümmt und zitternd lag ein kleiner Junge auf dem Gehweg, übergab sich, war kaum ansprechbar. Die Menschen riefen den Notarzt, der Siebenjährige wurde in eine Klinik eingeliefert. Die Diagnose: schwere Alkoholvergiftung. Die Mediziner stellten einen Blutalkoholwert von zwei Promille bei dem Knirps fest. Die Nacht verbrachte er auf der Intensivstation, inzwischen ist er laut Polizei außer Lebensgefahr.

Alkohol von Jugendlichen bekommen

Gemeinsam mit seinem zwei Jahre älteren Bruder hatte sich der Junge am Nachmittag auf einem Spielplatz aufgehalten. Von einer Gruppe Jugendlicher bekamen die beiden - offenbar vor allem der Siebenjährige - Alkohol. Ein Wodka-Cola-Gemisch. Als die Anwohner den Jungen auf dem Bürgersteig fanden, war er jedoch alleine. Sein Bruder war zur Gruppe der Jugendlichen zurückgekehrt.

Für Kinderkörper schon geringe Mengen gefährlich

"Der ältere Bruder machte keinen angetrunkenen Eindruck", sagte ein Sprecher der Berliner Polizei Spiegel Online. Nun ermittelt die Polizei wegen des Verdachts der gefährlichen Körperverletzung gegen Unbekannt. "Wir haben derzeit aber keinen Anhaltspunkt für ein Ermittlungsverfahren gegen die Eltern wegen einer Verletzung der Fürsorge- oder Erziehungspflicht." Der Junge selbst konnte bislang noch nicht zu den Geschehnissen befragt werden. Fest steht aber: "Für einen Kinderkörper kann auch schon ein geringer Prozentsatz Alkohol gefährlich sein", so der Sprecher. Die Spandauer Jugendstadträtin Ursula Meys, SPD, zeigte sich "absolut entsetzt" über den Vorfall. Etwas Ähnliches habe sie in ihrer Laufbahn noch nicht erlebt. Meys sagte, die Familie des Jungen sei ihrer Behörde bekannt. Ihr würden nun Hilfen angeboten.

Hälfte der Betrunkenen jünger als 16

Seit dem Jahr 2000 hat sich die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die in Berlin betrunken ins Krankenhaus gebracht werden mussten, etwa verdoppelt. Nach Angaben der Gesundheitsverwaltung kamen 2007 insgesamt 335 Kinder und Jugendliche zur Ausnüchterung in eine Klinik, 161 Mädchen und 174 Jungen. Fast die Hälfte der behandelten Jugendlichen hatte zwei Promille oder mehr Alkohol im Blut und war jünger als 16 Jahre. Die Berliner Polizei hat allein im September 152 teils schwer betrunkene Jugendliche registriert.

Wie Alkohol bei Kindern wirkt

Kinder sind wesentlich anfälliger für schwerwiegende gesundheitliche Schäden durch Alkohol als Erwachsene. Bei ihnen reicht bereits wenig Alkohol aus, um schwere Vergiftungen zu verursachen. Je kleiner und leichter der Körper, desto höher ist die Alkoholkonzentration im Blut. 90 Prozent des konsumierten Alkohols muss die Leber abbauen - sie ist bei Kindern und Jugendlichen noch nicht ausgereift. Die Enzyme, die den Alkohol in dem Organ abbauen, sind bei Jugendlichen in geringerer Menge vorhanden als bei Erwachsenen. Infolge dessen fällt der Blutzucker nach Alkoholkonsum stark ab.

Unterzuckerung bis hin zur Bewusstlosigkeit

"Das Problem bei den Kindern ist eine akute Unterzuckerung, die zur Bewusstlosigkeit führen kann", sagte Michael Lentze, Professor am Universitätsklinikum Bonn und Leiter der Abteilung für Allgemeine Pädiatrie. Im Krankenhaus bekommen die Kinder daher bei einer Alkoholvergiftung als erste Maßnahme eine Zuckerlösung angehängt. Rückschlüsse darauf, ob der Siebenjährige bereits in der Vergangenheit häufiger getrunken hat, lassen sich aufgrund des hohen Promille-Wertes nicht ziehen. "Der Wert hängt von vielen Faktoren ab - unter anderem davon, ob die Kinder vor dem Trinken etwas gegessen haben und in welchem Zeitraum sie wie viel Alkohol konsumiert haben", sagt Lentze. Je schneller Alkohol ins Blut gelangt, desto schneller steigt auch die Blutalkoholkonzentration an - und desto schneller wird man betrunken. Begünstigt wird dies unter anderem durch Getränke, die viel Zucker enthalten.

"Kinder können die Gefahren nicht abschätzen"

"Je geringer das Körpergewicht ist, desto schneller werden die Kinder betrunken", sagt Kinderarzt Lentze. Schon 0,5 Promille Alkohol im Blut können ein kleines Kind bewusstlos werden lassen. Alkohol löst sich besser in Wasser als in Fett. Die Blutalkoholkonzentration hängt somit im Wesentlichen von der Menge des Körperwassers ab. Wer schwerer ist, hat in der Regel mehr Körperwasser - und damit bei dem gleichen Alkoholkonsum eine niedrigere Blutalkoholkonzentration. Bei Kindern verteilt sich der Alkohol auf eine kleinere Menge Körperwasser - die Blutalkoholkonzentration ist damit höher. Kindern und Jugendlichen fehlt zudem die Erfahrung, einzuschätzen, wie viel Alkohol sie vertragen. Wenn sie sich betrinken, verlieren sie leicht die Kontrolle über den Konsum. "Kinder können die Gefahren nicht abschätzen", sagt Mediziner Lentze. "Sie wissen nicht, dass sie unter Umständen nach dem Trinken nicht mehr laufen können. Manche fallen einfach völlig betrunken hinten rüber." Schon bei Erwachsenen sind die Reaktionsfähigkeit und der Gleichgewichtssinn ab einem Blutalkoholwert von ein bis zwei Promille stark beeinträchtigt. Wenn die Schutzreflexe ausfallen, wird beim Erbrechen nicht mehr abgehustet, es droht der Erstickungstod. Orientierungslosigkeit erhöht die Gefahr für Verkehrsunfälle, erhöhte Aggressivität und eine niedrigere Hemmschwelle begünstigen Gewalttaten.

Von Gleichaltrigen an Alkohol herangeführt

Bei Kindern und Jugendlichen kommen weitere Gefahren hinzu. Alkohol wirkt als Zellgift auf alle Organe. Übermäßiger Konsum beeinflusst die seelische und die körperliche Gesundheit eines Kindes. Alkoholkonsum kann die Menge des Wachstumshormons, das für Knochen- und Muskelwachstum zuständig ist, verringern. "Bei Kindern steigt zudem das Suchtpotenzial, wenn sie bereits früh beginnen zu trinken", sagte Wissenschaftler Lentze. Ein Problem, das in den vergangenen Jahren immer bedeutsamer geworden ist. "Das Alter bei alkoholintoxinierten Kindern sinkt." Mit anderen Worten: Die Kliniken haben immer häufiger mit immer jüngeren, völlig betrunkenen Kindern zu tun. Eine Tendenz, die sich auch im Drogen- und Suchtbericht der Bundesregierung wiederfindet. Die im Jahr 2008 veröffentlichten Zahlen der stationären Krankenhausbehandlungen von Kindern und Jugendlichen im Alter von zehn bis 20 Jahren verdeutlichen das Ausmaß des Problems. Im Jahr 2007 wurden 23.165 Kinder und Jugendliche zwischen zehn und 20 Jahren aufgrund einer Alkoholvergiftung stationär im Krankenhaus behandelt. Das ist die höchste Zahl seit der Ersterhebung im Jahr 2000 und entspricht einer Zunahme um 143 Prozent.

Alkoholprävention zeigt erste Erfolge

In der Alkoholprävention wurden im Jahr 2008 jedoch auch Erfolge erzielt. So ist der Anteil der Jugendlichen, die wöchentlich mindestens ein alkoholisches Getränk getrunken haben, durchschnittlich von 21,2 Prozent (2004) auf 17,4 Prozent zurückgegangen. "Tragisch ist, dass bei Kindern nur sehr selten ein Lerneffekt einsetzt", sagt Gerd Horneff, Direktor des Zentrums für Kinder- und Jugendmedizin an der Asklepios-Klinik Sankt Augustin. "Bei Jugendlichen machen wir oft die Erfahrung, dass sie nach einer schweren Alkoholvergiftung das Geschehene reflektieren und anschließend bewusster mit Alkohol umgehen. Bei Kindern ist das anders: Sie können ihr Unwohlsein meist nicht mit der Wirkung des Alkohols in Verbindung bringen." Im Fall des Siebenjährigen aus Berlin dürften ein paar Schlucke der Wodka-Cola-Mischung genügt haben, um auf den Wert von zwei Promille Blutalkohol zu kommen. "Ein Siebenjähriger wiegt etwa 15 bis 20 Kilo. Da reichen bereits eine große Flasche Bier oder ein Glas Wein aus, um auf einen Alkoholwert von zwei Promille zu kommen."

"Wir erleben ein Drama"

Der Soziologe Klaus Hurrelmann geht davon aus, dass Jugendliche eine Art "Turboentspannung" suchen - und diese im exzessiven Alkoholkonsum finden. Dies, meint der Jugendforscher, sei eine Reaktion auf die allgemeine Temposteigerung. Früher wurden die Jugendlichen mit 13 oder 14 Jahren von ihren Eltern an den Alkohol herangeführt. Da die Pubertät heute aber immer früher einsetzt, werde dieser Prozess nach vorne verschoben. Viele Kinder- und Jugendliche werden heute nicht mehr von ihren Eltern - beispielsweise bei Familienfeiern oder Volksfesten - an den Alkohol herangeführt, sondern von Gleichaltrigen, die ebenso unreflektiert trinken. "Wir erleben ein Drama, das nicht die Kinder sondern die Gesellschaft zu verantworten hat", sagt Kinderarzt Lentze. "Den Sprung von einer rauchfreien hin zu einer alkoholfreien Republik haben wir längst noch nicht geschafft."

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