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Wie kann Autismus behandelt werden?

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Wenn die Welt draußen bleibt

20.01.2010, 15:22 Uhr | Simone Blaß

Wie kann Autismus behandelt werden?. Junge steht vor Hochäusern.

Autistische Kinder haben Schwierigkeiten an der Gesellschaft teil zu nehmen (Bild: Imago)

Auf hundert Kinder kommt eines, das an Autismus leidet. Diese Kinder haben starke Schwierigkeiten, an der Gesellschaft teil zu nehmen. Sie sind anders, auch wenn momentan der Trend dazu besteht, diese Andersartigkeit positiv zu sehen: Autistische Kinder leiden. Die Ursachen für diese unheilbare Krankheit sind immer noch nicht geklärt, die Symptome nicht eindeutig, doch es gibt Therapien.

Autismus bedeutet Andersartigkeit

Auf hundert Kinder kommt eines, das an Autismus leidet, haben britische Forscher gefunden. Und man muss hier tatsächlich von "leiden" sprechen, da ist sich Inge Kamp-Becker von der Universität Marburg sicher. „Denn auch wenn vor allem im Internet vielfach eine Sichtweise propagiert wird, die Autismus als eine neue Form des ‚Daseins‘ beschreibt und die Symptome von autistischen Störungen ins Positive ‚umformuliert‘, so bestehen in der Regel doch starke Schwierigkeiten, an der Gesellschaft teilzunehmen und sich zu integrieren. Vor allem, wenn keine kognitive Beeinträchtigung vorliegt, nehmen die Kinder ihre ‚Andersartigkeit‘ durchaus wahr und leiden darunter, da sind sich die meisten Kliniker und Wissenschaftler einig.“

Diagnose ist nicht einfach

Die Psychologin ist Leiterin der Marburger Spezialambulanz für Autismus-Spektrum-Störungen, die betroffenen Familien überregional eine ausführliche Diagnostik und Beratung genauso anbietet wie Therapiemöglichkeiten. „Autismus ist eine schwere, frühkindliche Entwicklungsstörung, die durch stark eingeschränkte Sozialkontakte, häufig eine verzögerte Sprachentwicklung und stereotype, repetitive Verhaltensweisen gekennzeichnet ist. Die Symptome sind sehr vielfältig und erfordern eine differenzierte und ausführliche diagnostische Untersuchung. Hierzu wird mit standardisierten Methoden gearbeitet, die die gesamte Symptomatik in ihrer Vielfalt berücksichtigen, was fachliche Expertise und Erfahrung erfordert.“

Es gibt typische Symptome

Autistische Kinder wirken oft unnahbar. Sie weichen Blickkontakten und Berührungen aus und ihre Interessen beziehen sich meist auf wenige Gebiete, in denen sie sich dann aber zu wahren Experten entwickeln können. Die bekannteste Form autistischer Störungen ist der frühkindliche Autismus, auch Kanner-Syndrom genannt. Diese Kinder sind oft unterdurchschnittlich intelligent und benötigen meist lebenslang Hilfe und Unterstützung. Anders Kinder mit dem Asperger-Syndrom oder auch dem so genannten atypischen Autismus, beides mildere Formen, bei denen gute Chancen auf ein selbstständiges Leben bestehen. Der frühkindliche Autismus kann bereits im Säuglingsalter auffallen, was man sofort zum Anlass nehmen sollte, eine spezifische Diagnostik einzuleiten, um möglichst früh eingreifen zu können. „Typische Frühsymptome, die eine gute Vorhersagekraft für Autismus aufweisen, sind mangelnder Blickkontakt, mangelnde Herstellung gemeinsamer Aufmerksamkeit, fehlende Reaktionen auf die elterlichen Stimmen, ein reduziertes soziales Interesse, Auffälligkeiten im Spielverhalten genauso wie ausdauernde, immer wiederkehrende Handlungen mit Spielsachen und anderen Objekten sowie Sprachentwicklungsverzögerungen.“ Doch nicht jedes Kind, das sich nicht für seine Umwelt interessiert, ist gleich autistisch. „Hier ist es wiederum die Kombination der Auffälligkeiten zu einem frühen Entwicklungszeitpunkt, nicht ein einzelnes Symptom, das viele andere Ursachen haben kann.“ Eine sichere Diagnose ist aber erst ab einem Alter von etwa zwei Jahren möglich.

Ein individueller Behandlungsplan ist notwendig

Kinder mit Asperger-Syndrom oder dem atypischen Autismus fallen damit frühestens im Kindergartenalter, oft auch erst in der Grundschule auf. Sie nehmen nur sehr begrenzt Kontakt zu anderen Menschen auf und wirken isoliert. Einige sind sehr intelligent, kennen sich in bestimmten Gebieten perfekt aus, haben aber trotzdem Lernprobleme. Sie wirken oft altklug und sehr ernst, führen häufig Selbstgespräche und reden mit einer auffälligen Sprachmelodie. Ein Eingehen auf den anderen und das von ihm Gesagte ist ihnen nur schwer möglich. Wutausbrüche und eine ungelenke Körpersprache sind ebenfalls typisch. Neben verstärkten Ängsten können auch Schlafstörungen und Tics auftreten. Nicht zuletzt aufgrund der Vielfältigkeit der Symptome ist es sehr schwer, eine Diagnose zu stellen. „Zunächst einmal ist eine differenzierte diagnostische Untersuchung notwendig, an die sich eine ausführliche und intensive Beratung der Eltern anschließen sollte.“, erklärt Inge Kamp-Becker. „Ziel ist es, ein genaues Bild über die Stärken und Schwächen des Kindes zu erhalten und einen individuellen Behandlungsplan zu erstellen, wobei sich verhaltenstherapeutische Maßnahmen als besonders hilfreich erwiesen haben.“ Man arbeitet hier oft mit einem Verhaltenstraining, das sich Applied Behavior Analysis, kurz ABA, nennt und das sich, vereinfacht gesagt, am Belohnungsprinzip orientiert. Manchmal ist es auch sinnvoll, Krankengymnastik und/oder Logopädie in den Behandlungsplan mit einzubauen.

Vorsicht vor dubiosen Heilversprechen

Autismus ist nicht heilbar. „Das bedeutet aber nicht, dass man Menschen mit Autismus nicht fördern kann und damit die Symptomatik reduziert. Forscher und Ärzte sind sich darüber einig, dass eine frühe diagnostische Zuordnung und damit ein frühes Eingreifen durchaus geeignet sind, den Verlauf der Störung positiv zu beeinflussen.“ Bei der Therapie geht es letztlich darum, den Kindern zu helfen, mit anderen in Kontakt zu treten, Beziehungen aufzubauen. Sie sollte sich immer genau an dem betroffenen Kind ausrichten, seine individuellen Einschränkungen genauso beachten wie seine Stärken. Allerdings müssen betroffene Eltern bei den Therapieangeboten achtsam sein. Die Psychologin bestätigt: „Leider ist es so, dass ein breites Angebot an verschiedensten therapeutischen Ansätzen existiert, die den Eltern teilweise ‚Wunder‘, ‚Heilung‘ oder ein ‚normales Funktionsniveau‘ mit ‚normalem Schulbesuch‘ und ‚normalen Intelligenzquotienten‘ versprechen, die ‚wissenschaftlich nachgewiesene‘ Methoden anpreisen, ohne dass klar ist, was damit überhaupt gemeint ist. Eltern brauchen hier Unterstützung und Beratung, da es leider auch manch einen Ansatz gibt, der viel Geld, Aufwand und Hoffnung kostet, sich aber als nicht wirksam erwiesen hat.“

Eltern tragen keine Schuld

Warum ein Mensch an Autismus erkrankt, ist bis heute nicht vollständig geklärt. Frühere Theorien, dass autistische Kinder von ihren Eltern innerlich abgelehnt werden und sich daraufhin in ihre eigene Welt zurückziehen, sind heute nicht mehr aktuell. „Die These der so genannten ‚Kühlschrankmütter‘ ist zweifelsfrei überholt und nicht haltbar! Dennoch sollte man beachten, dass die Eltern von Kindern mit Autismus einen Einfluss auf den Verlauf der Störung haben. Es ist erwiesen, dass es hilfreich ist, die Eltern in die Förderung beziehungsweise Therapie ihres Kindes mit einzubeziehen und dass sie sogar für den Erfolg dieser Maßnahmen entscheidend sein können.“

Biologische Ursachen stehen im Vordergrund

„Die Ursache der Störung ist multifaktoriell, aber dass biologische Faktoren den weitaus größten Teil ausmachen, ist unstrittig“, so Frau Dr. Kamp-Becker. Bisherige wissenschaftliche Erkenntnisse haben gezeigt, dass neben den als sicher geltenden erblichen Faktoren auch Infektionskrankheiten eine entscheidende Rolle spielen. Erkrankt eine Mutter zum Beispiel während der Schwangerschaft an Röteln, dann erhöht sich das Autismus-Risiko um das Zehnfache. Ein Zusammenhang zwischen der Mumps-Masern-Röteln-Impfung und Autismus  konnte allerdings in einer Studie der McGill University in Montreal ausgeschlossen werden. Wissenschaftler der University of California haben sich dagegen mit Umweltfaktoren und deren Wirkung auf die mit Autismus in Zusammenhang gebrachten Gene beschäftigt und im vergangenen Jahr Forschungsergebnisse veröffentlicht, in denen sie auch das Verwenden bestimmter Pflanzenschutzmittel für die Entstehung von Autismus verantwortlich machen. Im Verdacht stehen unter anderem Pyrethrine, die auch in Anti-Läusemitteln und Haustiershampoos enthalten sein können. „Hier handelt es sich allerdings um eine erste Studie, daher ist das Ergebnis vorläufig noch mit Vorsicht zu behandeln, da weitere Studien notwendig sind. Denn schon Ergebnisse, die autistische Störungen mit Impfungen im Zusammenhang gebracht haben und die viele Eltern verunsicherten und ängstigten, haben sich als nicht haltbar erwiesen.“ Das Thema Autismus wird mittlerweise in der Forschung vielfach untersucht, die diagnostischen Möglichkeiten haben sich in den letzten Jahren deutlich verbessert und Anlaufstellen wie die Marburger Spezialambulanz können mit ausführlicher, den internationalen Standards entsprechender Diagnostik und intensiver Beratung den betroffenen Familien inzwischen sehr gut zur Seite stehen.

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