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Suizid bei Kindern

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Suizid-Gefahr  

Der rätselhafte Tod der Samantha K.

15.04.2010, 14:08 Uhr | Aglaja Adam, Spiegel Online

Suizid bei Kindern. Kleines Mädchen schaut nachdenklich.

Auch Kinderseelen können todkrank sein. (Bild: Imago) (Quelle: imago)

Ein sechs Jahre altes Mädchen hat sich stranguliert - nachdem es zuvor bei einem Streit mit der Mutter angekündigt hatte, es werde sich umbringen. Als offizielle Todesursache wurde "Selbstmord" angegeben. Aber wusste Samantha wirklich, was sie tat?

Suizid bei Kindern: Gefahr wirklich bewusst?

Es war ein Mittwoch, später Nachmittag. Kein außergewöhnlicher Tag, nichts Besonderes war bis dahin passiert. Aber dann war da dieser Streit, zwischen Mutter und Tochter. Schließlich riss Kellie K. der Geduldsfaden und sie tat das, was Millionen Eltern auf der ganzen Welt tun, wenn sie Ärger mit dem Nachwuchs haben: Sie schickte ihre sechsjährige Tochter Samantha auf ihr Zimmer. Zuvor, so beschrieb es die Mutter später, hatte die Kleine eine Drohung ausgestoßen: Sie werde sich umbringen. Die Polizei rekonstruierte, dass sich Samantha in ihrem Zimmer das Ende eines Cordgürtels um den Hals band, das andere Ende am Lattenrost eines unbenutzten Gitterbetts befestigte und sich strangulierte.

Suizid-Androhungen ernst nehmen

Samanthas Drohung hatte Kellie K. nicht ernst genommen - wie auch? Doch dann fand sie um 17 Uhr an jenem Mittwochnachmittag ihre Tochter bewusstlos auf dem Fußboden im Kinderzimmer. Kellie K. rief den Notarzt. Wenig später wurde im Distrikt-Krankenhaus Williamette Valley, im Nordwesten des US-Bundesstaats Oregon, Samanthas Tod festgestellt. Es war der 2. Dezember 2009. Der Fall beschäftigte Polizei und Pathologie monatelang - und geriet schließlich in den USA in die Schlagzeilen, weil das abschließende Urteil des verantwortlichen Gerichtsmediziners Clifford Nelson lautete: Suizid. Ein Unfall oder ein Verbrechen als Todesursache sind demnach ausgeschlossen.

Sie kannte das Risiko

"Samantha hatte die Absicht, sich umzubringen und sie wusste, dass es zum Tode führen kann, wenn man sich etwas um den Hals bindet", sagte Gerichtsmediziner Nelson dem "News-Register", einem Lokalblatt der Kleinstadt McMinnville, in der Samantha mit ihrer Familie lebte. Mit ihren drei Schwestern hatte Samantha wenige Wochen vor der Tat "Gassi gehen" gespielt. Die Kinder banden sich dabei eine Hundeleine um den Hals. Kellie K. verbot ihren Töchtern das Spiel und erklärte ihnen, wie leicht man sich mit einer Schnur erdrosseln könne. Samantha hat also, so ist zu vermuten, von den Gefahren einer Strangulation gewusst. Aber wollte das Kind wirklich bewusst den eigenen Tod herbeiführen - weil die Mutter es nach einem Streit ausschimpfte?

Samantha war ein glückliches Kind

Laut polizeilichen Ermittlungen deutet nichts darauf hin, dass Samantha K. ein unglückliches Kind gewesen wäre. Die Polizei verhörte die Eltern und die Schwestern der Sechsjährigen, Lehrer und Mitschüler. Samantha, ein niedliches Kind mit Zahnlücken und schulterlangem blonden Haar, galt als gut erzogen, hatte sich als Erstklässlerin problemlos in den Schulalltag integriert, hatte viele Freunde. Familie K. lebt in McMinnville, einer Kleinstadt in Oregon mit 30.000 Einwohnern inmitten sanfter Hügel und idyllischer Weingüter. Das Mädchen wuchs mit drei Schwestern auf. Ihre Eltern sollen eine intakte Ehe führen. Kein traumatisches Erlebnis, so heißt es, hatte bis zum 2. Dezember 2009 ihr Leben beschwert. Rechtlich ist der Fall abgeschlossen, dennoch bestehen auch bei Ermittlern noch Zweifel an dem Befund "Suizid". "Wir bestreiten ja nicht den Hergang dieser Tragödie", sagt der Beamte Dennis Marks. "Allerdings glauben wir nicht, dass Samantha sich mit Absicht umgebracht hat."

Weiß eine Sechsjährige, was tot bedeutet?

Eine Sechsjährige, die Selbstmord begeht? Kann eine Sechsjährige bewusst ihren Tod planen - weiß sie überhaupt, was "Tod" bedeutet? "Nein", sagt der emeritierte Tübinger Professor und Kinderpsychiater Gunther Klosinski. Die Endgültigkeit des Todes könne ein Kind mit sechs Jahren noch nicht begreifen, Sterben setze diese Altersgruppe meist mit "Weggehen" gleich. Wie zum Beispiel der fünfjährige Lukas*, der zu Klosinskis Patienten gehörte. Dessen Eltern lebten getrennt, dem Vater war der Kontakt zum Sohn untersagt worden. "Lukas erklärte sich die Abwesenheit des Vaters abwechselnd damit, dass dieser verreist oder tot sei. Urlaub und Tod waren für ihn dasselbe."

Kein Bewusstsein für die Sterblichkeit

Auch ein Bewusstsein der eigenen Sterblichkeit könne man bei Sechsjährigen nicht voraussetzen. "Kinder in diesem Alter verstehen zwar, dass die Schnecke tot ist, auf die sie getreten sind. Doch dass sie selbst sterben müssen, ist ihnen noch nicht bewusst." Erst mit acht Jahren entwickelten Kinder laut Klosinski ein Todeskonzept, das dem eines Erwachsenen nahe kommt. Dann könnten sie die Konsequenzen eines Selbstmordes verstehen. Über die Suizidrate bei Kindern gibt es laut Klosinski in Deutschland keine zuverlässige Statistik. "Selbstmorde bei unter Zehnjährigen sind äußerst selten", sagt der Kinderpsychiater.

Kann sich eine Sechsjährige selbst töten?

"Eine Sechsjährige kann sich nicht bewusst umbringen", sagt auch Oliver Bilke, Direktor des Vivantes Klinikums Hellersdorf, einer Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie. "Samantha K. müsste ein überdurchschnittlich intelligentes Kind gewesen sein, um mit sechs Jahren schon ein ausgereiftes Todesverständnis entwickelt zu haben." Für wahrscheinlicher halten es beide Kinderpsychiater, dass das Mädchen etwas nachgeahmt haben könnte, was es im familiären Umfeld oder im Fernsehen beobachtet hatte.

"Hilferufe, die man sehr ernst nehmen muss"

Selbstmord als letzten Ausweg wählen auch ältere Kinder selten. Dennoch sind Depressionen auch bei sehr jungen Kindern mittlerweile als Krankheitsbild anerkannt. Alarmierend waren die Ergebnisse einer Studie des Robert-Koch-Instituts, die auf Zahlen der sogenannten KiGGS-Erhebung (Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen) aus den Jahren 2003 bis 2006 beruht. 2863 Familien mit Kindern im Alter von 7 bis 17 Jahren wurden dafür zum Auftreten psychischer Auffälligkeiten befragt: Bei knapp 22 Prozent der Kinder und Jugendlichen liegen Hinweise auf eine psychische Auffälligkeit vor. An erster Stelle stehen Ängste (10 Prozent), gefolgt von Störungen des Sozialverhaltens (7,6 Prozent) und Depressionen (5,4 Prozent); 2,2 Prozent leiden an Hyperaktivitätsstörungen.

Was sind Hinweise?

Kopfschlagen, Haare ausreißen, Steine schlucken: Mit solch drastischen Mitteln zeigen Kinder, dass es ihnen nicht gut geht. "Es sind Hilferufe, die man sehr ernst nehmen muss", sagt Diplom-Psychologe Norbert Terstegen.Er arbeitet seit neun Jahren in der Kriseninterventionseinrichtung Neuhland in Berlin, einer Anlaufstelle für Kinder und Jugendliche vor oder nach suizidalen Krisen. Sein jüngster Patient mit ernsthaften Selbstmordabsichten war neun Jahre alt. Wenn sich jüngere Kinder selbst verletzten oder ihr Leben bewusst gefährdeten, machten sie dies nicht, um zu sterben. "Sie wollen nicht tot sein, sondern sie wollen ein besseres Leben", so Terstegen. Die Ursachen für die Verzweiflung der Kinder sind vielfältig. Meist stecken familiäre Krisen dahinter: Die Eltern trennen sich, ein geliebtes Familienmitglied ist gestorben oder schwer krank. In manchen Fällen leidet ein Elternteil an einer Depression oder ist suchtkrank.

Depressionen schon bei Dreijährigen

"Schon Dreijährige können Depressionen haben", sagt Kinderpsychiater Bilke. Die Kinder haben keine Lust zu spielen, sind sehr ruhig und ängstlich, aber auch aggressiv und unkonzentriert. Häufig kommen körperliche Beschwerden wie Bauchschmerzen, Kopfweh oder ständige Erkältungen hinzu. Die psychische Auffälligkeit mache sich auf unterschiedlichste Weise bemerkbar. Gerade Eltern falle es oft schwer, Depressionen beim eigenen Kind zu erkennen. Oft bleibe die Krankheit bei Kindern deshalb lange unbehandelt. Dabei sei eine Früherkennung wichtig, denn eine Depression im Kindesalter könne sich bis ins Erwachsenenalter ziehen und andere Folgeerkrankungen wie beispielsweise Essstörungen mit sich bringen. Bilke rät, lieber einmal zu oft zum Kinderarzt zu gehen als einmal zu wenig: "Schämen müssen sich die Eltern nicht, Depressionen sind nach Herzerkrankungen die Volkskrankheit Nummer zwei in Deutschland."

Stärkeres Augenmerk auf Kinderseelen

40 Prozent aller Aufnahmen von Kindern und Jugendlichen in der Berliner Vivantes-Tagesklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie erfolgten wegen Suizidalität und Depression, so Bilke. Dass die Krankheit bei Minderjährigen zunimmt, lässt sich nicht sicher sagen. "Früher ging man davon aus, dass es Depressionen bei Kindern gar nicht gibt." Das Augenmerk auf Kinderseelen sei in den vergangenen Jahren aber enorm gestiegen. Die Seelennot der Kleinen wird meist mit Psychotherapie behandelt. Dabei gehen die Psychologen kindgerecht vor. Es sei schwierig, an die Kinder heranzukommen, sagt Norbert Terstegen von Neuhland. In der Spieltherapie dürfen die Kleinen etwas malen oder mit Bausteinen und Figuren etwas bauen. Daraus können die Psychologen ermitteln, wie es den Kindern geht. "Ohne die Mithilfe der Eltern geht das aber nie", sagt Terstegen. Übereinstimmung herrscht bei den Experten darin, dass Psychopharmaka nicht vorschnell eingesetzt werden sollten. In schweren Fällen könne es aber erforderlich sein, Medikamente zu verschreiben, sagt Bilke.

Samantha hatte Zukunftspläne

Samanthas Todesanzeige zeigt ein Foto des Mädchens. Lächelnd sitzt sie in einem Gemüsebeet im Garten, sie trägt ein Sommerkleidchen. "Unsere kleine hübsche Samantha brachte Freude in unser Leben", schrieben die Eltern. "Sie tanzte und lachte und wollte alles ausprobieren. Später einmal wollte sie Chefkoch werden."

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