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Forensische Ambulanz der Uniklinik Mainz untersucht Fälle von Kindesmissbrauch

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Kindesmisshandlung  

Wenn der blaue Fleck "komisch" aussieht

08.06.2010, 11:17 Uhr | dapd

Forensische Ambulanz der Uniklinik Mainz untersucht Fälle von Kindesmissbrauch. Kind mit blauem Auge und mehreren Schrammen im Gesicht.

Ein Sturz? Oder steckt etwas anderes hinter der dicken Backe? Es ist die Aufgabe der Forensischen Ambulanz der Uniklinik Mainz, so etwas herauszufinden. (Bild: imago)

Das zweijährige Mädchen hatte einen Schädelbruch und eine Hirnblutung, die Mutter behauptete, es sei eine Holztreppe herunter gefallen. Bianca Navarro-Crummenauer aber war misstrauisch: Die Verletzungen des Kindes sahen für die Ärztin gar nicht nach einem Sturz aus. Navarro-Crummenauer ist Spezialistin für Rechtsmedizin, die 35-Jährige weiß genau, wie blaue Flecken aussehen, die durch einen Sturz entstanden sind. Diese hier sahen anders aus und deshalb bat die Ärztin die zuständige Polizei um Ermittlungen. Prompt gestand die Mutter: Ja, sie habe ihre Tochter am Oberarm gepackt und herumgewirbelt, dabei stieß das Kind mit dem Kopf gegen eine Kante - ein klarer Fall von Kindesmissbrauch.

Lauter "komische" Fälle

Es sind solche Fälle, mit denen Navarro-Crummenauer seit 2002 täglich zu tun hat. Vor acht Jahren begann die Rechtsmedizinerin zusammen mit ihrem Chef, dem Direktor der Rechtsmedizin an der Mainzer Uniklinik, Reinhard Urban, Kinder auf Missbrauch zu untersuchen. Begonnen hatte es als gelegentlicher Service für andere Ärzte in der Uniklinik: Urban und seine Kollegin boten ihre Hilfe bei so genannten "komischen" Fällen an. Was damals mit 30 Fällen pro Jahr begann, wuchs sich schnell zu einer Lawine aus. 2006 untersuchten die Rechtsmediziner schon 121 Fälle, die große Mehrheit waren Kinder.

550 Fälle allein im vergangenen Jahr

2007 wurde deshalb die Forensische Ambulanz offiziell gegründet und seitdem vom Land Rheinland-Pfalz mit rund 80.000 Euro pro Jahr unterstützt. 550 Fälle bearbeitete die Ambulanz im vergangenen Jahr, die Anfragen kommen inzwischen von Kinderkliniken, Polizeidienststellen, Jugendämtern, und auch Kindergärten aus ganz Rheinland-Pfalz. Die Experten untersuchen Kinder und Erwachsene, dokumentieren Verletzungen exakt, erstellen Diagnosen und schreiben Berichte für Polizei und Staatsanwaltschaften. Die bundesweit einmalige Einrichtung ist ein wichtiger Baustein der Präventionsarbeit des Landes gegen Kindesmissbrauch: Die fachlich fundierten Dokumentationen seien eine enorme Entlastung für die Polizei, sagte Innenminister Karl Peter Bruch (SPD) bei der Einweihung eines neuen Bereichs der Forensischen Ambulanz in Mainz: In einem ehemaligen Labortrakt wurde ein neuer Untersuchungsraum für Kinder samt eigenem Wartezimmer eingeweiht. 45.000 Euro stellte die Stiftung "Ein Herz für Kinder" für den Umbau zur Verfügung.

Nur 40 Prozent der Fälle führen zur Anzeige

Nun wartet hier ein großer grüner Plüsch-Sitzfrosch samt Holz-Eisenbahn zwischen vielen Büchern und anderem Spielzeug auf kleine Patienten. Die Wände bemalte Navarro-Crummenauer Samstagnacht noch in eigener Arbeit mit bunten Mustern, am Boden bieten Teppiche und Kindermöbel eine Wohlfühloase. Damit sei ein "vertrauensvolles Umfeld" zur Untersuchung der Kinder geschaffen, sagt Urban. Das sei wichtig, denn die Untersuchungen traumatisierten die Kinder oft noch einmal. Auch nebenan im Untersuchungsraum lockern freundliche Farben und bunte Gardinen das Krankenhausambiente auf. Der Stolz des Direktors ist eine Untersuchungsliege mit einem Kolposkop, eine Art Fernglas mit Lichtstrahl und Fotoaufnahmemöglichkeit. Damit können Genitalien untersucht werden, ohne zu nah heran zu müssen, sagt Urban. So können gerichtsfeste Beweismaterialien und genaue Dokumentationen entstehen, falls jemand noch später Anzeige erstatten wolle. Nur etwa 40 Prozent aller Fälle in der Ambulanz führen zu einer Anzeige. Und dann gebe es auch noch die Fälle, die sich als harmlos entpuppten, berichtet Navarro-Crummenauer.

Rekonstruktion im Kindergarten

Wie der Fall eines kleinen Jungen, der mit Verletzungen im Genitalbereich kam. Navarro-Crummenauer untersuchte das Kind, schickte die Kriminalpolizei zur Rekonstruktion des Falles in den Kindergarten, doch heraus kam: Der Junge hatte sich tatsächlich bei einem Sturz auf eine Sprosse verletzt, ein Missbrauch lag nicht vor. Das Bewusstsein für Missbrauchsfälle sei gestiegen, sagt Navarro-Crummenauer, da sei es auch wichtig, genau hinzusehen, um Vorverdächtigungen zu begegnen. Reguläre Kinderärzte könnten die Herkunft blauer Flecken oft nicht so genau bestimmen, sagt Urban. Der Rechtsmediziner zitiert deshalb gerne eine alten Spruch: "Man sieht nur das, wo man hinsieht, und man erkennt ein Problem nur, wenn man es erkennen will." Genau deswegen ging der Fall des kleinen Mädchens auch gut aus: Das Kind sei wieder in der Familie, die Mutter habe eine Therapie gemacht, und der Vater finde, das Familienleben sei noch nie so gut gewesen wie jetzt, berichtet Navarro-Crummenauer. Die Zusammenarbeit der Forensischen Ambulanz mit Polizei, Jugendämtern, Ärzten und Kliniken soll künftig noch enger werden.

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