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Psycho-Alarm im Kinderzimmer

25.06.2010, 10:15 Uhr | ots, Simone Blaß, t-online.de

Psycho-Alarm im Kinderzimmer. Ein kleines Mädchen spielt im Beisein einer Therapeutin.

Logo, Ergo & Co: Immer mehr Kinder erhalten eine Therapie. (Quelle: imago)

Zahlen über psychische Auffälligkeiten bei Kindern sind oft nur Schätzungen. Die AOK aber hat einen exakten Überblick, weil sie dafür bezahlen muss: 13,6 Prozent der bei ihr versicherten sechsjährigen Jungen erhalten zum Beispiel eine Ergotherapie. Behandelt werden damit neben motorischen Problemen unter anderem Impulsivität, Übersensibilität und Konzentrationsschwierigkeiten. Die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (DGKJP) sieht bei jedem fünften Kind psychische Auffälligkeiten. Werden unsere Kinder also immer häufiger seelisch krank?

Immer mehr Therapien

Rufen wir also den Psycho-Alarm im Kinderzimmer aus? Nein, sagt Professor Dirk Richter, Dozent an der Fachhochschule Bern: "Das Vorkommen der Störungen in der Bevölkerung an sich hat sich nicht geändert, es werden aber mehr Menschen behandelt." Eltern sind ängstlicher geworden und suchen eher Hilfe als früher, wenn sie mit dem Kind nicht klarkommen. Experten beobachten aber auch, dass viele Eltern sich schlicht nicht mehr die Kompetenz zutrauen, dem schwierigen Verhalten selbst erzieherisch zu begegnen. Der erste Therapieansatz sei deshalb oft das Elterntraining, berichtet das Elternmagazin, erst an zweiter Stelle folgten Verhaltenstherapien für das Kind beziehungsweise dessen Familie. Die DGKJP sieht für die Steigerung der Behandlungszahlen noch kein Ende gekommen: Bis zum Jahr 2020 erwarten die Experten eine weitere Zunahme um die Hälfte.

Unterliegen wir einem Förderzwang?

Auch, wenn es dazu keine verlässlichen Statistiken gibt, es kommt einem so vor, als gäbe es kaum noch ein Kind, das nicht bereits einen Logopäden oder einen Ergotherapeuten besucht hätte. Allein das Wort "fördern" hat in den letzten Jahren eine ganz neue Bedeutung bekommen, denn dahinter steckt die Angst, das eigene Kind könnte in unserer Leistungsgesellschaft einmal nicht mehr mithalten.

Grundsätzlich kann man davon ausgehen, dass alle Eltern nur das Beste für ihre Kinder wollen, doch manche Eltern gehen dabei tatsächlich ein bisschen zu weit. "Dies trifft meines Erachtens vor allem für bestimmte Eltern zu, die bestrebt sind, ihr Kind von Beginn an zu fördern und zwar in jeder Hinsicht. Diese Eltern kümmern sich dann nicht nur um Sprache, da ist Turnen angesagt, musikalische Früherziehung und vieles mehr. So ein Kind hat dann einen regelrechten Stundenplan in der Woche abzuarbeiten."

Dietlinde Schrey-Dern hat in ihrer Arbeit als Logopädin immer wieder die Erfahrung gemacht, dass es Eltern gibt, die Angst davor haben, das eigene Kind könnte etwas verpassen, ein ‚Zeitfenster‘ sich schließen, bevor das Kind optimal gefördert wurde. "Diese Eltern beobachten ihr Kind sehr genau, da wird dann schon mal aus einer Mücke ein Elefant gemacht.“ In einem solchen Fall hilft nur Beratung. "Dazu gehört, dass darüber aufgeklärt wird, welche Fähigkeiten das Kind mitbringt und in welcher Weise die Eltern dazu beitragen können, diese Fähigkeiten zu stärken. Denn das können sie im Alltag ganz hervorragend tun, dazu bedarf es in der Regel keiner spezifischen Fördermaßnahme."

Fördermaßnahmen sind aufwendig

Aber die Leiterin des Referats ‚Sprachförderung‘ beim Deutschen Bundesverband für Logopädie weist ausdrücklich darauf hin, dass es trotzdem eine große Anzahl an Kindern mit Sprachentwicklungsstörungen gibt, die nicht die für sie notwendige Förderung bekommen und unterstreicht das mit Zahlen aus Nordrhein-Westfalen. Hier werden mehr als ein Drittel der Kinder bei der Schuleingangsuntersuchung als sprachauffällig eingestuft. "Sinnvoll ist eine Sprachförderung immer dann, wenn Kinder Mühe haben, in Kommunikation mit anderen Kindern zu treten oder im Spiel auffällt, dass ihnen Wörter fehlen, das heißt sie einen zu geringen Wortschatz haben. Hier sollte überlegt werden, welche Förderung für das jeweilige Kind sinnvoll ist, damit es zu Schulbeginn in der Lage ist, zum Beispiel sich in der Klasse zu äußern oder die Lehrerin zu verstehen."

Doch eine notwendige Fördermaßnahme, die richtig durchgeführt wird, braucht Zeit. Und da sieht Angelika Reinecke vom Deutschen Verband der Ergotherapeuten heutzutage ein Problem. "Die Anforderungen an eine ambulante Ergotherapie sind recht hoch. Es wird erwartet, ein bis mehrmals wöchentlich über einen längeren Zeitraum regelmäßig die Therapie wahrzunehmen, das Kind dabei zu begleiten, im häuslichen Umfeld die Entwicklungsschritte zu unterstützen. Dies führt eher dazu, dass notwendige Therapien unterbleiben. Insgesamt muss gesagt werden, dass die Erfahrung zeigt, dass Kinder eher zu spät zur Therapie kommen, die Probleme schon länger bekannt waren und sich nicht hätten so stark manifestieren müssen, wenn rechtzeitig gezielt eingegriffen worden wäre."

Erzieher und Lehrer können wichtige Hinweise geben

Erziehern kommt in allen Bildungs- und Orientierungsplänen der Länder die Aufgabe zu, die Kinder bezüglich ihrer Entwicklung einzuschätzen. Viele sind da vorsichtig und raten lieber einmal mehr als einmal weniger zum Besuch bei einem Logopäden oder einem Ergotherapeuten. Letztendlich aber entscheidet der Kinderarzt über die notwendigen Maßnahmen. Rät also ein Erzieher oder Lehrer den Eltern dazu, einen Spezialisten aufzusuchen, so sollte man einen solchen Rat durchaus ernst nehmen und die Bedenken abklären lassen. Angelika Reinecke weiß aus Erfahrung: "Hinweise auf eine Behandlungsbedürftigkeit können gegeben sein, wenn Probleme im Kindergarten oder in der Schule nicht nur von den Eltern, sondern z.B. auch von Erziehern oder Lehrern bestätigt werden. Gerade im Bereich der Ergotherapie ist es wichtig, dass nicht nur abstrakte Testergebnisse, sondern auch die Auswirkungen auf den Alltag des Kindes und seine Familie bzw. seines Bezugssystems vorhanden sind. Der Kinderarzt wird sich aufgrund der Empfehlung des Lehrers ein Bild von der Problematik des Kindes machen, um dann zu entscheiden, ob zum Beispiel die Ergotherapie das Mittel der Wahl ist."

Störungen "verwachsen" sich nicht

Manche Eltern hoffen darauf, dass sich bestimmte Dinge einfach verwachsen. Und oft ist das auch so. Denn nicht jedes Kind, das zum Beispiel im Rahmen des Spracherwerbs Fehler macht oder Buchstaben vertauscht, muss gleich in Behandlung. Im Gegenteil, so etwas ist völlig normal. Allerdings sollten bestimmte Entwicklungsschritte in bestimmten Zeiträumen stattfinden und tun sie das nicht, kann man relativ einfach mit  Hilfe von standardisierten Messverfahren feststellen, ob professionelle Hilfe nötig ist. Was nicht automatisch bereits eine aufwendige Therapie bedeutet. "Bei Feststellung von Risiken gilt es abzuwägen, ob bei gleichzeitig umfassender Beratung der Eltern das Kind unter Beobachtung der Eltern gestellt werden kann –  das heißt zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal vorgestellt wird – oder ob eine differenzierte Diagnostik durchgeführt wird, die Aufschluss darüber gibt, ob das Kind zum Beispiel wirklich eine Sprachentwicklungsstörung hat." Dietlinde Schrey-Dern warnt aber ganz deutlich davor, bei einer Unsicherheit zu lange abzuwarten. "Eine echte Störung verwächst sich nicht, sie wächst sich aus!"

Das Normale nicht aus den Augen verlieren

Bei aller Vorsicht darf man aber nicht vergessen, dass Kinder nie dem gleichen Fahrplan folgen. Das eine läuft mit zehn Monaten, das andere erst mit eineinhalb Jahren, das eine benutzt seinen ersten Zweiwortsatz mit 15 Monaten, das andere erst mit über drei Jahren, manche krabbeln, andere nicht. Und das alles ist völlig normal. Entwickelt sich ein Kind auf einem Gebiet gerade sehr stark, so kann ein anderes für den Moment komplett stagnieren. Und ganz wichtig dabei: Am meisten lernen und entwickeln sich die Kinder durch Interaktion, Nähe und spontanes Spiel. Denn selbst wenn es oft nicht danach aussieht, gerade beim Spielen machen Kinder wichtige Erfahrungen. Und zwar sowohl im emotionalen und sozialen Bereich als auch im motorischen und kognitiven Bereich. Sollte aber der Arzt zum Beispiel im Rahmen einer der engmaschigen U-Untersuchungen Handlungsbedarf feststellen, dann macht es auch Sinn, das Kind zeitnah einem entsprechenden Fachmann vorzustellen, sich die Zeit für die Therapie zu nehmen und auch das Gespräch mit dem Therapeuten zu suchen. Fördermaßnahmen sind nämlich immer dann sinnvoll, wenn ernst zu nehmende Entwicklungsstörungen diagnostiziert werden. Ein überflüssiger Therapiemarathon aber schadet dem Kind nur, denn er setzt es unnötig unter Druck. Schließlich ist eines sicher: Eine Überförderung führt schnell zu einer Überforderung.

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